Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1937)
- Date
- 1937-08-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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5, August 1937 Der Israelit Nr. 31 Seite 5 ^schichte und Geschichte" zu sehen. Wir würben uns nur dann hierzu bereit finden, wenn jjje Gedole Hasman die Zeit deuten würden. Ohne dieses nicht, Das ist zwar keine Widerlegung, aber als- Beweis reichen uns „geschichtliche Tatsachen" (S. 37) nicht aus. Beweise stützen sich auf Logik, ihnen fehlt die im jüdischen Kreis unentbehrliche Autorität. Daß aber die Gedolim die Tatsachen nicht deuten, hat seinen Grund, wie mir scheint, in ihrer jüdischen Weltanschauung. Die Thora, so Jieißt es bei Breuer, „entfaltet sich in einem geschichtlichen Prozeß, dessen Träger . . . das jüdische Volk ist." (S. 33.) „Und seit dem Sinaitage kündet die nämliche Rolle dem jüdischen Volke von Generation zu Generation — Neues.' Diese Geschichtsanschauüng basiert auf einer bestimmten Anschauung des Thora im Derech- Erez-Prinzips. . Diese Anschauung lehrt, daß die Thora die Realität, d. h. die wechselnde historische Situation des jüdischen Volkes, als Teil der diesseitigen Wirklichkeit zum Gegenstande hat. Die Thora soll die Geschichte gerade in ihrer Relativität und Wandelbarkeit gestalten. Das ist der wesentliche Sinn der Thora. Danach ist also die Frage Thora und Wirklichkeit, praktisch gesprochen: Thora und Leben das Kernproblom des Judentums. Demnach bedeutet der Wandel vom Ghetto zur Emanzipation einen Einschnitt in die Galuth-Geschichte yon allergrößter Wichtigkeit. Darauf beruht dann das Recht, diesem Einschnitt weittragende Deutungen zu geben und die Forderung nach geschichtlicher Schau. Das Verhältnis, von Thora und Leben, Wirklichkeit, Geschichte kann aber gänzlich anders aufgefaßt werden, und es würde hier zu weit führen, die erwähnte Ansicht zu kritisieren. Die Thora enthält die Lehre von dem, was der Jude und sein Volk zur Hebung der Gemeinschaft zwischen Haschern und seinem Volke zu tun haben. Nicht die Wirklichkeit, nicht der Staat, ist das Objekt der Thora, sondern die Seele des jüdischen Menschen und des jüdischen Volkes Die Wirklichkeit, die historische Entwicklung des Volkes, ist »nur eine Seite unseres Volksdaseins, nicht aber sein Wesen. Nicht die Gestaltung der Außenwelt, sondern die der Innenwelt, und auch dies nicht als letzter Zweck, sondern die Annäherung der Volksgesamtheit an ihren Vater im Himmel ist das Ziel, das die Thora oft genug als Idee formuliert. Hierin' hat Birnbaum b"£T schon das Rechte getroffen. Die Außenwelt ist nur der Schauplatz der Aufgabe, nicht aber das Objekt. Daher sind ihre Wandlungen zwar wichtig, aber nicht bestimkern sich nur auf Land und Sprache verpflichten. Nun et-scheinen wieder die Umrisse der beiden Berga von Schechem als Warner, durch eine g'ttferne Gegenwart nicht die Zukunft zu gefährden. * * Doch vorerst ... Vorerst scheiden sich alter und neuer Jischuvf wie Gerisim und Ewal und kommen nicht zusammen. Die Beispiele lassen sich im privaten und im öffentlichen Leben greifen, wenn sich G'ttes Schaboath über G'ttes Erde . senkt. Neben Schabbathweihe webt und wirkt wöchentliche Unruhe, als hätten die Ahnen dieser Geschäftigen nicht am Sinai gestanden . . . Hmter den einen Fehstern atmen Ruhe und Friede, Klingen die vertrauten Laute alter frommer Lieder, tönen Worte der Belehrung aus Israels heiligen Bü- ^ern, Aus anderen Fenstern dringen Tabakrauch, lv"isikweisen, Geräusche könnender Speisen und noch Manches Geschehen tätiger Hände. Auf den Straßen muß der gemächliche Schritt' «er dem Schabbath Treuen vor den Autos der ihm ^^efallenen weichen. Juden in traditionell gewordenen Trachten, den Kopf in Ehrfurcht vor dem jachsten bedeckt, begegnen Juden, die, weil sie es bei der Bevölkerung ihres Geburtslandes draußen sahen, gegen den Brauch in Israel kopffrei einhersehen und auf diese Weise gleichsam verkünden, w'e die anderen Völker sein zu wollen. f*1? älteren Stadtviertel, die des alten JischitWi i. v°n der Atmosphäre des Schabbath durchzogen, ingegen die anderen jüdischen Stadtviertel stören "ntner wieder dieses Gefühl. ^wei Villenvorstädte von Jeruscholajim sind «arakteristisch für diesen Gegensatz. mend und entscheidend. Bedeutsamer ist das, was die Thora jedem Geschlechte gleichermaßen zu sagen hat, als das, was an ihren Problemen sich mit dem Zeitablauf wandelt. Daher schaltet jedes zeitbedingte Moment aus der Ermittlung der Halacha aus, daher kann der Talmud zu allen Konstellationen die Horaah, den halachischen Entscheid, liefern, daher ist Bes-Hamidrasch-Judentum sein Gipfelpunkt. Gewiß ist Beruf und Arbeit ein Wert, und findet Schlomoh, der König, schärfste Worte gegen den Trägen. Besiedlung und Kultivierung der Welt, und besonders von Erez Jisräei, sind hohe Werte. Aber höchster Wert, nnasr» sind sie nicht. Jisrael sammelt das* Getreide draußen, aber der v^? hat noch höheren Beruf; er lebt der nTOtf. IV. Ich glaube, daß im Uebersehen dieses Gedankengangs der Mißerfolg von Breuers Bemühungen zur ideologischen Verlebendigung begründet ist. Sie beruhen, wie mir scheint, auf einem Mißverstehen des Wesens der Halachah, wie ausgeführt. Immer, wenn dem jüdischen Volke von Chinuch, von Erziehung, gesprochen wird, horcht es auf. Daher der Erfolg der Beih Jäkow-Bewegung. Auch der Esra, der Erziehung gewidmet, war und ist, hoffentlich, eine Bewegung. Aber eine historische Bewegung ist nur im Lager des Misrachi aussichtsreich, der bewußt ein neuartiges Thorajudentum erstrebt, was wir ablehnen müssen. Eine agudistische Erez Jisroel-Bewegung ist nur dann möglich, wenn dieser Weg erzieherisch wirkt. Wir vom Noar Agudati wollen uns darum bemühen, den hohen erzieherischen Wert, den der kibbuzische Weg in sich birgt, deutlich werden zu lassen. Wir sehen, daß ihm der. Jeschiwah-Besuch in Deutschland zu danken ist, wir sehen, daß die Hachscharah als Erziehungsgemeinschaft Berufstätiger Lernhingabe und die ganze jüdische Persönlichkeit zu steigern geeignet ist, wir glauben, daß wenn der Kibbuz von den ärgsten Existenzsorgen befreit ist, die Hachscharah in ihm ihre gradlinige Fortsetzung hü» ben wird. Ob der Weg gelingt, liegt nicht bei uns. Zwar ist hiermit noch keine rabbinische Führung gegeben. Ideologisch sind wir aber auch keine Neuerer. Außerdem hoffen wir, daß. der Rabbinische Rat in Deutschland, der bereits die Uebernahme der wirklichen Führung begonnen hat, Wege finden wird, die Gedole Hasman zur Stellungnahme zu bewegen. Bisher haben wir stets von dem geschwiegen, was uns von Breuer unterscheidet, weil wir in Aus Kirjath Möschen (Montefiore) leuchtet die Kuppel ihrer Synagoge weithin und kündet, daß von ihren Einwohnern die Thora respektiert wird. Eine Kette sperrt am Schabbath die Zufahrt zu diesem Vorort. Zehn Minuten fern in die Talsenkung breitet sich mit großen alten Gärten die als Luftkurort und Ausflugsziel beliebte Vorstadt Beth-Hakerem au&. Obwohl hier viel mehr Menschen als in Montefiore wohnen, fehlt die Synagoge. Die als Beamte der Zionistischen Organisation oder sonstwie begüterten Einwohner brauchen eine solche Institution nicht. Auch die Pensionen von Beth-Hakerem können mit wenigen Ausnahmen nur als trefoh bezeichnet werden. Jedenfalls aber entspricht das von herrlichen Nadelbäumen umgebene Erholungsheim des Herrn Eli Münk auch hinsichtlich des Kaschruth den weitgehendsten Forderungen, Die schöne lange Hauptstraße, deren idyllische Ruhe nur selten ein Gefährt stört, da die sehr lebhafte Fahrtstraße an einer der Außenseiten des Ortes vorbeiführt, zeigt zu beiden Seiten hinter Bäumen und Blumen traumverlorene Häuser. Der Schalom grüßt überall, denn Friede, Erholung, Gesundung scheint alles zu atmen. Möchte es bald der echte jüdische Schalom werden, der eine Bezeichnung für G'tt ist, G'tt, der die Thora gegeben hat, dann . wird auch hier der Segen des Gerisim zu Ehren kommen. * * Die Schatten beginnen, sich über Jeruscholajims Schabbath zu senken. Tausende eilen in die „Häuser der Versammlung , um sich in Gemeinsamkeit an G'ttes Wort zu stärken. Viele sind darunter, die — besonders in chassidischen Zirkeln — bei frugalem Imbiß stimmungsvoll Lieder zum Lob des Höchsten erheben, noch den meisten praktischen Fragen gleicher Auffassung sind. Wenn aber eine Bewegung im Sinne der Breuer'sehen Broschüre, entstehen soll, ist es Pflicht, Stellung zu nehmen. Der Aufsatz glaubt, die Meinung vieler wiederzugeben, trägt aber keinerlei offiziellen Charakter. * * Von anderer Seite wird uns zu diesem Thema geschrieben: In den tiefschürfenden und weitblickenden Ausführungen Dr. Breuers über die zukünftige Gestaltung des organisatorischen Gebarens der Aguda spielt die Frage der Besoldung der Führer der Organisation eine gewichtige Rolle. Dr. Breuer weist, in teilweise recht pathetischen Formen, auf die Notwendigkeit der Anstellung festbesoldeter und hauptberuflich tätiger Führer hin, damit das Werk der Aguda in Zukunft keinen Schaden erleide, und er erhofft sich von der dritten Kenessio Gedaulö eine Lösung in diesem Sinne. So berechtigt die Forderung im Hinblick auf die Aktivierung der Bewegung sein möge, so wenig ist sie es, wenn man die durch feste Besoldung der Führer geschaffene Situation in den Rahmen der heute gültigen Verhältnisse stellt und sie auf ihre geistig-seelischen Folgen für Führer und Geführte hin beleuchtet. Wir wollen ganz davon absehen, daß trotz der halachischen Erlaubnis, rabbinische Leistungen und dergl, zu vergüten, die Bedenken des Rambam dagegen zu Recht bestehen. Auch der njlpa *]0D zur Stelle hält dem Rambam nur den von O'^lTl nun einmal überkommenen Usus und das nicht der eigentlichen Halacha entstammende Argument ^jntP'Jö mW mnwn Xbw entgegen, im übrigen geht es zwischen ihnen nur um eine verschiedenartige Interpretation gewisser Berichte, die uns der Talmud über das Verhalten damaliger Größen in dieser Grundfrage übermittelt. Ich sagte: wir wollen von der halachischen Seite des Problems absehen, nicht deswegen, weil die Halachah und der Minhag ja ganz eindeutig zu Gunsten des Breuer'tfchen Standpunktes reden, sondern weil die Frage unmöglich V/SJ7, sondern p*in n*illP» ö*Jöb angepackt werden muß. Wir müssen uns gegenwärtig halten, daß eine;.* der wichtigsten Gründe für den Niedergang der Thora, mehr noch für die großen Schwierigkeiten, ihr in unserer Generation das nötige Ansehen zu verleihen, in dem Argument liegt, daß man in Ost und West, in Süd und Nord immer wieder von der Gegenseite in allen möglichen direkten Apostrophierungen und indirekten Anspielungen zu hören bekommt: Die Leute krieeinige Erklärungen über den Thora-Abschnitt des verscheidenden Schabbath hören und immer noch Minuten um Minuten ihm hinzufügen, als möchten sie ^ihn festhalten um seine Heiligung derer, die ihn heiligen, in die Woche mitzunehmen. Der schwindende Tag sieht auch andere Ziel-3 eilender Juden. Tausende sputen sich, um sich frühzeitig vor den Kassen der Kinos zu drücken. Diese Tausende kennen nur den Sonntagsgeist der Völker, in deren Mitte sie im Galuth lebten; sie wissen nicht, daß dies für die Zukunft des jüdischen Volkes den Fluch des Ewal bedeutet und ein Segen des Gerisim nicht aufblühen läßt. Jeruscholajim, die heilige Stadt, wartet noch, daß alle ihre Kinder mit G'tt den Frieden schließen, — denn G'tt wird dann den Frieden mit ihnen schließen und sie von jeder Bedrängnis retten. Wochenkalender. Vom 7. bis 14. August 1937/Vom 30. Ab bis 7. EIuI 5697 L VSTP «p Neumond: Samstag Samstag l'lnn früh 3 UJbr.495/e Mio. 7 3 w BHH mil 'S HR") Sonntag 8 1 s nn vxm '3 yypwi Montag 9 2 KS Dienstag Aug. 10 3K 3 aa Mittwoch 11 4 29 Donnerstag 12 5 "73 Freitag 13 6 HB Samstag 14 7 TS D'BS»