Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-09-02 · Heft 35 (2.9.1937) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 35 (2.9.1937)
Date
1937-09-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2450995--83216-2541214
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 12, Nr. 35 **-*t-^w< I s r a «? 1 i t ^»f^^^f^S^l^t 2, September 1937 Der Weg zum Leben. Eine Kundgebung des Lubawitscher Rebbe, übersetzt von Meir Bogner. „Heute (am Rausch Haschono) ist der Ge burtstag der Welt und aller Geschöpfe, heute erscheinen die Geschöpfe aller Welten vor dem g'ttlichen Gerichte, sei es wie Kinder (vor ihrem Vater), sei es wie Knechte (vor ihrem Herrn); wenn wie Kinder, dann erbarme dich unser, wie sich der Vater seiner Kinder er barmt, wenn aber wie Knechte, dann sind un sere Augen (im Gebete) auf Dich gerichtet bis Du uns gnädig bist und über uns einen Richterspruch (freudvoll) wie Licht ergehen läßt. Furchtbarer, Heiliger! (Aus dem Mus saphgebete von Rausch Haschono)." Sei es wie Kinder, sei es wie Knechte Es gibt g'ttliche Gebote, die der Mensch erfüllt mit der liebevollen Hingabe eines Kindes an den Willen seines Vaters, andere aber erfüllt er nur mit Selbstüberwindung wie der Knecht, der dem Befehle seines. Herrn gehorcht. So erscheint der Mensch am Rausch Haschono vor dem g'ttlichen Richterstuhle wie ein Kind vor seinem Vater, oder wie ein Knecht, vor seinem Herrn. Wohl wiegt die Sünde des Kin des'gegenüber seinen Eltern mehr, als die des Knechtes gegenüber seinem Herrn, doch ist das' Erbarmen der Eltern größer, als das des Herrn. Wir bitten da her an dem Tage des Gerichteg... um das liebevolle Erbarmen des Vaters für sein Kind; sollten aber, G'tt behüte, unsere Handlungen uns dieser Barmherzigkeit als unwürdig erweisen, so bitten wir um die Milde des gütigen Herrn für seinen Knecht. Furchtbarer, Heiliger! Das erste dieser beiden Prädikate weist auf die unendliche Erhabenheit der g'ttlichen Majestät hin. das zweite aber auf die unendliche Demut, die in der Herablassung des Heiligem gelebt s<zi Er, selbst zu seinen niedrigsten Geschöpfen liegt, Im Bereiche des Menschlichen schließen Majestät und Demut einander aus, der Heilige, gelobt sei Er, aber vereint sie in sich und dies gibt uns den Mut, vor Ihm im Gebet hinzutreten und Erbarmen zu erhoffen. Durch jede Tat des Menschen wi^d ein Engel erschaffen, der diese Tat am Tage des Gerichtes vor dem Weltenrichter bezeugt. So legen dann die guten Werke, bezw. die durch sie erschaffenen Engel gutes Zeugnis für den Menschen ab, die bösen aber belasten ihn. Und es weist dann der Satan (= Ankläger) auf die Schuld des Menschen und fordert von der g'ttlichen Gerechtigkeit restlose Bestrafung für den Sünder. Es ist aber nach dem Worte . unserer Weisen (Bab. bath. 16a) dieser Satan (= Ankläger) derselbe, der als böser Trieb den Menschen zuerst zur Sünde verleitet und schließlich als Todesengel am Körper des Menschen das Vernichtungswerk vollführt. Der Satan, so sagen sie ausdrücklich, steigt herab (zum Menschen) und verführt i h n, hierauf steigt er empor (vor den g'ttlichen Richterstuhl) und klagt ihn an. Es geht der spätere Ankläger zunächst bei seinem Verführungswerke als böser Trieb sehr behutsam vor. Anfangs regt er den Menschen nur ZU erlaubten Genüssen an, wie gutem Essen, gutem Trinken usw., doch allmählich von -Stufe zu Stufe führt er den Menschen schließlich zum tiefsten Grade sittlicher Entartung, wie unsere Weisen sagen (Sabbat 102b): Dies ist die Art des bösen Triebes; Heute sagt er zum Menschen: „Tue dies?", morgen „Tue jenes!", bis et schließlich , zu; ihm spricht: „Diene Götzendienst!" ' Ist ihm nun die völlige Umgarnung des Menschen gelungen, so erhebt er sich am Tage des Gerichtes als Ankläger gegen den Sünder — mag derselbe die getane Schuld schon längst aufs Bitterste bereut haben —fordert strenges Recht und bittet um die Ermächtigung, als Todesengel nach der Seele des Sünders zu greifen. Dies meinen un- ■ sere, Weisen, wenn sie sagen; Der böse Trieb ist in seinem Anfange süß, in seinem; Ende aber bitter. Süß sind seine Worte, mit denen er den Menschen zur Sünde verführt, bitter aber jene, mit welchen er hernach, - Bestrafung heischend, gegen den ZU Fall gebrachten Menschen als Ankläger auftritt. Doch der Weltenschöpfer, er ist, wie oben bereits gesagt, wohl furchtbar; wohl Weltenrichter, aberjauch heilig, d. h. sich seiner Geschöpfe in Liebej: erbarmend, Wie der 'Vater seinen Sohn, so will auch-Er den Menschen nur auf den rechten Weg führen, und bestraft ihn nur, wenn er den Unrechten erwählt und an ihm festhält. Nicht Bestrafung ist der g'ttliche Wille, sondern Umkehr des Sünders vom schlechten zum guten Wandel. Zu.jedem Frevler, zu je^er irrenden Mensehenseele ist G'ttes Blick gerich? , tet in Erwartung, :daß i er" umkehre, wie es jfteufo! D iu r e i c h s t d i ie H a n'd $ e;fa; F r e v l.e; r nti h.d[ Deine' Rechte* ist e n:t.g e g enge st r e c k t' d e m "U m k e h r e n d e n. Nicht, die JVerni^htung., Sondern die seelische Genesung des Frevlers ist sein . Wille,. wie es heißt (Ezechiel 33): Sage ihnen: So wahr.ich lebe, is4 der Ausspruch des Ewigen, so will ich nicht den Tod des Frevlers, sondern daß er umkehre von seinem Wege u n d leb e. Ebenso heißt es (Jesaja 57): Es verlasse der Frevler seinen Weg und der Man n der S chuldseine Gedanken und kehre, z ur ü c k_ z um Ewig e.h. und er wird sich seiner; erbarmen und zu unserem G'tte, denn Er ist reich im Verzeihen. Der Gerichtstag am Rausch Haschono ist ein Tag des Zitterns für alle Geschöpfe. Denn an ihm ergeht für sie alle' der Richtspruch, wie es in der Mischna heißt: Am Rausch Haschono ziehen alle Weltenbewohner vor Ihm (zum Richtspruch) vorüber wie Schäfchen, die man (zum Zählen) durch eine enge Pforte führt (d. h. Einzelweise). Es ist ein Tag des Zitterns und des Schreckens, denn an diesem Tage wird das Geschick eines jeden Geschöpfes für das ganze kommende Jahr bestimmt. Nicht nur für die irdischen Wesen ergeht an diesem Tage der Rich^ terspruch, sondern ebenso auch für die Himmlischen. Auch für die Engel und, die im Paradiese weilenden Seelen wird an diesem Tage das Maß des ihnen im kommenden Jahre zuteil werdenden Guten festgesetzt, sowie für sie am Jomkippur auch Sühne erfolgt. Darum wird am Jomkippur Maskir (das Gebet für das Seelenheil der Verstorbenen) gebetet. Man . erwähnt im Gebete die Seele der Eltern und aller Frommen und spendet zu ihrem Seelenheil für wohK tätige Zwecke. Die Seelen der Eltern und Frommen beten an diesem'Tage zum Heiligen, gelobt sei Er, daß er Erbarmen haben möge mit. ihren Nachkommen und Schülern und ihnen ein gutes gesegnetes Jähr geben möge. . ' * s Unsere Weisen berichten uns, daß der erste Schöpfungstag am 25. Tage des Monats Ellul gewesen sei. Da wir nun Rausch Haschono am ersten Tage 4«S' Monats Tischri feiern, so ergibt sich daraus daß dieser Tag, »mit dem das neue. Jahr beginnt, und ari welchem über das vergangene Gericht gehalten wird, der letzte der sechs Schöpfungstage gewesen ist, jener Tag, an welchem der Mensch erschaffen wurdet Nicht von dem Tage der Erschaffung yo.n Himmel und Erde, nicht von dem der Formung von Sonne, Mond und Sternen, Meere, Pflanzen und Tiere, lediglich von dem Tage der Erschaffung des Menschen wird der Beginn des1'- Jahres und der Anfang der Welt gerechnet, wie es im Gebete heißt: Dies ist der Tag des Beginnes Deiner Werke, Erinnerung an den ersten Tag. Warum dies? Weil der Mensch als in zeitlicher Hinsicht Letztes aller Geschöpfe, ihnen doch im Geiste des Schöpfers vorausgegangen ist, indem er Sinn und Zweck alles Erschaffenen darstellt. Alles Vorhandene ist nur für ihn da, er ist das vorzüglichste aller Wesen. Krone der Schöpfung. Diese Schöpfung ist unvollendet, ja sie ist sinn- und wertlos, wenn er nicht vorhanden ist; durch seinen Eintritt erst wird, sie das, wozu sie erschaffen ist. Die Gesamtschöpfung, sie gliedert sich in Natur, Mensch und Engel. Alle dem Bereiche der Natur ahgehörigen Wesen bestehen sowohl aus körperlicher, wie auch aus seelischer Substanz. Ihnen allen gemeinsam ist das Ueberwiegen der Ersteren gegenüber der Letzteren, doch ist der Grad dieses Ueberwiegens verschieden'. Bei den sogenannten leblosen Körpern verdeckt das Körperliche das Seelische vollkommen, in der Pflanzenwelt ist das Seelische schon merkbar, in der Tierwelt tritt es noch augenscheinlicher hervor, aber auch hier bleibt das Körperliche das Primäre. Die Engel sind körperlose, rein geistige Wesen, wie es heißt (Psalme J04)::,,.E r m a c h t ,s.ein e E ng,e 1 au s Geist, seine. Diener aus flammendem Feuer. Der Mensch aber, hat einen Körper aus Erde, und eine Seele höher als >;die eines. Engels. Durch seinen Körper kann der Mensch tiefer sinken als das Tier, durch seine Seele aber höher steigen als der Engel Ef besitzt vollkommene Willensfreiheit über sein Handeln und damit auch übet seine Rangordnung,: wie es heißt (V. Buch Mosis 30): S'ieh'e.ich habe heute vor Dich (zur Auswahl) hingegeben das Leben und das Gute, den Tod und ____s Böse. Raschi erklärt dies: Tust Du das viute, erhältst Du Leben, tust Du das Schlechte, dann erhältst Du den Tod. Diese Möglichkeit > einer freien Wahl des Lebensweges besitzt unter allen Geschöp-s fen nur der' Mensch. Natur und Engel, sind ihrem Wesen nach unveränderlich, der Mensch allein bs* iitzt die Möglichkeit ejner. Selbstveredelung durch freigewolltes, zweckmäßiges Handeln nach den Geboten der Thora, Hält er sich an die Speisegesetze ter Thora, -wird sein Blut edler, beachtet er , "die hegesetze^ so werden ihm edlere Kinder, geboren usw. Damitfüberragt der Mensch, jedes Geschöpf und wird?um ^sittlichen Repräsentanten der,-Welt und, s.b wird es IHär, daß mit seiher Er-scnaffüng der- Ah% fang 'der Welt eigentlich;erst gegeben, ist .und. dieser Tag" zugleich" den Beginnv eines jeden weiteren 'Jah-: res därstelltr'*' "' ' " .....• ■'-«■ An diesem Tage nun wird, wie bereits früher erwähnt, das Geschick eines jeden Geschöpfes für das kommende Jahr bestimmt und festgesetzt/ was ihm an Freud und . was, G'tt . behüte, an Leid, widerfahren soll, wie wir es inii Gebete sagen: Äm-R a u s c h .Haschono wird (vdr dem g'ttlichenf i Richterstuhle) niedergeschrieben und am Jomkippur ün t er z e i c im e^V wer leAiin bleiben soll und wer sterben s oll, wer geschädigt w e r d e n s 6 11 dur c h F e u e r, wer durch Wasser, wer arm werden soll und wer reich, wer erniedrigt werden soll und wer erhoben. —! Doch nun heißt es im Gebete .weiter: Reue, Gebet und Wohltätigkeit heben hinw-e g das Böse des Urteilsspruches, d, h sie beschützen den Menschen vor der Strafe, die er auf Grund seines bisherigen Handelns Verdienen würde. Diese gewaltige Macht der Reue erklärt sich daraus, daß der Heilige, gelobt sei Er, den Menschen in . der Zeit des Gerichtes nur nach dem augenblicklichen sittlichen Zustand beurteilt. Wie ist denn die Reue? Es betrachtet der Mensch die Niedrigkeit seines bisherigen Handelns und wie weit er sich durch dasselbe von seinem Schöpfer entfernt hat, wie wenig er sich mit dem Lernen der heiligen Thora beschäftigt, wie Mchüg sein tägliches Gebet ist, wie es ihm nur lässige Pflicht, nicht aber Herzensbedürfnis ist, wo es als warmer Erguß des lebendigen Herzens ein gewaltiges Band zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer sein sollte — muß doch ein Mensch im Gespräche mit seinem Mitmenschen den Sinn seiner Worte genau bedenken, um wie unendlich vielfach mehr im Gebete vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei Er! — Es betrachtet der Mensch, wie er im verflossenen Jahre nur den Bedürfnissen und Wünschen seines Körpers Rechnung getragen hat und wenn er schon ein wohltätiges Werk getan, wie mangelhaft es gewesen, kärglich und widerwillig statt freudig und mrt offener Hand, Es hält der Mensch sich all dies gut vor Augen 'und es erfaßt ihn ein tiefer Schmerz über all das Vergangene, zugleich aber verbindet sich damit der feste Vorsatz:, im kommenden Jahrs in all dein besser zu handeln, worin er im vergangenen gefehlt hat. Nun sagen unsere Weisen (Kidduschiii; 40a): Der Heilige g. s. E. wertet die gute Absicht als v ö IIb rächte 'Tat. Wenn nun der Mensch das Vergangene bereut, und für die Zukunft .sich-das Gute fest entschlossen vornimmt, so wertet der Allgütige diesen Entschluß bereits als Tat und richtet den Menschen nur nach seinem nunmehrigen Zustand. Wenn er all das Niedrige um sich: den Zorn den Haß, den Neid, die Lüge, wenn er all dies wahrhaft, aus tiefstem Herzen bereut und von sich abschüttelt, und sich ebenso aufrichtig vornimmt, zu handeln nach dem Grundsatze (3. Buch Mosis 19}: Liebe Deinen Nächsten w i e Dich selbst, dem Nebenmenschen nur Freude zu machen,, ihn zu bessern und all das mit Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit, wenn er sich vornimmt, sich zu festgesetzten Zeiten täglich mit. dem Lernen der heiligen- Thora zu beschäftigen und das daselbst Gelernte auch in die Tat umzusetzen, wie es, heißt: Nicht .'jdas Lernen ist das Wesentliche, sondern die Tat, dann wertet der .Heilige, gelobt sei Ef, die gute Absicht als schon bereits stattgehabtes Handeln. Es hat die Reue um das Vergangene, verbunden mit dem aufrichtigen Gebete und der Vornahme frommen Handelns für die Zukunft die Kraft, das Böse des RlchtsprucKes hin« wegzuheben, und ein gutes, freudvolles Urteil zu erwecken. Es ist hierbei noch Folgendes zu^bedenken: Der Mensch, der gleich dem Tiere nur den körperlichen Gelüsten folgt, sinkt noch viel tiefer als das Tier; das Tier, dem jedes Erkennen versagt ist, handelt, wenn es den körperlichen Instinkten folgt, natürlich, der Mensch aber als vernunftbegabtes Wesen handelt, wenn er die sittliche Erkenntnis seines Verstandes ignoriert, widernatürlich, d. h, schlecht. Ja, noch mehr! Dadurch, daß er seinen Verstand in den Dienst seiner körperlichen Gelüste stellt, ge' lingt es ihm, Bosheitsakte und Verbrechen zu begehen, die dem Tiere vollkommen unmöglich') sind., Die Aufgabe des Menschen ist es .-vielmehr, die. körperlichen Gelüste rückhaltlos, dem. denkenden und erkennenden Verstände unterzuordnen. Aber nicht nur die Verwendung des Verstandes zum Bösen, auch seine ausschließliche Beschäftigung mit den körperlichen Bedürfnissen ist seinem Wesen nicht entsprechend. Es ist ja, klar und unmittelbar einleuchtend, daß diesei herrliche G'ttesgabe derir Menschen nicht ausschließlich "zur . Beschaffung seines' Unterhaltes Verliehen sein kann,' gewinnt doch 'das Tier; ohne' diesen Verstand seinen Unterhalt, nofch'nobendrein mit bedeutend geringerer Mühe als der Mensch, wie es im Talmud heißt (Ende Kidüschin): Rabbi Schimeon ben Eiieser sagii Noch nie'sah ich; einen Hirschen Früchte trocknen, einen Löwen als Lasten-. trägßr,..:oder einen- Fuchs als- Krämer und dennoch gibT'ihnen 'der Heiliger gelobt ^seiyEf, ihr. Issen-ohrm Mühfe -jind Plage;: ich }{Meföcl$<<Vißb<ppffaenj btfsf P' handelt und* mich dadurch ^meines (sorglosen) Leb'ensünterKaltes beraubt/ '? . ■'• (Schluß folgt.) \

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.