Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 37-38 (17.9.1937)
- Date
- 1937-09-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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: W9S»W^!)^S??»«^^^sft (^?^W9jl8JSg**aSU?Sfl Feuilleton- Beilage Nummer 37/38 1937 [ Eindrücke in Paris/) I ii. I Vom Pariser Judentum. I Spricht man vom Pariser Judentum, so darf man I nicht an eine einheitliche jüdische Gemeinde nach l auster anderer Städte denken. Es gibt dreierlei ■ „Judentümer" in Paris: das „offizielle", das orthodoxe I und das östliche Judentum, deren jedes sich noch in I verschiedene Observanzen teilt", I Das offizielle Judentum, wohlbehütet vom K o n~ s i s t o r i u m , verfügt über wundervolle Synagogenbauten, die noch aus der Zeit vor der Trennung von Staat und Kirche stammen, da staatliche Finanzen für die jüdischen G'tteshäüser im gleichen Maße wie für die anderen Konfessionen zur Verfügung stan- ' den, und über einen großen Stab von religiösen Funktionären. Als wirklich offizielle Vertretung des Pariser Judentums kann aber das Konsistorium schondeswegen nicht gelten, .weil es nur einen kleinen Bruchteil von den 200.000 Juden, die diese Weltstadt heute beherbergt, umfaßt. Man spricht nur von 8000 bis 10.000 eingetragenen Mitgliedern, die steuermäßig von dieser offiziellen geistlichen Behörde erfaßt sind und die religiöse Betreuung ihrer Rabbiner' genießen. i Der R e 1 i g i o n s u n t e r r i c h t in der Konsistorialgemeinde wird, wie man mir verbürgt, von ge-! wissenhaften und jüdisch eingestellten Lehrkräften besorgt, ist aber infolge der starken Schulbelastung der Kinder spärlich, bemessen, Das höhere jüdische Schulwesen wie R ab b ine r s e mi n a r und Soci e t e des Etudes Juives lehnen eigentliche Reformbestrebuhgen ab. Gute Urteile hört man über die von privater Seite neu gegründete E c o 1 e Maimonidei deren; Direktor, M. Cohn, sich des Vertrauens auch der gesetzestreuen Kreise erfreut. ",' - ' ' \ . Sonderlich gebefreudig sollen die Pariser Juden nicht sein. Wozu hatte man den reichen „Onkel Edmound" (Baron Rothschild), wenn man selber blechen sollte? Man vergesse aber immerhin nicht, da/3 Paris die' Stadt der A1-1 i a n c e I s r a e I i t e , der Ica, des „Hicem" und der „Ose" ist, also immer noch das Weltzentrum der großen jüdischen .Hilfsarbeit. Das gesetzest reue Judentum westlicher Prägung konzentriert sich ^auf zwei weit voneinander liegende Synagogengemeinden, die auf Rue C adet, Wo bis zu seinem hundertsteh Lebensjahre Rabbiner W e i ß k o p f s. A. fungierte und jetzt der durch seine „Welt der Gebete" bekannte Rabbiner Dr. E. Münk mit jugendlicher Kraft ein Werk des Aufbaus schönster Art vollführti und auf die in M o n t e v ideo, wo Rabbiner Dr. Langer emsig und kraftvoll sowohl auf dem Gebiete der Jugenderziehung wie der Wohlfahrt arbeitet. Diese beiden Synagogen, Herz und Seele des bewußten Judentums, Inseln der westlichen Orthodoxie mitten in der Kulturflut des großen Pariser Lebens, sind auch vom Konsistorium als solche insofern anerkannt, als ihnen die Schechita und das K a s c h r ü. t hw e s e n , auch für die offizielle Gemeinde, anvertraut ist, und wer die beiden Rabbiner in ihrer Gesinnung und ihrer Arbeitskraft kennt, ist in dieser Beziehung mehr wie beruhigt.- Den.-' Rabbinern im Aufsichtsdienste zur Seile steht ein junger Gelehrter aus Deutschland, ein Enkel Rabbi Salman Spitzers s. A., der sich mehrere Jahre als Dozent in Montreux in Können, Tat und Gesinnung bestens bewährt hat. Andere wertvolle und kenntnisreiche junge Menschen, aus der Frankfurter Jeschiwa hervorgegangen, geben den Mitgliedern der orthodoxen Gemeinden Gelegenheit zum täglichen Lernen und sind voll beschäftigt. 11 Das östliche Element, An dritter, aber nicht an letzter Stelle, ist das Ostj udentum in Paris zu nennen, das sich wiederum in viele Nuancen, kleine G'tteshäüser, Klausen und KibbuzihV zersplittert.. Wer an 'einem Sonntag nachmittag einmal, nur wenige Straßenecken von den vornehmen Boulevards weg nach La rue des Rösters, gen. "Piatzl", hinaüsspäziert, das Gewimmel der Männer «nd Frauen bei ihren Warenstäflden oder um' ein Beshamidräsch' heram sieht, fühlt' sich auf Näleyki lf Warschau« - oder,''im Schülhöf -in Wilna, ') Siehe Nr.1 32 des: ,,Israelit'-.; \ dem Londoner Whitechapel verzaubert, wohl auch in all diese Städte und Weltteile zugleich. Denn was hier« lebt und läuft und hastet und handelt und in allen Idiomen des Golus redet, ist ein Kunterbunt von jüdischen Menschen aller Typen und Zonen. Kleine Ladchen, Bäckereien und Metzgereien mit hebräischen Aufschriften erinnern an die Berliner Grenadierstraße von früher. Auf dem Schaufenster einer Wurstlerei ist in lapidaren hebräischen Lettern zu lesen: „ E mm esdig koscher". Wohl um den Konkurrenten nebenan zu übertrumpfen, der nur „koscher" hat. Der Superlativ macht mich mißtrauisch, und Eingeweihte bestätigen meinen Verdacht ... Hier stoßen sich hart im Raum die Dinge und Menschen, die. Generationen begegnen sich auf enger Fläche und streben doch weit auseinander. Die Alten in Kleidung und Sprache noch unverfälschte Heimat) unter den Söhnen aber welche, die, bartlos, hutlos und traditionslos, sich aus dem jüdischen Vaterhause sozusagen „auf französisch" empfehlen . . . Und unter den, jungen Frauen und Töchtern sieht man welche, die mit doppeltem Rot auf Lippen und Nägeln ihr Franzosentum hervorkehren. „Emmesdige Französinnen", wie das „Emmesdige Koscher" in jenem kleinen Wurstladen . .:. Den vorherrschenden Typ bilden aber diese Franzosen und Französinnen hier nicht. Die Ostkolonie besitzt eine große Anzahl wertvoller Menschen, bedeutender Thoragelehrter, die sich hier, im Zentrum der. Weltstadt, mit Lehrhaus oder „Stübel" ihren eigenen Zaüberkreis geschaffen haben. . ,,Daf; Jomi" oder eine „dritte Sabbatmahlzeit" mit chassidischen Gesängen sind als Attraktionen im Pariser Baedeker nicht angeführt, wer aber solches, sucht, begebe sich in den Umkreis des „Plätze!" . . . Nicht zu verwechseln sind diese Ostjuden mit der russisch-jüdischen Gemeinde, die sich aus der früheren Petersburger und Moskauer Aristokratie zusammensetzt und gute Beziehungen zum Konsistorium pflegen. Ihr vor kurzem verstorbener Vorsitzender Dr. Schloißberg und ihr derzeitiger Rabbiner Dr. Eisenstadt waren in der zaristischen Zeit die Führer der Petersburger Gemeinde, wie sie seit Krieg und Emigrantentuin die Führer der gleichen russischen Gemeinde in Paris waren und sind. Diese „Russen", unter denen es heute noch hochängesehene und sehr, vermögende Leute gibt, tendieren sehr stark nach der französischen Kultur, der sie ihre Kinder vollkommen verschrieben und haben im übrigen mit den östlichen Gemeinden aus Polen und Litauen und deren Geistesleben nichts gemein. Auch das sef ardische Element ist unter der Pariser Judenheit sehr stark vertreten. Ihr Hauptzentrum haben die Sefardim auf Rue St, La- ZaTe, WO der frühere Chacham der Wiener Türkenschul Abadiah in seiner Art die Menschen um sich gruppiert. Am stärksten wird aber in Paris die Gemeinde der Gemeindelosen sein, die in der Stadt, die keinen Kultuszwang kennt, sich auf alle Bezirke und Berufe verteilen und ohne jegliche Gebundenheit an irgend eine jüdische Gemeinschaft in dieser gewaltigen Kulturwüste herumirren. Es sind auch wankende Gestalten darunter, die kommen, und gehen, und von keinem Gemeindewesen, von keiner jüdischen Statistik — eine Rubrik „Religion" gibt es in französischen Akten nicht —'■ erfaßt werden. Die Lebensbedingungen in der französischen Hauptstadt scheinen sehr verlockend. Man lebt gut und billig in dieser Stadt der leichten Lebenskunst. Aber die Verdienstmöglichkeiten reichen für den Fremden auch für das karge billige weiße Brot nicht aus und die Gesetze sind streng. Daher die ewige Beweglichkeit, das Kommen und Gehen der Flüchtlinge, die eine statistische Erfassung so sehr erschweren. Ein Pariser Sabbat. Man wird begreifen, daß Berichterstatter, der nur wenige Tage in Paris weilte, die dortige Judenheit in all ihren Schattierungen, in der Vielfalt ihrer Sonderheiten nicht studieren könnte. Der Sabbat in der Synagoge Rue C a d e t.. genügte ihm aber, zu erkennen, daß hier (wie auch in der anderen gesetzestreuen Synagoge auf Montevideo) hinter "3em hellen und grellen Lichte der Weltstadt etwas im Verborgenen blüht, was für die Transportfähigkeit des Thorageistes klares Zeugnis ablegt. Nicht gerade sehr groß und vornehm ist die Synagoge, in der vor kurzem noch ein Hundertjähriger gewirkt hat. Man gelangt zu ihr durch einen Hof, an dessen'Eingang Krämer und Händler ihre Waren anbieten. Der unvermittelte Uebergang vom Markttreiben in die Weihe des G'tteshauses zwingt den Besucher,'sich erst ein wenig zu sammeln. Nicht allzu groß, ist der' Raum und auchnicht^ gerade; ^omf örtabel ausgestattet. Aber er birgt lebendigen, herzerhebenden Inhalt. Angefüllt bis auf den letzten Platz ist das G'tteshaus am Freitagabend wie am Samstag, obwohl, wie man mir sagt, die meisten Mit-* glieder zur Zeit in der Somerfrische weilen (man findet zwischen Juli und August alles in Paris, nur keine Pariser). Die sich in den Bänken drängen, sind Passanten aus allen Teilen der Welt, die einen einwandfreien und zugleich geordneten G'ttesdienst suchen, vielleicht auch Freunde und Bekannte. Es ist hier der Herzpunkt des religiösen Lebens westlicher Art, und hier treffen sich die Menschen, die die Woche über meilenweit voneinander getrennt sind. Daher die Ansammlungen im Hofe nach dem G'ttesdienste, die Unterhaltungen auf der Straße zwischen den Körben und Tischen der Marktleute, ohne von einem: „Bitte, meine Herren, weiter gehen!" irgendwie gestört zu werden. Da die Funktionäre zum Teile auf Urlaub sind, steht ein jüngeres Mitglied am - Vorbeterpult und wir bekommen ein Frankfurter „Lecho Daudi" zu hören, (obwohl der Laiensänger — aus Nürnberg ist). Süddeutsch ist der Ritus und J a p h e t trällert seine anspruchslosen herzinnigen Melodien durch den Raum . . . Die ThoraVorlesung besorgt der Rabbiner selbst mit unübertroffener Korrektheit und Innigkeit, und an der offenen ThoraroIIe steht als Parnes, ein guter Frankfurter ... * Am Sabbatnachmittag ist Vortrag, und die Gemeinde ist vollzählig da ünd lauscht in peinlichster Aufmerksamkeit. Der Gast darf deutsch reden, aus Sidra und Haftorah, auf die aktuellen Probleme des Tages, der Aguda und. der Kenessio Gedaulo übergehend. Der Rabbiner, ein Pariser Kind und in der Thorakultur Deutschlands wurzelnd, folgt ihm in einem eleganten Französisch, das den ,■Stockfranzosen" der Gemeinde mächtig imponiert. Er setzt ganz sachte und sanft an, mit einem allbekannten: Satze aus dem Gebetbuche, aus dem „Schma". Worte und Tonfall schimmern in der schönen Sprache von Rousseau und Mollieres, die Tiefe der Gedanken ist wie mit einem Goldsaum von schönen Wendungen umstrahlt. An der Art, wie er den Satz aus der Tefillo erklärt und deutet, erkennt man den Mann aus der „Welt der Gebete". Man weiß", er versteht es, zu einer größeren Gemeinde zu sprechen als die, die hier um ihn versammelt ist ... Und man erzählt mir, daß zur gleichen Zeit auch in der anderen orthodoxen Synagoge auf Montevideo, wo auch viele frühere gute Frankfurter ihren Platz haben, der G'ttesdienst in gleicher Weise in vollbesetztem Hause vor sich geht, mit süddeutschen Gesängen und Lehryorträgen des Rabbiners. Das große Treffen nach Schul in der vortrefflich geleiteten Pension Ringer-Schreiber beim „Kiddusch" oder „Tscholeat" mutet schon beinahe wie eine Erweiterung des G'ttesdienstes an. Die Redewendung „Wie G'tt in Frankreich", habe ich nie recht verstanden, aber „bei G'tt in Frankreich" habe ich einen schönen Sabbat verlebt ... > —*z< (Schluß folgt.) Neues vom Riekele. Es war ein schmerzliches Abschiednehmen für das brave Riekele, damals vor drei Jahren, als ihr« Herrschaft nach Palästina auswanderte, sie aber, diese treue Seele, zurückbleiben mußte. Ueber dreißig Jahre waren sie zusammen gewesen, hatten redlich Freud und Leid miteinander geteilt. Vor allem aber hatte Riekele in dieser langen Zeit bei der so Überaus frommen Familie all die strengen Gebräuche, besonders soweit sie in das so schwierige Bereich des Kaschruth *fieleni nicht nur gelernt, sondern mit solch peinlicher Gewissenhaftigkeit ausgeübt, daß ihr das alles richtig in Fleisch und Blut übergegangen war. (Das änderte nichts an der Tatsache, daß Riekele dabei von Haus aus gut katholisch war und es selbstverständlich auch geblie- 'ben ist). Der Abschied war arg. Noch ärger aber, daß sie nun zu1 einer jüdischen Familie kam, die ganz im Gegensatz zu der früheren, einen streng trefenen Haushalt führte. Das Umstellen fiel ihr recht schwer und es kostete ihr keine kleine Ueberwindung, bis sie sich wieder daran gewöhnte, zum Beispiel, sagen wir einmal, in Butter gebratenes Fleisch zu essen. Dieser Tage traf ich sie. „Na, Riekele, wie geht es immer?" „Ganz gut, die neue Herrschaft ist mehr wie recht zu mir; Es: wäre Uhrecht, mich zu beklagen. Nur —" es folgte ein leichter Seufzer — „ich habe meine ganze JücUschkeit verloren!" ' Dr. S, H. G. Äl&'iii^ I^Tl^r ' » «...«! •. : f'-..-' {■ J ■ ■. , . ... ■ n . •' . .': . 47T 1