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Der Israelit · 1938-06-09 · Heft 23 (9.6.1938) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 23 (9.6.1938)
Date
1938-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 23 1938 Das Sefermahl. Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Schimme fuhr fort: ,,Da will ich denn auch deine Worte nicht stumpieren und der heutige Schabbos und Jomtow soll nicht vorbeigehen, ohne daß ich mir nicht noch eine leibliche Tochter anschaffe. Dort sitzt ja der Nathe Bing, unser von G'tt und der Welt geliebter Freund, der Vater der Jesaumim und der Gabbe der Hachnosaß kallo-Kibbe. Mein lieber wackerer Freund Bing! Ihr habt heut' meinen schönsten Lebenstag mit Eurer schönen zu G'tt erhebenden Stimme verschönern helfen, wie ich es mir im Cholem nicht herrlicher hätte vorstellen können. Und weil ihr alles das nicht für Geld, sondern nur L'schem sch'majim halber tut, so versprech' ich euch für meine nächste Tochter, die Ihr mir zuführt, wenn sie einen Schidduch tun kann, zweihundert preußische Taler, hier auf der Stelle zahlbar." Die Mehrzahl der Anwesenden erriet, daß Kiewes' Rede zu Minchen Brandeis' Gunsten gehalten worden. Eingeweihte ahnten, daß zwischen Kiewe und Nathe schon vorher die Rede vereinbart war, und Schimme, der, schlau genug, den Zusammenhang durchschaute, willig darauf eingehen würde! Als Beilchen hörte, daß Schimme dem Nathan Bing zweihundert preußische Taler für die Hachnosaß kallo-Chewfa versprochen, fiel sie, die schon längst von der Hitze litt, in eine wohltuende Ohnmacht. Als die Frauen erschreckt Beilchen umringten und die ihr zunächst sitzend© Frau ausrief.» „Beilchen kriegt ein Chulsches (Ohnmacht)" und nach Wasser, Eau de Cologne und Wein zum Ansprengen eilten wollten, rief ihnen die Sette Bär, Beilchens Schwägerin, halblaut zu, sie möchten Beilchen nur ruhig im Chulsches liegen lassen, wenigstens so lange, bis der Schimme aus seinem Pult die zweihundert Taler hervorgeholt und den Männern ausbezahlt habe. ,,Beilchen schadet ein Chulsches gar nichts", beruhigte Sette die ängstlich gewordenen Leute „Pah", fuhr sie geringschätzig fort, „wo Beilchen von Geben reden hört, wird ihm schon schwach. Macht nicht so viel Geschichten, Ihr Weiber, was schad't Beilchen ein Chulsches? es hat eine Natur wie *ne Katz und dem Schimme schaden zweihundert Taler so wenig wie eine Flasch' Wein". Tatsächlich erholte sich, nachdem die Weiber Schimmes Rückkehr und die Aushändigung der zweihundert Taler abgewartet hatten, Beilchen sehr bald. Ihr erstes Wort, das sie wieder sprach, war: „Der Schimme hat doch chodsche nicht noch mehr gegeben? Er ist gewiß schicker, dann gilt's nicht." Sette Bär, die Schwägerin, erwiderte empört: „Für welche deiner Kinder sparst du eigentlich? Oder denkst du vielleicht, du kriegst alles mit ins Kewer? Schäm' dich!" Erschrocken sah Beilchen die Schwägerin an. Von Tod und Sterben konnte Beilchen ohne Schauder nicht reden hören. Trotzdem sagte sie noch: „Fünfhundert Taler kostet's doch den Schimme". Beilchens Schwächezufall wurde um so schneller vergessen, als ganz unerwartet Falk's Salomon erschien. Das war wahrlich keine kleine Ehre, die Beilchen rasch wieder munter machte. Den ganzen Tag über war Salomon nicht mehr gesehen worden und die Leute glaubten, er sei schon längst wieder nach Frankfurt zurückgekehrt. Um so größer war die Freude, den ausgezeichneten Mann noch inmitten der Feiernden zu sehen. Augenblicklich hatte Salomon Marx mit dem ihm eigenen Scharfblick die Situation ejrfaßt und ohne sich einen Moment zu besinnen, begann er mit der ihm in so hohem Maße eigenen Improvisationsgabe, indem er ein Glas ergriff. „Ist nun die Gesetzesrolle In den heü'gen Schrein gebracht, Kreis't der Becher nun,' der volle, Und zur Freude winkt die Nacht; Alt und Jung wiegt sich im Tanze, Schimme schmunzelt, Bäilche lacht, Beiden froh im Jugendglanze Sei ein donnernd Hoch gebracht!" Ein Jubel, wie er nur auf, dem Höhepunkte einer jüdischen Festlichkeit in seiner ganzen Herzlichkeit und Innigkeit zum Ausbruch gelangt., applaudierte die als vortrefflich empfundenen Verse, die Levi schleunigst zu Papier brachte, um sie weiter zu zitieren. Ein wahrer Strahlenglanz von Freude ging von dem hochgefeierten Manne aus. Gesänge und Reden flössen jetzt von den Lippen der fröhlichen Zecher. Levi, der sich nicht wenig zugute auf seinen illustren ehemaligen Schüler tat, hatte dem Becher wacker zugesprochen und belustigte durch seinen ausgelassenen Humor, daß ein Fremder kaum mehr den Prediger von heute morgen in ihm erkannt hätte. Um Mitternacht wurde auf seinen Vorschlag das Tischgebet „versteigert", Schimme und sein Bruder, offenbar angeheitert, boten verwegen darauf los, wurden aber von Salomon immer von neuem überboten, bis die Summe von fünfzig Talern für einen wohltätigen Zweck erreicht war. Salomon Marx blieb Meistbietender und war es dann dem Nathe Bing „mechabbed", der. voller Seligkeit über den finanziellen Erfolg für seine geliebte Hachnosäß Kallo-Chewra in seiner meisterlichen Weise das Tischgebet sang. Nachdem sich die Tischgesellschaft langsam aufgelöst, Levi in der nächsten Stube auf Schimmes Kanapee schnarchte, währenddem seine Bäffchen sich langsam von seinem fetten Hals ablösten, Kiewe seine geliebte Pfeife angezündet hatte, beschlossen die Gäste, zur Jugend zu gehen und mit Schimme und Beilchen noch ein „Mizwetänzchen" zu machen. Als sie, Salomon Marx Beilchen am Arme führend, im Saal erschienen, brach die Musik jäh ab und spielte einen Tusch; die Anwesenden aber brachten den Ankommenden brausende Vivathochs entgegen. Beilchen und Schimme, die noch nie zuvor so geehrt worden wareni nickten freudestrahlend nach allen Seiten. Als die Musik dann eine neue Polonaise anstimmte, trat Salomon, Beilchen mit weltmännischer Galanterie führend, an die Spitze der Tänzer, Wenn so ernste Männer, wie der Kiewe, seine Gattin am Arme, sich noch unter die Tanzlustigen begab, so brauchten sich selbst die ganz Alten, wie der Jokew und Manche nicht zu Scheuen, mit ihren eigenen Frauen ein Tänzchen zu wagen. Sie hielten sich in dieser Stunde noch für iung genug, um mit der Jugend zu wetteifern. Nur der alte Chanine, den ein neckisches Backfischchen zu einem Hoppser anfeuern wollte, dankte energisch ablehnend, lutschte heimlich an einem Stückchen Kandiszucker und erzählte, wenn er einen Zuhörer fand, wie er einmal in einer Nacht zweimal vierundzwanzig Stunden lang, vor Napoleons Türe Wache gehalten. Nur die Raufbolde, die „Schmisser", kamen nicht auf ihre Kosten. In Salomons Gegenwart eine Prügelei zu versuchen, hatte keiner von ihnen den Mut; dazu war der Respekt vor dem beliebten Gast zu groß. Tn seiner herzgewinnenden Weise unterließ „Falks"' Salomon nicht, soweit seine Kräfte dazu reichten, sich allen Gästen zuzuwenden, was mitunter oft mehr ein Opfer als Vergnügen war. Inzwischen ging es in Kaufmann Seligmanns Scheune nicht minder fröhlich zu. Während in dem nur spärlich erleuchteten. Saal sich die Jugend vergnügte, wozu die dörflichen Musikanten gar lustig, wenn auch nicht sehr melodisch, mit Klarinette, Trompete und Geige spielten, war die Stube nebenan hell erleuchtet und gedrängt voller Menschen. Die Alten waren tatenlustig und hätten gern noch eine Verlobung zuwege gebracht. Leibchen aus Wallhausen mühte sich um Elias' Schwester Sarchen, die trotz ihrer Gewichtigkeit und des etwas holprigen Bodens leicht mit dem Wallhausener durch die Scheune schwebte. Wenn auch Leibchen keinerlei bindende Liebeserklärungen seiner Dame zuflüsterte, so ahnte Sarchen dennoch mit dem nur dem Weibe in Liebessachen eigenen Instinkt, daß Leibchen in dieser Nacht seines Herzens Zug williger Untertan war. Sie lächelte leise über ihr frisches und wie von Oel glänzendes Gesicht, wobei ihre gesunden weißen Zähne blitzten, daß es förmlich leuchtete. (Schluß folgt.) Die Warburgs, Aus Anlaß des Ausscheidens der Warburgs aus der Hamburger Bankfirma macht die „C. V.-Zeitung" zur Geschichte der Familie War bürg u. a. folgende Angaben: Nach einer alten Familienüberlieferung waren die Warburgs schon im Mittelalter aus Bologna nach Warburg in Westfalen-'gekommen. Von dort zogen sie im 17. Jahrhundert nach Altona, und im Jahre 1797 wurde im benachbarten Hamburg das Bankhaus M. M. Warburg u. Co. von Moses Marcus Warburg (gestorben 1831) und seinem Bruder Gerson Warburg (gestorben 1825) gegründet. Während "dreier Generationen waren nur Träger des Namens Warburg Inhaber der Firma; erst in der vierten Generation traten der 1933 verstorbene Dr. Carl Melchior und Dr. Ernst Spiegelberg hinzu. Schon wenige Jahrzehnte nach der Gründung, noch früh im 19. Jahrhundert, begann die Firma ihre ersten internationalen Bankverbindungen zu entwickeln. Ein Zweig der Familie Warburg war nicht in Hamburg verblieben, sondern hatte sich weiter nach Norden, in die skandinavischen Länder, gewandt. Auch seine Nachkommen haben es im wissenschaftlichen, geistigen und wirtschaftlichen Leben ihrer Länder zu großem Ansehen gebracht, Nicht zuletzt daraus mag es sich erklären, daß sich die Ausweitung der Auslandsverbindungen des Hamburger Bankhauses ebenfalls zunächst in dieser Richtung bewegte. Es wurde Emissionshaus für die Anleihen skandinavischer Regierungen, Städte und Hypothekenbanken auf dem deutschen Markt. Seine eigentliche Bedeutung im internationalen Bank- und Handelsverkehr gewann es aber durch die engen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten, die sich durch die Abwanderung einiger Familienmitglieder dorthin und die grgße Bedeutung, die sie in der amerikanischen Wirtschaft erlangten, ergaben, Die Brüder Paul M. und Felix M. Warburg wurden Teilhaber der bekannten Privatbankfirma Kuhn, Loch u. Co. in New York. Der erstere war vor allem gekannt durch seine umfassende wirtschaftliche -Tätigkeit, die ihn bis in die Leitung des Federal Reserve Board (amerikanisches Notenbanksystem) führte, der letztere außerdem durch seine philanthropische und jüdische Arbeit. In der Nachkriegszeit schuf die Hamburger Firma gemeinsam mit der von Paul M. Warburg in New York gegründeten International Acceptanee Banic auf dem Gebiet des Rembourskredits völlig neue Beziehungen Amerika szu europäischen und südamerikanischen Banken. Der Förderung des Ex- und Imports ließ sie besondere Sorgfalt angedeihen. Der Industriefinanzierung konnte sie durch ihre umfangreichen in- und ausländischen" Verbindungen größte Aufmerksamkeit schenken. Gleichzeitig baute sie ihre Beziehungen zu zahlreichen Industrie- und Schiffahrtsunternehmungen aus. Dem Wertpapierhandel und der Vermögensverwaltung hat die Firma M. M. Warbun5. U< Co, neben den Finanz- und Kredittränsaktionen von ieher besondere Achtung zugewandt, Zur Pflege der Verbindungen im Reich hat sie seit langem auch in Berlin unter Leitung eines Teilhabers ein eigenes Büro unterhalten. In Amsterdam besteht seit etwa 10 Jahren die engbefreundete Firma Warburg u. Co.

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