Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-11-04 · Heft 44 (4.11.1937) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 44 (4.11.1937)
Date
1937-11-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2451003--83342-2541367
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

, Sätze wie V. M. 32/8, Habakuk 3/6 bringen die Beziehung des Geschichtsunterrichts zur judischen Schule zum Bewußtsein. In der G ä 1 ü t hkünde wird die Geographie Aegyptens durch V. M. 11/10, in der Palästinakunde die Palästinas durch V. M. 11/11—24 anschaulich in allen zu besprechenden Teilen vor Augen geführt. In der Naturkunde zeigen III. M. 11/2, 10, 42 die Einteilungsprinzipien. Anhand des überaus lehrreichen Buches Barsilai von Arön Marcus s, A, kann man zeigen, wie die Sätze III. M. 11/13—19 die Grundlage für die heutige wissenschaftliche Auffassung der 24 Vogelarten bilden. ' In der Biologie lehren die Sätze I. M. 9/4, III. M< 17/11, 14 beim Pensum des Blutkreislaufs, daß bei diesem die Nefesch, die mit dem Körper verbundene übersinnliche Seelentätigkeit, — wohl zu unterscheiden von N'schamah, der höchsten Stufe derselben — wirksam ist. Bei der Besprechung der Kapillarmikroskopie kommt Gerhard Venzmer in seinem Aufsatz „Uebermechanik des Blutkreislaufs" in der Monatsschrift Kosmos (Heft 1, Januar 37, S. 6) zu dem Schlußergebnis: ,,Physikalische oder chemische Ueberlegungen reichen nicht aus, um diese geheimnisvoll wirkenden iEnrichtungen des lebenden Organismus zu erklären; wir,k.nnen auch in ihnen wiederum nur das ,ewig Eine' erkennen, ,das sich vielfach offenbart'." Thoraverse sind um der zentralen Stellung der Thora willen, wenn irgend möglich den Sätzen aus Nach vorzuziehen, doch vermitteln auch diese, wie z. B. Ps. 104 in der Naturkunde, Ps. 147/16—18 in. der Physik eine überwältigende Ahnung des Dynamischen. Schriftverse, aus Kindermund gesprochen, gaben Mördechai in Zeiten größter Not hoffnungsfrohen Mut (Midrasch rabba zu Esther 7/3); mögen sie auch uns die Gewißheit geben, daß G'tt auf Kindermund die Macht begründet hat. (Ps. 8/3.) Erziehung zu Bittochaun. Von Lippmann Kurzweil in Kopenhagen. Zunächst muß man sich über das Wesen des Bittochaun Klarheit verschaffen. Zu diesem Zwecke ziehe ich eine Stelle aus: o~a mna» heran, wo wir Ri Jehudo und R. Ammi — wie so oft im Talmud — in einem Zwiegespräch finden. „Was will Jeschaojhu (26)", so hebt R. J. an, „mit dem Satze: Vertrauet auf G'tt bis ans Ziel, denn in G'tt ruht der Fels aller Zeiten?" Darauf R. A.: „Jeder, der sein Vertrauen in G'tt setzt, hat eine Zufluchtsstätte sowohl in dieser als auch in der kommenden Welt." Diese Erklärung erfährt durch Raschi (z. St.) eine besondere Note: ,,(R. A.) meint, weil er auf G'tt vertraut bis ans Ende, wird er in G'tt einen ewigen Felsen finden." Raschi will hiermit zum Ausdruck bringen, daß Biüoc'iaun kein Tauschobjekt ist, mit welchem man eine Zufluchtsstätte erwerben kann. •Bittochaun zu G'fl bedeutet, vielmehr Weg. und Ziel zugleich. Weg: .vertraut auf G'tt bis ans Ende"; Ziel; „in G'tt iindet ihr den ewigen Felsen." Ahnen wir nun das Wesen des Bittochaun, so können wir zur Behandlung unsres Themas übergehen: Wie führe ich den Schuler zu Bittochaun, und was ist das Ziel dieser meiner Erziehung? Schon In der Wüste sind unste Väter, zu Bittochaun erzogen worden. Und zwar knüpfen die Weisen ihre sinnreiche Erklärung an die Mon-Spende. „Jeder, der Brot im Korb hat," so meinen sie, „und spricht, was werde ich morgen essen, gehört zu den Kleinmütigen. Deshalb fiel nur täglich die tägliche Portion Mon und nicht etwa auf einmal für längere Zeit, damit Jisroel infolge der schmalen Kost seine Augen gen Himmel richte und zu Bittochaun erzogen werde". Wir Menschen besitzen Dinge, von deren Existenz wir nichts wissen und infolgedessen ziehen wir keinen Nutzen aus ihnen. Erst. im Augenblick, da wir ihrer verlustig werden, erkennen wir unser einst besessenes Kleinod. Man ist nicht reich, wenn man Reichtum besitzt („ich liege und besitze"), man muß verstehen sich seiner zu bedienen. Was in dieser Hinsicht vom Materiellen gesagt ist, gilt im höheren Grade von den Middaus, den Tugenden. Kein Mensch, ob arm oder reich, religiös oder irreligiös, kann ohne Middas Bittochaun leben. Bittochaun ist kein Notbehelf, wiewohl jener oft erst entdeckt wird, wenn einem der Boden unter den Füßen wankt: ( o nbnp) yinoa w> o«nn ^a b& ins» 'ö '3 „Denn wer noch verbunden ist mit dem Leben, hat Hoffnung". Wer erwerbslos ist, hofft auf Arbeit oder Unterstützung, er kann den Gegenstand seiner Hoffnung nicht hervorzaubern. Wir hoffen und vertrauen darauf, daß die eingenommene Nahrung zu Fleisch und Blut wird, wir selbst sind jedoch nicht in def Lage, diesen chemischen Prozeß durchzuführen. Der Landmann vertraut das Samenkorn der Erde an und ist selber unfähig, auch nur eine einzige Aehre zu schaffen. Unsere Unzulänglichkeit hat aber eine unentbehrliche Stütze: Bittochaun, G'ttvertrauen. Der Atheist besitzt ebenfalls diese erfahrene Gabe, Jedoch darf er dies nicht laut zugeben, weil ja seine R21igion die Nichtreligion ist. Bittochaun ist eben kein Köhlerglaube, sondern eine Realität. Ja, jede positive Weltanschauung muß Bittochaun als eine conditio sine qua non betrachten. Bittochaun ist kein Glaube, sondern eine zu erwerbende Eigenschaft. In diesem "Sinne sprechen unsre Lehrer von yinuan trm der Eigenschaft des G'ttvertrauens. Diese und andere Erwägungen sind geeignet, Bittochaun in das Herz unsrer Zöglinge zu pflanzen. Wie bei jeder wahren Tugend wird es verschiedene Grade von Bittochaun geben, die zu erzielen stets von der Person und Persönlichkeit des Erziehers abhängen werden. In ünsrem Zeitalter, wo die Vielfältigkeit der Denkformen ein gewisses Maximum erreicht haben dürfte, mußten die theoretischen Beispiele den praktischen den Weg räumen.. Wir.. entbehren ein' gut Teil jüdischer Denkkultur, nicht weil es etwa an echtjüdischen Büchern und Schriften fehlt, sondern weil unsre wenigen jüdischen Handlungen in einem Chaos von Theorien untergehen. Man wird also in unsren Schulen nicht beim main maa^n beginnen, sondern von der primitiven Form des Bittochaun sprechen und die Schüler anregen, selbst eine Fülle von täglichen Bittochäunerlebnissen aufzuzählen. Man wird sich wundern, wie weit verzweigt das Gebiet des Bittochaun ist. Es gibt schier nichts im menschlichen Leben, was ohne Bittochaun ausgeführt werden könnte. So lesen wir in a^b^fi auj nyyi 'r-?S nttii ' „verlasse dich auf G'tt und übe Gutes". Es heißt also nicht umgekehrt: übe Gutes, dann kannst du dich (als Belohnung) auf G'tt verlassen. Bittochaun ist vielmehr das Primäre, die Grundlage, alsdann können die guten Taten geübt werden, seien sie religiöser, sozialer oder privater Natur. Bittochaun ist interreligiös list Judentum Religion?), wiewohl sein Ziel in G'tt ist. G'tt hat uns geschaffen, wir müssen — weil kein andrer Weg möglich — auf ihn vertrauen können. Wie heißt das altjüdische Wort: 'ilt» SW-Ml a»:TH 18» „wer Leben spendet, reicht auch Nahrung". Für die Richtigkeit dieses Ausspruches sind uns die Tier¬ und Pflanzenwelt Garanten. Der Mensch jedoch mißbraucht seinen freien Willen, führt Denksysteme ein, während man den Schöpfer und Lenker der Welt außer acht läßt. Bittochaun führt zum blinden Gehorsam unsrem G'tte gegenüber und befreit uns daher von allem dunklen Bangen. , Erst diese jüdische Lebenseinstellung führt zum zweiten Schritt: aitj npjn übe Gutes! Uebe Gutes nicht nach menschlichem Ermessen und Gutdünken, vielmehr das abso- . lute aiü , das nur von G'tt ausgehen kann. Bittochaun ist Vorbedingung zum Ueben des Guten, d. h. n«»n JV»y, das Erfüllen der g'ttlichen Gebote. Hierin liegt sein ethischer Wert. Wie vermag die Schule zur Erkaltung unserer Religion beizutragen? Von Konrektor i. R. J. Speyer b»w in Frankfurt/M. Die Erhaltung der Religion ist eine Sache des Hauses. Aber leider sehen wir mit jedem Tage, daß das Haus in dieser seiner heiligsten Pflicht vielfach versagt. Immer mehr schwindet der Glaube an G'tt. Die Liebe zu G'tt und die Liebe zum Nebenmenschen ist vielfach nur noch ein Wort ohne Bedeutung. Immer größer wird die Kluft zwischen hoch und niedrig, zwischen arm und reich. Immer geller zeigt sich auf der einen Seite Hochmut und Verachtung, auf der andern Seite Neid und Bitterkeit. Welches größere Unteit aber kann ein Volk treffen als der Verlust des Glaubens? Die Menschheit lebt nur noch für iämmerliche Kleinigkeiten. Wer aber trägt an diesem Krebsschaden unserer Zeit die Schuld? Die Gründe dieser G'ttentfremdung und Unreligiosität können ganz verschiedene sein. Aber hinter jeder vorgebrachten Entschuldigung, treibt im tiefsten Grunde der persönlich der Religion abgeneigte Wille sein Spiel. Das eigentliche Geheimnis der Unreligiosität wurzelt allein im Wollen. Andere Gründe sind oftmals mangelhafte religiöse Erziehung der Jugend, religionsfeindliche Tagespresse und andere Lektüre, sowie ablenkende Wissenschaften. Wenn es also wahr ist, daß auch die heutige Schule ein Schuldfaktor der zunehmenden Ungläubigkeit und Abschweifung von den heiligsten Geboten ist, dann muß alles zeitig geschehen, ehe unser jüdisches Volk von dieser Seuche dahingerafft wird. Bevor wir nun auf die Aufgabe der Schule ■- entsprechend unserem Thema — eingehen, wollen wir uns klarzumachen suchen, was Religion ist und ob Religion überhaupt in der Schule lehrbar ist. In seiner „Völkerkunde" weist P e s c h e 1 nach, daß auf der Erde kein Volksstamm lebt, der ohne religiöse Vorstellungen sei. Der Holländer Thiele hat recht, wenn er die Religion ein „Universalphänomen der Menschheit" nennt. Was ist aber, was heißt Religion? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, weil der Begriff •Religion" von Theologen, Philosophen. Sprachgelehrten und Ethnologen verschieden definiert wird. Soviel steht aber fest, daß Glauben und Wissen, Religion und Theologie grundverschiedene Begriffe sind. Für uns ist heute Theologie ein Wissen von Religion, keineswegs aber Religion selbst. Religion wissen und Religion haben sind zweierlei Dinge. Die Definitionen vieler Philosophen setzen zürnest den Glauben an einen G'tt voraus und betrachten ihn als selbstverständlichen Kern der Religion. Damit sind aber die vielen niederen -JRelijgionenV in denen eine Menge von Göttern und Geistern geglaubt wird, ebenso ausgeschlossen, wie der Buddhismus, in welchem der G'ttesglaube überhaupt keine Rolle spielt. Wie' verschieden auch "diö Definitionen des Begriffs „Religion" sein' mögen, so werden sich alle tiefer Blickenden doch darin verständigen,.; daß Religion nicht Gelehrsamkeit ist, nicht reproduzierbares Wissen, sondern eine Kraft des Gemütes, die das Leben beherrscht in Gegenwart und Zukunft. Nach Kant ist der Glaube nicht " eine Sache des Wissens, sondern des Gewissens und Willens, Religion und Philosophie sind nicht dasselbe. Philosophie ist nicht Religion; denn Philosophie will die Zusammenhänge alles Seins erkennen und auf Vernunft und Verstand wirken lassen. Religion aber will die Zusammenhänge alles Seins bewerten und auf Gefühl und Willen wirken lassen. Philosophie ist Wissenschaft, Religion ist Willenschaft vom Weltzusammenhang. -Jean Paul sagt: „Sprich das Wort betend aus: Religion ist Glaube an G'tt." Die Religion ist auch eine Kraft, deren Wirkung der gewaltigste Fürst wie der greise Bettler unterliegen. Wie es keine Entwicklungsstufe überhaupt, sowie innerhalb eines Volkes gibt, der religiöse Gefühle und Ahnungen fehlen, so gibt es auch keine Stufe im Leben des einzelnen Menschen, auf welcher nicht religiöse Gefühle, Vorstellungen " und Ueberzeugungen ihren Einfluß geltend machen. Der Pädagoge Kehr sagt darum ganz richtig: „Wenn in dem Herzen des K i nd e s die religiösen Ahnungen aufdämmern, dann beginnt die beseligende Läuterung und Heiligung seines Lebens. Religiöse Gefühle begeistern den Jüngling zu Taten der Ehre und erfüllen das Gemüt der Jungfrau mit heiliger Sehnsucht; im religiösen Bewußtsein fühlt sich der M a h n emporgehoben über das Leid der Erde und getragen von der Kraft einer höheren Welt und das Weib sich getröstet an den Gräbern ihrer herzigen Kinder. Und wenn die Sonne des Lebens sich neigt, dann ist dem zitternden Greise am Stabe die Religion die tröstliche Leuchte, deren milder Glanz ihm die Zukunft erhellt und als Leitstern ihn führt auf der großen Wanderschaft vom Glauben zum Schauen. Und wenn nichts mehr halten will, wenn selbst das Leben seinen Halt verliert, dann greift der Mensch noch hoffnungsreich nach dem Anker der Religion und sucht in diesem Sendboten des Jenseits Kraft, Trost und Hilfe." Ist nun Religion überhaupt lehrbar? Religion ist nicht Sache des Tuns und Wissens, sie ist Sache der inneren Erfahrung; sie kann jungen Schülern nicht gelehrt, sie muß von ihnen an sich und an dem Beispiel anderer (der biblischen Personen) erlebt und in sich hineingelebt werden, religiöse Charaktere erziehen kann der Religionsunterricht--nach Traub — überhaupt nicht. Unterricht in der Religion ist unmöglich, es kann nur einen Unterricht in den Vorstellungen über die Religion geben. Nur diese, die Begriffe, die Geschichte, in die sich die Religion kleidet, die Sprüche, in denen sie sich kundgibt, kann der Lehrer vermitteln. Ueber das Unmittel« bare hat der Lehrer keine Gewalt. —:. Weil nun dieser Unterricht sich nur zu oft an den Intellekt wendet, das Herz aber leer läßt, weil er vor allem oft nur das Gedächtnis in Anspruch nimmt,, wobei mechanische Aufnahme und Wiedergabe durchaus nicht ausgeschlossen sind, deshalb wirkt er oft das Gegenteil von dem, was er beabsichtigt. Trotzdem darf sich aber die. Schule , das große Gebiet der Religion und den Religionsunterricht nicht entreißen lassen. Trägt dieser Unterricht doch in erster Linie zur Bildung des . sittlich-religiösen Charakters bei. Die Schule kann nur, das sei hier gleich hervorgehoben, eine ergänzende Tätigkeit ausüben, und zwar besteht diese Aufgabe wesentlich in zwei Punkten: 1. Die Schule bietet eine planmäßige Einführung in die Geschichte der Religion, und 2. unterrichtet sie die' Schüler über das Wesen der Religion und ihre Stellung im allgemeinen Geistesleben. Wäre Erziehung wesentlich Unterricht', und handelte es sich hauptsächlich um eine Unterweisung über das begrifflche Wesen der Religion und nicht um eine Einführung, >eine Einlebung der Kinder in das Leben der Frömmigkeit, dann könnte man diese Aufgabe getrost der Schule — namentlich den oberen Stufen — zuweisen. So aber muß sie vornehmlich Sache des Hauses sein. Die religiöse Grundlage ist dem Menschen angeboren. Sie braucht daher nur -rweckt und entwickelt zu werden. Den E11 e r n, als den natürlichen Erziehern der Kinder, liegt die Pflicht ob, im Kinderherzen eine religiöse Grundlage zu legen. Wie geschieht das nun? Auf diese Frage kann man wohl folgende Antwort geben: . Das Erste und das Beste muß vor allem und ohne alle absichtliche Erziehung zur Religion geschehen, . Die Kinder müssen in ihrer Kinderweise die Gefühle der Pietät: Ehrfurcht, Liebe und- Vertrauen im Verhältnis zu den Eltern erleben, damit sie nachher, wenn ihr Gesichtskreis sich ausbreitet und ihr Blick schärfer wird, wenn also die Kinder aus der Enge des Hauses heraustreten und das Bild der Eltern dem Ideal nicht mehr voll genügt, imstande seien, diese Gefühle auf den Schöpfer und Vater des Alls zu übertragen. (Schluß folgt-)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.