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Der Israelit · 1937-06-24 · Heft 25 (24.6.1937) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 25 (24.6.1937)
Date
1937-06-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nümmer 25 Italien. Land und Leute. — Möglichkeiten für Einwanderer. Mitgeteilt von Dr. W. C. Bei einer Gesamtbevölkerung von ungefähr dreiundvierzig Millionen zählt Italien nur ungefähr fünfzigtaus>end Juden, also ungefähr 'einen auf tausend Einwohner. Im Gegensatz zur allgemeinen Bevölkerung, die ohne übermäßige Großstadtbildung ziemlich regelmäßig über .da© ganze Land verteilt ist, konzentriert «ich das Großteil der Judenheit au£ verhältnismäßig wenige Groß- und Mittelstädte. Gemeinden von über tausend Seelen gibt es nur zehn, so daß insgesamt 42 300 Juden in größeren Städten wohnen, während die übrigen ca. 8000 Juden sich auf einige achtzig Ortschaften verteilen. Die heutige Judenheit Italiens ist großenteils sephardisch und nach der Vertreibung aus Spanien eingewandert. Die oiraprünglich aus Palästina stammenden, sehr bedeutenden Gemeinden des alten Roms sind im Laufe der Zeiten so gut wie ganz in der eingesessenen 'Bevölkerung des Landes aufgegangen, im Gegensatz also zu ihren-Ablegern in Deutschland, die, den römischen Legionen folgend, sich zuerst am Rhein seßhaft machten und sich durch die Jahrtausende erhielten. Der G'ttesdiens't erfolgt nach sephardischem, bezw. italienischem Ritus mit manchen uns fremden Gebräuchen. In Mailand hat sich im vergangenen Jahr eine kleine deutsche Betsaalgemeinde gebildet. Eine gewisse Anzahl von Juden hat wohl führende Stellungen in Handel und Industrie und in freien Berufen inne; auch igibt es jüdische höhere Beamte und Militärs. Die große Mehrzahl gehört wirtschaftlich dem kleinen Mittelstand an. Das Judentum gilt lediglich als Religionsgemeinschaft; wohl sind gelegentlich abfällige Bemerkungen über » den „ehreo" zu hören, die, aus der Frömmigkeit der Bevölkerung 'entsprungen, einem ausschließlieh" religiösen Gegensatz Ausdruck geben. Hingegen besteht kein Verständnis für Rassenantisemitismus. Wohl gibt es im Faschismus einen Begriff des „Razzieino"; jedoch deckt dieser die zukünftige Entwicklung der Rasse und ihre Beeinflussung durch hygienische Maßnahmen, Leibesübungen, Schule und vaterländische Erziehung. Auch ist nicht zu erwarten, daß eich in Italien zukünftig antisemitische Strömungen entwickeln, nicht nur, weil, wie gelegentlich zu beobachten war, derartige Bestrebungen abgestoppt wurden und »eine maßgebende Ansicht ist, daß verschiedenartige Veranlagungen und Begabungen eine Bereicherung des Volksganzen bilden, sondern weil der Jude sich nicht nur in der Erscheinung wenig vom Italiener abhebt, vielmehr auch in Denkweise und Gemütsleben beträchtliche Uebereanstimr mungen aufweist. Entsprechend der politischen Einstellung, die bereit ist, jedem, der am Gemeinde wo hl vorbehaltlos mitarbeiten - will, volle Rechte zu gewähren, besteht hier kein Verständnis für persönlichen aktiven Zionismus, der als Widerspruch zu Vaterlandsliebe und Heimattreue betrachtet wird. Bestehende zionistische Tendenzen in der italienir sehen jüdischen Jugend könnten sich deshalb in der Zukunft . ungünstig auswachsen. Die Schulen in den Städten sind •modern und sehr, gut. Da* allgemeine Proknivoau steht, etwas unter dem deutschen. Mieten sind ''beträchtlich niedriger, schwanken aUerdings sehr je nach dem Ort. Die Ernährung kann man wesentlich billiger gestalten', wozu jedoch Umstellung auf die Kost des Landes erforderlich ist, die in wenig Fleisch, dagegen viel Mehlvorspeisen, Reis und besonders An sehr balligen Gemüsen, Obst und Käsen besteht. All dies gilt jedoch nur für eine einfache und zurückgezogene Lebensweise, wie sie Einwanderer normaler Weise zu führen bestrebt sein dürften. Das Spielen einer gesellschaftlichen Rolle oder das Suchen von Zerstreuungen städtischer oder sportlicher Art ist dagegen eher etwas teurer als in Deutschland. Um sich in die wirtschaftlichen Verhältnisse hineinzufinden, muß man zuförderst ganz davon absehen, deutsche Maßstäbe zu übertragen. Italien ist ein außerordentlich dicht bevölkertes Land, das wohl in weiten Gebieten sehr fruchtbar ist — an der Lombardei trägt der Boden bis zu fünf Ernten im Jahr —, das aber mangels wesentlicher Bodenschätze großen Teilen seiner sich stark vermehrenden Bevölkerung seit langen Jahrzehnten keine Verdienstmöglichkeit bieten konnte, weshalb vor Sperrung der Grenzen der anspruchslose italienische Handarbeiter die Arbeitsmärkte der ganzen Welt überflutete. Den wohlhabenden Mittelstand, der früher in Deutschland die breite Grundlage der Volkskraft bildete, gibt es in Italien kaum und der kleinen Schicht des großen Reichtums (Grundadel und Wirtschaft) steht ziemlich unvermittelt das Kleinbürgertum gegenüber, dessen Frauen sich wohl noch 'gut kleiden (großenteils' durch persönliche Geschicklichkeit und mit geringem Auf5 wand), das aber tatsächlich außerordentlich' sparsam und anspruchslos lebt. Dies igilt in noch viel stärkerem Maße für .die Arbeiterschaft, die in ihrer Masse allerdings krisenfester ist als die deutsche, weil viel Industrie auf das flache Land verteilt ist und auch der Arbeiter in der Großstadt fast stets irgend einen näheren oder ferneren Verwandten auf dem Lande hat, der ihn bei dem sehr ausgeprägten italienischen Familiensinn in Zeiten der Not mätessen lassen wird. Diese Einfachheit der Ansprüche an das Leben bringt mit sich, daß sich der Italiener mit sehr geringen Gewiinnspannungen zufrieden gibt und daß der Konkurrenzkampf in dem übersetzten Land außerordentlich heftig ist. Der Käufer, insbesondere der sichere Zahler, nimmt dies wahr und drückt die Preise genau so stark, wie auch ihm wieder abgehandelt werden wird. Deshalb hat der Einwanderer, sofern >er kein konkurrenzloses Spezialfach versteht, damit zu rechnen, auch bei großem Fleiß und erfolg* reicher Arbeit sein Leben auf eine viel bescheidenere Weise fristen zu müssen, als früher in Deutschland und eine etwaige kleine Verbreiterung seiner Kapi- Das Gebet. Von Saul Maus, Durchschauert wie der Halm am Raine Stand ich als Kind in deinem Lichte Und strömte über im Gebete. Heut, indem ich vor .dich trete, Rufe ich zu 'dir und weine: Verschmäh' nicht meines Herzens Früchte! . Neig' dich, Herr ,zu deinem Kinde! Befrei' den Kern au« seinen Schalen, Gib' dem Keime deinen Boden, Mich umschwebt dein Lebensodem! Es duften frisch die Frühlingswinde, Der .Himmel sprüht von jungen Strahlen, Es riecht nach Knospen, Harz und Rinde. Ein Wohlgeruch steigt aus dem Tale. Am Hügel lodert auf der Strauch.! Ich fühle dich in jedem Hauch . Und weiß: du willst, daß ich dich finde. S=*SS«ä2%S*Sa2SSS£!S2ä^^ talbasis nur., mit potenzierter Sparsamkeit erreichen zu können. Entsprechend der allgemeinen Kapitalknappheit in den breiten, Handel und Gewerbe treir' benden Kreisen herrscht auch allgemein und' gegenseitig große Nachsicht gegen langsames! Zahlten. Den deutschen Bonitätsmaßstab darf man also nicht übertragen. Aus dem Gesagten ist aber nicht zu folgern, daß es Einwanderern mit Mitteln unschwer gelingen sollte, sich mit 'Kapitaleiftlä'gen. arigesuttden, aber schwach fundierten Betrieben tätig zu /beteiligen oder durch besondere Umstände {Alter, Todesfall u. dgl.) vakantgewordene Geschäfte züi übernehmen. Dem steht entgegen, daß in derartige; freie. Stellen, sofern sie Aussichten auf einen gesicherten, wenn' auch sehr bescheidenen Lebensunterhalt bieten, durch den starken italienischen Familienzusämmenhalt ziemlich regelmäßig irgend ein, oft sogar recht ferner junger Familienangehöriger einrückt und die ganze Familie unternimmt dann außerordentliche Anstrengungen, um ihm die finanzielle Basis, wenn auch nochmals geischwächt, zu schaffeil, Sö ist gegenüber solchen Propositionen, wie sie : an einen Einwanderer normaler Weise herantreten, allergrößte Zurückhaltung und Prüfung durch landeserfahrene und zuverlässige Persönlichkeiten geboten. Für die Berufsausübung von Einwanderern ist im Auge zu behalten, daß Italien ein straff korporativ organisierter Staat ist, daß also zur beruflichen Eingliederung meist die formelle Aufnahme in den entsprechenden Berufsverband erforderlich ist. Die Vorbedingungen hierzu kann ein Einwanderer sehr schwer erfüllen; meist bestehen sie im Erwerb der italienischen Staatsbürgerschaft. Hierzu gesellen sich auch manchmal Altersgrenzen und. außerdem Entscheidungen von Fall zu Fall, die von persönlichen und örtlichen Imponderabilien abhängen. Aerzte und Apotheker werden nicht mehr zugelassen (die Konzession gewisser Apotheken kann jedoch mit Gültigkeit bis 1943 .gekauft werden, wobei jedoch die Leitung einem autorisierten Apotheker zu übertragen -wäre}. Die vorstehenden allgemeinen 'Ausführungen gelten auch für Anwälte, Buchprüfer und wirtschaftliche Treuhänder (Rationieri), für deren Berufsausübung die Aufnahme in. das Album der entsprechenden Korporation erforderlich ist. . Zur Errichtung von Ladengeschäften und Fabriken, ebenso wie zum Ausbau von. letzteren ist eine Lizenz erforderlich,. die aulf Grund von Gutachten über die Bedürfnisfrage seitens der zuständigen Korporation ausgegeben wird. Die Uebernahme von Vertretungen und die Betätigung im Großhandel sind frei. Jedoch sind die Einschränkungen im Bezug .vom Ausland zu berücksichtigen. Während bislang die neue Wareneinfuhr entweder nur auf Basis der Einfuhr vom Jahre 1934 — teilweise nur in einem beschränkten Prozentsatz derselben — oder auf Grund von jeweils neu einzuholenden Lizenzen gestattet war, ist ab 1. Juli für jede Einfuhr eine neue Lizenz einzuholen. Das neue Verfahren ist ' also noch umständlicher, die frühere normale Einfuhrtätigkeit gibt kein Vorzugsrecht mehr und die Bewilligungen dürften von. allgemeinen volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus erfolgenr so daß die Gründung einer neuen Existenz auf dieser Basis höchst unsicher wäre. Hierzu gesellen sich^-moch die Schwierigkeiten der .Kreditfrage und, der Zahlungsmodalitäten durch die Clearingverträge und ziir. Zeit die Sanktionen. So ist das Weiterarbeiten auch für - alteingeführte Firmen und Vertreter, besonders, wenn diese letzteren bislang nicht für eigene Rechnung importiert haben, vielfach fast unterbunden. Aussichten bestehen jedoch für solche Personen, die, auf Grund besonderer Fachkenntnisse, hier bisher unbekannte Artikel auf den Markt bringen oder neue verbesserte Arbeitsmethoden einführen können. Auch Photographen und Gymnastiklehrer habejjt sich verschiedentlich gut eingeführt. Hierbei dürfl|»<es sehr auf geschicktes' persönliches Auftreter. ankommen. . Vorsicht ist bei der Inangriffnahme von Plänen im Beherbergungs- und Pensionsgewerbe am Platze. Dies nicht nur, weil die Eremdenindustrie durch die Weltwirtschaftslage seit mehreren Jahren sehr darniederliegt, sondern auch weil eine beträchtliche Erfahrung in der praktischen landesüblichen Art, des Wirtschaftens erforderlich ist, um im Wettbewerb einen bescheidenen "Erfolg zu erzielen.'. Entsprechend dem allgemeinen Niveau sind auch die Gehälter und Löhne niedrig. Zur Annahme .fester Anstellungen benötigen Ausländer eine Arbeits arlaubnis. Auf eigenen Antrag und generell wird, sie kaum gegeben. Falls jedoch ansässige. Firmen Ausländer als Spezialisten (besonders Techniker und Chemiker) benötigen, haben sie Aussicht, bei entsprechender Begründung die Erlaubnis zu deren Einstellung ' zu eriangeh und können meist dahüt rechnen, daß derartige, immer nur kurzfristig erteilte Genehmigungen laufend verlängert werden. Weibliche Arbeitskräfte kommen erfahrungsgemäß sowohl im Geschäftsleben,-als auch in der .Hauswirtschaft und in der Kinderpflege verhältnismäßig Unschwer unten, allerdings bei bescheidenen Bedingungen. : Besonders zu erwähnen ist die .Ländwirtschaft, von der der überwiegende Teil der'Bevölkerung lebt. Es gibt, verhältnismäßig wenig selbstä^n'di^&jfkleine Bauern', , das / Land gehört vielmehrt meist; ' mittleren und; großen Besitzern.; In der lombardischeh Ebene herrschen die großen, modernen Gütsbefriebiö; vor. Im.übrigen Land ist das Italien eigentümliche,;Haibpächtsystem (Mezzädri'a) verbreitet'. Um ein.Je::nach dem Umfang des Besitztums größeres oder-^einfacheres Herrenhaus sind die Pächterparzellen (poderi) gelagert, die jeweils so groß sind, daß sie eine normale Biauernfamilie bearbeiten kann. Der Grundeigentümer erhält von allem Ertrag des Bodens in natura die Hälfte. Er muß deshalb^ entweder selbst vom frühen Morgen bist in die spähte-Nacht sehr dahinter her «.ein, daß ihm seine Hälfte, die «r seihst zu verwerten hat, tatsächlich .abgeliefert wird oder einen Verwalter damit betrauen. Rechte und Pflichten beider Parteien sind gesetzlich bis in alle Einzelheiten streng festgelegt. Der Besitzer eines. Halbpachtgutes im Werte von etwa Lire 200.000 soilts bei eigener Verwaltung in normalen Jahren außer freier Wohnung, und einem großen Teile freier Nahrung noch eine kleine Barrente herauswirtschafte» können. Andere Wege landwirtschaftlicher Betäti* gung kommen für Einwanderer kaum in Frage,.

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