Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1938)
- Date
- 1938-03-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 12 1938 Londoner Notizen. in, Von Whitechapel nach Whitehall. In vorgerückter Abendstunde landen wir nach langer Fahrt durch unzählige ruhige und weniger ruhige .Straßen vor einem Hause mitten in Whitechapel. Das Lokal .ist Beshamidrasch und Vereinshaus zugleich und ist bis auf den Rand voll gefüllt von Männern, Frauen und Kindern. Welchen Namen es trägt, habe ich mir nicht gemerkt, was dort an diesem Abend vorging, weiß ich heute noch nicht recht. Ein „Melawe Malko", ein Bankett oder eine Propagandaversammlung? Alles in einem. Mit Gesängen wird Königin Sabbat hinausbegleitet und mit anderen Gesängen werden die Gäste empfangen. Aus den Reden ergibt^sich, daß der Abend auch der Werbung für Bes Jaakauw gewidmet ist. Man trinkt heißen Tee und hält ebenso heiße Reden. Aus den Gläsern dampft es und der Chairman an der Spitze der Tafel glättet sich zufrieden den schönen Bart und dankt1 Goodman, der hier als, ein „heimischer Mensch" begrüßt wird, daß er den Gast und sich selber . noch in später Stünde gebracht hat. „Was heißt spät?" sagt er. „Wir kommen immer ein wenig spät, und sind immer noch rechtzeitig da . . ." Es geht bereits auf Mitternacht, doch läßt es sich mein Gastgeber, der auch auf dem Chauffeursitz seines leichten Wagens hervorragende Führerqualitäten entwickelt, nicht nehmen, mir noch ein wenig „London bei Nacht" zu zeigen, wenigstens von der Außenseite. Wie hart und dicht und friedlich beieinander liegen doch in dieser Weltstadt drückende Armut und erdrückender Ueberfluß! Nur wenige Minuten Autofahrt liegen zwischen den Elendsviertel« des E a s t e n d und den Goldgruben der City. Vor uns schlummert, groß und starr, warm eingebettet in ihren Goldbarren und Millionenwerten, die Bank of England> Sie steht wie der riesige wohlverschlossene eiserne Kassenschrank des Imperiums. Und daneben, wie im Schlafe lächelnd, die korinthische Säulenhalle des Lord Mayors der City. Dazwischen schiebt sich auf jonischen Säulen so etwas wie ein griechischer Tempel, in dem aber nur ein einziger Kult gilt, der des Mammon, — denn dieser Bau ist die Börse von London. Drüben in der östlichen Stadt waltet Frau Sorge und verscheucht vielleicht manchem Familienvater und mancher geplagten Mutter den Schlaf aus den Augen — hier ruhen, erdrückt von ihrer eigenen Schwere, die Banken mit ihren unterirdischen Stahlkammern. Nun hat hüben und drüben, über Armut und Reichtum, die Nacht wohltuend ihren weichen, dunklen Mantel ausgebreitet. Aber es ist doch einmal so, daß, im Gegensatz zum bekannten Spruche Salomons, Reichtum viel besser und ruhiger schläft als Armut. Währendim Whitechapel das kleine Leben nach einem Tage der Ruhe und Wonne langsam versickern, liegt das vornehme Viertel der Finanz wie a ü s g estorben da. Die City ist eine Tagesgroßstadt, mit einem Treiben, Hasten und / Jagen, wie sie die Welt nicht kennt. Bei Nacht ist sie der stille Schatten ihrer selbst. Der Schutzmann, der hier womöglich noch um einen Kopf größer ist als in anderen Stadtteilen, gähnt ein wenig und läßt unseren Wagen ohne Kommando passieren. Er hat hier, wo am Kreuzpunkte von neun Straßen bei Tag der Verkehr wie ein Hexenkessel brodelt, jetzt kaum etwas zu regeln. Der englische Mensch kann sich, wie kaum ein anderer, wenn er sein Tageswerk vollbracht hat, von Arbeit und Geld distanzieren. Wir fahren weiter westwärts. An dem zu dieser Nachtstunde doppelt düsteren Tower.vorbei unvermittelt in die bunten, grellen Lichtkreise großer Theater und Kinos hinein. Im Hintergrunde glitzert der Fluß und gespenstern die Silhouetten der Türme von der Westminsterabtei. Und nun sind wir in Whitehall, vor den Ministerien und den beiden Parlamenten. Oberhaus und Unterhaus. Wie oft hatte man schon die Worte im Munde und in der Feder gehabt- ■ nun kommt man zu ihnen ünd sie schlafen. Mir ists, als träumten sie von all dem, was fast täglich in diese Wände hinein- und zu . diesen Fenstern hinausgeredet wird, und murmelten im Schlafe: Palästina, Juden, Araber, Schedule, Teilung, Mandat, Dominion! . . . Das Foreign Office ist in tiefes Dunkel gehüllt. Es" hat gerade den Besitzer gewechselt, Eden ist ausgezogen und Halifax ist noch nicht eingezogen. Auch das .Haus, in dem 0 r m s b y -Gore die Apparatur der Kolonialpolitik bedient, schläft fest . . . Im Oberstock des Premiers, wo die Kabinettsitzungen abgehalten werden, brennt noch Licht. Der fleißige Chambe; riain ist noch bei der Arbeit. Ich steige aus dem Wagen und trete ganz dicht an das Gittertor heran, Yon dem allein ein Lichtpunkt in die Nacht dringt. Aus dem Dunkel wächst gespenstisch etwas hervor, wächst und wächst in die Höhe, man weiß nicht woher und wozu; und wenn es sich voll entwickelt hat, ist es ein turmhoher Schutzmann. Ob ich hier etwas suche, erkundigt er sich (er fragt nicht! „Was suchen Sie hier?"). „Ich bin hier fremd und sehe mir das Haus an, in dem Weltgeschichte gemacht wird." Er wisse die Ehre zu schätzen, sagt er, aber für eine Audienz dürfte doch die Stunde etwas zu spät sein . . . Nicht einmal ein Lächeln zuckt im steinernen Gesichte des „Wächters in der Nacht", da er diese Worte spricht. Zweierlei Sonntag. In den Straßen, durch die wir Sonntag vormittag mit dem Omnibus segeln, herrscht etwas wie „Sabbatruhe". Nur um die vielen Kirchen herum sieht man etwas bewegtes Leben. Kaum ein Geräusch stört den sonntäglichen Frieden der Häuser, hinter deren verhängten Fenstern man eine aufgeschlagene Bibel vermutet. Und unvermittelt aus dieser Welt der geweihten Ruhe gelangt man in eine andere, rauschende, schreiende, wogende und tobende Welt, in den Sonntagsmarkt von Whitechapel. Viel hat man gehört und gelesen über den Sonntagsmarkttrubel in Whitechapel, -— da die Menschen, so weit sie treu zum Sabbat halten, am Sonntag ungestört ihrem Geschäfte und ihrer Arbeit nachgehen dürfen, — aber man muß es doch gesehen haben, um es zu kennen. Ein wogender Menschenstrom rauscht um die. Karren und Tische, auf denen die Waren ausgebreitet sind. Die umliegenden Geschäfte sind geöffnet. Ein großes Warenhaus, das mit seinen tausend Angestellten Sabbat hält, ist Überfüllt von Käufern, Nicht nur Juden, sondern auch Mohammedaner, Chinesen und Indier schieben sich durch die Menge und verleihen ihr mit ihren handgewebten Teppichen und Stoffen ihre Buntfarbigkeit. Man redet und feilscht in allen Sprachen der Welt, vorherrschend ist aber .ein mit englischen Brocken stark durchmischtes Jiddisch. Es ist so, als hätten sieh hier Nalevski in Warschau, der Bazar von Jerusalem, der „Plätzl" von Paris und der Völkermarkt von Stambul mit all ihren Menschen und Schätzen zusammengefunden. Wir schieben und werden geschoben von einer Gasse in dTe andere, die alle von Handkarreh mit Obst, Geflügel, Fischen und Kleidungsstücken flankiert sind. „Rebb Jüd käuft was.'" ist die stereotype Einladung. Eine Gandhigestalt in Turban bietet uns bunte Tücher zum Kaufe an, ein kleiner Jude , mit unverfälschtem litauischen. Dialekt wünscht „Solem alechem" und will glatt a bissei smuesen", will, wissen, „wos hert sich in der Welt" und bekommt von einem anfahrenden Karren einen Stoß, daß ihm bald das „Hören von der- Welt" vergeht. „A Jid muß weitergehen!" schreit ihn jemand an. Ein schönes, Wort und wahr: Ein Jude hat nicht auf einem Orte zu bleiben, er hat weiterzugehen . . . Einen ausgemergelten jüngeren Menschen mit asketischem Gesicht halte ich für einen Jeschiwamann aus Jerusalem und reiche ihm die Hand zum Schalom. Er antwortet mit einem Salum. Er ist ein indischer Mohammedaner, der hier wohn+, weil er nur geschächtetes Fleisch genießt, und den Sabbat hält er, weil man hier am Sonntag besser und vorteilhafter verkaufen karin. Ob ich Interesse hätte für guten, indischen Tee? v. . . Ein großgewachsener Mann mit verwittertem Gesicht hält den Hut in der Hand, schreitet langsam, gemessen die Stände ab und singt mit ebenso Verwitterter Stimme ein jiddisches Volkslied. „Auf dem Prioitschok brennt a Feierlein ..." Wieviel Schicksal ist in diesem halb verwüsteten Sängerges;cht geschrieben! Manches Feuerlein mag auch in diesem Herzen gebrannt haben und wieder erloschen sein auf dem langen Wege aus der polnischen Heimat über Länder und Meere hierher. Würde ihn £ern ansprechen und seine Lebensgeschichte erfahren, doch darf ich ihn im Geschäfte nicht stören. . .Er lebt vom „Pripitschok" und von dem „Feuerlein" und von der ,,Slatte". die „ihren Menasche fragt eine harbe Kasche: Wo nemmt man auf Schabbes?" Für seine Person wird diese „harbe Kasche" mehr oder weniger beantwortet. Eine Kupfermünze nach der anderen fliegt in seine umgestülpte Mütze, sie ergibt keinen Klarig, so wie die Stimme des Sängers selbst, die klang- und farblos über das Getümmel sich ergießt . .-. Die Verkäufer haben einen guten Tag. Man sagt mir, auch vornehme Leute aus den inneren und westlichen Bezirken kämen Sonntag hierher, um gut und billig einzukaufen. Flüche, Schreie und aufdringliches Locken, wie man sie auf den Märkten in Warschau und Kowno zu genießen bekommt, hört man hier nicht. Außer dem Sänger und den kleinen Hausierern sieht man auch keine eigentlichen Bettler. Die Menschen arbeiten, handeln, machen „Busineß" und „machen ein Leben". Und das alles unmittelbar hinter den Gassen, die ganz in die Weihe des puritani« sehen Sabbatsonntags eingehüllt sind. Du hast es, Manasse, Sohn Israels, gut gemacht, als du vor rund dreihundert Jahren nach England hinübersegeltest, um dort den Grundstock einer jüdischen Siedlung zu schaffe^ eine Zufluchtsstätte für lange Sicht . . . Diese Menschen danken es dir. Deinen Erlösungsplan im Großen hast du zwar nicht in Erfüllung gehen sehen. Aber in. deiner von manchen verlachten Ansicht, Moschiachs Weg führe über England, lag doch etwas Prophetisches . . . Wer weiß? Eine Stunde später bin ich im entgegengesetzten Ende, im Hydepark, wo ein Dutzend Redner in kurzen Abständen auf Leitern und Tribünen stehen und mit Aufbietung gewaltiger Hände- und Lungenkraft reden. Es sind darunter ernste Politiker, Kritiker, Missionare, Naturapostel, Weise und Narren, Heilsarmeegeneräle, „Propheten", die den nahen Weltuntergang künden, und Jeder hat sein Publikum, das Beifall klatscht oder laut und lebhaft widerspricht. Bei einer Tribüne bleibe ich stehen. Bekannte Laute dringen an mein Ohr. „Palästina!" „Tel* lung". Jude oder einer der „Freunde Israels" von der bekannten Sorte? Es ist ein älterer Mann mit dem guten Gesichte eines Lehrers oder Landarztes. „Mit dem, was England mit Palästina und dem Volke' der Juden vorhat, kommt die Erlösung noch lange nicht," ereifert sich der Mann. „Nein!" stimme ich bei. „Ganz gewiß nicht. Höchstens eine weitere Etappe. Menasse ben Israels Traum ist noch nicht zu Ende geträumt . . ." —tz. Historische Notizen. Späte Erkenntnis. Rahel Lewin, spätere Varnhage von Ense (1771—1833), eine Frau, die um sich die geistige Elite Deutschlands (so Goethe) versammelte, assimilierte sich leider so radikal, daß sie zum Christentum übertrat. Erst auf ihrem Sterbebette wurde ihr eine Ahnung des Judentums, dessen Schrifttum sie nicht kennen gelernt hatte, und sie erklärte: „Mit erhabenem Entzücken denke ich an meinen Ursprung und an den ganzen Zusammenhang der Geschichte, durch welchen die ältesten Erinnerungen des Menschengeschlechts mit der neuesten Lage der Dinge durch Zeit- und Raumesformen verbunden sind. Ich, eine Flüchtige aus Aegypten, bin hier und finde Hilfe. Was Zeit meines Lebens mein größtes Unglück mir schien, der tiefste Schmerz meines Daseins, eine Jüdin zu sein, um keinen Preis möchte ich das jetzt' missen." Rahel Lewin besaß große Herzensgüte, darin eine Tochter ihres angestammten Volkes. Diese Eigenschaft ergibt sich auch aus ihrer selbslverferligten Grabschrift, die lautet: „Gute Menschen, wenn Ihr etwas Gutes tut, dann gedenkt in Eurer Freude auch meiner." Was .hätte diese Frau ihrer Gemeinschaft bedeuten können? Erinnerungen aus der russischen Judenheit« Wie sehr bereits in der Zeit der Pogrome zu Anfang des Jahrhunderts die Assimilation unter der russischen Judenheit begonnen hatte, beweist der nachfolgende Brief aus dem Jahre 1908: „Wegen einer ärztlichen Behandlung weilte ich 10 Tage in Kiew und hatte so Zeit genug zur Beobachtung des -jüdischen Lebens. Man findet in dieser Stadt kaum ein Haus, in dem nicht ein Getaufter die Familie verunziert. Die Erziehung der Jugend ist eine miserable. Kein Junge versteht das Beten, und das Legen der Tefillin kennen sie auch vom Hörensagen nicht. Einen TalÜS freilich hält man mehr in Ordnung, denn man will einmal im Tallis begraben werden. Am Schabbos sind bereits alle jüdischen Läden geöffnet, selbst auf „Podol", wo alle „Botei-Midroschim" sich befinden." Das Wohnen in Kiew war nur. bestimmten Kategorien von Juden erlaubt, und diese Kategorien waren gerade die in ihrer jüdischen Fundierunc; schwächsten Elemente und entsprechen nicht.der noch gut jüdischen großen Masse. Doch der noch enge Kreis der assimilierten Schichten zeigte die Tendenz zu wachsen und zu wachsen. S. G.