Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1938)
- Date
- 1938-02-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 6 D c r I sxa eilt LITERARISCHE WARTE. - i ■ ReÜgiosität der Tat oder des Gefühls? Zum 60. Geburtstag Martin Bubers.*) Bubers Theorie spricht über sich selbst hinaus, sobald, man in der Anwendung auf das Menscheninnere Ernst mit ihr macht. Verlangt der von Bub er in vollendeter Unwirklichkeit, gleichsam im luftleeren Raum isolierte Akt der „Entscheidung", (wie oben dargelegt), eine inhaltliche Bestimmtheit und daher Weltanschauung fürs Denken, so muß er, um sich in der Wirklichkeit des Geschehens überhaupt durchzusetzen, nicht minder durch ethische Willensbestimmung ergänzt werden. Grade weil dieser Akt der Entscheidung der „Wesensgrund aller Religiosität" im Judentum ist, wie Buber zutreffend sagt, weil er nicht weniger als die „Verwirklichung der g'ttlichen Freiheit und Unbedingtheit auf Erden" darstellt, so kommt jetzt alles darauf an, ob es mit der Durchsetzung dieser Entscheidung in den Millionen Individuen des jüdischen Volkes, die nebeneinander und nacheinander über diese Erde schreiten, und die sich die religiöse Aufgabe von Generation zu Generation weitergeben, wahrhaftig Ernst sein soll oder bloße verflatternde Phrase. Soll es Ernst damit sein, wirklicher Ernst in all den tausend Verwicklungen des alltäglichen Lebens, gegenüber den tausendfältigen Abschaltungen geistiger und sittlicher Begabung, inmitten der millionenfachen Verkleidungen des Jezer Horah von drinnen und der einheitsfeindlichen Kultureinflüsse auf den wechselnden Schauplätzen des geschichtlichen Lebens von draußen — dann kann das einfache Rezept einer auf bloßem Gefühl beruhenden „Religiosität" gegenüber solchen aktiven und passiven Widerständen unmöglich zum Siege führen. Ein von Buber selbst angeführtes typisches Beispiel aus der Urgeschichte des Judentums demonstriert das am besten. „Als Forderung und Kampf vollzieht sich die Stiftung der jüdischen Religion. — — — Das Volk ist voa^dem abgefallen, den es noch nicht zu fassen ^vermoSlite^— die Söhne Levis durchschreiten" auf Moses G-eheiß das Lager und erschlagen dreitausend ihrer Brüder. Das. ausziehende Geschlechfcähält den Prüfungen der Wüste nicht stand?—es muß in der Wüste hinsterben. In der Vernichtung alles Halben und Unzulänglichen offenbart isich der verkündete G'tt als das verzehrende1 Feuer der Unbedingtheit". Erst die Volksüberlieferung des Midrasch erschließt uns den Sinn des großen Abfalls, der sich an das goldene Kalb am Sinai anknüpft, durch den Hinweis auf zwei verschiedene psychologische Momente. Es war entweder der Wunsch, ein sinnlich wahrnehmbares Bild des G'ttlichen vor Augen zu haben, oder das Sehnen nach Befreiung von den Schranken des sinnlichen Begehrens, oder beides, was den Bruch herbeiführte. Beide Motive offenbaren sich im Rausch wilder Tänze um das glitzernde Götterbild in der Mitte des Lagers. Akzeptiert man das erste Motiv, so gibt es kaum ein schlagenderes Beispiel für die gefahrvolle Einseitigkeit Buber'scher Judentums-Deutung. Der „Mythos" soll nach ihm alles, soll das echte, Religiosität atmende Judentum sein, der „Mythos", der im „sinnlichen Erleben des G'ttlichen" aufgeht, und den nur der vertrocknete, in Rationalismus und Gesetzesstrenge erstarrte Rabbinismus aus dem Judentum hmauszutreiben Jahrhunderte hindurch zu Unrecht sich gemüht haben soll. Nun wohl — was war denn das stür-* *) Aus dem Aufsatz „Martin Buber und sein Kreis" in der Artikelreihe „Beiträge zur Orientierung im jüdischen Geistesleben der Gegenwart" von Jacob Rosenheim (siehe auch aj?l"> ^TM Ausgewählte Aufsätze und Ansprachen von Jacob Rosenheim, Band I, Seite 53, Kauffmann-Verlag Frankfurt a. M.), geben wir hier den letzten Teil wieder — gleichsam als Anregung, die ganze Aufsatzreihe, die in den 20 Jahren von ihrem Werte und ihrer Aktualität nichts verloren hat, nocheinmal nachzulesen. mische Verlangen nach dem Götterbilde ande- ■ res, als der dunkle religiöse Trieb nach sinnlich erlebbarem G'ttlichen, derselbe Trieb, der den Mythos zeugt und erhält? Es läßt sich sehr wohl vorstellen, daß die in extatischem Reigen um das Idol sich drehenden Massen, von „Religiosität" im Buber'schen Sinne erfüllt, im Tanze um das Tier den inneren Aufschwung zur zeugenden Schöpferkraft des G'ttlichen vollziehen zu können wähnten! Und doch verkünden die dreitausend Leichen der von Levitenhand erschlagenen Juden laut und vernehmlich durch die Zeiten, daß das verzehrende Feuer der Unbedingtheit des jüdischen G'ttes neben dem lodernden Gefühlsaufschwunge die Unbedingtheit reinen, vom Sinnlichen sich loslösenden Denkens und die Unbedingtheit eines vom Begehren befreiten, gesetzbestimmten Wollens fordert. Weil jenes der mystischen Dämmerung eines gefühlsmäßigen Sicheinswissens mit dem Absoluten, dieses aber dem allen Gehorsamswillen überwältigenden Jezer Horah der sinnlichen Leidenschaft zum Opfer gefallen war, schritt der sühnende Tod durch Israels Lager. Daß die religiöse Erhebung, die bei Buber eins und alles ist, keineswegs die ihr zugedachte „Entscheidung" zuwege zu bringen vermag, liegt schon tief in ihrer Natur begründet. Das Element des Genusses, und sei es aufs höchste und feinste zum Genuß des G'ttlichen sublimiert, das allem ungebrochenen, konzentrierten Fühlen innewohnt, bringt dieses in allzunahe Nachbarschaft zum Sinnlichen, als daß auf diesem Wege die gewünschte Ueberwindung der Sinnlichkeit erreicht werden könnte. Kant war ein besserer Psychologe als Buber, wenn er — im Einklang mit dem Rabbinismus — die „Neigung" als Motiv des sittlichen Handelns mit rigoroser Intoleranz in all ihre Schlupfwinkel verfolgte. Nicht nur die Priesterjünglinge Nodow und Abihu, die doch sicherlich im Rausche höchsten religiösen Erlebens handelten, sondern Ahron, der Priester selbst, der im Genüsse seiner Würde einen Akt der „Meila", der Veruntreuung am heiligen Salböl begangen zu haben fürchtet, sind ewig lebende Beispiele für die Ueberlegenheit der biblisch-rabbinischen Totalauffassung religiöser und sittlicher Zusammenhänge über die Einseitigkeit des Buber'schen Subjektivismus. Allein auch abgesehen von ihrer gefährlichen Verwandtschaft mit dem Element des Genusses ist die „Religiosität" als solche ein für sich allein ganz untaugliches Mittel, die ».göttliche Unbedingtheit" gegenüber der Vielfältigkeit der sinnlichen Widerstände durchzusetzen. Hierzu bedarf es vielmehr — muß auch das Ziel durchaus als rein religiöses gefaßt werden — einer planmäßig angelegten Technik der Willenserziehung, ohne die alle innere Gefühlserhebung zum G'ttlichen (ebenso wie alle Erleuchtung des Geistes durch Ideen) zur widerlichsten Lüge und Blasphemie wird. Diese Technik der Willenserziehung ist die weltgeschichtliche Leistung der Halacha, urjd zwar sowohl der spezifisch . halachischen Teile der g'ttlichen Offenbarung in der schriftlichen und mündlichen Lehre, als des durch den Rabbinismus vorgenommenen theoretischen und praktischen Ausbaues der Gesetzeswissenschaft und Gesetzesverwirklichung im Leben. Wenn wir von einer Technik der Willenserziehung sprechen, so darf dabei in keiner Weise an etwas Aeußerliches, Mechanisches gedacht werden. In der Unterwerfung des Menschenwilens unter das Gesetz vollzieht sich in höchster, konzentrierter Form die Aufprägung des im Gesetze verkörperten G'tteswillens auf die Welt, der Erscheinung, ' also der eigentliche Inbegriff der We'tentwicklung, die ja aus Einheit über Menschentat zur Zukunft führt. Und die Form dieser Unterwerfung istj frei von allem Zwang, die des freiesten Gehorsams aus einer Gesinnung heraus, die innerhalb einer mit wunderbarer- Eigenart ausgestatteten geistigen Atmosphäre wie ein Natürliches organisch herauswächst. Diese eigenartige Atmosphärer aber, in der abstraktes kritisches Denken, schwärmerische G'ttesbegeisterung und eiserner Pflichtgehorsam zu einem wundersamen Ganzen zusammenschmelzen ,ist die Welt der eigentlichen biblisch-talmudischen Halacha, der Gesetzeswissenschaft, die Welt des „Lernens". - Tränen möchte man vergießen, wenn man all die Worte der Lieblosigkeit und der Verkennung sich, vergegenwärtigt, die halb und ganz entfremdete Söhne des" jüdischen Volkes grade gegen diese den ureigensten geistigen Besitz des Judentums bildende geistige Welt gerichtet haben! Zu ihrer Würdigung hat Lazarus in seiner Ethik schöne und verständnisvolle Worte, hat unter den Nicht juden Herford zwar am Aeußeren klebende, aber doch ehrlich warme Töne gefunden — Buber steht ihr, im Banne seines Teil-Judentums und seiner Kampftheorie, ohne die rechte Erkenntnis gegenüber. •_. Derselbe Buber, der sein literarisches Material zum größten Teile aus den Schatzkammern der Gemara holt, der sich darüber erregt, daß überhebliehe Verständnislosigkeit den Midrasch in seiner Tiefe als „spitzfindige und unfruchtbare Kommentarsammlung", die Agada als „flache Parabeldichtung" abgetan hatte, derselbe Buber stimmt seinerseits in den Chorus der paulinischen Theologie ein, um von „spitzfindiger Kasuistik" in der Wissenschaft, von „wimmelndem Formelkram" und „freudeleerer Gesetzesherrschaft" in der Praxis zu reden, Wie sinnlos ist der Vorwurf der „spitzfindigen Kasuistik", Das wirkliche Leben besteht nun einmal aus einer unendlichen Mannigfaltigkeit von „Einzelfällen',', und in dem Augenblick, in dem die aus höchster Einheit herfließenden Prinzipien ihren gefahrvollen Weg antreten über das Gestrüpp und Geröll, das Kosen und Locken der Sinnlichkeit zu den der Unterwerfung harrenden Dingen dieser Welt — müssen sie notwendig zu einem zu tausenden Einzelheiten sich erweiternden ethisch-juristischen Systeme werden, wie es in der jüdischen Gesetzeswissenschaft vor uns liegt. Allein diese Gesetzeswissenschaft hat . ihren Selbstwert und ist in ihrer umfassenden Tiefe und Weite vom Bibel wort vorausgesetzt, .. ,• Mit der restlosen Hingabe der ganzen Volkskraft an diese Gesetzeswissenschaftjh^t;das jüdische Volk daher nichts weiter getäny; als^was sein Gesetzgeber vom ersten Augeriblifkeah von ihm verlangte: es hat mit höchstem Ernste, mit der Wucht wahrhaft sittlicher,_lUnbedingtheit die Konsequenz aus5 „Schma' |. „Bo^ucH", „Weohawto" gezogen, . "^V „Und es seien diese Worte, die ich Dir heute als Pflicht auferlege, auf Deinem „zwiespältigen" Herzen — schärfe sie DeinenKinderneinund sprich von ihnen, wann Du in Dein e m Hause weilest, auf dem Wege w a n d e r s t, Die h n i e d e r 1 e g e s t o de r Dich e r - h e b e s t." Es gab und es gibt aber auch praktisch keinen anderen Weg, um ein ganzes Volk,- auf hundert Schauplätzen der Geschichte, in der Folge von Generationen für eine so ungeheure.religiöse Aufgabe zu erhalten, als den Aufbau einer den ganzen inneren Menschen ergreifenden geistigen Welt, wie sie die Gesetzeswissenschaft darstellt, und den Aufbau einer den Willen der Individuen zur vollendeten Emanzipation vom Jezer Horah erziehenden Lebenspraxis, wie sie die Gesetzeserfüllung sichert. Es würde in diesem Zusammenhang zu weit führen, die beiden letzteren Thesen durch eine psychologische Analyse des „Lernens" einerseits, der gesamten pflichtgemäßen Mizwa-Erfüllung andererseits, im einzelnen zu begründen. Werden wir Ja ohnedies, die geistigen Strömungen der Zeit musternd, voji anderer Seite aer, denselben Weg nöchmals zu beschreiten, aus Teil-Judentümern um so tiefer und klarer den Wahrheitsgehalt des geschichtlich gegebenen Total-Judentums zu erschließen haben.