Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 21 (27.5.1937)
- Date
- 1937-05-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a- M. 27. Mai 1937 18. Siwan 5697 Nummer 21 Trauerkundgehungen in Polen - Erste Hilfe. Warschaus 26, Mai. Die gesamte Judenheit Polens brachte am Montag, den 24. Mai, ihre Trauer und Bestürzung in einem zweistündigen Proteststreik zum Ausdruck. Der Aufruf zu diesem Proteststreik war von sämtlichen jüdischen Organisationen in Polen unterschrieben. In Warschau, Wilna, Lodz, wie in allen Städten Polens waren in den Streikstunden sämtliche jüdische Geschäfte, Fabriken, Werkstätten, Büros, Restaurants, Cafes, die Aemter der Gemeinden und der jüdischen Verbände streng geschlossen. Die jüdische A r b ie'i ters c h a f t nahm geschlossen an. den Kundgebungen teil. In manchen Städten wurden einige junge Juden wegen unerlaubter Ansammlung und Demonstration' verhaftet. In Brest-Litowsk konnte erst am jüngsten Sabbat zum ersten Male der G'ttesdienst in den Synagogen, allerdings bei völlig zertrümmerten Fensterscheiben, abgehalten werden. Der, Staroste (Stadthauptmann) von Brest-Litowsk wurde abgesetzt und einige Rädelsführer der Ausschreitungen wurden vom Schnellgericht zu Gefängnisstrafen bis zu einem-. Jahr verurteilt. Es wird behauptet, daß der Ministerpräsident, General Skatlowski, persönlich inkognito in Brest weilte und sich die Zerstörungen ansah. Eine H i 1 f..'s a kt i'o n für die Pogromopfer wurde vom Ministerpräsidenten genehmigt. Vom Stadtrat in Brest wurde »die Warschauer Regierung um finanzielle Hilfe angesucht, da die Stadtverwaltung infolge der Unruhen ein Defizit von 200.000 Zlo'ty zu verzeichnen habe. Vom Joint sind Dr. -Bernhard Kahn und David Schweizer in Brest-Litowsk eingetroffen. Das New Y or k e r jüdische Arbeiter-r Komitee hat als erste Hilfe 5000. Dollar für die Pogromopfer in -Polen überwiesen. 25.000 Fran- 1 ■ \ ' ' , " - f *en gingen vom Verband der jüdischen Gesellschaften Frankreichs ein. Selbst aus Tientsien in * China langte ein größerer Beitrag für die Hilfsalction' in Polen ein. (Siehe Wcchenrundschäu.) ' Ein Aufruf der Hörerschaft am Raibiner-Seininar zu Berlin zum Kaschruth-Problem. Berlin, 25. Mai. Ein Aufruf der Hörerschaft am Rabbiner- ^minar zu Berlin zum Kaschruth-Pr ob - lem hat folgenden Wortlaut«, g Die Hörerschaft am Rabbiner-Seminar zu e*hn als die künftige thoratreue Rabbinergenejation sieht sich veranlaßt, der Judenheit e«tschlanäs folgende Erklärung zu unterbreiten; Die Einheit und G'ttlichkeit der schriftliehen und mündlichen Lehre bildet die Grundlage jüdischer Lebens- und Weltanschauung. Die mündliche Lehre ist die einzig authentische Interpretation des schriftlichen Thoragesetzes. Die rabbinische Autorität leitet sich unmittelbar aus der Thora her (V. Buch Moses 17, 11). Die Einführung einer Rangordnung innerhalb des Thoragesetzes bedeutet eine Verlagerung der objektiven Wert Verpflichtung des Gesetzes in die subjektive Willenssphäre des Einzelnen. Die Folge einer solchen Haltung ist die Unterminierung der Grundlagen unserer jüdischen Schicksals- und Lebensgemeinschaft. Eine derartige Auffassung entwertet den Sinn der Opfer und Entbehrungen für das jüdische Gesetz in Geschichte und Gegenwart und sanktioniert die Entstehung eines modernen Karäertums, deren f Folgen für die Einheit unserer Gemeinschaft in heutiger Zeit unabsehbar sind. (Fortsetzung siehe Seite 2.J Aus dem Inhalt: Um den Bericht der Königl. Kommission und den Teilungsplan . ......Seite 2 Die Kammerwahlen in Holland . . . Seite 2 Konferenz der Benoth Agudas Israel in Lodz Seite 2 Das Regierungsjubiläum im Dänemark . Seite 2 Wochenrundschau (Die Vorgänge in Polen u. vi a.) ............Seite 3 Am Rande des KaSchruthproblemS. Von Rabbiner Dr. Klein, Berlin . Seite 4 Exegetische Miszellen. Von S. Speier . Seite 4 Auswanderung und Binnenwanderung . Seite 5 Berichte aus Polen und Litauen . ., . Seite 6 Erez Israel............ Seite 7 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung . . Seite 7 Der Kleine Israelit Blüte und Frucht« Sonnige Frühlingstage waren es in Kattowitz zur Geburtsstiinde der Agudas Jisroel, Träume im Blütenrausch. Wehn die Aguda 'dieses Jahr gekürt hat, um sich wieder einmal auf einer Kenessio Gedaulo zu treffen, so mag wohl mancher auch Umschau halten, wieviel von all diesen Blüten zu Früchten reiften, Eine persönliche Erinnerung des Schreibers dieser* Zeilen. Der-saß damals versonnen im schmalen Vorraum ß.es. Zentral-Hotels in Kattowitz; da trat ein kleiner,* 'eisgrau alter Mann, auf ihn zu; und flüsterte ihm zu: „Ich will nur sehen;1 ob da ist^ein „Stüqkele Emes". Und verschwand^ Es war nicht möglich, ihn im; Trubel dieser Tage wiederzusehen. 1 Und seitdem-quält dieser leise Zweifelshauch. Aber damals war er nicht berechtigt. Denn es war ein geschichtlicher Augenblick des Judentums, es sollte ein solcher auch werden der Judenheit. Mehr als hundert Jahre geknebelt von den eigenen mißratenen jüdischen Brüdern und Söhnen, verachtet und verstoßen, aus den jüdischen -Häusern verbannt und gewiesen, hörig geworden den sozial und wirtschaftlich aufgestiegenen jüdischen Menschen des Westens, verachtet von denselben Kreisen im Osten, hatte die Thoratreue sich endlich auf sich besonnen. Und sie suchte sich. Wozu man sich eigentlich zusammenfand, das war nicht bei allzuvielen in Kattowitz zur völligen Klarheit gediehen. Es hatten sich ja so viele in der weiten jüdischen Welt rauschend zum Worte gemeldet. Da war die Reform mit den Richtlinien erschienen, da hatte der Zionismus das Judentum völlig entg'ttet und vollkommen -seines Einflusses auf die Judenheit zu berauben versucht. So war allenthalben die Thora in das Exil gewiesen. Diesem Exil zu begegnen, das war das nicht überall erkannte, wirkliche, einzige Ziel der Aguda. Was man da» so vieles Sprach von der großen Linie der Einheit zwischen Ost und West,, war vorbereitendes Beiwerkj, Denn auch hierin mußte immer wieder erkannt werden, wozu nun eigentlich Ost und West sich einigen und finden sollten. ' , Denn die Thora wäre eriSt dann wieder auf den Thron gehoben, wenn sie und; hur sie allein in allen jüdischen Belangen zur Führung gelänge. Die Judenheit müßte sich so begeistern, daß sie lediglich durch und für das Judentum besteht. Man ersieht aus -diesem Satz, wie unlösbar der innere Gegensatz des Agudismus zu Inhalt und Streben der Zionismus ist. Freilich, es waren damals, namentlich im Westen, besonders günstige, wirtschaftliche Voraussetzungen gegeben Aber man stand immerhin schon an der Schwelle der Zeit, in welcher in jüdischen Kreisen eine Verarmung eintrat und jedweder Versuch einer Betreuung des Judentums erstickt zu werden droht. Zeigt doch, und diese Klammerbemerkung sei hier gestattet, gerade ein Vorgang aus der jüngsten Zeit, wie sehr die alten Geister noch innerhalb der jüdischen Reformkreise spuken, ob sie aus der Neologie oder aus dem Zionismus stammen. Da hatte man sich an eine der soge- (Fortsetzung siehe Seite 3.)