Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1937)
- Date
- 1937-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Nummer 36 1937 Ein Dichter fährt in heiliges Land« Novelle von Schalom Ben-Ckorin, Kennen Sie die erschütternd-schöne Legende vom Tode Jehuda Halevi's? Nun, ich will sie Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, denn irgendwann haben Sie sie bestimmt schon einmal gehört. Zumindest in Heines Romanze, in den „Hebräischen' Melodien". Das ganze Leben des Jehuda Halevi war durchglüht von einer großen heiligen Sehnsucht nach Zion, nach Jerusalem. Zion war die Geliebte seines Herzens, der er die schönsten Verse widmete, Verse von so überschwenglicher Liebeskraft und Treue, die am klarsten werden, wenn ich das geflügelte Wort des Propheten zitiere, das der Dichter oft variierte. „ .... Verwelken sollst du meine Rechte Vergäß .ich dein, Jerusalem ..." Nun, und sehen Sie, jetzt kommt das Traurige, das, was mich heute besonders nachdenklich stimmt. Gegen Abend seines liederreichen Lebens, etwa um das Jahr 1145, machte sich der Dichter Jehuda Halevi auf und pilgerte von Cordova, seiner .Heimatstadt gen Jerusalem, der Heimat seines Herzens. Und auf einmal stand er am Ziel aller seiner Träume und seiner klangreichen Gaselen, an der Stätte des zerstörten Heiligtums. Und Tränen liefen aus den verträumten Augen des g'ttlichen Dichters und er begann sein allerschönstes Lied zu singen, das Lied von der Heimkehr der Geliebten. Undda der Dichter so stand, versunken in den Anblick (Jerusalems und schon ganz gefangen von den Rhythmen seines allerschönsten Gedichtes, sprengte ' ein Sarazene mit verhängten Zügeln die Straße daher und durchbohrte den Träumenden mit eherner Lanze. t|nd das Lied starb mit seinem Dichter. Und das rote Blut seines Herzens sickerte in das Erdreich Jerusalems, Es war eine blutige Hochzeit des Dichters mit seiner Geliebten, Aber die Legende raunt, daß dieser Sarazene gar kein Sarazene war — nur stumpfem Menschenauge mochte es so scheinen —, es war der' Engel Michael, der auf einem himmlischen Zelter geritten kam, um den Dichter G'ttes hinaufzutragen in ein himmlisches Jerusalem. ~ Aber das Lied nahm er mit. — Er nahm es mit hinauf in die Höhen der Urheimat aller Seelen, indes das Blut seines liebenden Herzens die Erde tränkte. Und sehen Sie, diese Legende fiel mir ein, als ich heute diese kleine Notiz in der Zeitung las: „Bei einem Beduinenüberfall auf die Kolonie Kfar Jecheskiel wurde der Schomer der Siedlung, der in Deutschland bekannte Schriftsteller Manfred Schermann, der erst seit einigen Tagen seinen schweren Dienst versah, erschossen." Sie kannten Manfred Schermann nur flüchtig. Ich glaube, daß ich Sie hier im Hause einmal, bekannt machte. Er verdient es, daß wir von ihm sprechen. Später hole ich dann vielleicht das" schmale Bändchen Gedichte aus dem Bücherschrank und . wir halten mit Schermanns Versen . eine Gedenkstunde für ihn ab Doch vorher will ich Ihnen von ihm erzählen und will Ihnen auch berichten, wie ich mit Schermann Freundschaft schloß. Es ist keine abenteuerliche Geschichte. Ach, ich glaube, jener Beduinenüberfall, von dem die Zeitungen melden, war das erste große Abenteuer in Manfred Schermanns Leben — und leider auch sein letztes. Schermann war ein hochaufgeschossener, hagerer Mensch, der kindlich verträumt durch das Leben Wandelte. Er w^r so recht ein Dichter — ein Dichter, wie ihn sich die Kinder" vorstellen. Sein volles dunkles Gelock umrahmte inv weichen ,(W,ellen sein bleiches Gesicht, aus dem die schwarzen Märchen-- äugen glühten wie Köhlen. Schermann hatte immei» ein Buch in der Hand1—• er pflegte auch auf der Straße im Gehen «zu lesen —,' oder er saß in einer Anlage unfer einem -blühenden Baum und 'schrieb in sein diökes Wachstuchheft eine seiner fast zerbrechlich anmutenden Növelletten, oder seine glasklaren Verser ' 5 '■' ' r - " '- Wenn" man Schermanns Verse oder seine Prosa las, mochte man kaum glauben, daß diese' zierlichen Gebilde von diesem großen, ungelenken Manne stammten. Schermann litt fast unter seiner Größe. Er ging so vorsichtig mit allem um, als fürchtete er, etwas zii zertreten, oder entzwei zu schlagen. Im August des vergangenen Jahres saß ich Schermann zum erstenmale gegenüber. Es war in einem Gartencafe im Stadtpark. Fast alle Tische waren besetzt. Nur an meinem konnte Schermann noch Platz finden. Wie es gemeinsamer Tisch manchmal mit sich bringt, kamen wir ins Gespräch. Mir war sogleich der riesenhafte Mann, dessen lockenumwalltes Haupt an die Propheten unseres Volkes gemahnte, aufgefallen. Schermann hatte auch in mir bald den Juden erkannt. Alle Zweifel, die er noch etwa haben mochte, wurden dadurch behoben, ' daß ich eine jüdische Zeitung vor mir liegen hatte. Schermann wies lächelnd auf das Blatt: „Ah, Sie sind einer meiner Leser! Es ist schön, seinem Publikum gegenüberzusitzen." Und er schlug den Unterhaltungsteil der Zeitung auf und zeigte mir einige Verse, die mit Manfred Schermann gezeichnet waren. Ich las sie, denn zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nur allerlei Aktuelles überflogen hatte, ohne auf die leuchtenden Verse Schermanns zu achten. Das Gedieht — ich weiß nicht mehr, wie es hieß — begann: ..Mein Lied ist anders als eures, Das aus lichteren Fäden gewebt. Mein Lied ist ein ungeheures Ringen um mein teures Volk, das am Abgrund lebt." Ich horchte auf. Aus diesen — unbeachteten — Versen sprach mich etwas an, etwas, was jenseits des Stilistisch-Artistischen lag, ein Erfülltsein von einer großen Aufgabe, einer brennenden Liebe, Schermann war ein verschlossener Mensch. Daß er mich bei unserer ersten Begegnung auf seine Verse hinwies, war etwas Außergewöhnliches, vielleicht ein plötzlicher Durchbruch seiner großen Einsamkeit. Denn Schermann war ein einsamer Mensch. Ein einsamer Liebender. Er liebte Bücher und alte Holzschnitte (sein Atelierzimmer war übervoll davon), er liebte Blumen und auf seine stillbetrachtende, aller Aktivität bare Weise liebte er die jungen Menschen, — 1 Aber Schermann war durchaus kein Idylliker. Er brannte in einer stürmischen, wildzüngelnden Liebesflamme zu seinem jüdischen Volk —' zu dem er erst spät und nach langen Irrfahrten gefunden hatte — und zu seinem heiligen Land. Er lernte mit fanatischem Eifer die uralte Sprache unseres Volkes, die jetzt in unseren Tagen sich herrlich-neu verjüngt, und mit vor Ergriffenheit bebenden Lippen sprach er die Psalmen, oder das Hohe Lied, von denen er einige in deutschen Reimen übertragen hatte. „Ach!", rief er einmal enthusiasmiert aus, „wie reich sind wir doch! Hören Sie nur diese Fülle des Wohlklangs, dieses Rauschen der Felder und das Brausen der Wüstenwinde und den Wellenschlag des Genezareth-Sees — alles, alles, unser ganzes Land, Erez Israel, klingt in diesen Versen." Sein Wunsch, Palästina, das werdende, wachsende, wiedererwachte, zu sehen, dort zu leben, beherrschte zeitweise alle seine Gespräche. Schermann, der sonst ungemein friedfertig war, konnte sich bei diesem Thema in Rage reden. „Sehen Sie, ich bin nun 35 Jahre alt. Chaluz kann ich kaum mehr wgrden. Die Engländer haben für die armen Leute — und leider gehöre "ich zu diesen — die Tore des gelobten Landes verrammelt. Was soll ich tun? Es ist nicht gut, mit dem Herzen kilo« meterweit entfernt von dem Lande seiner physischen Existenz zu wohnen. Und mein Herz 'gehört den Bergen Judas." — Er wurde pathetisch, wenn er von Palästina sprach. „Ich muß oft an jenes schottische Volkslied denken, das in unserem englischen Schulbuch stand," fuhr Schermann fort. „My hart in the highland, My hart ist not here . . ." ' ... „Ein Volk,-.—-das Solch sehlieht-ergreifendes Sehnsuchtslied geschaffen hat, sollte nicht so grausam sein gegen uns." ■•:■ ■; >■■.'< Ich wollte Einwände machen, wollte Schermann beweisen, daß die Engländer 'durchaus nicht „grausam" seien, daß sie sich vielmehr von wirtschafts« politischen Gesichtspunkten leiten ließen. i Schermann ' war derartigen Argumenten unzugänglich. Er sah mich groß aus seihen verträumten Äugen an und s'chwieg.; Schließlich meinte er kurz: „Davon verstehe ich nichts. Dergleichen überlasse ich neidlos den Neunmalklugen. Ich liebe das Land und den schlichten Heroismus seiner Menschen. Ich will hih, und Sie werden sehen, eines Tages bin ich einfach dort, trotz aller englischen Wirtschaftspolitik!" Ich nahm Schermanns Schwärmereien nicht sehr ernst. Um so erstaunter war ich, als ich ihn eines Tages in seinem gänzlich ausgeräumten Atelier antraf, über einen großen Koffer gebeugt, in den er Wäsche, Bücher, Stiefel, Manuskripte bunt durcheinander warf, was er „packen" nannte. „Aber, Schermann!", rief ich, „um G'tteswillen, was ist los? Sind Sie gepfändet? Fliehen Sie? Was ist passiert?" Er sah von seiner Arbeit kaum auf. „Schalom," sagte er kurz, „ich fahre." „Und Ihre Bücher? Ihre Möbel? Ihre schönen Holzschnitte?" Schermann zuckte die Achseln. „Tut nichts. Das war alles einmal. Jetzt bin ich frei und habe eine Schiffskarte nach Palästina." Und ganz unvermittelt meinte er: „Kommen Sie mit? Wissen Sie was? Kommen Sie einfach mit!" Ich zog es vor, nicht zu antworten. Vielmehr war ich bemüht, Schermann die Gefahren einer illegalen Einwanderung in den schillerndsten Farben zu malen. Es nützte nichts, Schermann sagte einfach und entwaffnend: „Es ist nicht gut, mit dem Herzen kilometerweit entfernt von dem Lande seiner physischen Existenz jlü. wohnen," Schermann fuhr als Tourist in das Land seiner Sehnsucht. Er war erfüllt von dem festen Willen, nicht wiederzukehren. Nun, er ist auch nicht mehr gekommen. Bevor noch seine Aufenthaltsbewilligung abgelaufen war, hatte er sich ewiges Wohareeht erworben. Denn Tote sind überall beheimatet. Ihre Heimat ist ja die Erde schlechthin. Er war glücklich, der große Schermann mit der Kinderseele, als man in einer Kolonie, durch die er kam, Verwendung für ihn hatte. So unbeholfen er sonst war, er schoß scharf und zielsicher. Das hatte er im Kriege seltsamerweise gelernt. Vor ein paar Tagen noch bekam ich diese Karte von ihm. Hier sehen Sie: „Lieber Freund, ich bin glücklich! Man kann mich alten Träumer hier gebrauchen. Daß ich schießen kann, kommt mir zustatten. Der Wächter von Kfar Jecheskiel ist krank, die Leute hier haben viel mit der Ernte zu tun und SO vertrete ich denn den Schomer. Ich bewache also das Land Israel! Leben Sie wohl! — Der Dienst ruft!"--- Es war still geworden im Zimmer. Nur das Summen des Samowars. Der 'Hausherr ging behutsam, als fürchte er sich, mit ganzer Sohle aufzutreten, zum Bücherschrank und nahm ein schmales Bändehen Gedichte heraus. Dann las er einige der glasklaren Verse Schermanns. Die Strophen verhallten in der Dämmerung des Raumes. „Vielleicht," sagte der Gast nachdenklich, und sah in den sinkenden Abend durch das geöffnete Fenster, „vielleicht war auch jener Beduine, der auf Sehermann schoß, nichts als der Engel Michael.*' „Vielleicht? Wer kann es wissen?" gab der Hausherr zurück, „und vielleicht hatte Manfred Schermann sein schönstes Gedicht in dieser Nacht auf der Wache ersonnen. Ein Gedicht von der herben Erfüllung seiner großen Sehnsucht ... Ja, vielleicht?!" Wochenkalender. Vom 11. bis 18 SÄftsmber 1931 jVom 6. — 13. Tischri 5698 V3V l'^in m-to rn» "i^i Samstag 11 6 i»P Sonntag 12 7 TO? Montag Sept. 13 8 TUp Dienstag 14 »n&n 9 TV>p •YI83 ov> any Mittwoch 15 10 Ö'p DV Donnerstag 16 11 3P , Freitag 17 12 SWp Samstag 18 r 13 Mp U'tsn •--' ' " ■-:- ' -•-----_—_L_-_:_ : ■;_; ■- n i ß a m p C n Elektrisch e! Geräte Kah ISchrä n ke 91 c u m a n n Bleiaenstraßef4T Tele f 'o. n 2 5 7 2 0