Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1938) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451027--83655-2541671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Der Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mains Frankfurt a. M. 14. April 1938 13. Nissan 5698 Nummer 15/16 Ein ^Pcffacfi für Stffe... vma»V Dipaii waip W3»i Jedes Geschlecht — TTp in ^33 — hat s e i n e Haggada, richtiger: das Wort aus der alten Haggada, das Ueberschrift und Motto für die ihm aus der Situation erwachsenden eigene«. Aufgaben sein kann. Zweihunderttausend neue jüdische Brüder werden dieses Jahr aus der Haggada das mit uns bekennen, was wir bereits zum sechstenmale als den Sinn unserer Zeit begreifen: „Und nun zwingt uns der Allgegenwärtige zu seinem Di e n s t e! . , ." Ein Jahrhundert der Verblendung findet seinen Abschluß, G'tt ruit zu seinem Dienste zurück- Was liegt nicht alles für uns zwischen dem n^Tina der fremden Kulte und dem der aufdämmernden Erkenntnis? Die letzten hundert Jähre jüdischer Geschichte ließen sich in drei Kapitel zusammenfassen: „Aufstieg", „Zusammenbruch", „Umbruch". , Gerade die erste Periode, die des Aufstie1 ^65, die bis zum Zusammenbruch mit dem Kriegsbeginn andauert, zwingt zu einer rückschauendeii Betrachtung, zu einem ^^>i Wie war es von hundert Jahren? Am Maibaum der jungen Freiheit reiften die ersten Früchte heran: Assimilation bis zur Selbstaufgabe allüberall, von Berlin bis Wien, von Posen bis Hamburg, (von den wenigen Juden im westlichsten Westen Europas gar nicht zu reden). Der Assimilationsprozeß hatte schon um 1800 eingesetzt, aber gerade um die Mitte des 19. Jahrhunderts, älso vor hundert Jahren, konsolidiert sich die R e f o r m b e w e g u n g , die, gestützt auf eine jüdische Wissenschaft, glaubt, den Auflösungsprozeß aufhalten zu können. Indes zerbricht und vernichtet sie selbst bei ihrem Rettungswerke so viel, daß der Marsch nur auf Umwege geleitet werden kann, die nicht minder in den Abgrund führen. „Das gute Alte stürzt und* das Neue bricht mit Macht heran" und droht, alles restlos wegzuschwemmen, was eine Generation um Rabbi Akiba Eger und Chatam Sofer gegeben und empfangen hatte. Das Marranentum der Alten, die in gehobenen Stunden, etwa am Versöhnungsfeste oder am Jahrzeitstage, den Weg ins G'tteshaus finden, kann wie jedes Marranentum nicht über eine Generation hinaus dauern. Die Kinder und die Enkel haben schon keine seelischen Bindungen an den alten Glauben. Wohl kündigen sich die von,,den großen Rufern und Warnern am Eingang dieser Periode -vorausgesagten Folgen in mannigfachen Formen an. „Eine Frühsonne verhüllt ihr Gesicht und der wärmende Mantel ist abgelegt . . ." Aber wer wollte es sehen, was sich im Schatten der* neuen Entwicklung an Argwohn und Mißstimmung gegen ein „hochkommendes Judentum" vorbereitete? Manche sahen es doch und erhoben ihre warnende Stimme. Um die rechte Mitte dieses ersten Zeitabschnittes entstand der politische Zionismus. Er entstand aus der Erkenntnis der jüdischen Situation und seiner Gefahren, aber mit wenig Weitblick für die geschichtlichen Gegebenheiten und die letzten Ziele. Sein Geschichtsblick ging über Moses Mendelssohn hinweg höchstens bis zu Moses Heß zurück, sein Zukunftsblick bis zum Charter oder irgend einem Territorium. Allein in diesem Zeiträume, und zwar schon im ersten Stadium dieser Periode, "ist uns auch jener Mann von einer gütigen Vorsehung geschenkt worden, der sich mitten in der Flut schützend vor den unverlierbaren Grundstock der heiligen jüdischen Substanz gestellt hat, sie mit Selbstaufopferung hütend, mehrend und verkündend. Samson Raphael Hirsch war die Verkörperung des npi nsw-Gedankens; hat uns mitten in der Brandung, die alles zu verschlingen drohte, .mit seinen Schriften einen Teil der Jugend, und mit seinen Gemeinden uns allen die Basis gerettet und erhalten, die heute Heimat für unzählige irrende jüdische Seelen ist. Auf diesem der Flut entrissenen Boden konnte der jüdische Gedanke im Winkel blühen und sich weltumfassend bis zur Organisation der Agudas Jisroel ausweiten. An diesen Aktiven dürfen wir nicht vorübergehen, wenn wir heute vom Zusammenbruch einer Illusion, von einer Liquidation der Scheingüter der Emanzipation sprechen. Und nun kam die zweite und die dritte Periode. Wie müßte das Judentum des Westens in seiner Gesamtheit heute denen danken, die damals jene Ruheinseln geschaffen und das heilige Feuer gehütet haben, für sie alle. Um wie viel trauriger wäre heute das Los und die Lage unzähliger Brüder, wenn sie beim Verlöschen aller anderen Lichter nicht Halt und Helligkeit finden könnten auf einem Boden, den die Treugebliebenen für sie allezeit rein erhalten haben! Wir hören, daß in der Donauhauptstadt ele moderne Juden, - die bislang um den Stephansdom herum ihre Heimstätte sahen, heute über die Kanalbrücke den Weg nach den jüdischen Bezirken finden. Das ist für uns symbö- Aus dem Inhalt: Die neue Rechtslage der Juden in Ungarn Seite 2 Um das Schächtverbot in Rumänien Seite 2 Schicksal und Volk. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach Seite 3 Wochenrundschau (Sorgen und Hoffnungen der jüdischen Kultusgemeinden) . Seite 3 Nathan Birnbaum der Mensch. Von Dr. Maximilian Landau . . . Seite 4 Zur religiösen Haltung des modernen Naturforschers. Von Dr. Jacob Levy . Seite '9 Juden in China ..........Seite 8 Brief aus Wien ..........Seite 15 Zum Ausbürgerungsgesetz in Polen . Seite 15 Erez Israel ............Seite 17 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung . Seite 17 Beilagen: Erziehung und Lehre Literarische Warte Der Kleine Israelit lisch. Bekommt das alte Haggadawort neuen Sinn; „Jenseits des Flusses saßen sie, bei fremden Kulten, und nun? . Daraus entsteht aber für uns auch eine eminente Verantwortung, an der unsere Kraft erprobt wird, an der es sich zeigen soll, ob wir die Lehre unserer Lehrer, unserer Rufer und Mahner zu Beginn und um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ganz erfaßt, ob wir den letzten Seufzer des Chofez Chajim über unsere Ohnmacht, alle Teile und Glieder unseres Volkes mit den Wellen, die aus unserer Mizwofreude ausgehen, zu erfassen, beherzigt haben? Die Zeit ist dafür gegeben, es hängt viel von uns ab! Es werden von gemeindewegen überall in Deutschland Sederabende veranstaltet, mit einem Programme zuweilen, das uns zumindest ein wenig befremdet, das uns mitunter ein Lächeln auch abringt. Lachen wir nicht. Nicht belächeln dürfen wir Menschen, die sich auf Umwegen heimtappen, sondern belehren. Es gilt für uns und für alle auch in geistiger Beziehung der Einladungssatz: ,,Wer hungert, komme und genieße mit uns", wer nach Wissen und Erkenntnis durstet, dem darf unsere Türe nicht verschlossen bleiben! Keinem, der zwischen n^Tina und W5yi noch weglos und zielsuchend herumirrt, keinem, der sich von G'tt zu seinem Dienste an gerufen fühlt!..'.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.