Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1938)
- Date
- 1938-04-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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7. April 1938 Der Israelit Nr. 14 Seite 9 E R E Z ISRAEL Neue Überfälle und neue Opfer. Jerusalem, 3. April. Ueber den Angriff auf Chanutah, die neue jüdische Siedlung, die gleich bei der Einweihung Edelopfer zu bringen hatte, haben wir bereits berichtet. Nach der Abwehr des Angriffes auf. „Tirath Zwi'' war es die zweite größte jüdische Heldentat der letzten Jahre. Leider mußte die neue Siedlung noch ein zweites Opfer hergeben. Neben Jehuda Brenner, der bei der Verteidigung gefallen ist, ist nun auch Jakob B e r g e r , der damals verletzt wurde, seinen Verletzungen erlegen. Wie bekannt, geschah der Angriff auf Chanutah gleich in der Nacht nach der Einweihung. Die Kolonisten von „Jessod Hamaalah" hatten der neuen Siedlung eine Sefer Thora geschenkt, die unter großer Feierlichkeit in das Bethaus der Siedlung verbracht wurde. Unmittelbar nach den Feierlichkeiten, kaum daß sich die Siedler zur Ruhe begaben, wurden sie von der Wache zum Verteidigungskampf alarmiert, den sie, wie schon berichtet, heldenhaft bis zur Vertreibung der Angreifer führten,, leider aber unter dem Verlust zweier wertvolle Chawerim. Als am 25. März die Siedler in zwei Lastwagen begleitet von einem Wagen der Gaffirin, von der Chausseearbeit nach Chanutah zurückkehrten, wurden sie wieder aus dem Hinterhalte beschossen. Die jüdische Schutztruppe erwiderte das Feuer und verjagte die Terroristen, denen es gelang, sich zu zerstreuen. Dr. W e i 2 m a n n begab sich in Begleitung von Shertok und anderen zionistischen Führern nach Chanutah, um die neue Siedlung zu besichtigen und den Siedlern die Anerkennung für ihr heldenhaftes Verhalten auszudrücken. Inzwischen ereigneten sich noch andere schwere Bluttaten. Neben dem tragischen Tod von Helmut Mordechai Bär (siehe Bericht in dieser Nummer) haben wir auch in der Nähe von Safed vier jüdische Menschenopfer zu beklagen. Bei dem Ueberfall auf das jüdische Auto wurden der 45jährige Zwi Segal, sein 8 Jahre alter Sohn Baruch, die 47 Jahre alte Zippora C a b a n a und ihre 70 Jahre alte Mutter Batia B a r a 1, sämtlich aus Safed, getötet. Ein Passagier mit seinem Sohn konnte entfliehen. Zwei Passagiere, die zuerst vermißt waren, wurden unversehrt in der Nähe des Wagens von der Polizei gefunden, die auf die Schüsse hin herbeieilte. Bei dem Gefechte mit der Polizei wurden ,drei Araber getötet. Man nimmt an, daß der Chauffeur und ein jüdisches Mädchen, die gleichfalls vermißt werden, am Leben sind und in einer in der Nachbarschaft gelegenen arabischen Ortschaft Zuflucht genommen haben. An dem Begräbnis der jüdischen Opfer in Safed nahm die ganze Gemeinde teil, und in der Stadt wurde alle Arbeit unterbrochen. Das Oberrabbinat ordnete Arbeitsunterbrechung im ganzen Lande während der Zeit des Begräbnisses an, und alle Geschäfte, Büros und nationalen Institutionen wurden geschlossen. Mehrere Ueberfälle ereigneten sich auch bei A t h 1 i t. Bei einem dieser Ueberfälle auf einen jüdischen Autobus wurde der bekannte Arzt und Zionist Dr. Theodor Zlocisti aus Haifa verwundet. Der arabische Führer des Wagens wurde getötet. In Jerusalem wurden im Nashashibiviertel in der Nähe der Universität zwei Brüder erschossen. Einer von ihnen war Jude, der andere getauft. Seinen Verletzungen erlegen ist Jehuda M i g - d a 1 i, der am 25. März auf dem Wege zur Arbeit angeschossen wurde. Kleinere Ueberfälle ereigneten sich auf der Straße zwischen Jerusalem und Hebron, Auch der innere arabische Terror flammte wiedeauf und forderte mehrere arabische Opfer. * * * Ferner geht uns noch vom Ueberfall auf Chanutäh folgende Schilderung zu: Bei der Einweihung hatten die Vorsteher vder Kolonie „Jessod Hamaala" dem Kifbuz eine alte Sefer Thora geschenkt, die vor 50 Jahren von Pionieren aus Messeritz nach Erez Israel gebracht wurde. Die Einbringung des Sefer ging unter großen Feierlichkeiten vor sich. Erst in später. Nachtstunde zerstreuten sich die Gäste und die Kolonisten begaben sieh zur Ruhe. Aber schon nach wenigen Minuten wurden sie von der Wache zum Verteidigungskampf alarmiert, bei dem sie einen ihrer Besten hergeben mußten. Der Ueberfall geschah in der Nacht durch eine Bande von 50 bewaffneten Arabern mit solcher Plötzlichkeit und Wucht, daß die jüngsten Kolonisten. noch mitten in der Einrichtung begriffen, sich von allen Seiten bedroht fühlten. Trotzdem hielten sie beinahe zwei Stunden mitten im Kugelregen aus, erwiderten die Schüsse und verteidigten den neuen Boden so lange, bis die Angreifer verjagt waren. Jehuda Brenner, 21 Jahre alt, einziger Sohn und Ernährer der Mutter, der von einer Kugel in die Brust getroffen wurde, erlag noch in der gleichen Nacht im Hadassaspital zu Haifa seinen Verletzungen. Bei der Bestattung in Afule spielten sich ergreifende Szenen ab. Die Kameraden der neuen Kolonie gingen in Reih und Glied hinter der Bahre her, und hinter ihnen Vertreter aller umliegenden Kolonien. Die lokalen Behörden waren vertreten. Am Grabe sprachen Rabbiner Kirchstein aus Afule, und einer der Kameraden sagte, keine irdische Macht der Welt werde die Juden von dem von ihnen einmal in Besitz genommenen Boden wegbringen. Weilcrc Opfer bei Safed. Die Leichname von Allegra M o z e r i und dem Chauffeur S h i c h r u r , den beiden Vermißten des AutoÜberfalles bei Safed, wurden gefunden und nach Haifa zur Beisetzung überführt. Bei diesem Ueberfall kamen also insgesamt sechs Juden ums Leben, darunter ein acht Jahre alter Knabe. Beide Leichen wurden 2 km von der Ueberfallstelle entfernt aufgefunden. Allegra Mozeri ist die 19jährige Tochter eines sephardischen Rabbiners aus Haifa und sollte am Freitag heiraten. Am Grabe von Hellmuth Mordechai Baer in Haifa. Noch keine Stunde ist es her, daß wir — Chawerim des deutschen Noar Agudati — einen unserer besten Chaluzim zu Grabe getragen haben, der mit seinem Blute den Boden Erez Israels geheiligt hat. In Jaaroth Hacarmel, wenige Kilometer von Haifa entfernt, stand er auf Wache, um seine Chawerim beim Chausseebau zu schützen. Am hellen Tage, um 2 Uhr mittags, drang eine bewaffnete Bande mitten in die arbeitenden Chawerim ein, die, überrascht von dem plötzlichen Angriff, kaum zu den Waffen greifen konnten. Mordechai Baer deckte als Gafir den Rückzug seiner Chawerim vor der Uebermacht der Angreifer und fiel, von einer Kugel getroffen, zu Boden und verschied wenige Augenblicke nachher. Seine Chawerim fanden ihn .nachdem der Angriff nachgelassen hatte, tot auf. Um 6 Uhr abends brachte man den Toten nach dem Hadassa-Krankenhaus in Haifa, wo sich die Nachricht von diesem Unglück — das zehnte Todesopfer in dieser Woche! — mit Windeseile verbreitete. Chawerim der Poale Agudath Israel stellten die Schmirah. Gegen 10 Uhr abends erschienen bereits an allen Ecken unserer Stadt Anschläge, die vom neuen Unglück Nachricht gaben. — Es ist im Rahmen dieses kurzen Berichtes nicht möglich, diesen Menschen, der nur 22 Jahre alt werden durfte, mit allen seinen Fähigkeiten zu würdigen. Es muß genügen, wenn wir uns in Erinnerung rufen, was er in seiner Heimatstadt Halbersttdt für. den Esra geleistet hat, wie er durch sein Vorbild andere beeinflußt und erzogen hat, wie er aus innerer Ueberzeugung den Weg des Chaluz in den Reihen des Noar Agudati gegangen ist, wie er schließlich hier im Lande für seine Anschauung gekämpft hat, wozu er besonders im Kreise nichtcharadischer Chawerim Gelegenheit fand und dabei die Anerkennung seiner Chawerim — im engen und weiteren Kreise — erwarb. Von ihm darf man sagen, daß er bis zum letzten Tage seines kurzen, aber reichen Lebens Thora und Mizwoth gelebt hat. Das Straßenbild des Hadar Hacarmel stand in den Mittagsstunden unter dem Zeichen der dieses wnp« Hunderte strömten zum Hadassa-Krankenhaus, von wo die ''lV ihren Ausgang nahm. In langem, schweigendem Zuge schritten die Vertreter von Behörden und Gemeinde, die Verwandten und agudistischen Chawerim, die Schüler der Jawneh-. Misrachi- und Beth Jacob-Schule mit ihren Lehrern, Durch die von stummen Menschenmauern eingefaßten Straßen bewegte sich der Zug zur Hauptsynagoge, wo Hunderte schweigend warteten. Der Haifaer Oberrabbiner Raw Marcus, schilderte in schlichten Worten den Eindruck, unter dem wir alle standen Und noch stehen und betonte, daß wir mit immer lauterer Stimme unser Recht auf Schutz durch die staatlichen Organe verkünden müssen, damit die Kette der Opfer endlich einmal abreiße und ihr Ende erreiche. Anschließend sprach der Vertreter der Gemeinde, Bär Raw Hai, der dem Abscheu des Jischuw gegenüber diesen Gewalttaten Ausdruck veri lieh und die heldenmütige Haltung Mordechai Baers würdigte. Nach dem Vortrage des D'nm «Vn 'r durch den Oberkantor Herrn Chumasch und dem Kaddischgebet des Bruders wurde der yn& auf das Auto gehoben und in langer Kette folgte Auto auf Auto dem Wege nach dem rvmpn rrn. Am Eingange zum m-npti wurde der ins niedergesetzt und mit herzzerreißenden Worten nahm Chawer Jacob Ratz im Namen der Agudath Isroel und ihrer hiesigen Chawerim von. Mordechai Baer Abschied. Noch einmal ließ er vor unseren Augen das Bild dieses jungen Menschen erstehen, der auch hier schnell Freunde und Verehrer gefunden hatte. Mit tränenerstickter Stimme rief Direktor Dr. Abraham Cohn dem Schüler und Freund einen letzten Gruß nach. Und am offenen Grabe gab Rabbiner Findling in kurzen Worten dem Schmerze Ausdruck, den die Familie erleiden mußte, den seine Braut, wenige Tage nach ihrer Ankunft in Haifa, tragen muß. Die Feder weigert sich, das niederzuschreiben, was das Herz empfindet und so mögen diese wenigen Zeilen genügen, um eine Ehrenpflicht zu erfüllen, die das Land und sein hoffentlich letztes Opfer mir auferlegt hat. Mögen die Eltern und Freunde in Deutschland wissen, daß wir hier unserem Mordechai Baer die rna erwiesen haben, die einem l—i» gebührt,- daß Chawerim aus dem ganzen Lande ihn auf seinem letzten Wege begleitet haben, in Gedanken bei seinen Verwandten in der Ferne weilend. rrawn Ernst Pleßner. Aus Halberstadt wird uns noch zum tragischen Tode Hellmuth Baers geschrieben.' Tief erschüttert stehen wir an der Bahre unseres Freundes Hellmuth Baer, der einem arabischen Ueberfall in Erez Israel zum Opfer fiel. Mit ihm ist ein Mensch dahingegangen, der in nimmermüdem Streben und Ringen um die ewigen Werte unserer heiligen Thora sich verzehrte. Aufgewachsen in dem vom Geiste der Ueberlieferung erfüllten Milieu seines Elternhauses und der Gemeinde Halberstadt bemühte er sich, diesen Geist im Leben zu bewahren' und zu bewähren. Als Jugendführer im Esra verstand er es, die Jugend zu den „Quellen unseres Lebens" hinzuführen. Sein heiteres Wesen, ftseine echte Kameradschaftlichkeit, sein tiefes Verantwortungsbewußtsein hoben ihn aus unserem Kreis hervor und ließen uns zu ihm emporblicken. Seine Sehnsucht nach Erez Israel war der Ausdruck seiner Seele, des Zentralsten im Menschen . überhaupt. Stets arbeitete er für die Ideale des Noar Agudati, er sah in dem Bund jedoch nicht eine Einzelerscheinung, sondern die umfassende Einheit des jüdischen Volkes, das ihm das Thoravolk bedeutete. Im Blick auf das Leben und die Sicherheit dieses Volkes gab er sein junges Leben dahin. Mit seinen Eltern und Geschwistern beklagen wir alle tiefgebeugt den Heimgang unseres so lieben Chawer Hellmut Baer. Seine Kraft soll uns mit G'ttes Hilfe beistehen, im Sinne unserer Thora weiterzuarbeiten. Seine Arbeit - sei uns weiterhin Verpflichtung. So werde sein Andenken uns zum Segen. ^"ST Herbert Sonn. Ein Todesurteil bestätigt. Jerusalem, 1. April. Das Berufungsgericht bestätigte heute das Todesurteil gegen den jüdischen Konstabier Mordechai Schwarz. Die Bestätigung erfolgte mit zwei Stimmen gegen eine. Der Anwalt von Schwarz meldete Berufung gegen die Entscheidung beim Privy Council in London an. Makkabi im Haien von Jaffa. Tel A w i w , 24. März. Seit Errichtung der Tel Awiwer Landungsstelle wurde von nationaler Seite darauf gehalten, daß die Juden mit dem Jaffaer Hafen, wo seinerzeit die Feindseligkeiten ihren Anfang nahmen, alle Beziehungen lösen. Der Parole sind alle Teile des Jischuw, selbstverständlich auch der orthodoxe Teil, nachgekommen, und die Kaufleute haben sogar wesentliche Opfer auf sich genommen und die teuereren Löhne und Gebühren in Tel Awiw gern getragen, um den Jaffaer Hafen zu umgehen. Nachdem nunmehr seit Wochen auch der Passagierhafen in Tel Awiw eröffnet ist, sucht jeder ankommende Jude nach Möglichkeit diesen jüdischen Hafen ZU benutzen. Um so größer ist die Erbitterung in allen jüdischen Kreisen, daß der Makkabi, der vor kurzem eine Auslandssportreise antrat, beinahe ostentativ den Jaffaer Hafen benutzte.