Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 36 (9.9.1937)
- Date
- 1937-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 9. September 1937 4. Tischri 5698 Nummer 36 aatsmänner beglückwünschen die Juden zum Neuen Jahr. Washington, 4. Sept. Anläßlich des jüdischen Neujahrs hat Präsident Fr ankiin D. Roosevelt folgende Botschaft an die Juden Amerikas erlassen: „Ich würdige außerordentlich die Bedeutung der Feier des Rosch Haschana und möchte meine ernste Hoffnung zum Ausdruck bringen, daß das an ihm beginnende neue Jähr gekennzeichnet sein möge durch wachsendes Gedeihen und Glück, nicht nur für' unsere jüdischen Mitbürger, sondern auch für die ganie Bevölkerung unseres gemeinsamen Vaterlandes." In der Neujahrskundgebung, die der Staatsgouverneur von New York, Colonel Herbert H. Lehman, erlassen hat, heißt es; „Wir amerikanischen Juden haben Anlaß, tiefe Dankbarkeit für. die Segnungen des Friedens und für den Vorzug zu empfinden, daß wir in einem Lande leben und arbeiten, welches allen seinen Bürgern religiöse und politische Gleichheit gewährleistet. Diese großen Privilegien bringen eine hohe Verantwortung mit sich, die wir als Juden, wie ich zuversichtlich glaube, stets anerkennen und der. wir nach besten Kräften loyal, entsprechen werden. Im Sinne jüdischer Tradition müssen wir in unserem günstigen Schicksal' eine Gabe erblicken, die wir mit unseren weniger glücklichen Brüdern teilen. Sie brauchen unsere Hilfe wie niemals zuvor. Wir dürfen in der Erfüllung unserer - Pficht ihnen gegenüber nicht versagen. Wir müssen den Beweis dafür, daß wir die Privilegien, die wir in diesem gesegneten Lande genießen, zu schätzen wissen, dadurch erbringen, daß wir denjenigen helfen, die weniger glücklich sind als wir." Melbourne, 4. Sept. Ministerpräsident Jos e(p h A. Lyons hat zu Rosch Haschana an die Judenheit des Australischen Staatenbundes folgende Botschaft gerichtet; „Ich freue mich, Gelegnheit zu haben, meine Glückwünsche zu übermitteln. Die Juden sind zahlenmäßig nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Australiens, aber ihre Führer haben ein hohes Niveau bürgerlicher Tugend festgelegt und diesem Beispiel eifert die jüdische 'Gemeinschaft im allgemeinen nach." Öer Oberrabbiner des Britischen-Reiches ruft zur Besinnung und religiöser Einkehr auf. London, 3. Sept. Der Oberrabbiner des Britischen Reiches, j^r. J, H. Hertz, hat zum Neuen Jahre eine Botschäft erlassen, in der es heißt: „Der jetzt von so mancher Zitadelle des religiösen Lebens ergehende Ruf ,Zurück zur Religion' findet einen sympathischen Widerhall in. der Seele des wahren Juden: denn er ist seinem geistigen Leben nicht fremd. Jahr für Jahr erweckt der Schofarklang des Rosch Haschana den gläubigen Israeliten aus dem Schlaf der Unbekümmertheit und gebietet ihm, darauf zu verzichten, hinter Schatten her zu jagen, die ihn an der Wirklichkeit vorbeiführen, und reuig die ausgestreckte Hand des himmlischen Vaters zu ergreifen um einer Erneuerung der heiligsten Ideale des Judentums in seinem Herzen und in dem Herzen derjenigen willen, die ihm teuer sind. (Fortsetzung siehe Seite 2.) Die nächsten Nummern des „Israelit" erscheinen wegen der Feiertage: Nr. 37/38 am Freitag, den 17. September, Nr- 39 am Freitag, den 1. Oktober. Aus dem Inhalt; Die Mandatskommission gegen Einschränkung der Palästinaeinwanderung . . Seite 2 Die Lage in Palästina .......Seite 2 Sorgenvolle Festtage in Polen .... Seite?. Nach der Kenessio Gedaulo.....Seite 3 Der Weg zum Leben........Seite 4 «* Ueberseeauswanderung und Siedlung. Von Dr. Maximilian Landau . . . Seite 4 Eine Möglichkeit zur Einwanderung nach Chile...........Seite 3 Konferenz des Weltverbandes polnischer Juden............. Seite 8 Rabbinatsrat für Karpathorußland . . Seite 8 Ein Dichter fährt in heiliges Land, Die kleinen und die großen Sünden Neue Deutung eines alten Brauches. Für den uralten Brauch des Taschlich am ersten Rosch Haschanahtage wird eine ganze Reihe von Gründen angegeben. Die bekanntesten sind: Erinnerung an den Moriahgang Abrahams, dem sich Satan in der Gestalt eines reißenden Stromes entgegenstellte (Midrasch). Andere erklären es einfacher mit der Huldigung G'ttes (fTPlDVö)' diesich, wie bei der Krönung irdischer Könige in alter Zeit, am Flusse abspielt. Es fehlt auch nicht an Deutungen tief kabbalistischer Art. Warum sollte man sich nicht von dem Gebete, das für diesen Brauch vorgesehen ist, vom Inhalt des Taschlich, über seinen Sinn belehren lassen? Wir beten mit dem Propheten Micha ü. a.: „Und daß Du Dich unserer erbarmst, unsere Sünden zusammenpressest und all unsere Vergehen in des Meeres Tiefen wirfst. Und alle Sünden Deines Volkes Israel mögest Du hineinversenken in die Fluten des Meeres, derart, daß ihrer nicht mehr gedacht wird und die Erinnerung an sie nicht mehr im Herzen auftaucht, in aller Ewigkeit." Hat man diese Prophetenworte für den alten Brauch gewählt, so kann kein Zweifel darüber herrschen, daß man mit der Uebung diesem Gebete symbolischen Nachdruck geben wollte. Wir wollen unsere Sünden, — wie wir es von G'tt wünschen, daß er es tue — ablegen, in den Wässergrund versenken, auf daß sie nicht mehr sind, und. ihrer nicht mehr gedacht wird. Daran läßt sich aber folgende naheliegende Betrachtung knüpfen: Auf den Grund sinken, ohne mehr aufzutauchen, nur die schweren Gegenstände, wie Stein und Eisen, nach dem Gesetze ihreV eigenen Schwere. Leichte Dinge sinken nicht, sie kommen immer wieder an die Oberfläche und bleiben sichtbar. Was lernen wir daraus? Nicht die schweren Sünden machen uns an den heiligen > Tagen Sorgen. Sollten solche unsere Seele belasten, so haben wir sie gewiß in schlaflosen Nächten bitter bereut und waren auf Wiedergutmachung bedacht. Diese Steine in unserem Sündenregister wurden wohl von ihrer eigenen Zentnerschwere in die Tiefe gedrückt, sind durch unsere eigene Buße und die Gnade G'ttes vergessen und vergeben. Was uns aber angst und bange macht, das sind die kleinen Sünden und Vergehen, die sich an unsere Verse hängen und uns gar nicht richtig zu Bewußtsein kommen. Die „Versensünden" nennen sie unsere Weisen nptf' und der Psalmdichter singt: sn 01*3 KVK fiaS (Ps. 49, 6.) Was mich fürchten läßt in den ernsten Tagen der Abrechnung, das sind ^DID'' "»apy pST' die Sünden meines täglichen Weges, die uns umringen und über die man achtlos hinwegschreitet. Graf Leo Tolstoi, der bewußt und unbewußt aus jüdischen Quellen schöpft, erzählt etwas in seinen Traktätchen, was auch in unseren alten Moralbüchern stehen könnte: Kam da zum geistlichen Vater eine einfache Frau und wollte von ihm den Weg der Buße und Entlastung für die Sünden ihres Lebens erfahren. Der Alte tat einen großen Stein in einen Sack (Fortsetzung siehe Seite 3.)