Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 45 (11.11.1937)
- Date
- 1937-11-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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U/November 1937 iü e r Israelit Nr. 45 Seite 5 Um Zions willen! I Von Saly Geis in Jerusalem. I In den letzten vier Jahren wurden 1750 jüdische Jungen und Mädchen aus Deutschland mit Hilfe der Zionistischen Organisation nach dem Lande hinübergebracht, in dem von Zion G'ttes Lehre ausgehen soll. Auf Zion hatte vor vier Jahrtausenden Awräham, der Urvater des jüdischen Volkes, für den Beweis seines auch die härteste Prüfung bestehenden G'ttvertrauens G'ttes- Verheißung der einstmaligen Anerkennung seiner Nachkommen seitens der Völker empfangen. Segen zu spenden im Dienste G'ttes und Seiner Lehre, — mit dieser Bestimmung hat "3as jüdische Volk -den Gang durch die Geschichte angetreten. Ihr haben zu allen Zeiten seine Besten ihr Leben _geweiht. Vier Jahrtausende Tradition bedeuten nichts anderes. Zion ward dem jüdischen Volke um die Treue für seine Aufgabe. Zion ging ihm verloren, weil es nicht die Treue hielt. Auch das Wiedergewinnen Zions ist mit der Frage um diese Treue verbunden. Wenn nun 1750 jüdische Jungen und Mädchen heute in dem Zuge des jüdischen Volkes nach dem Lande, in dem die Bergeshöhe Zion thront, zurückkehrten und mindestens 1600 von ihnen durch die Zionistische Organisation in Sphären gebracht wurden, für die die Vergangenheit des jüdischen Volkes nur Geschichte und Literatur, aber nicht Entscheidung zu G'tt und Seiner Lehre bedeuten, — darin wird auch der Geschichte und Literatur des jüdischen Volkes ihr Sinn genommen. Der Präsident der Zionistischen Organisation hatte auf dem jüngsten Kongresse G'tt und Seine Uebergabe des Zionlandes an das jüdische Volk am Urbeginn dessen Geschichte zum ersten Mal von der Tribüne vor der ganzen Welt verkündet. Dieses nach jahrzehntelangem Totschweigen in ernstester Stunde endlich gefundene Wort hat aber, wenn es ehrlich gesprochen wurde, auch die- Verbindlichkeit, zur Anerkennung und Respektierung G'ttes und Seiner Lehre zurückzukehren, zur Konsequenz. Der Moment für den Misrachi war gekommen. In dieser Stunde hätte er hinausschreien müssen, -welches Verbrechen an der jüdischen Volksseele es bisher bedeutet hat, die ganze Zerrissenheit des assimilierenden Galuth ungestört in dem neuen Aufbau des jüdischen Lan- -des weiterwuchern zu lassen und wohl die na- Kind, und schon kennt sie nur die eine Sehnsucht: >ein zweites Kind! Und da sie, sterbend, es gebärt, und ihre Trauer um ihr allzufrühes Dahinscheiden in den Namen des ■so teuer erkauften Knaben eingraben will: „Ben Auni", da steht ihr Mann an ihrem Sterbelager, dem Lager der über alles geliebten Frau, und er setzt «dem Muttertum, das in seiner unendlichen Hingabe alles, auch das Leben einsetzt, das Denkmal seiner Unvergänglichkeit: „Ben Jamin" „Sohn der Kraft"! Ja, wenn Vir unsere Töchter segnen, wenn unser Segen sie hineingeleitet, in das Zelt der Urmütter. dann denken wir nicht an die ungestillte Sehnsucht, die viele Jahrzehnte im Herzen Saras lebte, an den vielen Schmerz, der Rebekkas Mutterherz beschwerte, an Leahs Weinen in der Stille, wenn Jakobs Liebe zunächst der Schwester mehr gehörte, wir denken nicht an Raheis frühen Tod; an Eines nur denken wir, Eines nur meinen wir: lege wie die Mütter unseres Volkes alle deine Kraft in dies Eine: Mutter; eine jüdische Mutter zu sein.' 3. Aus einem Aufsatz, den vor mehr als dreißig Jahren. Jacob Rosenheim schrieb, seien einige Sätze zitiert: „Uns Juden ist die Frage des Kinderreichtums kein Problem der Politik. Nicht um Waffen zu tragen und den nationalen Boden mit starker Hand zu schirmen und zu schützen, bedürfen wir der Generationen, die mit frischer urwüchsiger Kraft an die Stelle der Alten, der Sterbenden treten. Um so mehr aber ist sie uns die Frage aller Fragen, das grundlegende Problem unserer religiösen Weltanschauung und der daraus sich entfaltenden Sittlichkeit!" tionale Parole zu künden, aber ihre Konsequenz, die Rückkehr zu den Traditionen, die seelische Verbindung mit der Ahnenkette bis zu Awraham, zu negieren. Denn die Zionistische Organisation läßt den größten Teil der Jugend, für die sie verantwortlich ist, auch heute noch ohne Erziehung zur Tradition aufwachsen, — und auch Ehrung für Rabbiner Dr. Berlin, 3. Nov. Die Feier des Geburtstages des Herrn Rabbiner Dr. Münk gestaltete sich zu einem Fest für die ganze Gemeinde Adaß Jisroel. Am Sonntag, dem 31. Oktober, dem Vortag des Geburtstages, hatten sich etwa 200 Gemeindemitglieder in der Synagoge Siegmundshof eingefunden, um an dem Sijum auf Mischnajoth „Kodoschim" teilzunehmen, die der Raw mit seinen Baalebatim im letzten Jahr jeden Morgen gelernt hatte. Amfestlich gedeckten Frühstückstisch wurde er durch Rede und Lied gefeiert und ihm der Dank der Teilnehmer am täglichen Morgenschiur ausgesprochen. In der.Wohnung des Jubilars fanden sich am Vormittag die Vertreter des Rabbinats, sämtliche Mitglieder des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung, die Schulleiter, die Vorsteher der Synagogen Artilleriestraße und Siegmundshof, die Mitglieder des Schulrats, der Vorstand der Chewra Kadischa und des Frauenvereins, sowie Vertreter der Beamtenschaft ein, um dem Jubilar ihre Glückwünsche zu übermitteln. Für das Rabbinat sprach Herr Rabbiner Dr. Klein. Er feierte den Raw der Gemeinde unter anderm wegen seiner beispielhaften Pflichterfüllung, seiner Zuneigung zu den Mitgliedern der Gemeinde, seiner Wirksamkeit für den K'lall-Jisroel. Seinem Einfluß sei es besonders zuzuschreiben, wenn das Eintreten eines unheilvollen Bruches innerhalb der orthodoxen Juden Deutschlands verhütet wurde. Die Lösung lebenswichtiger Fragen für das gesamte Judentum über die Grenzen Deutschlands hinaus hat ihm die Stellung des anerkannten religiösen Führers nicht nur der Adaß Jisroel-Gemeinde, sondern der Orthodoxie Deutschlands überhaupt geschaffen. — Mit dem Verlesen einer hebräischen Glückwunschadresse des Vorstandes der Adaß Jisroel-Gemeinde beschließt Herr Rabbiner Dr. Klein seine herzlichen Wünsche. Nach ihm ergreift Herr Dr. Emil Hirsch, der ' erste Vorsitzende der Gemeinde, das Wort und läßt die fast 40jährige Tätigkeit des Jubilars Revue passieren. Der Gefeierte hatte es bei Antritt seines Amtes nicht leicht, als Nachfolger des großen Raw Esriel Hildesheimer b-w> das Amt des Gemeinderabbiners zu bekleiden, aber er hat, man darf das ohne Ueberhebung dem Jubilar nachsagen, das Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern durch Gründung des' Schulwerks wahrhaft zu bereichern verstanden. Es darf .konstatiert werden, daß die Adaß Jisroel unter Leitung des Herrn Rabbiner Dr. Münk ein Mokaum hathauro geblieben ist. Die vielseitige Tätigkeit des verehrten Raws für die gesamte Orthodoxie hat seinem Wirken für die Spezialaufgaben der Adaß Jisroel nie Abbruch getan, im Gegenteil, es ist der Adaß Jisroel zugute gekommen. Auch er rühmt besonders „Ist Leben zwar nicht Selbstzweck, wohl aber Vorbedingung für den nationalen Pflichtdienst des jüdischen Volkes, dann sind die Kinderscharen, die wir in den Kulturprozeß hineinsenden, die wahrhaften Träger der sittlichen Weltentwicklung, dann ist die Geburtsstatistik der allererste Gradmesserfür den Stand der nationalen Sittlichkeit des jüdischen Volkes!" „Als eine sittliche Pflicht galt dem Juden die Gründung seines Hauses, als edelste und heiligste Pflicht nicht minder die Schöpfung immer neuen reichen fröhlichen Lebens in den Mauern dieses Hauses. Kein Unglück ward härter empfunden als die Versagung des Kindersegens, keine Schmach drückender als der Verdacht, es könne Feigheit, Selbstsucht oder Bequemlichkeit den Mangel dieses Segens selber verschuldet haben!" Und noch ein Absatz sei zitiert und eindringlichst ans Herz gelegt: „Vor allem verdient hier die mehr gedankenlosfrivole als böswillige Stellungnahme der „Gesellschaft" gegenüber, der bei dem Problem des Kindersegens zunächst beteiligten Frau ernste Aufmerksamkeit und Erziehung. Der Respekt vor der kinderreichen Mutter, das müßte das erste sein, was alle Denkenden unserer Zeit der ,.Gesellschaft" anzuerziehen verpflichtet wären. Das Naserümpfen nicht nur höherer Töchter, sondern selbst sogenannter gebildeter Juden und Jüdinnen über die Freundin, die „jedes Jahr ein Kind bekommt", die geringe Achtung, der die durch das Zeichen des Kindersegens geadelte Mutter auf der Straße wie im Salon leider so oft begegnet, sind zwar Symptome sittlicher Minderwertigkeit, die außerhalb des jüdischen Kreises ebenso stärk oder noch stärker herdie Jungen und Mädchen aus Deutschland hat sie den gleichen Methoden zugeführt. Doch der Misrachi gab sich bisher stets mit Pflastern für die tiefe Wunde zufrieden und erwies sich auch diesmal nicht als Beherrscher der Situation. Soll es weiter so gehen? Soll Zions Geschick weiter schwanken? E- Münk. das persönliche Verhältnis des Rabbiners zu den Mitgliedern der Gemeinde und schließt mit einem herzlichen Segenswunsch für das weitere Wirken des verehrten Raws. Als Vertreter der übrigen anwesenden, oben genannten Deputationen ergreift Herr Rabbiner Dr. Biberfeld das Wort, um den Jubilar, mit dem ihn eine Freundschaft von über 50 Jahren verbindet, als Freund zu feiern. Ausgehend von der Bezeichnung «3 iph die dreimal im Schrifttum vorkommt, und zwar in der Lebensgeschichte Abrahams, Josuas und Davids, schilderte der Redner das Wesen und Wirken Rabbiner Dr. Münks als abrahamitischen Wegweisers und Hüters der ideellen Forderungen der Thora, als Verbreiters der Thora, u. a. auch durch Errichtung des Schulwerkes und als einer harmonisch gestimmten davidischen Persönlichkeit, wobei auch seine Verdienste für die Ck-vwra Kadischa und ihr Krankenheim erwähnt wurden. Herr Rabbiner Dr. Biberfeld schloß seine wirkungsvolle Rede etwa wie folgt: Jeder Tag im Leben des Jubilars wird ein Tag der Mühe und Arbeit für den K'lall-Jisroel und so ist er „hochbetagt in die Jahre" gekommen. Noch ein viertes Mal steht dieser Ausdruck des Altwerdens bei Awrohom und Soroh und will sagen, daß die Leistungen des Mannes ohne das segensreiche Wirken der Frau nicht denkbar sind. Nach einer kurzen Würdigung der Persönlichkeit der Frau Rabbiner Dr. Münk wünscht er dem geehrten Rabbinerpaar, daß jeder Tag ihres weiteren Lebens ausgezeichnet sei durch seine besonderen Aufgaben und sich durch eine besondere Linie zu ihrem und der gesamten Judenheit Segen erweisen möge. Als letzter ergreift Herr Rabbiner Dr. Münk das Wort zum Dank für die Worte, die ihm gespendet worden sind. Er weist darauf hin, daß er den Anwesenden und allen, die ihn feiern, aufrichtigen herzlichen Dank für die Aeußerungen der Liebe und der Freundschaft aussprechen will, daß er aber nicht mit dem Inhalt der Worte sich einverstanden erklären könne; es trete an ihn, wie an jeden Menschen gleicher Lage, die große Versuchung heran, durch die Huldigungen zu einem Fehlurteil über sich selbst zu kommen, und er kämpfe schwer gegen die Gefahr einer kritiklosen Entgegennahme der Würdigung seiner Person und seiner Tätigkeit. Er schließt seinen Dank mit einem hebräischen tief ergreifenden Gebet für alle diejenigen unserer Glaubensbrüder, die sich in Not befinden, und bittet . G'tt um die Gnade, ihnen allen bald Hilfe und 'Befreiung zu schenken. Außer den der Adaß Jisroel angehörigen Gremien hatten sich im Laufe des Sonntags Vertreter des fabbinischen Landesverbandes der Agudas Jisroel und des Agudas Jisroel-Landesverbandes mit vortreten, aber gerade im jüdischen Kreise könnten sie leichter bekämpft werden. Es brauchten nur die ernster und tiefer Empfindenden nicht zu schweigen, sondern lauter zu reden als die andern, es brauchten nur Väter und Mütter, Lehrer und Lehrerinnen, Freunde und Freundinnen, wann und wo sie können und berufen sind, die Gesinnung, aus der jene Symptome fließen, gebührend zu geißeln — und eine Besserung würde nicht ausbleiben!" Wie steht es mit unserer Gegenwart? Dürfen wir unsere Töchter mit dem alten Segen segnen, ohne daß uns Schamröte ins Gesicht steigt? Ist uns noch Kindersegen der höchste Segen, Kinderreichtum der höchste, der einzige Reichtum? Die Frage mögen wir uns alle selber beantworten, wenn wir redliche „Abrechnung der Seele" halten! Verhindern wir in frevelhaftem Egoismus, der aber in Wahrheit die Wurzeln unseres eigenen Ich zernagt, diesen Segen, und begehen so das unsühnbarste Verbrechen, oder dürfen wir, sonst uns mancher Schuld bewußt, das Haupt erheben und dieser schlimmsten aller Sünden uns frei wissen? Können wir sprechen: „Unsere Hände haben dieses Blut nicht vergossen" — oder müssen wir uns auch mit solcher Schuld belastet wissen? Dürfen wir guten Gewissens unsere segnende Hand auf das Haupt unserre Töchter legen? Das ist die Grundfrage, der wir uns nicht entziehen können. Die Antwort werden wir nicht leichtfertig geben, indem wir auf das verheerende Beispiel der Umwelt hinweisen, wobei es überdies leider feststeht, daß der Schüler den Lehrmeister überflügelt hat! Die Antwort können wir nur geben, indem wir einen Blick tun ins Chumosch — und aus ihm uns bekehren lassen, welches Schicksal jener Menschen harrt, die