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Der Israelit · 1938-03-10 · Heft 10 (10.3.1938) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 10 (10.3.1938)
Date
1938-03-10
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 90 Vom jüdischen Humor. Eine Geschichte aus Chelm. Der Ofen. Im Lehrhaus der schönen Stadt Chelm ist ein großer Ofen erbaut, und auf einer Wand findet sich in großen und leuchtenden Buchstaben die seltsame Inschrift: „Dieser Ofen gehört ins Lehrhaus der heiligen Gemeinde Chelm". Was bedeutet diese Inschrift? Das wird euch folgendes nette Geschichtchen sagen: Als nämlich das Dach dieses Lehrhauses alt und brüchig geworden war, versammelten sich die Chelmer zu ernster Beratung und erwogen tiefsinnig hin und her, bis sie zu dem wunderbaren Entschlüsse kamen: „Ein neues Dach müssen wir bauen!" Und sofort zogen 'sie in Scharen hinaus, um Balken aus dem Walde zu holen. Doch wie brachten unsere Chelmer solche Balken nach Haus? Sie banden ganz einfach an jeden Balken zehn ehrenwerte Leute, schlössen sie hinten mit ihren Gürteln fest, und es trug jedes Minjan sein Balkenstück mit großer Sorgfalt und brachte es zum Bauplatz. Als sie an den Hof des Lehrhauses kamen, standen sie staunend und grüblerisch, ohne recht zu wissen, was zu tun. Denn im Vergleich mit der Breite des Hofeinganges waren die Balken viel zu lang, und wie sollten sie diese nun hinein bringen? Da stand der Klügste auf und gab einen wunderbaren Rat, den sie auch baldigst ausführten- Sie hoben einfach das Tor in seinen Angeln aus und legten das ganze Gitter nieder, und nachdem sie die Balken jetzt bequem hineingebracht hatten, bauten sie das ganze Gitter wieder auf und hoben auch das Tor wieder ein. Und zu ihrem glücklichen Staunen fanden sie jetzt die herbeigeschleppten Balken an ihrem richtigen Ort inmitten des umgebenden Hofes. Da freute sich die ganze Gemeinde und brach in. herrliche Verzückung aus: „Wo gibts Klugheit wie in Chelm?" So trugen sie also das alte Dach ab und begannen, das neue zu bauen. Da merkten sie, daß die alten Balken, die jetzt im Hof lägen, allen lästig und hinderlich waren. Schon waren sie im Begriff, die alten auf die gleiche Weise zu entfernen, wie sie die neuen hereingebracht hatten, und sie hatten schon begonnen, das Gitter wieder einzureißen. Da stand der Klügste unter ihnen auf und sprach: „Meine Ehrwürdigen! Lohnt es sich wirklich, wegen solch verfaulter Balken das Ganze nochmals umzureißen?" Da fragten sie ihn: „Und was ist denn dein Rat?" Da gab er ihnen aus seiner wunderbaren Weisheit einen tiefgründigen Rat, und den führten sie aus. Sie ließen nächtlicherweise das Hoftor offen, damit Diebe kommen und die alten Balken stehlen, und so würde der Hof von selber geleert sein. Aber die Balken blieben an ihrem Ort liegen, weil keine Diebe kamen, und die ganze Gemeinde freute sich, und brach in herrliche Verzückung aus: „Wo gibts Klugheit wie in Chelm?" Wie gesagt, die Diebe kamen nicht, und als die dunklen Nächte zum Monatsende da waren, wurden im Hof die Aus- und Eingehenden durch die Dunkelheit unsicher gemacht und verfingen sich in den umherliegenden Balken. Da sahen sich die Chelmer vor einer Gefahr für die Gemeinde, und sie beschlossen, die wunderbare Verbesserung anzubringen, daß man Laternen im Hofe des Lehrhauses anbringen und nächtlicherweise anzünden solle. Da stand wiederum der Klügste unter ihnen auf und sprach: „Meine Ehrwürdigen! Lohnt es sich wirklich, wegen Ich verfaulter Balken solch kostspielige Laternen anzubringen?" Da fragten sie ihn: Und was ist denn dein Rat?" Da ntwprtete er ihnen: „Laßt mich nur gewähren, und prachtvolles Licht werde ich Euch ganz kostenlos für die Nächte und dia Dämmerungen liefern." Sie ließen ihn gewähren, und. er gab ihnen aus seiner tiefgründigen Weisheit einen wunderbaren Rat, und den führten sie auch aus. Als die Mondnächte wieder da waren, schleppten sie ein großes, offenes, wassergefülltes Faß herbei, stellten es fachgemäß auf, daß der Mond, mit all seiner wunderbaren Leuchtkraft sich darin spiegeln konnte, und als das genügend geschehen war, sprangen sie eilends herbei und bedeckten das Faß mit einem festen Dach und banden das Ganze mit eisernen Faßbändern 2u, und hatten so den leuchtenden Mond prächtig gefangen und schleppten ihn ins Lernhaus, als guten Hüter für die Nächte und die Dämmerungen. Und die ganze Gemeinde freute sich und brach in herrliche Verzückung aus: „Wo gibt's Klugheit wie in Chelm?'-' So nahten also die Nächte und Dämmerungen, und die Chelmer kamen jetzt, den Mond herauszuholen, um ihn an den Dachgiebel zu hängen, als Beleuchtung für den Hof. Sie öffneten das Faß, und der Mond war nicht mehr da. Sofort vermuteten sie ganz richtig, daß Diebe ihn gestohlen hätten. Da wurden die Chelmer Weisen von aufrichtiger und sehr begreiflicher Sorge erfüllt. Und der Klügste unter ihnen stand wiederum auf und sprach: „Meine Ehrwürdigen* die ihr so sehr diesem Licht nachtrauert, paßt auf, daß nicht auch noch die Wärme aus ün-

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