Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 46 (18.11.1937)
- Date
- 1937-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 46 1937 Schwiegervater und Schwiegersohn. (Fortsetzung.) Abends warteten Jünger und Gäste auf der Wiese vor der Stadt mit Kerzen und Fackeln auf den Wagen, der beide Rabbis in die Stadt bringen sollte. So viele Menschen hatten sich angesammelt wie zu einem Jahrmarkte, einer Messe, und die Menge jubelte in freudiger Feststimmung. Nacht dunkelte heran, schlecht war die Lange Straße, die schon gleich nach der Wiese die Stadt einleitete, mit einer Petroleumlaterne an der Kreuzung beleuchtet. Dunkler Tannenwald am Rande des Weges schickte lange, schwarze Schatten. Die Wachskerzen in den Händen der Menschen vertrieben das Dunkel nicht, auch wenn sie dem Winde standhielten. Der Chor sang das Lied von den, ,,Zwei heiligen Fürsten", und die Menge fiel brausend ein, mit halben Tönen, halben Worten, und warf allen Rhythmus, alle guteingeübten Fugen und Einlagen des Jüngerchores über den Haufen.. Als jenseits des Stadttores vor den ersten Häusern die freudige Begeisterung den Höhepunkt erreichte, wurde Note, der hartbedrängte Fuhrmann, der bei diesem feierlichen Anlasse nicht einmal fluchen durfte, sanft vom Bocke gerissen. Kundige Hände spannten die Gäule aus, die unter Führung Notes geduldig und neidlos zur Seite traten. Kräftige Arme hoben den Wagen hoch, trugen ihn wie eine Sänfte auf den Schultern durch die dunklen Gassen, singend, jubelnd. „Halleluja! . . ." „Sehne Sore kodesch! , , ." Wer sah in der Dunkelheit und in der Trunkenheit der Freude, wie auf der einen Seite Rabbi Akiwa sachte aus dem Wagen stieg. ,,Die Leute wollten ihrem Rabbi Mosche huldigen. Warum auch nicht? Er verdient es. Ich mache mit , , Und auf der anderen Seite stieg langsam und bedächtig Rabbi Mosche ab. „Rabbi Akiwa, ein Kind ihrer Stadt. Man ehrt einen Gelehrten und ich darf mich nicht ausschließen." Und er legte mit Hand an. Was war das? Vor dem Hause des reichen Vorstehers Rabbi Meiteles, wo die hohen Gäste Quartier nehmen sollten, stellten die Begeisterten einen leeren" Wagen ab. Die beiden Rabbis waren von der stürmenden Menge ein wenig zurückgedrängt worden und kamen etwas später, jeder für sich, langsam und keuchend nach ... Die Hochzeit selbst trat hinter die Feierlichkeiten, die dem Hochzeiter und seinem Schwiegervater galten, ganz zurück. Die Stunde der Trauung war nicht bekannt gegeben. Rabbi Mosche wünschte, seinen zweiten Tempel nur vor zehn Zeugen aus der nächsten Umgebung in aller Stille zu errichten. Als aber in der Abendstunde die Fackellichter im Schulhofe aufflammten, eilten doch Hunderte heran, die Zeugen des Vorganges sein wollten. Sie fanden ein geschlossenes Tor und noch dazu ein paar handfeste Gesellen vor dem Eingange, die mit kräftiger Faust die Anstürmenden zurückdrängten. Ueber die Mauer rief die Menge das Amen zu den leise hergesagten Segenssprüchen Rabbi Akiwas, über die Mauer schickte sie ihr hundertstimmiges Maseltow hinüber, als das Klirren des Glases das Ende des feierlichen Aktes anzeigte. Die Braut selbst hatte außer den zur stillen kleinen Familienfeier geladenen Gästen kaum einer zu Gesicht bekommen. Nach den Hochzeitsfeierlichkeiten blieben Schwiegervater und Schwiegersohn in Gesellschaft vieler rabbinischer Gäste noch einige Tage in Eisenstadt. Die sonst so ruhige Stadt des Burgenlandes erinnerte an einen Konferenzort der Vierländersynode, in dem in früheren Jahrhunderten die großen jüdischen Fragen ausgetragen wurden. Aller in Stadt und weiter Umgegend angesammelte Stoff, viel Zündstoff darunter, wurde vor das hier einmal errichtete Forum gebracht und von diesem restlos aufgearbeitet. Streitigkeiten in Gemeinden und Familien, die Jahrzehnte die Gemüter erregten und die Menschen entzweiten, wurden nach Gesetz, Recht und Billigkeit geschlichtet. Langwierige Prozesse fanden vor diesem höchsten Tribunal ihre endgültige Erledigung. Einzelne kamen mit ihrer privaten Not, mit der Last ihrer Seele und fanden Gehör, Hilfe und Erleichterung. „Helft, Rebbe," jammerte eine junge verhüllte Frau und ließ die flehenden Augen vom Schwiegervater zum Schwiegersohne wandern, ohne zu wissen, welcher der größere und zuständige sei. Das wußte auch sonst keiner. „Was wünscht eine jüdische Tochter?" fragte Rabbi Akiwa gütig. Eine längliche Geschichte erzählte die Frau beredten Mundes und wehen Herzens, deren Inhalt aber beiden Rabbis aus vielen anderen Fällen wohl bekannt war. Das ewige Jammerkapitel der A g u n a , der verlassenen, an irgend einen verschollenen Namen geketteten Frau- Hier hatte der Fall noch seine eigene Note. Die Frau war aus gutem Hause, fromme Tochter frommer Eltern, war vermählt mit einem der Neuen, von dem man aber nicht wußte, wie weit er bereits gegangen war, War kleiner Beamter und strebte nach weiterem Aufstieg und . . . Die Frau bedeckte mit der flachen Hand das Gesicht und weinte. Wie konnte sie in dieser reinen Atmosphäre, vor diesen Männern, die wie die Engel des Himmels sich in diese Stadt herabließen, um den Beladenen zu helfen, das grausige Wort herausbringen? .". . „Und er ließ sich taufen", ergänzte Rabbi Akiwa. Auch das kannte er. „Ja," weinte die Frau, ohne das Wort auszusprechen. „Die Rabbiner sagen, ich müßte Scheidebrief von ihm haben. Er aber, sein Name sei ausgelöscht, weigert sich, Get zu geben." „Will Geld erpressen," wußte der Friedländer Raw Bescheid. ,,Ja( soviel, daß ich es nie werde aufbringen können, und hält mich gebunden in Not und Elend, mich und meine armen Kinderchen . . ." „Ist alles versucht worden, ihn zu ermahnen, zu erweichen?" Ja, es war alles versucht worden, und alles war vergebens. Rabbi Mosche in Preßburg befaßte sich schon wiederholt mit dem Falle. „Man müßte der armen Frau helfen," meinte der Friedländer. „Wie aber?" „Weiß der Preßburger Raw („Friedländer Raw" und. „Preßburger Raw", so und nicht anders betitelten sich die beiden auch nach der Verbindung) ein Mittel, den Meschumad (Renegaten) hierher zu zitieren?" Nein, er wußte keines. Aber Einheimische, die den Fall und den Mann gut kannten, wußten was. Ehrgeizig war Boris, der sich auf Kosten der Religion in ein kleines Amt hineingeschlichen hatte, ehrgeizig über alle Maßen. Ein Held wollte er sein um jeden Preis, machte sogar seine Fahnenflucht zum Heroentum; Feigheit ließ er nicht auf sich sitzen. Wenn man ihn beim Ehrgeiz packen könnte! Frühere Freunde erboten sich, einzugreifen, machten sich auf und redeten auf Boris Malchow, alias Boruch Malkiel, ein: „Hast du wirklich Mut, dann folge der Einladung der alten Rabbis und stecke es ihnen richtig! . . . Fürchtest du, ein Mann von Welt und Bildung, hohe Amtsperson, die alten verknöcherten Rabbis? Solltest dir einen Spaß, daraus machen, ihre verrosteten Weisheiten anzuhören und abzutun. .Bist du so feige, Boris Malchow, Oberinspektor (er hoffte, es einmal zu werden) des Akzisarates? . . ." Nein, feige war er nicht, gerade das nicht. Er mußte und konnte es beweisen. Und er trat mit überlegenem, hochfahrendem Grinsen vor das Kollegium der Rabbis. Rabbi Mosche wandte das Gesicht ab. „Es ist verboten, ins Antlitz eines Frevlers zu schauen." Aber in seinen strengen Mienen spielte auch ein Ausdruck von Schmerz, tiefem Schmerz über eine Israel verlorengegangene Seele. Wehe Erinnerung stieg in ihm auf, Erinnerung an einen störrischen Schüler, der Mordechai Saphir hieß. Es war lange her . . . Rabbi Akiwa aber war ganz Güte, eitel Mitleid, mit der unglücklichen Frau und mit dem verlorenen Sohne. Wohl sah dieser mit seinem aalglatten Gesichte, den kurzgeschorenen Haaren und dem gezwirbelten Schnauzbarte unter der Nase wenig zugänglich für ein jüdisches Wort, eine jüdische Mahnung aus. Eine dunkelblaue Amtsjoppe mit blanken Messingknöpfen und goldgestreiften Achselklappen vervollständigten die unjüdische Erscheinung. Aber Rabbi Akiwa hatte in seinem stark" fortgeschrittenen Lande gelernt, auch mit Leuten dieses Schlages umzugehen. „Was sollte euch davon abhalten, der Frau den Scheidebrief zu geben? Werden es euch gewiß nicht schwer machen," sagte er bittend und gütlich zuredend. „Prinzip!" versteifte sich der Herr Akzisbeamte. „Gebe einfach nichts auf den Unsinn. Habe ja der ganzen Religion, der ganzen Judenschaft den Scheidebrief gegeben, sie ist mit eingeschlossen. Was wollt ihr noch von mir?" „Das mit dem Scheidebrief an die Judenschaft," belehrte der Friedländer Raw in eiserner und zugleich gütiger Ruhe, „ist eine andere und eigene Sache. Was Israel in seinem Verhältnis zu G'tt anbelangt, so ist er, G'tt, der Gemahl, und e r hat den Scheidebrief zu geben, nicht sie, die Israelgemeinde. Aber gerade das tut er nicht. Sagt doch Jesajas: „Wo ist der Scheidebrief, den er euerer Mutter geschickt? . . ." G'tt verläßt sein Volk nicht, keinen aus seinem Volke gibt er frei, auch wenn einer voi ihm gelassen hat . . . Darum und nur darum ijt jene arme Frau noch an euch gekettet, bis ihr si> durch Scheidebrief befreit ..." „Ich habe ihr meine Bedingungen mitteilen lassen," erwiderte Boris gereizt, da Argumente gegen jene altrabbinische Weisheit schlechthin nicht anzt bringen warett. „Also Geld, viel Geld/ Wie paßt das zur.i Prinzipe?" „Wenn ich meine Hand zu einem jüdischen Aberglauben bieten soll, dann sollen sie sich's was kosten lassen." Herr Boris Malchow wurde stolz. Nun hatte er vom Spaß genug, er wollte gehen. Er war ja kein Schulbub, auch kein jüdischer Angeklagter vor dem zuständigen Tribunal, daß er warten müßte, bis er verabschiedet wurde. „Noch ein Wort," bat Rabbi Akiwa. „Was kommt da noch?" sagte der Andere gro'o und herausfordernd. „Habt ihr je in der Jugend Talmud gelernt?" „Liegt sehr weit zurück," zuckte Boris verächtlich mit den Achseln. „Vielleicht auch einmal Traktat Kidduschin," fragte der Rabbi unbeirrt weiter. Boris riß den Mund auf und gähnte gelangweilt. „Also ja," deutete der Rabbi das Gähnen. „So sei denn zum Abschiede noch ein Wort aus jenem Traktate Kidduschin angeführt: „Der Mann traut sich sein Weib an auf drei Arten: durch Geld, Urkunde und Gemeinschaftsleben. Die Frau erhält ihre Freiheit vom Manne auf zweierlei Weise; durch Scheidebrief oder durch den Tod des Mannes ..." Sehr scharf unterstrich der Rabbi das letzte Wort. „Und was berührt das mich, was euer Talmud sagt?" „Es berührt euch. Eine jüdische Tochter, gegen die ihr lieblos gehandelt, muß von euch loskommen, so oder so. Den Scheidebrief lehnt ihr ab . . . Ueberlegt es euch recht, der andere Weg könnte sich auftun, und es wäre zu spät . . . Ueberlegt es recht." Auch bei dieser Eröffnung blieben Ton und Stimme so weich und mild, daß es mehr Bitte, denn Warnung war. Eine Weile kam Boris gerade durch die sanfte Ruhe des Rabbi in eine Unruhe, die sich sichtlich zu einer Verwirrung steigerte. Es tat sich etwas auf in seiner Seele, es riß sich etwas los aus längst verschütteten Gründen. Er sah mit abgewandtem Gesichte weit weg. Weiße Mutterhände legten sich über sein Haupt, weiche Töne kamen aus verklungenen Welten. Da sang eine Lernstimme: „Hoisch, der Mann traut sich sein Weib an- . . ." Es war ihm auf einmal so heiß und so eng in der Kehle. Er ran;| nach Atem. Seine Füße wankten. Er mußte sich mit zitternden Händen stützen. Dann aber lachte er überlaut auf. Er gab sich einen Ruck und nahm sich zusammen. „Purer Aberglaube, . und damit wagt man, mir zu kommen!" Die früheren Freunde waren zugegen, er durfte nicht kapitulieren. Es ging um seine Reputation. Viel hätte er darum gegeben, nur eine Spur von der abgeklärten Ruhe des Rabbi hätte sich auf ihn übertragen. Aber indem er sich nun zusammenriß, alle Sentimentalität abzuwerfen und Haltung zu wahren, verlor er gänzlich die Fassung. Er ballte die Faüst und trumpfte erregt auf. Sein Gesicht flammte, seine Stimme überschlug sich. „Einschüchterung, grenzt schon an Bedrohung. Glauben wohl, sie hätten so ein kleines Jüdlein vor sich. Werde es euch schon stecken. Anzeigen . - Die weiteren Worte verklangen hinter der wuchtig zugeschlagenen Türe. „Alles verloren," quittierte Rabbi Mosche kopfschüttelnd. Was gab es draußen, daß so viele Menschen herbeiliefen, aufgeregt durcheinander wirbelten und Schreie ausstießen? Ein Mann wankte aus dem dunklen Tore hinaus, feuerrot das Gesicht und gle'.ch kreidebleich. Griff sich mit der Linken an die Brust, tastete sich mit beiden Händen an der Mauer entlang, stockte, schleppte sich weiter, hielt still, stammelte etwas, wankte, suchte sich mit einem Ru ke vorwärtszubringen und fiel mit grellem Aufschrei langwegs aufs spitze Pflaster. Passanten hoben ihn auf, brachten ihn in }efl nächsten Laden. Ein Polizist kam hinzu. Der Arzt war bald zur Stelle und tastete den Bewußtlosen ab, nahm Wiederbelebungsversuche vor. Das Herz stund still.!.; .„ Die Polizei protokollierte: „Boris Malchow, Beamter der Akzisverwaltung, fünfunddreißig Jahre alt, an einem Herzschlag infolge großer Erregang aus unbekanntem Grunde auf der Straße gestorben. ~ ~ ~ . . .(Schluß folgt)