Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1938)
- Date
- 1938-04-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 14 1938 Das Seiermahl. Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Schimme machte ein mürrisches Gesicht und antwortete nicht. Wenn er eine solche Mien^ aufsetzte, drang Beilchen nicht weiter in ihn. ffEr schafft jetzt mit'm Kopp; da darf mer nix mit'm redde", sagte sie dann. Schimme schaffte jetzt wirklich mit dem Koph aber auch mit dem Herzen. Er war, vielleicht zum erstenmale in seinem Leben, höchst unzu frieden mit sich als Mensch und Jude. Was hatte er im Vergleich mit den Lobs eigentlich schon für seine Mitmenschen und für den „K'lall" geleistet? Langsam schälte sich aus dem Chaos von Gedanken, Empfindungen und leisen Selbstvorwürfen ein fester Plan heraus, dessen erster Teil schon bei ihm feststand. Zunächst wollte er eine Seferthora schreiben lassen. Rebb Leib Sulzbach in Darmstadt, der Sofer, sollte ein schönes, feines Sei er schreiben; an äußerem Umfang proportional der körperlichen Erscheinung Schimme Bärs, des Stifters. Egoistisch, wie die Männer zuweilen sind, dachte Schimme fetzt gar nicht daran, daß Beilchen, seine kleine Frau, doch eigentlich auch ein wenig an dieser verewigenden Stiftung beteiligt werden sollte. Und doch lebten die beiden Eheleute seit vierzig Jahren friedlich und glücklich beisammen. Wenn die Leute behaupteten, das kleine Beilchen sehe zu seinem Schimme wie zu einem G'tt empor, so konnte diese allegorische Redensart dennoch ganz wörtlich genommen werden. Denn wenn Beilchen mit fSchimme sprach und der nicht gerade auf seinem Sofa saß oder im Bette lag, —- es sei denn, daß Beilchen etwa bei der Unterhaltung auf einen Stuhl gestiegen wäre — so mußte sie zu ihm hinaufblicken. Was die gütige Vorsehung dem Schimme an Körpermaß in Ueberfülle zugelegt, hatte sie dem Beilchen aus nicht völlig aufgeklärten Gründen vorenthalten. So betrachtet, bildete Beilchen bei weitem nicht die Ehehälfte Schimmes, sondern bestenfalls und reichlich zubemessen, erst dessen Ehedrittel. Das hatte aber doch nicht verhindert, daß Beilchen eine große Macht auf den auch sonst gutmütigen, ihr an Gewicht, Größe und Verstand weit überlegenen Ehemann ausübte. Beilchens und Schimmes Eheglück fehlte der Kindersegen. Und wie das bei kinderlosen Eheleuten nicht selten der Fall ist, waren beide, besonders Beliehen, übertrieben ökonomisch veranlagt. Die meisten Leute nannten den ia auch tatsächlich übertriebenen Sparsinn Beilchens, richtigen Geiz, weil sich dieser Sparsinn auch auf die Armen erstreckte, was von Schimme nicht behauptet wurde und auch nicht ganz zutraf. Schimme griff bei manchen Gelegenheiten, wo es galt, Zedoko und Gemilus Chesed zu üben, in die Tasche, mit einem versteckten Hinweis, eine solche Bagatelle, besonders nicht in Beilchens Gegenwart, weiter zu erwähnen. So kam es denn, daß Schimmes Reputation weit besser war, als die seiner kleinen Frau. Schimme war ein entschieden reicher Mann, vielleicht noch reicher als sein Bruder Samuei, der ihm außerordentlich ähnelte, sowohl an Gestalt, wie an Charakter. Jedoch war Samuels Gattin das denkbar größte Gegennicht aber Seitenstück zu ihrer Schwägerin Beilchen. Samuels wackere Ehehälfte Sette, eine große stattliche Frau, war eine wahre Mutter der Armen und Hilflosen und streute Wohltaten aus, ohne nach der Würdigkeit derer zu fragen, die ihre Hand zu ihr ausstreckten., Einzig entscheidend war für sie die Bedürftigkeit. „Der liebe G'tt hat ZU untersuchen und ich häb' zu helfen", war der Wahrspruch der einfachen unwissenden Frau mit dem edelsten Herzen, das ein Weib nur zu besitzen braucht. So arbeitete Schimme jetzt mit dem Kopf und Herzen, nach einem Entschlüsse ringend, wie er der Vorsehung seine Dankbarkeit für seine Wiedergenesung bezeigen konnte. ,,Jawohl," murmelte er, während Beilchen am Schlüsselloch horchte, „ob er noch immer mit'm Kopp schaffe," „eine Seferthora". Als gegen Abend der Kiewe mit seiner langen Pfeife bei Schimme eintrat, um' sich von den weiteren Fortschritten der Genesung zu überzeugen, da vertraute ihm Schimme seine Absichten an und Kiewe, der hinter seiner Brille sehr nachdenklich auf Schimme geblickt hatte, schwieg erst eine Weile still, wie es sich für einen Ben Tore, der auf der Jeschiwe war und dermalen als Parnes die Würde der Gemeinde zu wahren hattei eben schickte. Schimme war ein wenig enttäuscht, oder auch gekränkt, daß Kiewe nicht sofort voller Entzükken seinen Plan gut hieß; ja, nicht einmal eine Miene verzog und obendrein noch eine Weile schwieg, als ob er erst überlegen müsse, ob er überhaupt das herrliche Geschenk Schimmes für die Gemeinde auch annehmen wollte. Selbst wenn man Parnes von Rebenheim ist und anstatt einer Seferthora eine ganze Schul mitsamt einem Dutzend Thoras geschenkt kriegen oder auch im Gegenteil hergeben soll, sc muß man endlich doch einmal was dazu reden. Und der Kiew war wahrhaftig nicht verlegen um eine Antwort und Gegenrede. Zunächst tat Kiewe einige Züge aus seiner Pfeife und blies den Rauch bedächtig zum offenen Fenster hinaus, wiegte sinnend das Haupt, ehe er zu sprechen begann. „Wenn ein Kind auf die Welt kommt, so sorgt eine ordentliche Mutter schon vorher, daß es was um- und anzuziehen hat, — — — Du willst ein Sefer schreiben lassen. Das Sefer ist vorderhand dein Kind und nicht Kahals Kind — — — Ein Kind braucht ein Kleidchen; und fe reicher der Vater, desto feiner kriegt das Kind sein Kleidchen.---— Das Sefer, das du schreiben lassen willst, wenn ich schon unsere heilige Taura, die doch auch unsere Mutter ist, mit einem Kind vergleichen darf, ist nun doch d e i n Kind, Schimme. So mußt du also für dein herrlich Kind, die Taura, ein Kleidchen machen lassen----Und weil dein herrlich Kind, ein Königskind ist, dessen Vater über deiner Vaterschaft, Hakodasch borchu, unser König ist, gebührt ihm auch 'ne, Krön'. —---— Hast du mich verstanden?" Ob Schimme verstanden hatte? Mit immer größeren Augen blickte er den Freund bewundernd an. „Ja. ja," dachte Schimme, „so'n Ben Taura denkt doch viel weiter, viel klarer wie solch' ungelernte Amrazzim, die nicht mal drei Psukim hintereinander lernen können." „Recht haste, Kiewe! Das Kind muß n Kleidchen haben, und mein Kind, was ich jetzt noch mal kriegen soll, und das in der heiligen Schul stehen wird, muß ein gar feines Kleidchen kriegen. Und die Kle'i kodesch, die Krön' ein Schild und 'ne Jadd' sollen auch nit fehlen — — Warum hast du aber so lang' gewartet, bis du's gesagt hast?" „Warum?" replizierte Kiewe. „Das will ich dir heint noch nit sagen. Erst wenn du mit G'ttes Hilf n bißchen kräftiger bist--— Heint, sag' ich dir nur Jejascher Koach " Würdevoll und nächdenkend, so daß er die Grüße, der Dorfleute/kaum hörte und ojme seine Pfeife aus dem Munde zu nehmen, schritt Kiewe die breite Dorfstraße hinauf. Er, der ehemalige Bochur der berühmt gewesenen Fürther Jeschiwe, hatte den Schimme wieder einmal seine geistige. Ueberlegenheit fühlen lassen, auf seine feine Art, als ob er mit dem genesenden Schimme ein Blatt Gemoro gelernt habe. „So", dachte Kiewe mit innerer Befriedigung, „ein nackend und bloßes Sefer soll er mir nicht in die Schul bringen — schön angetan mit Mäntelchen und Klei kodesch muß er fix und fertig das neue Sefer hinstellen. Oi, wie wird sich Belchen verchiddischen, — — efscher auch ärgern um so vieles Geld. Jetzt kost's dem Schimme schon zweihundert Taler mehr, was sonst das Kah'l und meine Chewre hätten anschaffen müssen." Vielleicht hätte Kiewe noch länger sein Selbstgespräch fortgeführt, wenn nicht eine etwas knarrende Stimme ihn gegrüßt und aus seinen Gedanken gerissen hätte. Der Lehrer Levi, ein Mann, etwa Mitte der fünfziger Jahre, mit einem kleinens roten Kügelchen statt einer Nasenspitze im Gesicht und einer Brille vor den klug blickenden Augen, mit dichtem schwarzen Haupt- und schon etwas ergrauendem Barthaar, blieb vor Kiewe stehen, und ihm den Weg versperrend. Der Parnes Kiewe und der Lehrer, Chasen und Schochet in der Person Levis verkörpert, standen sich gegenüber. Dieser nicht gerade besonders respektvoll, jener nicht von oben herab; beide vielmehr wie zwei gute Bekannte. Levi, eine etwas gebückte, gedrungene Gestalt, Kiew größer und schmächtiger. Der Lehrer wußte, woher Kiewe kam und frug nur ganz einfach: „Nun?", was soviel hieß, als; wie gehts dem Schimme? ' Auf dieses nun antwortete Kiewe: „G'ttlob, wieder vieles besser." Dann fuhr er, einige Züge aus der Pfeife versuchend, fort: „Sie können sich jetzt 'ne Predigt vorbereiten für das Sofer." Mit einem Ruck richtete sich Levi jäh in die Höhe.; ( „Was?" ein Sofer? eine Predigt?" und sah mit erstaunten Augen den Parnes an. Kiewe schmunzelte befriedigt: „eine neue Seferthora, ein neues Mäntelchen, neue Kelim, ein Chinuch, eine Sude, kurz, hakol, bakol!" Levi hörte, sinnend zur Erde . blickend, dem lebhaft gewordenen Parnes zu. Sein Interesse an der bevorstehenden Feier nahm eine ganz andere Richtung und Färbung, als bei Kiewe, der bei dieser Festlichkeit doch nur eine passiv.e Rolle zu spielen hatte. Aber er, der Chasen, der Lehrer und zeitweilige Prediger, war hier eine höchst wichtige Person; wichtiger als die Parnosim, die Balbatim und der Stifter Schimme, mit seinem Belchen zusammen. Bei allen Festlichkeiten auf dem Lande, ob es eine Schul- oder Seferchinuch war, pflegte die Gemeinde den Chasen und Raw aus der benachbarten Gemeinde, anstatt des einheimischen Lehrers und Kantors zu berufen. Selbst die ärmste und kleinste Gemeinde brachte gerne große Opfer, um dann besonders schön singen und predigen zu hören. Levi hatte keine schöne Stimme und war auch klug genug, sich das selber einzugestehen, was bei kleinen und größern Kantoren nicht oft vorkommt. Der Chasen in der nahen, kleinen Kreisstadt hingegen war weit und breit als ein Sänger mit einer wunderbar schönen Tenorstimme bekannt. Dieser auch sehr musikalische Mann verstand es außerdem auf geradezu geniale Weise, aus wenigen ungeschulten Stimmen und unter Assistenz seines Sohnes, einen Chor zu bilden, der sich schon hören lassen konnte. -- (Forts/ folgt.)