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Der Israelit · 1938-07-07 · Heft 27 (7.7.1938) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 27 (7.7.1938)
Date
1938-07-07
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Nummer 27 1938 Ellis Island. Auch eine Insel der Verstoßenen. Von einem, der es hinter sich hat. Ellis Island. In der Vorstellung der Europäer lebt diese Insel, deren Namen wohl schon jeder einmal hörte, als eine Art Quarantänestation, in die wohl nur diejenigen Einwanderer nach Amerika gebracht werden, bei denen die Einwanderungsbehörden eine Beobachtung ihres Gesundheitszustandes für notwendig halten. Gewiß, das ist Ellis Island auch. Aber es ist mehr als das. Es ist das „Absteigequartier" für alle jene Einwanderer und Besucher der Vereinigten Staaten, die dem ersten am Schiff diensttuenden Immigration officer aus weiß G'tt was für einem Grunde nicht imponierten, Ellis Island. Nur etwa 15 Minuten von New York entfernt liegt diese kleine „Insel der Tränen", die —. so sonderbar es klingt — nicht als amerikanisches Territorium gilt. Solange man dort ist, ist man nicht in Amerika und jeder Besucher der Vereinigten Staaten, der sich in Unkenntnis der Gesetze nach Ellis Island verirrt, braucht ein neues Visum, um nach New York zurückkehren zu dürfen. Auf dieser winzig kleinen Insel, die gerade Raum für ein Marinespital und für den Sitz der Einwanderungsbehörde gewährt, entscheiden Tribunale, deren Zusammensetzung und Art des Verfahrens den uns Europäern bekannten Gerichtssenaten wie ein Ei dem anderen gleicht, über das Schicksal von Menschen, die schon die Freiheit in Reinkultur genießen zu dürfen wähnten. Ist es ein Hohn vielleicht, daß die berühmte Freiheitsstatue ausgerechnet gegenüber Ellis Island liegt und gerade von hier aus in ihrer ganzen Wucht bewundert werden kann? Ellis Island. Von dem Augenblick, da der Immigration officer am Schiff sein Nein gesprochen hat — er spricht es gar nicht, der Betroffene fühlt es erst nach Stunden, wenn er sich allein am Schiff zurückgeblieben sieht — steht der Gast unter strenger Bewachung. Meist erst am nächsten Tag wird er nach Ellis Island transportiert, in welchem er zu seiner Bestürzung nun ein richtiggehendes Gefängnis — wohl mit einigem „Komfort" und verhältnismäßig gutem, ja sogar auch einwandfrei koscherem Essen — erkennt. Zunächst ist ihm noch jeder Verkehr mit der Außenwelt verboten. Erst wenn er von dem schon erwähnten Tribunal verhört worden ist, darf er Besuche empfangen und Telefongespräche führen. Und da Amerika ein Land der Freiheit ist, dürfen die Gefangenen von Ellis Island sogar zwei Mal tägliche Besuche empfangen: von 10—11 und von 2—3 Uhr. Sie dürfen auch in die freie Luft kommen^ eine halbe Stunde täglich nämlich. Sie dürfen aber sie müssen nicht — denn es ist das Land der Freiheit. Ellis Island. Nicht zur Vertreibung von Mußestunden sind diese Zeilen geschrieben. Sie sollen vielmehr alle unsere Brüder und Schwestern, die mit der Absicht einer Auswanderung nach USA. liebäugeln, auf Dinge vorbereiten, mit denen sich abzufinden die Vernunft gebietet. Es ist glücklicherweise so, daß wirklich nur der allerkleinste Teil der Gefangenen von Ellis Island nach ihrem Heimatlande zurücktransportiert wird. Die weitaus meisten erlangen nach einigen Stunden oder Tagen oder auch Wochen — je nach der Lage der Dinge und der Hilfsbereitschaft der amerikanischen Angehörigen — ihre Freiheit wieder, um dann mit um so große l'er Genugtuung in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten einziehen zu können. Ellis Island. Es ist ein Glück im Unglück, daß hier die Abgesandten der großen jüdischen Wanderungsorganisationen jederzeit Zutritt haben und daß sich deren Hilfeleistung nicht nur auf die mitunter notwendigen Interventionen erstreckt, sondern auch auf die für die Gefangenen unbeschreiblich wertvolle Beistellung von Zeitungslektüre, Gesellschaftsspielen usw. Es ist ein Glück im Unglück, daß in Ellis Island nicht das letzte Wort gesprochen werden kann, gegen eine Ablehnung steht noch immer die Möglichkeit eines Einspruches an die oberste Emwanderungsbehörde in Washington offen. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist das Land der unbegrenzten U n möglichkeiten zugleich. Doch davon soll ein ander Mal die Rede sein. —kl. Zur Ästlietisierung der Alarmruie. Eine lehrreiche Chelmer Geschichte, In Chelm, der Stadt der klugen Pläne und Entschlüsse, empfand man die Alarmrufe bei den häufigen Brandausbrüchen als sehr störend und unschön, Menschen werden aus dem besten Schlafe aufgeschreckt und verlieren dann vollends beim Anblick des Feuers den Kopf, erleiden dadurch Schaden an Körper und Seele. Könnte man nicht das Ganze ein wenig organisieren und ästhetisieren? Da kamen die klugen Gemeinderäte von Chelm auf einen ganz genialen Plan. Wozu haben wir einen ersten Chasan mit einer so klangvollen Tenorstimme? Und die große Sängerkapelle kostet uns auch Geld genug. Also beschloß man, daß von nun ab, wenn Feuer in Chelm ausbricht, nicht mehr das schrille, häßliche Horn bläst, sondern der Chasan mit seiner Sängerschar auf dem Markt einen passenden Gesang anstimmt, etwa den Bibelsatz: „Das ganze Haus Israel beweine den Brand, den G'tt angerichtet hat . . ." Bei den Klängen\des Gesanges stehen die Menschen in Ruhe auf und sammeln sich die Helfer und Retter zur Hilfsarbeit. Mit Begeisterung wurde der Beschluß in der Chelmer Gemeinde aufgenommen und man freute sich schon beinahe auf den ersten Brand. Da plötzlich geschah es in einer Nacht. Aus einem Schornstein kamen Rauch und Flammen. Sofort weckte der Gemeindediener den Sangmeister. Langsam kam der Chasan, der den Schlaf sehr liebte, zur Besinnung und zur Erkenntnis seiner noch ungewohnten Aufgabe. Mählich und sorgfältig zog er sich an, Ornat und Päffehen mußten für diesen feierlichen Akt doch richtig sitzen, um das Ganze so würdig wie möglich zu gestalten. Nun suchte er die Tongabel. Wie singen ohne Tongabel? Dann hieß es die zerstreuten Noten zusammensuchen. Es verging eine geraume Weile, bis er mit all den Dingen fertig war. Mit leerem Magen konnte man eine solche feierliche Funktion auch nicht verrichten, so mußte man noch ein paar Glas Tee <und ein paar rohe Eier zur Veredlung der lyrischen Stimme zu sich nehmen. Jetzt mußten nun die kleinen und großen Sänger, einzeln geweckt und herbeigeholt werden. Endlich stand der Meister in der Mitte seiner Kapelle; auf dem Markt, und wundervoll und brausend ergöfi, sich der Gesang über alle Dächer, drang durch die, Fenster und Türen bis in die Betten der Schlafenden. Man stand behaglich auf und schickte sich, umkost von den schönen Tönen und gehoben durch den feierlichen Akt, an, mit den Retturigsarbeiten zu beginnen ... Aber es war leider nichts mehr zu retten. Von der ganzen Stadt Chelm war nur. noch ein rauchender Schutthaufen geblieben. Und es mußte ein neues Chelm aufgebaut werden, und neue Gemeinderäte, noch klüger als ihre Vorgänger, zogen in die Gemeindestube ein und dachten über neue kluge Pläne nach. Diese Geschichte, die wir dem Sinne nach dem Rigaer „Hajnt" entnehmen, ist sehr hübsch und lehrreich. Das jüdische Haus brennt an allen. Ecken. ä, aber die Retter und Helfer arbeiten mit Noten, singen und reden, sammelt sich zu Harmonien und Disharmonien. Sehr behaglich tritt die Retterschar nach feierlichen Präludien zur Arbeit an. Wenn sie nur nicht zu spät kommen?! ... , Hoffentlich passen diese Reflexionen nicht auch für die Konferenz von Evian! ... Historische Notizen. Eine Zeit, die dreißig Jahre zurückliegt, tfagt noch in die Gegenwart hinein. Die Menschen, die damals wirkten, sind gewissermaßen noch Fleisch und Blut der Menschen der Gegenwart, — und es ist deshalb nützlich, einige Bildchen von damals an sich vorbeiziehen zu lasse». Vielleicht fragt man, wie das möglich war. Vielleicht versteht man aber auch, warum diese jüdische Welt sich selber zum Tode verurteilt hatte. Damals hafte z. B. Wien in Dr. Güdemann einen Oberrabbiner, der sich traditionstreu nannte und der ein tüchtiger Gelehrter in der jüdischen Wissenschaft war. Dieser Rabbiner hielt damals auf dem „christlichen" Friedhof dem Baron Ludwig Oppenheimer, Millionär und Herrenhausmitglied, die Grabrede. Oppenheimer hatte vielleicht nur das eine jüdische Verdienst," wohl seine Kinder, nicht aber sich selber taufen zu lassen. Diese nicht zu verstehende Amtshandlung eines offiziellen Vertreters des Judentums berührte jedoch die indifferente jüdische Öffentlichkeit so wenig wie die Aeußerung des gleichen Vertreters auf einem Gemeindetage, daß jüdische Vornamen die Taufe fördern. Eher ließ sich schon der Reformrabbiner Dr. E. G. Hirsch in Philadelphia verstehen, denn ihm hieß Judentum einzig, „besser zu sein als jeder andere Mensch'. Dies mußte er vom Judentum übrig lassen, damit er sein Gehalt nicht umsonst beaog. Hirsch sagte in einer seiner Predigten: „999 von je 1000, die für die Rückkehr nach Jerusalem beten, würden wie vom Schlage gerührt werden, wenn der Messias sie plötzlich auffordern würde, zurückzukehren. Es ist nicht wahr, daß wir im Qaluth sind." Wenn nun die Behauptung des Professors Dr. Goldstein, Darmstadt in einem Vortrag, den er um die gleiche Zeit vor den Frankfurter Anhängern des „liberalen" Judentums hielt, richtig ist, daß „das Gros der gebildeten Juden areligiös sei und ihm Faust mehr als die Bibel bedeute", dann waren ganze jüdische Schichten der westlichen Länder ohne religiöses und ohne nationales jüdisches Bewußtsein. Was bei diesen Elementen noch übrig geblieben war, hieß im besten Falle Pietät. Pietät kennzeichnet aber stets ein letztes Geschlecht, wenn nicht durch revolutionäre Ereignisse eine Rückkehr eintritt. * * Im Jahresbericht der jüdischen Gemeinde zu Thorn für 1873 heißt es: „Die Gründung eines Vereins gegen Hausbettelei gehört zu den vorzüglichsten Einrichtungen unserer Gemeinde und bewährt ihre segensreichen Wirkungen immer mehr.' ' Sicher hatte diese „vorzügliche" Einrichtung „segensreiche Wirkungen" für die Schonung der Geldbeutel; — mit dem traditionellen judischen Herzen hatte sie aber so wenig zu tun wie das häßliche, hartherzige Wort „Hausbettelei". * * Um 1840 war der Rabbiner der damals 3000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinde Fürth in Bayern mit 'Namen Dr. Löwi ein eifriger Reformer. Er wollte auch die Chewrah Kadischah reformieren, erhielt jedoch nicht die Einwilligung der Regierung. In einem Bericht, der von seinen Anhängern in eine allgemeine Tageszeitung lanciert wurde, heißt es: „Die Mitglieder der Totenbrüderschaft sind lauter sogenannte Schwarze, den alten Finsterlingen angehörige Leute, die ihr Geschäft nach den alten, auffallenden und in mancher Beziehung gefühllosen, ia an Barbarei grenzenden Herkommen ausüben." - Dieser Hebenswürdige Ton der Neologen gegen die Thoratreuen entsprach dem üblichen; ganz gleich, ob das Fürth" oder Berlin oder Breslau oder Posen war. Wo Juden durch Uebersiedlung in die Stadt mit dem Weltgetriebe in Verbindungkamen, betrachteten die meisten von ihnen sehr schnell ihre jüdischen Traditionen als Ballast, Wenn die Regierungen nicht häufig gehemmt hätten, wären die Nivellierungen noch viel krasser in die Erscheinung getreten. S. G. Wochenkalender. Vom 9. — 16. Juli 1938 /Vom 10. — IT. Tamraus 5698 Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag w «n nia-ia 9 10 10 U T» 11 12 1!3 Juli 12 TWn 13 TB 13 14 r» 14 15 rr> 15 16 t)' 16 17 ' 3 'i '» j?~is nj?n tav 'i pna p^>a naw nana new nsuff

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