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Der Israelit · 1938-06-30 · Heft 26 (30.6.1938) · page 16

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 26 (30.6.1938)
Date
1938-06-30
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 112 Bevölkerung Jerusalems darüber zu Grunde gehen sollte. Da sprach, der Kadi zum Pascha: „Vernichte, o Herr, in deinem Zorne nicht so viele Rechtgläubige! Wenn du deinem Diener aber Gehör geben magst, so sende zu dem Chacham Baschi, daß er einen Juden hinabschicke, dir den Dolch zu holen. Sollte er sich weigern, so magst du ihm drohen mit dem Tode aller Juden. Ich glaube aber, du wirst deinen Dolch wieder erhalten, denn die Juden stehen beim Nebi Daud in größerem Ansehen und sind einflußreich bei ihm. Dem Pascha gefiel diese Rede; er sandte zu dem Oberrabbi Jerusalems, und befahl ihm, durch einen Juden den Dolch aus der Gruft des Königs David holen zu lassen. Der g'ttesfürchtige Rabbi erschrak gar sehr über den Befehl, die heilige Grabstätte der Könige durch Fußtritte zu entehren. Weinend bat er um eine dreitägige Frist, die ihm gewährt wurde. Heimgekehrt versammelte er die ganze Gemeinde und ordnete ein dreitägiges Fasten an und begab sich jeden Tag selbst, mit Männern und Kindern hinaus vor die Stadt gegen Bethlehem, um am Grabe der frommen Patriarchenfrau Rachel die Todesnot ihrer Kinder zu erzählen und wehzuklagen. So taten sie drei Tage hiptereinander, fasteten, beteten, und wehklagten. Am vierten Tage sprach der Oberrabbi zu seiner Gemeinde; „Einer muß sterben für uns Alle und den Gang in die Gruft der Könige tun. Wer von Euch will gehen?" Da alle schwiegen, sprach er weiter zu ihnen: „So möge das Los entscheiden!" Das Los fiel auf einen sehr frommen Synagogen dien er. „Ich bin der Knecht G'ttes!" sagte er, und bereitete sich durch ein Bad und dreimaliges Untertauchen, wie durch geistige Reinigung zu dem Todesgange vor. Hierauf nahm er von den Seinen,' dann von der weinenden Gemeinde Abschied und ging hinauf auf Zion und zu der Gruft, wo die Könige von Juda begraben liegen. Der Pascha harrte schon mit seinem bewaffneten Gefolge, und der arme Synagogendiener wurde an einem Seile hinabgelassen in die Gruft. Der Pascha horchte hinunter durch die Oeffnung, den Juden, die mitgekommen wa- , ren, zitterte das Herz; da schrie es nach wenigen Augenblicken dumpf empor; „Hinauf! Hinauf!" Man zog das Seil, es wurde allmählich die blitzende Klinge des Dolches, dann der mit Perlen und Diamanten besetzte Griff in einer geballten Faust sichtbar; es erhob sich das totblasse Haupt des Synagogendieners, endlich die ganze Gestalt, die sich über den Rand der Gruftöffnung schwang und den Dolch dem erstaunten und erfreuten Pascha reichte. Der Pascha hielt fortan die Juden in Ehren, wegen des besonderen Schutzes, den sie vom Nebi Daud genießen. Die Gemeinde jubelte; in allen Häusern wurden Gastmähler gehalten, aus denen Musik von Cymbeln und Pauken ertönte. Am glücklichsten aber war die arme Familie des Synagogendieners, der mit Speise und Trank, mit goldenen und silbernen Geschenken überhäuft wurde. Ein Brief aus Sao Paulo; Lieber Semi und lieber Alfred/ Wie geht es Euch?' Habt Ihr Euch in Frankfurt gut eingelebt? Wie geht es Euch in der Schule? Seid Ihr in der jüdischen Volksschule? Welche Klasse? Kennt Ihr auch unsere früheren Lehrer, Herrn Marx, Herrn Erlebacher. Herrn Strauß? Wenn ja, sagt ihnen allen viele Grüße von uns. Wenn Ihr wollt, dürft Ihr auch den Brief zeigen. Wir haben sie alle sehr gern gehabt. Wie Ihr seht, dürfen wir auf der Schreibmaschine üben. Es geht ganz gut. Wir haben es in den drei Ferienmonaten gelernt. Nun wollen wir Euch ein bißchen von uns erzählen. Es geht uns gut. In der Schule ebenfalls. Wir sind jetzt im Gymnasium. Unsere Klasse hat 39 Kinder, Jungens und Mädels sind gemischt. Wir haben von 8 Uhr morgens bis 3.45 Uhr nachmittags Schule, Man kann in der Schule essen, wir natürlich nicht, wir haben Brote dabei. Es sind VA Stunde Mittagspause, aber durch den weiten Weg rentiert es sich nicht, heim zu fahren. Es gefällt uns sehr gut, trotzdem wir viel aufhaben. Wir haben die netteste Lehrerin. Sao Paulo ist eine sehr schöne Stadt. Sie liegt 800 m über dem Meeresspiegel. Von unserem Zimmer sieht man eine fabelhafte Landschaft. In diese Berge haben wir schon öfters Ausflüge gemacht, es ist wirklich nicht schwer, sich dort zu verirren. Auch gibt es dort, wenn auch nicht viel, Schlangen, welche, wenn sie ein Geräusch hören, sich in die Büsche verkriechen, aber Löwen und Hyänen gibt es dort nicht. Unser Hund, ein kleiner frecher Fox, macht schöne Fortschritte. Er folgt aufs Wort. Wenn er irgend jemand fertig angezogen zum Weggehen sieht, geht er zu dem Platz, an dem seine Kette hängt, springt daran hoch, schlägt Töne an, als wenn er sagen wollte: „Bitte, bitte, nehmt mich doch mit!" Iii der Nähe unseres, Hauses ist ein Feld, das beschnuppert er nach Mäusen. Es ist ein ulkiger Kerl. Am komischsten ist es/ wenn Putzi einen Hund anbellt, ob groß oder klein, alle nehmen sie Reißaus vor ihm. Nun haben wir Euch von uns geschrieben, wir hoffen, auch einmal von Euch Post zu bekommen, wie es Euch geht, was die Schule macht, ob Ihr mit Euren Brüderchen zusammen kommt, alles interessiert uns. Nun noch viele Grüße und Küsse Eure Trude und Margarita.

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