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Der Israelit · 1938-07-14 · Heft 28 (14.7.1938) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 28 (14.7.1938)
Date
1938-07-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. M« 14. Juli 1938 15. Tammus 5698 Nummer 28 vonEvian Evian, 8. Juli. Wir berichteten in der vorigen Nummer bereits über den Verlauf des ersten Tages (Mittwoch, den 6. Juli) der Konferenz-Verhandlungen^ und tragen zunächst aus den Verhandlungen •dieses Tages Ausführliches nach. JVKttwoch-Sitzimg (6. Juli). In seiner großen Eröffnungsrede führte der zum Präsidenten der Konferenz gewählte amerikanische Hauptdelegierte, Mr. Taylor, u. ä. Folgendes aus: „Wir müssen uns von Anbeginn darüber klar sein, •daß .wir uns mit einer Form der Wanderung beschäftigen, die ungewöhnliche Schwierigkeiten bereitet, Ungleich allen früheren Wanderungsbewegungen, der Geschichte, bei . denen es sich entweder um einen militärischen oder politischen Massenaufbruch oder um organisierte Gruppen unter regierungsseitigem Schutz oder endlich um Individuen und Familten handelte, die nur durch unbefriedigende wirtschaftliche Lebensbedingungen zur Auswanderung veranlaßt waren,. stehen wir jetzt einer anderen Wanderungsbewegung gegenüber, die die Welt zur Absorbierung großer Massen widerstrebender Auswanderer zwingt, die unter ganz anormalen Bedingungen und ohne Rücksicht auf; die ökonomische Lage absorbiert werden müssen. Einem so ungeheuren Problem gegenüber werden wir in dieser Konferenz wahrscheinlich nicht mehr leisten können, als die Maschinerie in Gang zu setzen und mit der existierenden Maschinerie'in Fühlung zu treten, so daß auf lange Sicht hinaus zu einer praktischen Verbesserung der Lebensbedingungen der unglücklichen menschlichen Wesen beigetragen werden kann, mit denen . wir zu tun haben. An sich' müßte sich die Konferenz mit all denen befassen, die als Refugees in Betracht kommen, aber, die ungeheure Größe dieser Aufgabe zwingt zu einer Beschränkung, die bereits in der Einladung zur Konferenz zum Ausdruck gekommen ist. In den Aufgabenkreis der Konferenz fallen:.?.; ' .-v ä) Personen, welche, .Deutschland .einschl. Oesterreich noch nicht verlassen haben, die aber auszuwandern wünschen. i •- b) Personen, die Deutschland bereits verlassen haben und'sich mitten in dem Prozeß der Wanderung-befinden." Taylor befaßte sich , dann mit den Beziehungen zu den . bereits bestehenden Flüchtlingsämtern und mit der Beschaffung von Identitätspapieren für Emigranten ohne Paß. Er fügte hinzu: „Ich möchte in diesem Zusammenhang bemerken, daß Präsident Roosevelt in den Vereinigten Staaten ein Advisory Committee für politische Flüchtlinge eingesetzt hat, dessen Vorsitzender, Mr. James MacDonald,. in dieser Sitzung anwesend "ist und der Ihnen auf Grund seiner Informationen genaue Mitteilungen zu machen bereit ist." Taylor fuhr dann fort: „Sie werden bemerkt haben, daß meine, Regierung bereits in der Einladung darauf hinwies, daß jedwede zu empfehlende Aktion sich im Rahmen der bestehenden Gesetze und Verwaltungsmaßregeln der teilnehmenden Regierungen halten - muß . . Die amerikanische Regierung hat Schritte : unternommen, um sowohl die deutsche, als auch die frühere österreichische Quote für die Einwanderung zu konsolidieren, so daß jetzt , eine Totalziffer von 27 300 ^Emigranten in den Vereinigten Staaten auf die deutsche Quote in einem' Jahre einwandern kann., Es ist die Ansicht der ame- Tikanisehe'n Regierung, daß eine permanente Zusammenarbeit' der verschiedenen Staaten im Interesse der politischen Flüchtlinge durch regelmäßige Zusammenkünfte der diplomatischen Vertreter der teilnehmenden Regierungen Iii einer europäischen Hauptstadt am besten gesichert werden kann. Ich hoffe, daß die französische Regierung damit einverstanden sein wird, daß diese Sitzungen in Paris stattfinden." Zum Schlüsse unterstrich Mr. Taylor, daß es sich hier um ein wichtiges Problem für eine internationale Aktion handle. Wenn der gegenwärtige Strom der Wanderung in anarchischer Weise sich über die Aufnahmestaaten ergießt, dann stehen wir katastrophalen menschlichen Leiden gegenüber, und die Folge wird nur allgemeine Unruhe und internationale Spannung sein,, höchst ungünstig für die allgemeine Befriedung der Welt, nach der sich die Völker sehnen!" Lord Wintertön hob hervor, daß das Problem für Großbritanien ein humanitäres sei, daß Großbritanien Flüchtlinge schon zugelassen habe und keinerlei Ursache habe, diese Zulassung zu bedauern. Aber England sei stark bevölkert, leide unter einer starken Arbeitslosigkeit und könne daher Flüchtlinge nur innerhalb einer gewissen Grenze zulassen. Manche dieser Flüchtlinge, die jetzt in England seien, hätten wertvolle Beiträge :zur Entwicklung des Landes geleistet und dies werde von der Regierung anerkannt. Die Absicht der britischen Regierung sei nun, zu erforschen, bis zu. welcher Ausdehnung Flüchtlinge absorbiert werden könnten. Die britische Regierung habe einen Plan, >~ den. sie der Konferenz in einer späteren, nichtöffentlichen Sitzung unterbreiten werde. Die britische Regierung prüfe auch die Möglichkeit der Zulassung von Flüchtlingen in die Kolonien und m die überseeischen Gebiete, speziell in Ostafrika, aber auch anderwärts. Er hoffe, daß alle in -Evian vertretenen Regierungen Beiträge zu einer verhältnismäßigen Zulassung von Flüchtlingen in ihre Länder: leisten würden. Ohne sich auf den amerikanischen Vorschlag eines permanenten Amtes festzulegen,'schloß Lord Winterton seine Ausführungen, indem er sagte, daß die Atiswanderungsländer die Auswanderung dadurch erleichtern müßten,. daß 'die Emigranten einen Teil ihres Kapitales mitnehmen könnten. Was die osteuropäischen . Länder betreffe, so dürfe nicht der Eindruck entstehen, als > ob eine harte Behandlung der Minoritäten die Auswanderurig zu fördern geeignet sei. D|ie Evian-Konferenz könne sich jedenfalls mit der Auswanderung aus Osteuropa nicht - beschäftigen. Senator Henri Bereuger wies darauf hin, daß Frankreich bereits 200 000 Flüchtlinge seit dem Ende des Krieges aufgenommen habe, gegenüber einer Gesamtbevölkerung von 40. Millionen. Trotzdem werde die französische. Regierung sich der Mitwirkung an der Lösung des Emigrationsproblems nicht entziehen. Ermacht dann den bereits wiedergegebenen v Vorschlag wegen der . Einsetzung von Subkomitees und appellierte an die Presse, jede politische Atisschlachtung der Konferenz zu . vermeiden, weil durch unüberlegte " Berichte dieser Art dem praktischen Zwecke dieser Konferenz großer Schaden zugefügt werden könne. Üeber. die Rede Michael Hänsons ist bereits berichtet. Donnerstag-Sitzung (7. Juli), - In der, heutigen Sitzung gab der a u s tralische Delegierte eine;; außerordentlich schroffe Erklärung ab, wonach Australien bis heute kein Rassenproblem kenne und ein solches nicht zu importieren wünsche. Deshalb'$§i Australien zwar bereit, Einwanderer britischen Stammes aufzunehmen, nicht aber Juden. Der brasilianische Delegierte gab in seiner Erklärung der Sympathie für die Motive des Präsidenten Roosevelt Ausdruck und erklärte, daß Brasi« lien zur Mitarbeit bereit sei, jedoch "nur innerhalb einer gesamten jährlichen Immigrationsquote von 44 000 Auswanderern aus allen Ländern der Erde. Der belgische Vertreter erklärte, daß Belgien Flüchtlinge zulasse, wegen der herrschenden Arbeitslosigkeit jedoch neue Verpflichtungen nicht übernehmen könne. Er billigte jedoch die Errichtung eines permanenten internationalen Flüchtlingsamtes. Der kanadische Vertreter gab warmer Sympathie mit den hilflosen Juden Ausdruck und sprach die Hoffnung aus, daß die Beratungen nicht unfruchtbar sein würden. Was jedoch die Einwanderung nach Canada betreffe, so werde viel davon abhängen, ob den Flüchtlingen gestattet werde, ihr Kapital mitzunehmen. Bei der Einwanderung nach Canada könne es sich nur um landwirtschaftliche Siedler handeln. Argentinien ließ erklären, daß es seine Ein-" Wanderungspolitik entsprechend derjenigen der Vereinigten Staaten orientiere. Für je 48 Einwohner, die von den Vereinigten Staaten im Jahre 1935 zugelassen worden seien, habe Argentinien 32 aufgenommen. Jedoch könnten nur erfahrene Landwirte *und gewisse qualifizierte Arbeiter aufgenommen werden. ^Holland erklärte, daß es von der jüdischen Tragödie aufs tiefste ergriffen sei, daß es aber neue Flüchtlinge zum vorübergehenden Aufenthalt nur in 4er gleichen Proportion zulassen, könne, in der die bereits im Lande befindlichen Neueinwanderer es wieder verlassen. Die holländischen Kolonien seien wegen ihres tropischen Klimas zur Ansiedlung von Angehörigen der weißen Rasse ungeeignet. Die Konferenz beschloß, zwei Subkomitees einzusetzen. Eines unter dem Vorsitz des australischen Delegierten, Colonel T. White, zur Anhörung der Repräsentanten der privaten Organisationen in geschlossener Sitzung und das andere unter dem Vorsitz des Norwegers Hanson zur Entgegennahme der vertraulichen Mitteilungen der Regierungen über die geltenden Einwanderungsvorschriften und über die Zahl und die Kategorien der Einwanderer, d i e jedes Land in Zukunft zulassen will. Dasselbe Komitee wird sich auch mit der Frage der Legitimationspapiere für die Flüchtlinge befassen. Mr. Taylor hielt bei Uebernahme des Vorsitzes noch eine kurze Rede in optimistischem Sinne. Er kündigte an, daß das Subkomitee, das die privaten Organisationsvertreter anhört, auch ihre Memoranden entgegennehme und daraus einen Gesamtbericht zur Uhterbreitung an die Konferenz anfertigen wird. . Die Konferenz richtete an Präsident Roosevelt ein Telegramm mit der Versicherung der Bereitschaft der Mitarbeit und mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß die Konferenz fruchtbare Ergebnisse zeitigen werde. Der im Auftrage ' der Wiener Kultusgemeinde hierher gekommenen Delegation gehört außer den bereits genannten Herren Dr. Löwenherz und Prof. N e u m a n n auch der Wiener Bankier S t o 1 f e r an. Alle .40 Delegierte der privaten Organisationen (jüdischer, katholischer, protestantischer und nichtkonfessioneller) hielten heute eine gemeinsame Sitzung ab unter Vorsitz von Prof. Norman B e n t - wich. Die Sitzung ernannte ein Komitee von 14 Mitgliedern, um die Zusammenarbeit der Delegationen zu sichern und auch die Beziehungen awischen

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