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Der Israelit · 1937-03-25 · Heft 12-13 (25.3.1937) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 12-13 (25.3.1937)
Date
1937-03-25
Page
– (sequence 26)
Language
German
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Seite 30 Nr. 12/13 Geistesgaben die Papstwürde erreichte. (Anaklet II, (?) 1130—1138). Insolge einer schweren Bedrohung der hochangesehenen jüdischen Gemeinde in Mainz durch den dortigen Bischof reiste R. Simon zum Papste nach Rom, um, wie dieser vorausgesehen, bei ihm um Gnade für seine Glaubensgenossen zu bitten. An besonderen, geschickten Zügen des Papstes beim Schachspiel erkannte der Vater in dem Papste seinen als Kind geraubten Sohn usw.). Es ist durchaus möglich, daß diese Sage einen geschichtlichen Hintergrund besitzt und daß der Verfasser der genannten Jozereth, entsprechend der beiden Akrosticha, identisch ist mit dem R. Simon der Erzählung. Das größte Interesse und den weitesten Raum widmet Wolf Heidenheim dem fruchtbarsten aller Paitanim, dem Rabbi EI asar (nicht Elieser) Hakali r, dem „obersten der Dichter und ihr Oberhaupt". In den Einfügungen von Schemini azereth und vom siebenten Tag Pessach gibt dieser seine Heimat an: Kirjat Sefer Kirjat Sana-Dewir im Stamme Jehuda gelegen. (Buch J o s u a Kap. 15, Vers 49 und Richter, Kap. 1, Vers 11 und 12). Oft nennt er sich K i 1 i r und H a k a 1 i r , wobei die Etymologie dieses Wortes für uns dunkel bleibt. Eigenartig ist es, daß Kalir. in seinen Dichtungen schwierige Wort- und Satzbildungen gebraucht, so daß ihm dies von alten, wie von neuen Kritikern zum Vorwurf gemacht wird. Außerdem erwähnt er in seinen Dichtungen Gegenstände, Anspielungen, Hinweise usw., deren Bedeutung und Zusammenhänge späteren Forschern nicht mehr verständlich sind, und was daher sehr oft bemängelt wird. Wolf Heidenheim nimmt ihn jedoch in Schutz und sucht ihn gegen alle Kritik'er und Kritiken zu verteidigen. So schreibt z. B, G r ä t z in seiner „Volkstümlichen Geschichte der Juden", zweiter Band, Seite 241, über Kalir : „Es steckt viel Künstelei in seinen Versen, und sehr wenig Stücke haben poetischen Wert. Um die Schwierigkeiten, welche die Anspielungen auf die Agadah, die Anwendung des Reims^ alphabetische. Versanfänge und die Verschlinguhg seines Namens machten, zu bewältigen, mußte Kalir der hebräischen Sprache Gewalt antun, dem Wortgebrauch Hohn sprechen und unerhörte Wortbildungen schaffen. Statt ein durch Wortfarben ausgedrücktes Gemälde zu bieten, stellte er dunkle Rätsel hin, die ohne tiefe Belesenheit in dein aga=" dischen Schrifttum nicht gelöst werden können." Sachs in seinem bereits genannten Werk urteilt Seite 205 über Kalir; „Rabbi E1 e a s a r ben Jakob Kalir, der entweder vor oder nach der Mitte des zehnten Jahrhunderts lebte, ist der Chorführer und Gründer seiner Richtung, Wie dieser mit gleichem Rechte bewunderte und getadelte, von Seiten seiner poetischen Kraft und Befähigung, ebenso staunenswerte, als oft kaum verständliche Dichter die Massen der Hagadah und Halacha auf einander schichtet, sie mit gewaltiger Hand beherrscht und dabei Sprache und Ausdruck in willkürlicher Gesetzlosigkeit mißhandelt, wie er unermüdlich und unerschöpflich in Formen, die Abbreviaturen des Wortes, in Sätzen, die rätselhafte Abkürzung und Andeutung des Gedankens sind, die reiche Sagen' weit des jüdischen Altertums in seine Festgebete verflicht, oder vielmehr diese aus jener zusammenwebt und fast alle Momente des jüdischen Festjahres mit diesen buntgewirkten Teppichen behangen . . . usw." Ferner Sachs Seite 212: „ . . . Dagegen in dem Tau- und Regengebet für die entsprechenden Festtage . . . eine Barbarei und Sprachquälerei, uns anstarrt, die durch das wildwachsende Gestrüpp neugebildeter Wortformen den eigentlichen Hebraismus kaum noch matt durchscheinen läßt. Die Mussafstücke für den ersten Neujahrstag sind trotz ihrer Schwere und Dunkelheit an erhabenen und großartigen Zügen reich und in ihrer Härte dennoch von tiefem, poetischem Gehalte. Die „Dunkelheit Kalirs" (9) ist auf die französischen und durch diese auf die deutschen Paitanim vererbt worden." Aus dieser herben Kritik geht m. E, ungewollt die Anerkennung einer hohen und überlegenen Leisiung hervor. G r a e t z fügt in der Tat noch hinzu, daß Kalirs „poetanische Dichtungen in die Liturgie der babylonischen, italienischen, deutschen und französischen Gemeinden eingedrungen seien. Nur die spanisch=sephardischen Juden, von feinfühligem Sprachtakt geleitet, wiesen sie ab." Ob dies wirklich der 'Grund war? Immerhin gilt Kalir als der Hauptschöpfer der poetanischen Literatur, und die Sage verherrlicht seinen Namen. Mehr als 150 Werke dieses bedeutendsten aller liturgi* sehen Dichter sind heute noch vorhanden. Wie seine Produktionen angegriffen wurden, so sind auch seine Person, seine Heimat und seine 'Lebenszeit heftig umstritten. Einige wollen ihn sogar für einen ganz anderen halten und betrachten seinen Namen Kalir als ein Pseudonym, Er soll in Wirk- D e r I s r a e Ii t lichkeit anders geheißen haben. Andere wollen ihn unter die Tanaiten, das sind die Verfasser der Mischnah, wieder andere unter die Amoräer, das sind die Lehrer des Talmuds, einreihen. Demnach müßte Kalir in dem Zeitraum zwischen 150 und 500 gelebt haben. Wolf Heidenheim bekämpft nun diese Ansichten mit leidenschaftlichem Eifer und beweist mit vielen zwingenden Gründen, indem er eine Menge von Literaturstellen anführt, daß, fast könnte man sagen,- sein Lieblingsdichter Kalir weder Tanaite, noch Amoräer, noch Saboräer (religiöses Oberhaupt und wissenschaftliche Autorität) gewesen sei und daß vielmehr Kalir, wie aus einem Passus seiner Kruwoth zum 9. Aw hervorgeht, ungefähr 900 Jahre nach « der Zerstörung des Tempels gelebt haben muß. Heidenheim weist nach, daß Kalir nach dem berühm* ten Gaon Hay (geb. 940 oder 969, ges. 1038 in Pumpeditha) gelebt habe. Sein Aufenthalt war wahrscheinlich in Palästina, Syrien und Italien, ansehet nennd fungierte er als Talmudlehrer und Vorbeter. Zahlreich sind seine in die Liturgie aufgenommenen Dichtungen. Sie zeichnen sich aus durch knappe, kurze Sätze mit Reim und enthalten eine Menge Reminiszenzen, Hinweise und Beziehungen zu Midraschim, Agadah und anderen Talmudstellen, deren Zusammenhang zu finden, den Epigonen oft recht schwer fällt und eine große .Belesenheit und Vertrautheit mit dem weiten Gebiete des Talmuds erfordert. So enthält der Siluk am Sabbat ^chekalim eine ausführliche Aufzahlung aller Längen-, Raum= und Zeitmaße, Gewichte und Münzen aus der Entstehungszeit des Talmud in allen ihren einzelnen Wertstufen, die, obwohl seine Berechnungen oft umstritten sind, dennoch unsere Bewunderung erregt. Bei der Einfügung „Jokasch lez" vom Sabbat Sochaür findet sich als Akrostichon der Name Jehuda.. Hierzu bemerkt S. Bär in }seinem großen, von ihm mit vielen Erläuterungen versehenen Gebetbuche,**) daß R. Sa Im an Ma'rgolit berichte, daß Kalir einen Bruder mit Namen Jehuda gehabt hätte, demzuliebe er diesen Namen eingefügt hätte. In der Liturgie des Pessachtestes erscheint Kalir — den man merkwürdigerweise mit diesem rätselhaften Namen, wie Maimonides mit dem Namen seines Vaters benannt, (darüber später) — nur im Mussaf des ersten Tages bei den erhebenden Gebeten um den für das Wachstum der Pflanzen so nötigen Tau, ferner am zweiten Tage in einem Stücke, welches Aufnahme auch in die Hagadah schel Pessach gefunden hat. In den .Selichot-Gebeten ist sein Name auffallenderweise nicht vertreten./ *. Die Werke, welche ausführlicher über Kalir berichten, sind: I. Tauldaus Rabenu Nathan, als Anhang einer in Buchform in hebräischer Sprache erschienenen Zeitschrift „Bikkure ho-ittim" von S. L. Rapaport (1790—1867 in Tarnopol und Prag) Wien 1828. II. A m u d e ho-awaudo von S. ,L a n d s h u th , Bd. 1, Berlin 1857. Iii!. Die „G'ttesdienstlichen 'Vorträge der Juden,* historisch entwickelt", von Dr. Zunz, Berlin 1832, die mir von der Bibliothek des Rabbiner-Seminars dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt wurden. Rapaport bringt über Kalir außer einem kürzeren Hauptartikel noch 34 Hearoth, umfangreiche, leider sehr kleingedruckte Anmerkungen und Erläuterungen, Aus diesen ist u, a. zu entehmen, daß Kalir in seinen Dichtungen die entbehrlichen Buchstaben fortläßt, daß die deutschen Juden, die Wissenschaft der hebräischen Sprache von den Italienern übernommen haben, die von Rom nach Mainz gezogen kamen. Rapaport klagt über die Zweifel hinsichtlich des Geburtsortes, der Lebenszeit und Person des Kalir. Das Wort K ä 1 i r stamme möglicherweise von der Stadt C a g 1 i a-r i auf Sardinien, wo der Dichter geboren sei oder gewirkt habe. Hierzu wäre zu bemerken, daß Süditalien den Juden allerdings eine Heimat geboten hat, besonders die Ge- **) Dieses wertvolle Buch ist eine wahre Fundgrube für denjenigen, dem die weiten Hallen des Talmuds und des sonstigen jüdisch in Schrifttums nicht offen stehen und sieh dennoch mit dein Gedankenreichtum der jüdischen Gebete, Gebräuche usw. vertraut machen , will. Er findet in den Anmerkungen Bär's eine Fülle von Erklärungen und Uebersetzungen schwieriger und seltener Worte, sprachliche Auf* Schlüsse, Angaben der Fundstellen, Hinweise auf die Verfasser und dergl., so daß ein Blättern in seinen Hinweisen von hohem Genuß ist und jedem Wißbegierigen empfohlen werden kann. So finden wir beispielsweise S. 265 in seinen Erklärungen zu X'2f' daß Joseph, Mose und König David je an einem 1-UB7 gestorben sind, ferner S. 671 bei seinen' Erläuterungen, zu den oms bv nia-np die Anmerkung, daß die Königin Esther 75 Jahre alt war, als sie zu der hohen Würde gelangte und daß in der Agada *~in« "its>Vk "i das Wort T313 irrtümlich nicht mit „deinen Erbauern" übersetzt wird, anstatt „deine Verständnisvöllen" (von na» verstehen). Hätte es sonst einen Sinn? Nie unterläßt es Bär, die Quelle anzugeben. , 25. März 1937 < meinden in Bari und Otranto' waren durch: ihre Qej lehrsamkeit so berühmt, daß das Wortgeprägt; wurde: „Von Bari geht die Thora aus und G'tteV Wort von O t r a n t o." Dagegen ist von einer dischen Gemeinde in Cagliari auf jener Räuberinsej nichts bekannt geworden. Der Herkunftsort Kirjat sefer wird sogar umgestellt auf - K i r j a t s ' f ar d. i. Küstenstadt, Bari, wozu man füglich ein Fragezeichen setzen darf. Im Widerspruch hierzu würde ferner stehen, daß Kalir sich, stellenweise sogar Ben R. Kalir, d. h. Sohn des R. Kalir nennt, weshalb Kalir kein Ortsname sein kann. Sein Vater führte vielmehr den Namen Jakob. Andererseits meint! R a p a p o.r t aber ,-auch, Kalir könne aus seiner Schreibweise plene ein Aschkenasi sein! Er bsstreitet, daß Kalir der Verfasser des kabbalistischen Werkes K' W a u d h a s c h e m sei. R a.s c h i in seinem Kommentar zum Buch Jeciheskel zitiert Kalir sozusagen als Zeitgenossen. ■ -, In seinen Erläuterungen nennt Rapaport häufig Ortsnamen, die in ihrer entstellten und undeutliehen Form oft nur schwer zu'eruieren, sind. Er hat u. a. in den Dichtungen Kalirs die merkwürdige Entdeckung gemacht, daß der Zahlenwert einzelner Wortfolgen mit dem Zahlenwert von Kalirs ganzer Namensbezeichnung übereinstimmt.. Landshut weist in seinem Werke Amude ho awaudo auf die obigen Ausführungen Rapaports hin und verzichtet deshalb auf weitere'Untersuchun; ^gen über Herkunft usw. des Kalir. Er führt unter anderem an, daß der Gelehrte Samuel David Luz at-to (geb. 1800 zu Triest, gest. 1865 zu Padua] zu berichten weiß: „Es ist erwiesen, daß der Vater Kalirs der erste gewesen, der den Brauch einführte, dem Sohne einen-Kuchen (U g g o — collyris) zu essen zu ge, ben, auf welchem eine K'meo (Camee=Amulett) eingeschrieben war, das hatte ,zur Folge, daß die Geisteskräfte des Knaben verstärkt wurden und daß er dadurch in seinem Studium eine so überaus hohe Stufe erreichen konnte." Zum Dank habe der Dichter sich später den Namen, Kalir beigelegt, d. h, Baal-ha-ugga (!). L a n d s h u t-h glaubt, mit Kirjat sefer — dem von Kalir selbst angegebenen Orte — die Stadt L e 11 e r e in der Nähe von Salerno ansprechen zu können. Demnach hätte Kalir diesen Namen in Kirjat sefer umbenannt. Luzatto sucht die Heimat Kalirs zuerst in Deutschland, dann aber in Babylon, nicht in Griechenland. L ä n d s h u t h zählt sodann in seinem Werke Amude-ho-awaudo ca. 160 Paitanim auf, gibt von ihnen einige biographische Notizen und nennt alle ihr© Dichtungen. Von Kalir zählt er 164 religiöse Dichtungen mit ihren Anfangsworten und Angaben über ihren poetischen Aufbau einzeln auf, welche sämtlich Aufnah'me in die Gebete zu den Festtagen, wie zu den Fasttagen gefunden haben, von denen allerdings ein Teil verloren gegangen ist. Zu den bekanntesten Dichtungen gehören z. B. Aapid, Esso dei, das «chone Schlußgebet um Tau am Pessaehfeste. (In seiner Aufzählung der jüdischen Dichter fehlt jedoch der erwähnte R. Simon ben Isak, der Verfasser zahlreicher Festgebete, welcher übrigens — wie Rapaport berichtet — aus Lucca in Italien stammte, und durch Kaiser Karl nach Mainz gebracht wurde. Wahrscheinlich bildet also Italien den Ausgangspunkt für die /jüdische Einwanderung nach Mittel- und Osteuropa, wie" Marokko nach Westeuropa,) Zunz in seinem, Werke „G'ttesdienstliche Vorträge" sagt u. a. über die Herkunft Kalirs: „Was der eine Forscher beweist, verwirft der andere, Der eine bestimmt die Heimat de« KuhV in Südifalien, der andere in Aschkenas, dieser in Griechenland, jener in Babylon oder in Palästina." Kalir findet — unbeschadet seiner Autorität — Widerspruch darin, daß er die drei Wurzelbuchstaben des hebräischen Verbum oft auf zwei reduziert. ,*Er (Kalir) tyrannisiert den Hebraismusf zwjn^ ihm willkürliche Bildungen auf, aber -mit einar Uebermacht und mit so hinströmender Fülle, daß man bei der Hoheit des .Gedankens die Uneben' heit des Vortrages übersieht, zumal wenn des Pal" tan® religiöse Glut den Kunstrichter erwärmt. Ka- Urs harte, an Unverständlichkeit grenzende Sprache ist kein perikleisches Kunstwerk, sie "ist ein cyldopischer Bau, der an göttergleiche Menschen und an heiliges Altertum erinnert." Derselbe in seinem Werke: Synagogale »Poesie des M i 11 e 1 a 11 e r s 1919 schreibt S. 122: „ . . . Daß Kalir an Kühnheit ' und Schöpferkraft hervorragt und manche Kaiirische Schöpfung verdient, der Sprache wieder zugeführt zu werden ..." So das Urteil Zunz's, der Kalif oft zitiert. Wir sehen, all diese Aeußerüngen: es ist cifle harte Nuß und eine schwierige Aufgabe, die Biographie Kalirs zu schreiben, dessen Leben für un^r Epigonen ein unlösbares Rätsel bleibt Dieser Na«*- ■ teil verblaßt aber gegenüber, dem Gedankenreichtum, der Belesenheit und Andacht seiner durchweg tiefreligiösen Dichtung. . (Schluß folgt.)

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