Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1938)
- Date
- 1938-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451016--83506-2541510- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ZauAN. Frankfurt a. M. 27. Januar 1938 25. Schebat 5698 Nummer 4 Neue Siedlungsmöglichkeiten für Juden? Ca na da öffnet seine Pforten. Ottawa, 21. Jan. In einer Unterredung mit jüdischen Pressevertretern erklärten die Einwanderungsbeamteti der Canadischen Regierung, daß die Tore von Canada jedem Juden offen ständen, der bereit sei, sich auf dem Lande anzusiedeln. Die Beamten gaben ihrem Erstaunen Ausdruck und tadelten es, daß die jüdischen Hilfsorganisationen ungenügende Anstrengungen gemacht hätten, mit der canidischen Regierung wegen der systematischen Ansiedlung von Juden in Canada zu unterhandeln. Eine dauernde Ansiedlung von Juden sei in den westlichen und nördlichen Distrikten des Staates O n t a r i o möglich. (Anmerkung der Red.: Daß es angesichts der heutigen Lage erst eines derartigen Winkes mit dem Zaunpfahl bedarf, um die Aufmerksamkeit unserer jüdischen Auswanderungsorganisationen auf das aussichtsreiche Dominion des British Empire zu lenken, ist ein überwältigender Beweis für die Notwendigkeit der Errichtung eines zentralen jüdischen Wanderungs¬ und Siedlungsamtes durch die gesammelte Kraft aller derbisher isoliert vorhandenen Organisa tionen ohne Ausnahme.) P a r is, 21. Jan. Die Gesellschaft „Emcol" hat Nachrichten über die Ankunft des Herrn M. Laserson in Neu-Caledonien erhalten, wo er die Einwanderungsmöglichkeiten für Juden im Auftrage der Gesellschaft studieren soll. Neu-Caledonien ist eine Insel, die zu den vom französischen Colonia'amt für jüdische Einwanderung empfohlenen Gebieten gehört. Die Judenfrage vor dein polnischen Sejm. Warschau, 26. Jan. Die Etats debatte im Sejm wurde gestern mit einer Aussprache über die Judenfrage eingeleitet. Der Berichterstatter^ über den Etat, Ab. Wojciechowski. hielt eine im Tone gemäßigte Rede gegen die Juden, die sich auf Kosten des polnischen Volkes in den Städten festsetzten. Die Erbitterung in der polnischen Jugend sei dadurch erklärlich. Redner wünscht, daß den in den Nachkriegsjahren eingewanderten Juden die polnische Staatsangehörigkeit wieder aberkannt werde, Die reichen Nationen, vorab Großbritannien, mögen dafür sorgen, daß die Juden bei ihnen oder durch freie Einwanderung in Palästina eine Heimat bekommen, und die Jüdenheit Polens täte gut daran, die polnischen Auswanderungspläne zu unterstützen. Den Standpunkt der Regierung erläuterte der Ministerpräsident Skladkowski selbst. Eine Lösung des Problems unter dem Rassenstandpunkte lehne die Regierung ab, ebenso wie sie den Radau-Antisemitismus bekämpfe, aber sie übersehe den Kampf um den Lebensraum und das tägliche Brot nicht. Mit einem konkreten Programm befasse sich z. Zt. die Regierung nicht, sie sei aber willens, die Rechte aller Staatsbürger nach dem Grundsatz der Gleichberechtigung zu achten. Immerhin möge das polnische Judentum der Wirklichkeit ins Auge sehen und' die sich vollziehende Wandlung begreifen. Von der Arbeit der Militärgerichte. Jerusalem, ,26. Jan Die zwei orientalischen Juden, Ephraim Er in und Abraham Jacob, 19 und 17 Jahre alt, von denen fälschlich berichtet worden war, daß sie zum Tode verurteilt wurden, erhielten am Freitag je fünf Jahre Gefängnis Ein Jude namens Echeziel A 11 m a n n , 22 Jahre alt, wird sich am 2. Februar vor dem Militärgericht zu verantworten haben. Er wird beschuldigt, am 27. Dezember als Hilfspolizist auf einen arabischen Omnibus geschossen zu haben. Drei Araber, Hussein Ahmad C h u 11 aus Jerusalem, Abdul Kader aus Hebron und ein Araber aus Nablus wurden vom Militärgericht in Jerusalem zum Tode verurteilt. Chutt und Kader wurden am Samstag hingerichtet. Die Auswanderungsfrage. Von' H. A. G. „Nie hatte die Geschichte eine weltumspannende Wanderung von ähnlicher Großartigkeit gezeigt wie den gewaltigen Strom, der sich aus dem großen Reservoir jüdischen Lebens im Osten seit Jahrzehnten nach Amerika, Australien, Südafrika, dem Westen überhaupt, ergießt. Es ist geradezu eine Schicksalsfrage für das Volk der Thora, ob diese ungeheure durch nichts aufzuhaltende Extensivierung jüdischer Siedlung überstanden wird, ohne daß der alte einheitliche Thorageist vollkommen verloren geht. Eine das Ganze umfassende einheitliche Organisation, die tief Wurzel geschlagen hat im religiösen Bewußtsein jedes Einzelnen, die den jüdischen Wanderer begleitet aus der alten in die neue Heimat, ihn dort umfängt und fest verknüpft hält mit den führenden Geistern und tragenden Ideen jener Heimat — kurz, die den lebensgefährlichen Unterschied des geistigen Klimas durch ihre verbrüdernde Einheitskraft mildert, eine solche Organisation allein kann unsere Zukunft jenseits des Ozeans retten und damit hunderttausende hoffnungsreicher Seelen für die Thora erhalten." Fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit diese Worte in Kattowitz gesprochen wurden. Mit fast prophetischer Schau sah Jacob Rosenheim die Notwendigkeit einer Weltbewegung des thoratreuen jüdischen Volkes, nicht allein für die heutige Zeit, sondern auch für die Zukunft. In diesen 25 Jahren ist jüdische Geschichte geschrieben und sind jüdische Schicksale besie- \ gelt worden. Der Morgen ist gekommen. Sind wir bereit? Die agudistische Organisation ist in der Tat Wirklichkeit geworden, diese universale Bewegung hat sich in der Geschichte unseres Volkes durchgesetzt. Heute steht sie als die unangegriffene und unangreifbare Repräsentation des sinaitischen Volkes dar. Aber der Morgen hat uns unvorbereitet gefunden. Der Strom jüdischer Wanderung wächst von Tag zu Tag. Tausende unserer Brüder verlassen ihre alte Heimat — weg von Ländern der Not, um ein neues Heim in den südamerikanischen Ländern oder in den Kolonialreichen der Nationen zu finden. Ueber Nacht kann eine blühende jüdische Gemeinde zerstört sein. Unsere Jugend sieht hoffnungslos in die Zukunft — Verzweiflung in ihrem Herzen und Gebet auf ihren Lippen. Wären nicht rigorose Einwanderungsgesetze vorhanden, so würden Millionen von ihrer Heimat fliehen, der Heimat, in welcher ihre Vorfahren söhon seit vielen Jahrhunderten ansässig waren. Aber das orthodoxe jüdische Volk ist unvorbereitet. Wir haben die Warnung, die uns Rosenheim in Kattowitz vor 25 Jahren gab, nicht beachtet. Wir haben zwar die Organisation gebildet, aber die Auswanderung geschieht ohne unsere Einwirkung und ohne unsere Teilnahme. Unsere jungen Menschen wandern hinaus in das Dunkle; wir begleiten sie nicht, wir empfangen sie nicht bei ihrer Ankunft, wir helfen ihnen nicht, gebrochenes Dasein aufzubauen. Die großen jüdischen Organisationen der Welt, wie die Reichs Vertretung, Council for Ger- X