Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1938)
- Date
- 1938-05-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451029--83698-2541716- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Seite 8 Nr. 18 Per Israelit 5. Mai 1938 E REZ ISRAEL Neue Terrorakte, Sechs englische Polizisten in einer Nacht ermordet, Jerusalem, 1. Mai. Sechs englische Polizisten wurden in der Nacht zum Sonnabend in der Nähe von Tulkerem ermordet. Nach dem Bericht der Polizei waren gegen Mitternacht mehrere arabische Terroristen in eine Wachstube eingedrungen und hatten sechs von den dort sich aufhaltenden neun Polizisten niedergeschossen. Die Täter nahmen die Waffen der Polizisten an sich und entkamen. Ueber das Schicksal der übrigen drei Polizisten ist noch nichts bekannt. Bei weiteren Ueberfällen auf Omnibusse wurde ein Araber getötet, ein zweiter verwundet und ein jüdischer Passagier namens Zwi Rosenberg leicht verletzt. 31 Araber, von denen die meisten von der Polizei gesucht werden, wurden verhaftet. Mohammed K a w a s c h , ein angesehener Araber aus Meirun bei Safed, wurde in Akko auf der Straße erschossen. Die beiden Söhne von Kawasch sind Polizisten. Auf .,Har Hakarmel" in Haifa überfielen arabische Terroristen den dort weilenden Rabbiner Horovitz, der sich mit seiner Frau und seinem dreijährigen Töchterchen auf einem Spaziergang befand, Rabbi Horovitz wurde schwer und sein Töchterchen leicht verwundet. Neue Todesurteile in Palästina. Jerusalem, 2. Mai. Vom Kriegsgericht wurden drei Araber wegen der Ermordung eines Arabers in Ramleh zum Tode verurteilt. Der Araber wurde ermordet, weil er sich weigerte, Erpressungen nachzugeben. Die Angeklagten eklärten, der ermordete Araber habe Land an Juden verkauft. Mustapha A 1 h i n d i wurde vom Militärgericht in Haifa wegen des Mordes an Abraham Gold- Ich J a g e r, dem Mitbegründer der jüdischen Siedlung „Mischmar Haemek, zum Tode verurteilt. Der jüdische Ghaffir Joseph Eisenberg, der sich in Goldschlagers Begleitung befand, als er erschossen wurde, erkannte den angeklagten Araber als einen der vier Angreifer. Verhaftung von Juden bei Rosch Pina. Haifa, 2. Mai. Am 23. April wurde in der Nähe von Rosch Pina ein arabischer Autobus beschossen, worauf drei j ü - dische junge Leute unter, der Beschuldigung, die Schüsse abgegeben zu haben, verhaftet wurden. Es sollen bei ihnen zwei Revolver gefunden worden sein. Die Verhafteten sind Mitglieder des Trumpeldor in Rosch Pina und stehen im Alter von 18 bis 22 Jahren. Ihrer zwei sind in Erez Israel geboren, einer ist vor kurzem aus Polen eingewandert. Es wird weiter berichtet, daß die Verhafteten den Attentatsversuch eingestanden hätten. Brief aus Jerusalem. Licht im Dunkel. — Die ersten Passagiere in Tel Airlff. Jerusalem, 28, April. Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören und alle Beziehungen mit den Albern noch nicht gelöst hat, merkt schon lange, wie glücklich die Araber Wären, wenn sie einmal aus der Sackgasse, in die sie ihre Führer hineingehetzt haben, heil herauskämen. Man spricht soagr von Beratungen im arabischen Lager über neue Verhandlungswege zu den Juden. Früher blühende Städte sind, wie etwa Nablus, infolge der Wirren vollkommen verödet. Schlecht geht es auch den Jaffaer Hafenarbeitern, die vor zwei Jahren die Skala der Unruhen und des Blutvergießens einleiteten. Die gleichen Männer, die damals den Streit proklamierten, um jüdische Einwanderer nicht an Land zu bringen, wären heute gewiß überglücklich, wenn sie jüdische Passagiere ausschiffen dürften. Wer einmal einen Araber aus dem Volke unter vier Augen gesprochen hat, wird diese Gesinnung herauslesen, aber keiner von ihnen wagt, es in aller Oeffentlichkeit auszusprechen, aus Angst vor den Terroristen, die eben vom Terror leben. Darin liegt die Schwierigkeit der Lage: Daß ein kleiner Teil, der nichts zu verlieren hat, aber dabei nur profitieren kann, einen Terror ohnegleichen ausübt und der andere, große Teil eingeschüchtert ist und nicht wagt, dagegen Einspruch zu erheben. „Würde die Macht uns genügend Schutz bieten", äußerte vor kurzem ein arabischer Führer einem hohen Distriktsbeamten gegenüber, „wir würden dann allein mit den wilden Gesellen in unserer Mitte fertig werden," Aber ein Blick auf die Liste der meuch- I lings ermordeten arabischen Notabein macht es verständlich, warum die friedliebenden und einsichtigen Araber, deren Wort sonst von Gewicht ist, schweigen. Ein eklatanter Beweis ist der Fall des Bürgermeisters von Nablus, Wenn dieses verrufene Terrornest Soliman Bey zu seinem Oberhaupte wählt, so kann man sich wohl denken, wie er zu den Juden steht. Aber er gehört nicht zu der Mufti- Partei, sondern ist ein Freund und Verehrer des Emir von Transjordanien und von Nash a s h i b i. Das genügte, daß ein Attentat nach dem anderen auf ihn ausgeübt wurde. Und die gegen Soliman abgegebenen Schüsse halten alle anderen besonnenen Führer der arabischen Nation in Schach. Bezeichnend für die Taktik der Terroristen ist die Art, wie dieses Attentat ausgeführt wurde. Soliman wurde von einer Delegation nach dem arabischen Dorfe Tulsa gebeten, um dort zwischen zwei streitenden Familien Frieden zu stiften. Das ist nichts Ungewöhnliches, daß der Bürgermeister^ in solchen Streitfällen den Kadi spielt. Immerhin war Soliman vorsichtig genug, eine handfeste Wache mitzunehmen, in der sich auch ein englischer Distriktsoffizier befand. Wie sie aber nach einer Autofahrt von einer Stunde ans Dorf kamen, war die Einfahrt mit Steinen versperrt, so daß sie haltmachen mußten, und schon begann eine wilde Schießerei, Die Polizei erwiderte das Feuer und bald war auch Verstärkung da, aber die Angreifer waren nicht mehr zu erwischen. Dabei wurden zwei Polizisten getötet, der Vizekommandant der Polizei, ein Engländer und zwei weitere Polizisten schwer verwundet. Von den Arabern wurde keiner verletzt, aber viele aus dem genannten Dorfe verhaftet, Das hinderte die Terroristen nicht, zwei Tage später ein zweites Attentat auf den Bürgermeister zu versuchen, dem er wie durch ein Wunder entging. Einer der Araber äußerte in einem Gespräche mit Juden, diese Attentäter hätten für die Araber genau so wenig brüderliches Mitgefühl wie für die Judeni denn sie seien samt und sonders ortsfremd und meistens auch Angehörige anderer Stämme. Sie kommen aus anderen Ländern und das Schicksal der Palästina-Araber berühre sie sehr wenig. Die Ereignisse .der letzten Wochen und Tage lassen darauf schließen, daß die Terroristen glänzend organisiert sind und daß ihre Mordmaschinerie vortrefflich funktioniert. Die Direktiven gehen von oberen Stellen aus und werden bis ins letzte Tüpfelchen durchgeführt. * * Mitten in das Düster der Lage leuchteten die ersten Lichter des Tel Awiwer Passagierhafens hinein. Viele begaben sich auch aus Jerusalem und aus den Kolonien nach Tel Awiw, um Zeugen des historischen Ereignisses zu sein, Ueber Einzelheiten haben Sie bereits berichtet, es könnte hier nur über die Stimmung im Ganzen berichtet werden, die sich aber gar nicht schildern läßt. Zuerst erblickte das Publikum ein französisches Schiff am Horizont. Es war eine Enttäuschung, das Schiff dampfte weiter, denn es hatte keine Order von der Gesellschaft, in Tel Awiw zu landen. Aber schon nach wenigen Minuten langte ein Dampfer des Lloyd Triestino an, und ein Passagier durfte in Tel Awiw an Land gehen. Dia ganze freudige Stimmung konzentrierte sich nun um diesen einzigen jüdischen Menschen, der gar nicht wußte, wie ihm geschehen war, daß er plötzlich in den Mittelpunkt eines so historischen Ereignisses gestellt worden ist. Dutzende von Photographen richteten ihre Kamera nach ihm und redegewandte Männer hielten Ansprachen zu seinen Ehren. Der Mann kam aus Oesterreich, und es war ein Tag vor dem Pessachfeste. Also fehlte es nicht an Motiven für die schönsten Kombinationen. Ein lautes „Masoltow" tönte ihm entgegen aus Motorbooten, die das Schiff umringten, ja sogar aus der Luft, wo Flugzeuge kreisten. Der plötzlich zu solchem Ruhm gelangte Mann konnte kaum ein Wort aus "dem Munde bringen: „Ich bin glücklich, die Sechio zu haben, als erster Ole in Tel Awiw zu landen". Das war alles, was er herausbringen konnte. Der Mann hatte Glück gehabt, denn schon eine * Stunde später warf der polnische Dampfer „Polonia" Anker aus, und 300 jüdische Menschen gingen vor den Mauern der jüdischen Stadt an Land. Der erste eine Mann war nun vergessen. Das Schiff blieb über Nacht im Hafen von Tel Awiw und Viele konnten sich nicht entschließen, diese Nacht ZU Bett ZU gehen, sondern blieben auf dem Schiff oder im Hafen. Ein dankbares, lebenbejahendes Volk, das jüdische. Bei aller Düsternis, genügt ein einziger Lichtstrahl, um die Herzen aufzurütteln und die Menschen in höchste Feststimmung zu versetzen. H. L. Wie es war Ein Cholhamoed-Stimmungsbild. Erez Israel kennt nicht den zweiten- Jomtowtag des Galuth. Dafür durchweht aber seinen Cholhamoed Jomtowstimmung, während im - Galuth der Alltag herrscht. Jeder trägt seine beste Kleidung. Würdevoll durchschreiten zahlreiche Männer des alten Jischuw in Pelzmütze und Mantel die Straßen; selbst wenn die Sonne brennt. Woher dieser im Orient merkwürdige Brauch? Wahrscheinlich von den polnischen Edelleuten des Mittelalters. Die Geschichte macht auch manchmal Witze, — und hier dürfte sie Assimilation in stolz gehüteten Eigenbesitz verwandelt haben. Pelzmützen und Mäntel spazieren also. Manche Läden sind sogar geschlossen. Viele 'Handwerker und Arbeiter feiern. Ausflüge und Besuche bilden das Tagesprogramm von alt und jung. Schon jeder Morgen des Cholhamoed kündet das Recht, heute nicht zu arbeiten. Werden doch keine Tefillin gelegt! Besonders in Jeruscholajim, der heiligen Stadt, ist über die Jahrtausende hinweg ein Abglanz der Zeit geblieben, in der eine frohe, geschmückte Menge aus dem ganzen Lande mit dem Segen des Landes die festlich geschmückten Straßen füllte und jedes Haus sich gastfrei öffnete. Nicht erlaubt war es, in Jeruscholajim Logisgeld und Mieten zu nehmen. Wunderbare Bilder erstrahlen vor dem Auge. Das Beth-Hamikdosch steigt auf. Kohanim, Levitenchöre, Festesmenge werden Wirklichkeit. Um noch einen Rest dieser Vergangenheit greifbar zu erfassen, ziehen am Cholhamoed Tausende zur Westmauer, dem von der einstigen Herrlichkeit gebliebenen Ueberrest, Zwanzig Meter ragt sie empor, Felsblöcke von fünf Metern Länge und einem Meter Höhe bilden ihren Aufbau und lösen unwillkürlich Bewunderung Und eine Ahnung von der Einzigartigkeit des Beth-Hamikdasch aus. Unbegreiflich ist es uns heute, wie die kolossalen Steine heraufgebracht werden konnten. Zwischen der Westmauer, diesem Zeugen aus dem fernen Altertum, und dem Heute schreit tausendfaches Galuthleid auf. Blutbäehe fließen. Entrechtung und Peinigung schmieden Fesseln. Verjagung aus dem schützenden Heim verstößt in umherirrende, rastlose Wanderschaft. Doch der Vernichtungswille barst an der inneren Stärke der zu Vernichtenden. Dann kam nach langen Jahrhunderten ein Gestern, ein Jahrhundert trügerischen Sirenengesanges, Seßhaftigkeit, Freiheit, gleiches Recht winkten als Morgenrot. Doch mit der Eingliederung als Volksgenossen ward die innere Stärke schwächer und schwächer, — und was das Wüten von Feuer und Schwert nicht vermocht hatte, brachten nun die lauen Lüfte friedlichen sozialen Aufstieges. Der Cholhamoed in diesem Milieu spiegelt die Umwandlung wider. Der Halleljubel im Beth-Hakneseth huscht am Ohr vorbei. Man eilt nach Hause. Die Berachoth werden hastig verschlungen wie die Speisen. Noch ein Blick in die Zeitung. Dann schnell in den Beruf. Maschinen klappern, Federn kratzen, Waren werden gemessen, gezählt oder gewogen, Telefone läuten und werden angeläutet, Verhandlungen über Geben oder Nehmen wogen hin und her. Jede Ader, jede Muskel, jeder Gedanke gehört der materiellen Existenz in diesen Tagen der Freude an_ der hohen idealen Lebensaufgabe, die G'tt dem Volke Israel mit dem Auszug aus Mizrajim übertragen hat. Seit damals sollte für alle Zeiten jedes Geschlecht sich ansehen, als wäre es aus Mizrajim gezogen. Das war der Felsblock für die Erhaltung im Galuth, Wie die Westmauer ragte er aus fernster Vergangenheit in jede Gegenwart, Aber wo die Freiheit winkte, wurde dieser Felsblock unterhöhlt: Bittere Galuthtragödie selbst bis hinein in die Reihen derer, die die Pflichten des Volkes Israel seit der Erlösung aus Mizrajim noch kennen und erfüllen wollen. Denn es gilt, nicht nur zu „tun", sondern auch zu „hüten" und zu „gedenken". Dies aber bedeutet, sich mit seiner ganzen Persönlichkeit in die Welt der Thora und in die Geschichte des Thoravolkes hineinzustellen. Daran hatte es zuletzt im Galuth immer mehr und mehr gefehlt, und darum durchdrang der Moed nicht mehr den Cholhamoed, das Heilige nicht mehr j den Alltag und die jüdische Freude wich der Freude1 an fremden Gedankenwelten, j Möge, der Höchste Seine Hilfe gewähren.vdaß die neueste Phase, der Zusammenbruch der Freiheit im Galuth, wieder das Volk zum Thoravolk mache und im Thoralande zu neuer Blüte erstehen lasse. S. G.