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Der Israelit · 1938-01-13 · Heft 2 (13.1.1938) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 2 (13.1.1938)
Date
1938-01-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 2 1938 Der „Seher" aus Jerusalem. Die Diskussion über den Judenstaat ruft in Jerusalem die Erinnerung an einen seltsamen Mann wach) der vor zehn Jahren als „Seher mit prophetischer Gabe" im heiligen Lande viel von sich reden machte. Im Rigaer „Hajnt" lesen wir über diesen Mann folgendes: Es war im Dezember 1927, als sich in Jerusalem die Kunde verbreitete, daß in einer der vielen Höhlen, an denen das alte Jerusalem so reich ist, ein Mann tagtäglich gewaltige Mengen anziehe, denen er Reden halte und den Endtermin für die Ankunft des Moschiach verkünde. Alle Welt sprach damals von diesem „Messiaskünder". Auf der Straße wie in den Bethäusern fragte man sich: „Hast Du den Seher schon besucht, ihn schon gehört, gesprochen?" Die Residenz dieses neuen Propheten war die sog. „Höhle des Sanhedrin", unweit des bucharischen Viertels. Wenn wir hinkamen, sahen wir eine ausgemergelte Gestalt mit flammenden Augen, mit wild gewachsenen Haarsträhnen und einem kurzen, schütteren Bärtchen. Schlecht angezogen, fast halbnackt, stand der Mann in der bekannten Art der Naturmenschen da. Wollte ihm jemand, Kleider oder Essen reichen, verweigerte er die Annahme. Nur hier und da, ein paarmal in der Woche, nahm er frugale Kost zu sich. Obwohl die Stadt Jerusalem nicht gerade arm-an Schwärmern und allerlei zweifelhaften Propheten ist, lenkte doch dieser Mann das Interesse Aller auf sich, Auch bekannte Rabbinen, besonders die kabbalistisch eingestellten Gelehrten aus der sefardischen und orientalischen Kolonie, nahmen den Weg zu diesem seltsamen Manne, um seine Art zu studieren. Manche alte Jerusalemer verbrachten viele Stunden mit ihm in der Höhle bei Gebeten und Kasteiungen. Besonders die Bucharer Juden verherrlichten ihn wie einen Heiligen und deckten seine kleinen Bedürfnisse willig und frohen Herzens. Der Mann nannte sich Mosche G i b o r i, und man erfuhr, daß ein amerikanischer Jude, der sich damals in Jerusalem aufhielt, an ihn glaubte und ihn auf ' jedwede Weise förderte und moralisch unterstützte. Er konnte stundenlang schweigend und verträumt in seinem Gelasse sitzen. Tat er aber, angeregt durch Fragende, die ihn ernst nahmen, den Mund aul, dann staunte man über seine Kenntnisse und seine Vertrautheit mit Tnach. Er kannte all die Unsinnig - keiten der Bibelkritik und auch die falschen, tendenziösen Deutungen der Mission und führte sie oft in sechs oder sieben Sprachen nacheinander ad absurdum. Er zeigte auch große Kenntnis der Kabbala wie der modernen Philosophie. Von seiner Mission sprach er nicht gern, aber sehr viel von Erez Israel und Moschiach im allgemeinen. Neben einigen modernen Sprachen sprach er ein klassisches Hebräisch, ebenso Arabisch und Spaniolisch. Was heute, nach zehn Jahren, uns in Staunen setzt, ist die Tatsache, daß er die blutigen Geschehnisse voraussagte und sogar die Entsendung einer Kommission und den Versuch der Judenstaatsgründung. Er hielt im allgemeinen zu der bekannten Berechnung von M a 1 b i m , nur meinte er, daß er, Malbim, sich in den Endzahlen ein wenig geirrt hätte. Man müsse, sagte er, vom ersten sichtbaren Zeichen, das er in der Balfourdeklaration sah, noch drei Schmittos, also noch 21 Jahre hinzurechnen, wofür er eine Menge von Belegen aus kabbalistischen Schriften anführen zu können glaubte. Er sagte, daß die „Grabhöhle des Sanhedrin" die letzte Etappe seines Wanderlebens sei. Drei Jahre lang habe er die Wüste Sinai durchwandert, später längere Zeit auf dem Berge Nebo gelebt, noch später im Tale Josafath und nun kam er hierher, um in Einsamkeit und Zurückgezogenheit sein Werk zu vollenden und zu verkünden. Wie er plötzlich erschienen war, so ist er auch plötzlich verschwunden, und man hörte seit zehn Jahren nichts mehr von Mosche Gibori. Nun taucht sein Name wieder auf durch eine Bekanntmachung in amerikanischen Zeitungen, daß dort jetzt ein Werk aus der Feder von Mosche Gibori erscheint, in dem auf zweitausend Seiten ein Kommentar zur Bibel geboten wird, der „alle Mißdeutungen und Mißverständnisse der Bibel sowohl auf Seiten jüdischer Erklärer wie noch mehr auf Seiten der Mission und der Bibelkritik einmal für allemal erledigt." Es bleibt abzuwarten, was wahr an dieser Mitteilung ist. Aus jüdischem Geiste, Rabbi Schmuel Schmelkes aus Nikolsburg und Rabbi Elimelech, der Verfasser des „Noam Elimelech", trafen sich in einer Stadt Kleinpolens. Die ganze Gemeinde versammelte sich zu Ehren der hohen Gäste in der Synagoge, und Rabbi Schmelkes hielt eine jRe.de voll verwickelter halachischer, agadischer und tiefer kabbalistischer Erklärungen. Nicht alle verstanden. Wie die Rede zu Ende war, betrat nun Rabbi Elimelech das Almemor und begann: „Rabbotai, ich will Euch eine wahre Geschichte erzählen. Es geschah mit einem Fürsten aus dem Hause Pototzki, der einmal mit vielen Dienern eine Seereise machte, Unterwegs rebellierten die Knechte, erschlugen ihren Herrn und einer aus der Dienerschaft legte sich den Namen des Fürsten zu und gab sich als. Pototzki aus. Als einmal der falsche Fürst krank wurde, eilten die Aerzte herbei, um ihn zu heilen. Sie wandten die feinsten Mittel an, wie sie bei verwöhnten hohen Herren üblich sind, der Heilerfolg blieb aus. Da holte man einen einfachen Feldscher, der mit den gröbsten Mitteln, mit Blutegeln und ähnlichen Baderkünsten, vorging, und siehe, der vermeintliche Fürst kam wieder auf die Beine. Wir erleben hier ähnliches, sagte Rabbi Elimelech. Unser Rabbi Schmuel, der nicht ahnt, was eine Sünde ist, trug Euch die feinsten, höchsten und tiefsten Dinge vor, warf Fragen auf, die nur für Gelehrte, Gerechte und Heilige bestimmt sind. Ich bin aber der Mann aus dem Volke, der Feldscher; ich komme mit einfachen Hausmitteln, und die werden Euch Gesundung bringen." Und er begann eine Rede mit Gleichnissen aus dem Leben des Tages, die alle verstanden. * * ' Dem nämlichen Rabbi Schmuel Schmelkes begegneten in Nikolsburg moderne jüdische junge Leute mit glatt rasiertem Gesichte, Augengläsern und Spazierstöcken in der Hand. „Wie raffiniert und kunstvoll ist doch die Strategie des Jezer Horra", seufzte der Rabbi. „Früher war es so, daß, wenn ein Mensch auf der Höhe seines Lebens eine Schwächung seiner Augen fühlte und Brillen brauchte, da wurde er daran erinnert, daß es Zeit sei, Buße zu tun. Wurde ihm der Bart er graut, dann wußte er, daß es erst recht Zeit sei zur Umkehr. Alterte er noch mehr und brauchte schon einen Stab zur Stütze, dann wußte er, das Ende nahe und es sei höchste Zeit, Selbstrechnung zu halten. Was tut nun der Jezer Horra? Er gab schon den Jungen die Augengläser, drückte ihnen den Stab in die Hand und gab ihnen ein, den Bart abzurasieren, — damit später Brille, grauer Bart und Stab ihre mahnende Wirkung verlieren . . ." * * Rabbi Meier S c h a p i r o ^"XT/ der geniale Begründer und Leiter der Weltjeschiwa zu Lublin, pflegte bekanntermaßen zum Czortkower Rebben zu fahren, zu dessen Anhängern er zählte. Ein Verehrer eines anderen Chassidimrabbi fragte Rabbi Meir, warum er gerade nach Czortkow fahre, es gäbe doch Rebbes, zu denen viele Tausende kommen, während er in Czortkow höchstens einige hundert Pilger antreffen würde. „Weiß ich," antwortete Rabbi Meir in seiner bekannten Schlagfertigkeit. „Mein erster Lehrer, der mit mir „Olef Bes" lernte, zählte sechzig Schüler, mein zweiter Lehrer, bei dem ich Chumisch und Raschi lernte, hatte nur noch, zwanzig. Bei dem Rabbi, bei dem ich aber schwere Gemoropartieen lernte, saßen wir nur z u d r i 11. Bücherbesprechungen. Sabbatstunden. Betrachtungen zu den Wochenabsehnitten des Jahres von Juda Ster, Bratislava. 19 3 8. Verlag des Verfassers, Juda Ster, Liniengasse 33. Wer das Werk Sters, die vor zwei Jahrzehnten erschienene „Talmudische Pädagogik" kennt, weiß nicht nur den Gelehrten, sondern auch den feinfühligen Psychologen zu schätzen. In obigem Werke überreicht er uns eine nach gleichen Richtungen gereifte Frucht. Er reicht der jüdischen Volksseele kräftige und zugleich wohlschmeckende Nahrung. Die „Sabbatstunden" Sters sind im besten Sinne ein wahrer mz? im- Der Verfasser kennt die Vorzüge der alten Maggidimschule, aber er weiß auch die Perlen moderner Kanzelredner zu schätzen. So sucht er die Lichtseiten beider Richtungen harmonisch zu vereinigen. Das ist ihm vorzüglich gelungen. Nicht nur der Laie, der schlichte Mann des Volkes, kommt auf seine Rechnung; auch der Lernkundige findet Gelegenheit, sein Wissen noch zu bereichern. UeTjerall ist dieses Ziel und Prinzip Sters zu erkennen, in sämtlichen Sidrabetrachtungen. Wir müssen es uns an dieser Stelle leider versagen, Stichproben zu bieten. Wer auch nur eine Sidrabetrachtung gelesen, der wird kaum warten bis zum nächsten row, um fortzufahren Das erwachte Interesse verlockt zum Vorgreifen Nicht in letzter Linie reizt auch die größere lateinische Druckschrift den Leser, sie ist für das Auge direkt wohltuend. Auch sonst ist die Ausstattung des Buches eine gefällige und solide. Wehmütig stimmt die Bemerkung, daß der Verfasser sein Buch dem Andenken seines unvergeßlichen, allzufrüh verblichenen Schwiegersohnes, Dr. Arthur Viktor ^"Slr Rabbiner in Hindenburg, widmete. Mögen die „Sabbatstunden" in recht viele jüdische Häuser und Herzen ihren Einzug halten, um zu belehren und zu erbauen! (Zu beziehen vom Verfasser selbst, Bratislava, (Preßburg), Liniengasse 33. Mr.. Jüdische Wanderungen in Frankfurt, Hessen, Hessen- Nassau. Von Saul Lilienthal. Frankfurt a. M. 1938. J. Kauffmann, Jüdischer Buchverlag. Die Schrift befleißigt sich bei der kurzen Zusammenfassung der Geschichte der Frankfurter Gemeinde, auch der Religionsgesellschaft, einer gewissen Objektivität, darum ist man versucht, 'alle schweren Unterlassungsfehler wie manche schiefe Darstellung einfach auf Unkenntnis der Dinge zurückzuführen. Zu Frankfurts großen jüdischen Söhnen wird auch Ludwig Börne gezählt, unter anderen, die ganz oder halb gekauft waren. Dem „Philantropin" wird ein ganzes Kapitel gewidmet, auch die anderen Lehranstalten der Israelitischen Gemeinde werden nicht vergessen, die S. R. Hirsch-Schule wird mit einer halben Zeile unter „Sehenswürdigkeiten" abgetan und die Jüdische Volksschule sucht man vergebens. Auch kennt der Autor die Thoralehranstalt Jeschiwa nicht. Unter den Frankfurter „jüdischen Schriftstellern" wird kein Schreiber übersehen, der gelegentlich einmal irgend ein zweifelhaftes Lehrbüchlein geschrieben hat, Isaac Breuer, den Verfasser des „Neuen Kusari" oder der Verfasser des „Licht aus dem Westen", „Feuerzeichen" haben keinen Platz auf dieser „Galerie der unsterblichen Frankfurter". Die wenigen Proben, die sich beliebig vermehren ließen, zeigen zur Genüge, daß hier aus Mangel an Vertrautheit mit den Dingen eine Tendenzschrift entstanden ist — auch wenn ein subjektives Verschulden fehlen sollte. M. B. myrm pjw m n»a TiöVn **?pn (Helsingfors 1938.) Es scheint, daß Vereinsamung in geistiger . Hinsicht zu intensiver geistiger Produktion anregt, daß der auf sich selbst gestellte Geist doppelt seine Schwingen entfalten will und muß. Unsere Großen in den thorareichen Ländern sind nicht nur durch Mangel an Zeit kaum in der Lage, ihre Geisteserzeugnisse zu sichten und zum Druck zu bringen, sie sind durch ständigen Gedankenaustausch mit Genossen und Schülern derart in ständiger geistiger „Aufbauarbeit" begriffen, daß ihnen alles Fertige immer noch unfertig erscheint, alles Abgeschlossene noch entwicklungsfähig und -bedürftig. Ein klassisches Beispiel: die Thora von Rabbi Chajim Brisker, seit Jahrzehnten wohl der kostbarste, täglich neu als Reichtum empfundene Schatz der östlichen Jeschiwaus — erst im Jahre 5696 ist sie als 'iVn D"n un ntwn einem weiteren Kreis durch den Druck zugänglich gemacht worden. Und auf der andern Seite: bekannt ist die große Zahl wertvoller halachischer Veröffentlichungen, welche der Raw - Lewitan nun wieder in seiner litauischen Heimat in Amt und Brot — in der Zeit veröffentlichte, da er in Oslo, auf einen kleinsten Kreis verstehender Menschen angewiesen, als Rabbiner wirkte. Bekannt ist die fruchtbare literarische Tätigkeit meines hochverehrten Amtsvorgängers, Rabbiner Dr. W i n k 1 e r $>"Xt, die ihren schönsten, von allen Gedaule Hadaur gebührend gewürdigten Ausdruck — und leider auch Abschluß — in seinem £3' nafr» auf ntJlD fand. Und nunmehr überreicht der Oberrabbiner von Helsingfors, Dr. Simon Federbusch, seine „Taimudforschungen" der Oeffentlichkeit, und schenkt ihr damit ein höchst gediegenes und wertvolles Werk, Der berufene Dozent wird gewiß an Manches die kritische Sonde anlegen, er wird vermutlich des Verfassers zu kühle und, wie auch mir scheint, nicht ganz gerechte Haltung gegenüber den östlichen Jeschiwaus beanstanden und auch sonst an manchen Stellen Einwendungen gegen die Schlüsse und Auffassungen des Verfassers erheben, darüber hinaus wird er aber freudigst überrascht sein von dem ungewöhnlichen talmudischen Können des Verfassers, seinem nwpa und seinem ms,nn, von seiner zwingenden Deutung vieler schwieriger Stellen in Halacha und Agada, von der tiefgreifenden und umfassenden Arbeit über die nw m»«/ die, ein origineller Peutungsversuch, im Lauf der Untersuchung Licht wirft auf viele schwere Stellen in der Gemoro und den Kommentatoren, von der Verwandtschaft der Gedankengänge des Verfassers in seinem Aufsatz mmn sn» nmn bv mit den erst jüngst von Isaac Breuer erhobenen Forderungen an die Adresse unseres R. R., und von vielem Anderen mehr! - Das Ungewöhnliche, den Rezensenten durch eine, allerdings ganz lückenhafte „Vorrezension" auf ein wichtiges, der Besprechung durch ihn harrendes Buch hinzuweisen, soll doppelt, gerechtfertigt werden: durch den hohen Genuß, den "das Büch dem Schreiber dieser Zeilen bereitet hat und vor allem durch die beglückende und beruhigende Tatsache," daß der skandinavische Norden auch heute noch zu so ernster und hingebungsvoller, und nur dadurch erfolgreicher Thoraforschung fähig ist. Und ernste, hingebungsvolle Vorbilder müssen Schule machen. Wolf S. Jacobson-Kopenhagen.

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