Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 16 (22.4.1937)
- Date
- 1937-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 22. April 1937 11. Ijar 5697 Nummer 16 Um die Zukunft des Man schreibt uns: Sie haben in Ihrer letzten Nummer mit Recht zur Zurückhaltung gegenüber den umlaufenden Gerüchten, über die Vorschläge der Peel-Kommission gemahnt. In der Tat würde selbst die Tatsache, daß die. Kommission Vorschläge der angeführten Tendenz ventiliert, noch nichts für ihre Annahme durch die Kommissionsmehrheit, und erst recht nicht durch das britische Kabinett besagen. . Trotzdem: w o R a u c h ist, ist Feuer. Man würde die jetzt seit vier Wochen von der arabischen und jüdischen Oeffentlichkeit eifrig erörterten „Teilungspläne" längstenergisch dementiert haben, läge ihnen nicht ein Kern von Realität zu Grunde. Das thoratreue Judentum kann sich daher der Stellungnahme nicht entziehen, Nun ist dem Schreiber dieser Zeilen völlig unbekannt, ob die Leitung der agüdistischen Weltorganisation : irgend etwas unternommen hat, um die berufenen Instanzen in London- und Genf über die Stellung der Orthodoxie zu. unterrichten; oder ob man die Taktik verfolgt — was begreiflich wäre —..die Verantwortung einer frühzeitigen Festlegung lieber der Jewish Agency zu überlassen. Auf alle Fälle scheint mir eine private Meinungsäußerung zur Anbahnung einer inneragudistischen Diskussion ungefährlich und nützlich zu sein. * In einem Punkte dürfte der ,,Teilungs"-Gedanke auf alle Fälle eine entscheidende Wirkung ausüben — er macht dem bisherigen Fortwursteln durch abwechselnde Konzessionen an Juden und Araber, der seit 20 Jähren praktizierten Politik des Nichtstuns ein Ende. Die Regierung der Mandatarmacht wird sich, auch wenn sie das Teilungs- oder das Kantonisierungsprojekt verwirft, der Heraus arbeitung anderer k 0 n S t r U k t i v e r Vorschläge nicht entziehen können; . Man wird einen kühnen Entschluß endlich fassen müssen. Die vorgeschlagene. Schaffung eines jüdischbritischen Korridors von Europa und Afrika nach Asien, in Form" eines schmalen Streifens an der Westküste von Palästina, hat für die Mandatar-' ^acht unstreitig etwas Verlockendes, während f.. j. ö . ' ' i jur die politischen Z i o nis t e n— so kalkuliert man — die Aussicht auf einen „souveränen jüdischen Miniaturstaat mit Herbert" Samuelj als Präsidenten, Weizmann als Ministerpräsi4enten und . den ganzen Apparat von-Gesandtschaften, Konsulaten und Völkerbundsitz zweifellos einen gewaltigen geschichtlichen Triumph, "zu-' gleich aberi die restlose Einlösung des Balfour- "ersprechens bedeuten würde. / ' Man hat , ja geflissentlich niemals Palästina als Nationalheim, sondern immer nur ein Nätipnalheim i n Palästina versprochen. Dä habt Ihr es! , Die starke Opposition, die der Vorschlag bisher im zionistischen Lager fand, besagt noch nichts über den endgültigen Gang der Entwicklung. Die positiv eingestellten zionistischen Kreise schweigen eben zunächst. Was aber soll die Orthodoxie tun? Für sie bedeutet der „souveräne" Duodez-Randstaat nicht nur -keinerlei positiven, wirtschaft- . liehen oder politischen Gewinn, sondern den größten Chillul Haschern, den das Golus bisher gebracht hat, die Entweihung des heiligen jüdischen Staatsgedankens durch das Zerrbild eines weihelosen, vom Thoragesetz emanzipierten quasi — jüdischen Gemeinwesens! Die Abtrennung Jerusa.- lems von diesem sogenannten jüdischen Staat wäre zwar noch ein schwacher Trost, weil dann das Golusbewußtsein und die alte Hoffnung auf (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Sonderangebot zur beschleunigten Einwanderung nach Palästina . . . . Seite 2 Sabbathaltende Arbeitnehmer in Amerika Seite 2 Wochenrundschau (Um die neue Schedule, die Gemeindewahlen in Rumänien u v. m.) Seite 3 Utopien? Von Dr. B. Cohen, Hamburg Seite 4 Die Berliner Repräsentanten über die KaSchruthfragen ........... Seite 5 Berichte aus Polen und Litauern . . Seite 5 Die Königl. Kommission und das englische Parlament ...........Seite 6 Aus der Agudäs Jisroel-Bewegung . . Seite 7 Erez Israel .... . . .... . Seite 8 In Memorial Nathan Birnbaum von Schalom Ben-Chorin .....Seite 9 Gedanken und Formulierungen Dr. Nathan Birnbaums ..........Seite 9 Barcelona, eine historische Skizze . Seite 10 N des RITUALGESETZES. Unter diesem Titel behandelt Herr K r e i n d- 1 e r in der Zeitung der Berliner Großgemeinde die Frage der Schechita in der Gegenwart. Die großen Schwierigkeiten in der Fleischversorgung bringen ihn in Harnisch. „Das Ritualgesetz habe seine Grenzen," meint Herr Kreindler, gewohnt seinen Rabbinern zu kommandieren; wenn's mit Biegen nicht geht, dann mit Brechen. > Wir verstehen jede aus der Not der Zeit geborene und gebotene Aufforderung an die rabbinische Welt, immer erneut die Experimente und Fortschritte der Technik zu. verfolgen und unter ,halachischen Gesichtspunkten zu prüfen, ob eine Lebenserleichterung zu schaffen möglich ist. Selbstverständlich ist für jeden Juden ein rabbinischer Entscheid nur innerhalb der Grenz e n, der objektiven Grenzen des religiösen, uns zu treuen Händen überantworteten Gesetzes von Bedeutung. Um die Grenzen des Ritualgesetzes zu verschieben, brauchen wir keine in Talmud und ■Dezisoren vorgebildeten, auf sie verpflichteten Rabbinen. Trefa gibt es überall in jedem Laden. Und auf ein Stück Trefa ein Siegel: neuköscher zu setzen und damit eine Täuschung der Gewissen zu ermöglichen/ zu solchem Possenspiel und ehrlosen Betrug erniedrigen wir die Rabbiner nicht. Die Grenzen des Ritualgesetzes stehen seit Raw Aschi, dem Schlüßmarksteinsetzer des Talmud fest, und kein Rabbi hat es je gewagt oder versucht, die Grenzmarken zu verrücken, die die Alten abgegrenzt haben. Auch in der Zukunft soll - und wird keiner sie verrücken. / Nur grade aus der Feder des Herrn Kreindler ist eine Kundgebung über die „Grenzen des Ritualgesetzes" etwas Absonderliches. Er redet von den Grenzen des Gesetzes; dürfen wir ihn nach den An f ä n gen fragen? „Wo beginnt für ihn die Kompetenz und die Geltung unseres Gesetzes? Die Berliner Großgemeinde ist die Patronin und Schätzerin des Assimilationstempels in der Johannisstraße; sie gibt Gelder, daß man den Sabbat auf Sonntag verlegt, die hebräische Sprache ausrottet, die Geschlechtertrennung beim Gebet aufhebt, wie sie es auch in ihrer Synagoge Prinzregentenstraße übt, daß die Kopfbedeckung, die Kleidung des freien Mannes, beim Erscheinen vor G'tt mit der Sklaventracht der Bloßhäuptigkeit. vertauscht wird. Sie hat jene berüchtigte Cohn-Stiftung/ angenommen, durch die 'Lehrlinge unterstützt werden unter der Bedingung, daß sie am Sabbat arbeiten. Wo fängt für eine solche unjüdisch-jüdische Gemeinde das Religionsgesetz eigentlich an? Wir finden, daß es für Herrn Kreindler doch eine viel lohnendere Aufgabe wäre, statt die Rabbinen an die Grenzen des Religionsgesetzes zu gemahnen, sich und seine Gemeinde einmal nach den Minimalrechten und letzten Belangen des Religionsgesetzes zu befragen. (Fortsetzung siehe Seite 3.) .i &~