Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 12-13 (25.3.1937)
- Date
- 1937-03-25
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" ffi. Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands ^n^r^^rr^ h—H irat^^lBlD^^El! Die Pijutim. Von Rabb. Dr. Eli Münk in Arisbach/j) Di© Pijutim bilden seit alters her einen Grundbestandteil1 der Festgebete und reichen in ihren Ursprüngen in die Zeiten der Ampräer und. Gaonim zurück, wahrscheinlich .sogar bis in die Zeiten der Tanaiten. Bei. ihrer Abfassung war vor allem die Absicht maßgebend, den G'ttesdienst an den Feiertagen zu vertiefen und ihn gleichzeitig auszüschmük* ken. Bereits die Rischonim bezeichnen daher die Einbeziehung der Pijutim in die Gebetordnung als eine ausgezeichnete" Mizwa ("inaion ta msaj. ..weil durch sie die Andacht des Menschen auf G'tt gerichtet wird." . (l^^^5^2^ p"ao tt"*n) Hirsch charakterisiert das Wesen der Pijutim folgendermaßen: ,jSie sind allesamt nichts anderes, als vollendetere Ausführung der Tagesbedeutung und der aus ihr fürs Leben fließenden Gedanken. Aus dem Schatz jüdischer Wissenschaft ist dem Paiton der Tag nach seiner geschichtlichen und gesetzlichen Seite und nach den über beides ausgesprochenen Ansichten unserer Chachomim gegenwärtig, und von ihm erfüllt tritt er uns bei den einzelnen Teilen des G'ttesdienstes entgegen* den innewohnenden Begriff im Lichte der Tagesbedeutung vollendend" (Choreb § 671). Aehnlich erläutert Sachs; „Der unerschöpfliche Reichtum der Hagada ergoß sich in die religiöse Poesie, die nun* mehr die Nationalliteratur, die nationale Geschichte und den Glaubens-, nicht selten auch den Gesetzes4inhalt in ' da® Gebet verwebte, und selber ein Ausdruck ward der gesamten Taten und .Leiden Israels" (Rel. Poesie,- 180). Mit Hinblick auf die Tatsache, daß die Pijutim auch oftmals die im Laufe der Jahrhunderte bis tief in. die Zeit des Mittelalters erleb* ten Verfolgungen und Leiden zum Inhalt haben und daran anschließend die wunderbare Hilfe G'ttes feiern, nennt Znnz die Pijutim die „Begleiterin der Geschichte des Judentums. Sie sind die Denkmäler der' Vorfahren, und der von ihnen erfüllte G'ttesdienst wurde das in tausendjährigen Gefechten emporgehaltene Panier Israels" (Literatur der synag. Poesie, Vorwort). Eine ganz anders „gerichtete Auffassung über die Entstehungsursache der Pijutim ergibt sich aus fölgender Aeußerüng des R. Jehuda B. Barsilai aus Barcelona:;,Die Pijutim, die man in das Gebet eihzuflechten pflegt, sind, nach Mitteilungen von Autoritäten, nur für-Zeiten der Verfolgungen angeordnet worden. Die Feinde hatten nämlich das Thorastudium verboten, sowie das Zitieren von Thoraworten, darum haben die Weisen eingeführt, daß Dankgebete, Hymnen, Pijutim usw. eingeschaltet werden, in denen im Rahmen der Tefilla den (Ungelehrten die Vorschriften über, ein jedes Fast und die Einzel* heilen der Mizwoth vorgeführt werden", (aviyn '0/ ed. Schor, Berlin 1903,, S. 252.) Aus den weiteren Ausführungen daselbst geht hervor, daß sich die Pijutim späterhin auch nach Aufhören der Verfolgungen gegen den Willen ihrer Verfasser fest eingebürgert haben, was mit dem oben erwähnten Verlangen zusammenhängen mochte, den G'ttesdienst der festlichen Tage nach Möglichkeit durch poetische Einlagen zu verschönern,. Auch in anderen Quellen arabischen Ursprungs wird die gleiche Ursache für die Entstehung der Pijutim angegeben und auf die persischen Judenverfolgungen hingewiesen; die im 5. und 6. Jahrhundert stattfanden. Jedenfalls gibt diese Begründung eine Erklärung für den allgemein auffallenden Umstand, daß die . Ausdrucksweise der Paitanim eine sehr dunkle und rätselhafte ist. Sie waren' eben gezwungen, die „Worte der Thora und ihre Vorschriften" in verschleierter Form zu zitieren. Es ist aber auch möglich, daß diese Ausdrucksweise dem) Wunsch entsprang, den Pijutim eine künstlerische iForm zu verleihen, deren Reiz durch die "Verschleierung gerade erhöht wird. *) Mit Genehmigung des Verfassers seinem „Die Welt der Gebete", zweiter Teil, Hermon - Verjag, Frankfurt a. M., entnommen. , Ueber die Paitanim mit besonderer Berücksichtigung Elasar Hakalirs. Von J. Popper. Wenn im Verlaufe des jüdischen Jahres die Festeszeiten bevorstehen, und das Haus nach vielen Vorarbeiten bereit ist, die Jomim towim zu empfangen, dann erfaßt eine fromm-frohe Stimmung die Familie, der Alltag mit seinen' täglichen Lasten und Sorgen muß zurücktreten, und die Weihe der Chaggim iind.Semanim nimmt Besitz von dem Juden, der mit dem Machsaur, dem Festgebetbuch, in der Hand zum G'tteshause eilt. Nicht hur die festlich-schönen Melodien, auch die besonderen Dichtungen und Einschaltungen, die nun einmal zum Charakter der Feste gehören, ziehen uns immer wieder in ihren Bann, und gerne geben wir uns ihrem erhebenden Einfluß hin. Als Kern unserer täglichen Gebete müssen mir zwar das Sch'ma und das Achtzehn=Gebet ansehen, die von den Männern der Großen Versammlung (erstmalig 444 vor der gew. Zeitrechnung),) eingesetzt bezw. verfaßt wurden. Zu diesen Gebeten traten aber in der Folge noch weitere hinzu, bis .im Laufe der Jahrhunderte das Gebetbuch in seiner heutigen Form entstand. Dies gilt insbesondere von den sog. Pijutim, die — obwohl sie an Bedeus ttmg den täglichen Gebeten nachstehen — für die Festtage, besondere Sabbate und sonstige gehobene Zeiten bestimmt sind. Deren Verfasser, Paitanim genannt (von poeta), sind oft nur dem Namen nach bekannt, dessen einzelne Buchstaben meist in den Text verwoberi sind. Ihre Person selbst ist sehr oft in Dunkel gehüllt. Wenn es auch sehr wahrscheinlich im Sinne der Verfasser liegt, daß wir ihre Dichtungen andächtig beten, den Inhalt zu erfassen und zu verstehen suchen, die Person des Verfassers dagegen außer acht lassen, so verdienen sie es dennoch, daß wir uns auch über die Dichter selbst zu unterrichten und dadurch Licht über das jüdische Leben ihrer Zeit und ihre Verhältnisse zu verbreiten suchen. Der niederdrückende Eindruck, der die Judenheit in der Zeit nach dem Untergang des jüdischen Reiches und der Zerstörung des Tempels durch die Römer beherrschte, als die Erinnerung an diese traurigen Ereignisse noch immer verhältnismäßig frisch war, hat zu stark in der jüdischen Seele nachgewirkt und einen neuen Aufschwung sichtlich behindert. Die Sprache jener Zeit ist daher stark mit chaldäischen, griechischen und lateinischen Ausdrücken vermischt. Erst später haben jüdische Dichter angefangen, ihre fast nur religiösen, synagogalen Dichtungen aufzuschreiben. Wir wissen allerdings nicht, wie diese Dichtungen Aufnahme in die Liturgie gefunden haben, abgesehen wahrscheinlich von den Fällen, in denen die Dichter selbst Vorbeter gewesen sind und aus eigener Machtvollkommenheit ihre Werke als Zugabe (Jozer, Ofan, M'orah, Ahawoh, Sulath, G'ulah, Kruwoth,*) Siluk, Maarawith, Kinoth usw.) je nach der Stellung in die Reihe der Gebete eingefügt haben. . Andernfalls hat man diese Gebete wegen ihres Gedankenreichtums und ihrer vollendeten Form für würdig befunden, sie als wertvolle Bereicherung in das Gebetbuch für geeignete Zeiten für immer aufzunehmen., Sachs in seiner „Religiösen Poesie in Spanien (1845)" äußert sich Seite. 149 etwas langatmig hierzu: «Der religiöse Dichter erzählt .in gebundener, künstlicher Rede nach, was in der lebendigen Er* regtheit des Moments als geflügelter, oft flüchtiger Gedanke, als Eingebung dem. Geiste des Lehrers der Vorzeit entströmt war. £s ward das in freiester Beweglichkeit des schöpferischen Gedankens nur leicht Hingeworfene oft gleichsam beim Worte genommen. Es wurde der bunte, schillernde Schmetterlingsflügel der Sage nur zu oft von dem P a i t a n mit schwerer Hand festgenagelt. Der Blütenstaub der- Erfindung, der zarte Anhauch unmittelbarer Frische entfloh, das Sagenhafte, Freigestaltete, *) (Für dieses schwierige Wort findet sich ein klärender Hinweis in Wajikra rabba 30; sowie Jerusch. Berachoth 81 und 84 und bedeutet: Dichtung. das in seiner Entstehung klar und durchsichtig genug, einen Blick in die Seele des Schaffenden vergönnte, verlor, da es ein Traditionelles und Ueberkommenes geworden, nicht selten diese Durchsichtigkeit und Verständlichkeit." „Innerer Grund .für die Entstehung der Pijutim. liegt also wohl in dem Bedürfnisse, die reichen Vorräte, welche die Vergangenheit aufgeschüttet, zu nützen . . . Die Festdichtung war das Surrogat für die. Institution der öffentlichen Belehrung und allmählich gleichsam die stehende Charakteristik des Festes, dessen Deutung und Auslegung der Stimme der Gechichte oder die ins Wort gefaßte Stimmung der Gemeinde." Moses M a i m o n i d e s allerdings nahm den Pijutim gegenüber einen anderen Standpunkt ein. Wegen Ueberbürdung des G'ttesdienstes lehnte er dieselben ab. Außerdem betrachtete er sie, wie Gr ätz zu berichten weiß, als Auswüchse der Poesie, als Erzeugnisse, verfaßt von unwissenden Dichtern. „Das Beste daran ist das Erlogene" (!). Einer der besten Kenner jener Dichter ist Wolf Heidenheim, der Herausgeber und Korrektor unseres am meisten verbreiteten Gebetbuches, sowohl der Wochentage,, als auch für die Festeszeiten, jener heiligen Bücher, die aber in seiner Zeit (er ist geboren 1757 in Heidenheim in Mittelfranken, gestorben 23. Februar 1832 in Offenbach) meist in wenig erfreulicher Verfassung erschienen waren. Dieser Mann war nicht nur einer der größten Kenner der hebräischen Sprache, er war auch ein großer Bibelexeget, de den Geist unserer Gebete verstand wie nur wenige, der oft genug die schlechte sprachliche und textliche Form der Gebetbücher jener Zeit beanstandet hat, weshalb er es unternahm, jene Bücher neu herauszugeben, daneben noch eine stattliche Reihe anderer wertvoller Werke. Zur Errichtung einer Druckerei in Offenbach benötigte er . eines Privilegs, das er für Rödelheim vom Grafen V o 11 r a t h erhielt. Seine Werke tragen noch heute den bekannten altertümlichen Stempel in ovaler Form mit seinem hebräischen (Namenszug, und besonders sein Gebetbuch bildet heute noch unter dem Namen der „Rödelheimer Tefillo" den Inbegriff des trefflich eingerichteten und beliebten Gebetbuches. Er brachte es zum Besitzer einer eigenen Druckerei und zum Verleger seiner Werke. N Was aber im folgenden am meisten interessiert, ist die Tatsache, daß er auch über die Person der Paitanim, der Verfasser unserer Jozereth usw. eingehende Forschungen angestellt und deren Resultate in einem besonderen Schriftwerk gesammelt und herausgegeben hat. Dieses gediegene Werk hat anderen Gelehrten in der Folge als Grundlage ihrer Arbeiten gedient. In seinem Machsor von Schemini Azereth, dessen Ausgabe Rödelheim „verlegt und ge« druckt in der privilegierten Buchdruckeray von W. Heidenheim 1815" mir vorliegt, hat er 94 Paitanim aufgezählt, deren Dichtungen als Einfügungen, Selichoth, Kinoth usw. erschienen, darunter manche klangvolle Namen, wie Abraham ibn E s r a , K a 11 r, Elasar b.en Jehuda (R o k e a c h) Rabbi Amnon, Gerschom ben Jehuda (Leuchte des Exils), Dunasch ben La brat, Hay Gaonben Scherira, Jehuda ben Samuel (Kusari), Jakob ben Meir (Rabbenu Tarn, Enkel von .Raschi), Meir ben iBoruch (Maharam von Rotenburg); M o s e s~ M a i m o n i d e s , Salomon Gabiröl, Schelomoh ben Jizchok (Raschi). Daneben erscheint natürlich auch mancher Name, über dassen Träger weiter nichts bekannt ist. Einer der fruchtbaBsten war z. ß. Simon ben Isak ben Abun, der Onkel Raschis mütterlicherseits, der, aus. Mainz stammte, starb in Metz 1096, im Jahre des ersten Kreuzzuges, „drei Tage, bevor der Feind in seine Stadt kam". Neben vislen anderen Dichtungen rühren hauptsächlich die Einfügungen des zweiten Tages des Rosch=ha-schana-Fe3tes von ihm her, außerdem auch die Einfügungen des siebenten Tages Pessach und des ersten Tages Schabuoth. (Bekannt ist die Sage, daß der hochbegabte Sohn Elchanan eines Simon aus Mainz als Kind in die Hände der Nichtjuden fiel, zum Geistlichen •ausgebildet wurde und dank seiner hervorragenden