Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1937)
- Date
- 1937-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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5; August 1937, Der I s. r a e J i t Nr. 31 Seite 3 Zur Neuordnung des Keren Hathora, (Fortsetzung von Seite 1,) sehen Organs^ als> ständiger Tribüne und Aussprachemöglichkeit unser Erziehungswerk in allen seinen Sparten und lokalen Schattierungen innerlich festigen und auf der Höhe der 2eit halten soll. Neben diese im großen und ganzen mehr auf inneragudistischen und innerorthodoxen Bedürfnisse zugeschnittenen Aufgaben stellt sich aber eine, die, ganz aus den besonderen Verhältnissen der heutigen Zeit hervorgewachsen, von allgemeiner Bedeutung, für die gesamte Judenheit ist und darum eine eigenartige, originelle Lösung, verlangt. , Eine erschreckende Erscheinung breitet sich immer mehr in der Judenheit aus. Die jüdischen Ansiedlungsstätten, denen selbst die all erelementarsten Voraussetzungen für jüdische Lebensführung fehlen, werden immer zahlreicher. In der Neuen und auch in der Alten Welt können in vielen von Juden bewohnten Orten die primitivsten jüdischen Bedürfnisse, wie Schechitah, Mikweh, Milah, einwändfreier G'ttesdienst und jüdischer Elementarunterricht einfach aus Mangel an Gelegenheit nicht befriedigt werden, entweder weil es. dort gar keine oder, nur ganz entjüdi.schte religiöse Funktionäre gibt. Die beginnende große W a n d e r b e w e g u n g, die viele Juden in von jüdischer Tradition gänzlich unberührte Gegenden verschlägt, wird das traurige Bild noch ungünstiger gestalten. Ein gewissenhafter Jude, besonders wenn er Familienvater ist, kann sich an solchen Orten gar nicht ansiedeln, auch wenn sonstige wirtschaftliche und politische Gründe dafür sprechen. Notwendig folgt daraus die erzwungene Zusammendrängung glaubenstreuer Juden an einigen wenigen Orten, meistens großen Städten, mit allen ihren unerwünschten Nebenwirkungen. Dieser Not der bewußt glaubenstreuen Juden steht nun die weit furchtbarere Perspektive gegenüber,; daß große Teile der jüdischen Jugend in einer völlig entjÜdischten Atmosphäre aufwachsen-, niemals jüdisches Leben vor sich sehen und ohne Ahnung; von den elementarsten Inhalten der jüdischen Lehre bleiben. Kann man einem solchen Zustand noch lange gleichmütig zuschäuen?: Was nützt es, daß wh in unseren Jeschiwoth Meister der Halacha^heranbilden, > (wenngleichzeitig große Massen, - jüdisch i völiag. isoliert, ohne. Kenntnis des Aleph- , Beth Weibeh/l^m^ zwischen diesen beiden Wel-. ten, der Jeschiwah und der Volksmasse,'jegliche Verbindung abgeschnitten ist. '?. :? Andrerseits macht uns das ßer u f s prob - lern in unseren Jeschiwoth schwere Sorgen. Was soll. aus: den; Bachurim werden, wenn;sie die Jeschiwah verlassen? Die natürliche Hilfsstellung, welche in früheren Jahren die Gesellschaft den Jeschiwoth gewährt hatte, indem sie deren Zöglinge .durch Stützung während der ersten Ehejahr-e, i y ^ystemätisqh. in; die,, bürgerlichen Berufe;,:üfjerführte, istheute angesichts <ter schw^'^nih^:i^|3ibbhäf.tlichen . Verhältnisse, iii; nennenswertem;,. Maße nicht mehr : vorhanden-, Wenn der . . junge - Mensch, die Jeschiwah verläßt, wartet auf ihn; schon; der Existenzkampf in. seifier ganzen Schwere, — auf den er aber nicht entsprechend vorbereitet ist. Die wenigen verfügbaren Stellen in den geistigen Berufen reichen nicht aus, um das Angebot an Kräften zu decken. Unter diesen Umständen wächst sich die Berufsfrage für unsere Jugend zu einem schweren Hindernis aus, das auf den idealistischen Lerneifer so-vieler unserer jungen Menschen lähmend einwirkt. - Der Keren Hathora ist nun berufen, einen AY/ ~ ' \' ■ We8 zu finden, der diese beiden hier angedeuteten Probleme einer Lösung näher bringt.. Es rouß ein n e u e r ,B e r u f s t y p geschaffen werden, welcher sowohl der geschilderten religiösen v^t steuerri als auch den Jeschiwoth eine fühlbare Entlastung bringen soll. Ein Institut ist zu gründen, welches junge Jeschiwah-Zöglinge in den rituellen Fertigkeiten: Schechitah, Milah. kantoralen Funktionen usw., vervollkommnet, ihnen pädagogische Methode und vor allem gründliche weltanschauliche Schulung beibringt und nach einem solchen, nicht auf allzu lange Zeit bemessenen Kurs systematisch " in solche Orte entsendet, in welchen noch keiner lei jüdischer Ansatzpunkt vorhanden ist. Allseitig ausgebildete Kultusfünktionäre hat es auch schon früher gegeben und gibt es auf dem Lande zuweilen heute noch. Das Neue, des vorliegenden Projekts besteht darin, daß es hier nicht gilt, eine bereits vorhandene Nachfrage zu befriedigen, sondern die Voraussetzungen ^für eine solche zu schaffen, also nicht Vakanzen zü besetzen, sondern Bedürfnisse zu wecken. Der Indifferentismus gegenüber den religiösen Pflichten entspringt in den allermeisten Fällen nicht einer prinzipiellen doktrinären Einstellung — wie in einigen palästinensischen Kibbuzim-oder in den von der Reform beeinflußten Kreisen —, sondern ist erfahrungsgemäß auf Mangel an Initiative und auf Lässigkeit zurückzuführen. In der Masse lebt aber ein verschüttetes instinktives Verlangen nach den alten religiösen Lebenswerten und -Formen, das nur in der richtigen Weise geweckt werden muß. Diese Weckung und Fruchtbarmachung soll nun durch den neu zu schaffenden Berufstyp — nennen wir ihn einmal, um eine Bezeichnung zu haben, Madrich — geleistet werden. '' Der Madrich, der vom Zentralinstitut, nachdem dieses die erforderlichen Rekognoszierungen vorgenommen hat, in eine solche „jüdische Wüstenei" entsandt worden ist, wird also den ortsansässigen Juden seine vielseitigen Dienste zur Verfügung stellen, auch wenn diese zunächst gar nicht verlangt werden, und, ohne sich auf eine spezielle Tätigkeit zu beschränken, in jeder We^se zu „wirken<;< versuchen; durch zunächst unentgeltlichen Unterricht, Vorträge, Deraschoth, Fühlungnahme mit der Jugend usw., bis er sich einen'H kleinen ihm gemäßen Kreis geschaffen hat,; der ihm eine wirtschaftliche Existenzmöglicjbkeit bietet. Für die Anfangszeit bis dahin wird ihm das Existenzminimum von der Zentrale -ä. fonds perdu oder leihweise, zur Verfügung gestellt.5; Das! Vorhandensein eines Madrich ah entern Orte ist das Signal dafür, daß eine gesetze.streüe Familie sich dort ansiedeln darf. D$r M^4i*ch yerbleibt jedoch auch nach seineiS'feer i ruf liehen; lind wirtschaftlichen Verankerung Im einem unlösbaren Verhältnis zur Zentrale, der er fortlaufend: über seine Erfahrungen berichtet^ von welcher er dauernd beraten wird und deren';^ejsüngen in prinzipiellen Fragen er unbedingt F;öl^e zu leisten hat, Bei schwierigen lokalen Verhältnissen nimmt. dieZentrale Umbesetzttr*-: geh vor, indem sie jeweils geeignete Madrichim an, die ihrer Eigenart besser ' entsprechenden Orte bringt. Durch Rundbriefe und Korrespondenzblätter zu gegenseitigem Erfahrungsaustausch und zur Klärung der spezifischen Probleme wird die Fühlung unter den Madrichim selber, und durch periodische Inspektionsreisen der Institutsleiter sowie durch Einrichtung von Fortbildungskursen die Verbundenheit mit der Zentrale aufrechterhalten. Die Madrichim sollen sich als Glieder einer Armee, als Pioniere der jüdischen Kultur in partibus infidelium fühlen und untereinander eine lebenslängliche verschworene Gemeinschaft mit eigenem Korpsgeist und Berufsethos bilden. Sie sollen die Keime der Jüdischkeit an den entlegensten Winkeln aussäen und so die Voraussetzungen für die geistigseelische Wiedergeburt unseres Volkes schaffen. Das große Ziel der Wiedergewinnung breiter Schichten für das wahre Judentum läßt sich nur auf diese Weise erreichen. Für die Rückführung der entfremdeten Intelligenz werden solche mehr organisatorischen Maßnahmen allerdings nicht ausreichen. Hier werden nur bedeutende geistige Schöpfungen von Wirkung sein können, die auf einer anderen Ebene organisch erwachsen müssen und die sich nicht erzwingen lassen. Aber die der Intelligenz hörigen Massen sind auf keine andere Weise zu erobern, als daß man „ins Volk geht" und dort beispielhafte Zellen, schafft, die sich nach und nach ausdehnen und entwickeln sollen. Unfruchtbares Klagen und Entrüstungsgeschrei über „Abfall" und Gesetzesverletzungen hilft uns nicht weiter; nur planmäßige,, geduldige, aktive schöpferische Arbeit kann zum Erfolge führen. Unter allen heute bestehenden Institutionen ist nur der Keren Hathora, nSch seiner Zielsetzung und nach dem ihm zur Verfügung stehenden Menschenmaterial in der Lage, diese Aufgabe^ auszuführen. Er wird damit, was jeder Einsichtige gewiß anerkennen wird^ eine wirkliche Lücke in der jüdischen VolVsar; beit ausfüllen und wird daher auch berechtigt sein, von der Volksges ä;m t h e i t die Mittel für diese Arbeit zu fordern. Die Aufgabe ist groß und schwierig genug, um als idealistisches Hochziel gelten; zu köüT nenj' < das die Kräfte anspornt; : andrerseits L liegt sie aber nicht so außerhalb des Bereichs der Möglichkeit, daß sie utopistisch wäre. Dieser „Vor s t o ß " ins Lager der entfremdeten' Söhne' unseres Volkes wfar eine der Lieblingsideen Nathan Bi rh;jba ü'nis und beschäftigte ihn in seinen letzten Jahren besonders stark-. Er hat auch schon einmal die Gründung eines Instituts zu diesem Zwecke unter dem Naifteri „Lemaan Haschern" angeregt. Es wäre die schönste Ehrung des Heimgegangenen und sicherlich in seinem Sinne, wenn das neu zu gründende Institut mit dem Namen Nathan Birnbaums verknüpft würde. Wochenrundschau, Die jüdische Religion in Sowjetrußland. 4-t- Madagaskar keine Lösung der Judenirage.! —<• Ein Mosesdenkmal'in Prag. Die jüdische Religion kann in der roten Flut Sowjet^ußlands nicht untergehen. Das ist der Gesantt'-.1 einet ruck, den man beim Lesen des Berichtes eines Augenzeugen im Tel Äwiwer „Dawar!' gewinnt: Nicht gleich,, sondern viel später, schreibt der, Einsender; setz.te]' dieki Regierungspropaganda gegen^ die Religion ein,: und , es gelang ihr auch vielfach,; die. Gläubig;- keit -zid) erschüttern. Aber bei. den Juden war die Gewohnheit der religiösen: Lebensführung und des Synagogenbesüchs stärker als ' sie*;; Die Chedarim .und Jeschiwoth hielten sich bis inb;)Jahr 1932 und standen zum Teil ' auf einem beachtlichen Niveau. Dann höhten sie freilich ganz auf. Auch die Mikwoth bestanden damals noch. Die' Juden aber begannen mehr und mehr zu fürchten, sich durch Festhalten an ihren religiösen Einrichtungen zu gefährdeß. Mischehen mehrten .sich und manche begannen, auf die Beschheidung zu verzichten. Im Jahre 1929 wurden Schechita und Miloh verboten. Damals gelang es schon nicht mehr, in einer Stadt wie Minsk mehr als 2001.; Unterschriften für eine Petition um Aufhebung dieses Verbots zu bekommen. Die Re1 gierung sagte den Petenten, es bestünde augenscheinlich keinerlei Bed ü.rf n i s für diese Einrichtungen. Auch Rabbiner ließen sich einschüchtern und /veröffentlichten in der Presse Erklärungen, in denen sie ihre früheren religiösen Anschauungen abschworen. Andere Rabbiner würden später gefangen genommen. Die größte Widerstandskraft bewiesen die Chassidim. Sie stärkten ihre moralische Position geradezu während der bolschewistischen Herrschaft. Ihre Organisation bewahrte Disziplin und Mut. Sie sandten ihre Getreuen in alle Städte, scheuten keinen Kampf und setzten überall