Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 12-13 (25.3.1937)
- Date
- 1937-03-25
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 12'13 1937 Von Alice Öppenheftner. *• V (Fortsetzung;) Eines -Abends, als Heinz und Ina beisammen sitzeriy beginnt Heinz;- „Ina, Wie wäre es, wenn wir jetzt Öfters einen jüdischen Vortrag gemeinsam hörten? '\ „Ich kann nicht, ich will die Kinder nicht, allein lassen, daiin Heinz, was soll ich mit all der iJüdisc.hkeit?; Ich, bin ihr entwadnsen, sie ist mir fremd., Gehe Du hin, aber mich lasse aus' diesem Euch: aufgezwungenen Enthusiasmus heraus. Ich glaube, es geht, hier umgekehrt wie zu den Zeiten, als das Ghetto uns geöffnet würde. Die Juden von damals, die frei von d^m Zwange wurden, die aus den engen Ghettos hinausfanden in die geistige und wirtschaftliche^Freiheit, wären dem Glücke so wenig gewachsen, daß dadurch der Abfall, die Taufe, die Mischehe kamen.N Heute seid Ihr in den Klauen des Unglücks, werdet aber seiner so wenig Herr wie zur Zeit Eurer Befreiung. Ich finde keinen Glauben in Eurer Rückkehr, ich mache nicht mit." So geht denn Heinz allein. Das-Lernen wird, ihm schwer, er sucht nach religiösen Fundamenten: er wandert in Lehranstalten, die von philosophisch mystisch religiösen' Problemen erfüllt sind, die ihm aber keine Grundlage geben. Er sieht die Menschen um sich und staunt über die Menge, die kommt. Er knüpft Unterhaltungen an und spricht über die Vorträge und empfindet die Leerheit, die sie im Kreise der Hörenden hinterlassen. Wie der Adler steigen die Lehrenden in ihrer Geistigkeit in die Höhe, schweben in die Tiefe, bleiben nur kurz, denn die großen Schwingen lieben, nicht den festen Boden, sie steigen wieder auf, breiten die Flügel und entgleiten im Aetherraum, und der Geist des einfachen Sterblichen bleibt am Erdhaften kleben, Heinz besucht Vorträge, immer, immer wieder. Er sieht >ein,- so geht das Leben nicht weiter. Die Arbeit für Dr. Maier schreitet tüchtig fort, aber das Merkwürdige ist, daß ihm seine Arbeit lange nicht so interessiert,-wie das Problem, das Dr. Maier sich selbst gestellt hatte. Auch ' auf diesem Gebiet hat Heinz es verstanden, sich Bücher zu verschaffen und nun sitzt er und lernt und lernt jüdisches Recht. Eines Tages kommt. Ina in Heinzens Zimmer. „Was verschafft mir die Ehre, Ina, wasgibt es Besonderes? Du hast doch sonst am Morgen keine Zeit zu Plauderstündchen?" „Heinz, siehst'.Du denn nicht, so geht es nicht mehr!" Erschreckt steht Heinz auf. v.Iiia, was ist Dir-, bist Du krank?" Ina setzt' sich, auf;! einen Stuhl am Schreibtisch und schüttelt den -Kopf,. Kein Blutstropfen ist >in ihren Zügen, wie versteinert sitzt sie<fda/-\„Du wirst mich miß verstehen,''beginnt Ina, „Dil wirst mir grollen und unsere Liebe wird leiden, aber ich muß es sagen.'' .Sie ist so erregt, daß ihre Stimme ganz tief wie' eine Baßstimme wirkt. "Wie lange willst iDu noch ohne Arbeit, ohne Erwerb herumlaufen?.--Ick... kannes nicht mehr sehen, ich kann iiicht immer abhängig ,yon ,meir nem Vater sein und wenn er hundertmal mein Vater ist. Ich schaffe von morgens bis abends, ich arbeite gern, aber ich sehe keinen Halt, tiefer und tiefer kommen wir. Schaffe," schreit Ina, -schaffe etwas Heinz1; schaff' Brot und wenn es ™r trocken .Brot istj" . .-' .'. ^.^W Nichts regt sich, nur die Uhr tickt, Heinz schweigt und Ina' ist still geworden. „Heinz, Du bist mir'.böse?" „Nein, nur früher hättest .Du kommen sollen!" Er faßt ihre Hand, eine Hand voller Schwielen, hält sie in der seinigen und streichelt sie. „Ina,' ich gehe, gehe nach Palästina, dort werden wir leben können." Ina springt auf. „Nach Palästina? Was soll ich dort? Bist Du Zionist oder wie diese Organisationen heißen?" Heinz muß lachen. „Nein, nichts bin ich. Wo sollte ich sonst hin?" „Geh' nach Afrika, nach Australien, vielleicht kann Wera etwas> in Brasilien finden." „Ina, warum in diese fremden, so fremden Erdteile?" „Weil Palästina zu klein ästfür all die tfuden, die dort Unterschlupf suchen." „Ina, willst Du mir mal folgen in Deinen Gedanken? Du und ich, die Kinder gehen in den Wald, der Tag ist schön, die Kinder beglückt. .Wir, hören von ferne ein Rollen, Du starrst mich an und meinst: „Heinz, ist das Donner?" , jch glatibe, antworte ich, aber der Himmel ist blau, hierher kömmt er nicht. Wir wandern weiter, es springt Friedel' auf uns zu: „Vater, Mutti, eben hat's gedonnert, habt Ihr nichts gehört?" Ein Lpaar Augenblicke später setzt ein fürchterliches Unwetter ein, wir suchen Schutz, der Weg zurück dauert zu lange, wir sehen von weitem eine Schutzhütte. Wir nehmen die Kinder an die Hand, rennen, was wir können, erreichen die Hütte. Die Hütte ist voll mit Menschen, die alle Schutz suchen. Was tun? Die Menschen rücken ganz dicht zusammen, wir pferchen uns noch hinein, kein Tropfen Regen kommt an uns, wir sind geschützt.. Verstehst Du mich, Ina?" „Ich will es versuchen, Heinz." „Wir wollen uns unsere Unterhaltung durch den Kopf gehen lassen und böse, Ina, b*in ich Dir nicht. Ihr Frauen habt es eben ganz besonders schwer!" Kaum sind acht Tage um, kommt Ina wieder zu früher Stunde ins Arbeitszimmer, iMüde ist ihr Gang, die Augen verschleiert, bläuliche Ringe liegen unter ihnen; Heinz geht Ina entgegen: „Wenn meine Frau'so früh hereinkommt, hat sie etwas auf dem Herzen, das weiß ich jetzt schon. Nun, Inalein, heraus mit der Sprache!" „Du hast Recht, Heinz, ich ertrage dieses Leben nicht, ich kann nicht mehr, Schau mich nicht so an, Heinz, ich bin hoch bei Sinnen, mein Denken ist klar. Aber wozu dies alles, wozu? All Deine Reden, jedes Deiner Wortei.überlegte ich mir, aber ich erfasse nichts, alles'ist gegen uns. Machen Wir ein'Ende; . ehe' das Leben uns erdrückt!" Ina rückt gar.z nahe zu Heinz, ihre Stimme hat einen- Flüsterton: „Dreh' den Gashahn auf, Du, die Kinder, ich — Schluß laß' uns machen. Sie ballt;die Fäuste. Sie sollen nicht leben mehr, diese kleinen Heben Wesen, die ich geboren. Ich will nicht, daß sie sich ducken, nicht verkriechen sollen sie sich, hörst Du's Heinz, mit uns gemeinsam sollen die Kinder aus: dem Leben scheiden!" Heinz* ist ganz ratlos. Er nimmt Ina, führt sie zu einem Sessel und - zwingt sie unter leichtem! Druck-hinein; Er holt sich einen Stuhl, set2t sich dicht neben sie., „Ina, ich erfreue mich an jedem unserer -Kinder, mach' keine Dummheiten. Es ist schwer, es erscheint üns alles trostlos, aber, Ina, selbst wenn die Welt, Dich, rriieh uns aus- oder anspeien will, es geht vorüber. Das Gute geht wie das Häßliche, alles ist einem Wechsel unterlegen. Ina, erinnerst Du Dich an unsere Unterhaltung von vor acht Tagen, wie ich für Palästina das , Bild der Schutzhütte wählte?" Ina sieht auf. „ja," sagt sie, „ich.' habe viel daran gedacht," „Liebes, seikstill, laß' mich einmal weiterreden. Sieh, Ina, in diese .Schutzhütte kann. ■ doch der Blitz einschlagen, denn sie Jhat keinen Blitzableiter. . In Dir, Ina, wachst ein neües^Leben, in mir, Ina, wächst ein netter uraiterGlaube, der Glaube unseres zweckvollen, Daseins^1 fundiert auf unseren C^esetzen. Glauben -müssen-'wir hier wie dort, sähst hilft ünsfkeine Schutzhütte.H.Jude ohne Glauben ist Allem und Allen preisgegeben, der Glaube ist .•defjj Bl^iapableit^rr?mnd; die. Yerbinduagvon Land und Glauben wird uns, Dir, den Kindern, eine Befreiung, eine jüdische Menschwerdung bedeuten." „Nein, nein, Heinz, mir nicht, glaub's mir." „Ina, tue es mir zuliebe, lege Dich für ein paar Stunden zu Bett, ich sorge für alles, und Hedi Lewihsky, Deine Freundin, wird uns gerne hei-- fen, wie ich sie kenne." Inas Erregung ist einer großen Mattigkeit gewichen, sie schließt die Augen, ohne Ruhe finden zu können. Nach einer kleinen Weile schlägt sie die Augenlider auf, umschliegt Heinz. „Heinz, ich habe Dich lieb, vergiß das nie!" „Deine Liebe, Ina, ist meine Sonne, wenn die Gespenster, Geld, Sorge, Kummer mich erdrücken wollen, das weißs Du doch." Er hält , sie im Arm und redet ihr gut zu. Nach einer Weile geht Heinz mit Ina in die Küche, hilft'hier und dort und versteht es, Ina abzulenken. Am Nachmittag, als die Kinder zu Hause sind, besucht er hinter Inas Rücken Dr.- Kohn, ihren langjährigen Hausarzt. Lange sitzen die Herren beisammen, die Unterhaltung ist sehr erregt. Dr. Kohn verspricht, am Nachmittag vorbei zu kommen, um auf Inas Gemütszustand einzuwirken. Heinz nimmt einen Umweg, um ruhig und gelassen vor Ina erscheinen zu können. Seine Schritte führen ihn längs* des Rheinufers hin. An der Brücke ist ein Menschenauflauf. Er geht weiter, weil er eben jede Ansammlung meidet. Plötzlich hört er jemanden hinter sich herlaufen, er dreht sichvum. Ein Junge aus der Nachbarschaft, den er vom Ansehen kennt, bleibt vor ihm stehen. „Sie sind doch Rechtsanwalt Grünberg?" „Jawohl." „Bitte, ach bitte kommen Sie, nein, vielleicht lieber doch nicht." „Ja, zum Donnerwetter, Junge, was willst Du denn von mir?" Der Junge zittert am ganzen Körper. „Ihre Frau!" „Was, meine Frau?" „Hat man aus dem Rhein ... Fort ist .Heinz, er hört nicht mehr auf den Jungen. Er drückt sich durah den Kreis der Umstehenden. Ina liegt leblos, tot auf der Erde, ihre Haare, ihre Kleider tropfen Wasser aus, gleich Tränen, die sie selber weint ... „Arme Frau!" hört Heinz eine Stimme. — Nichts weiter ist in Heinzens Hirn eingedrungen, dann hat er das Gefühl, von einer starken Hand erfaßt zu werden, die ihn am Genick packt, heraushebt über die Menge und ihn nach Hause geleitet. Kein Mensch ist um ihn und doch führt ihn jemand, ihm ähnlich und doch so anders. Zu Hause sind die Kinder, sie singen und spielen: „komm, lieber Mai und mache . . ." Er reißt die Stubentür auf und schreit ins Zimmer: „Warum seid Ihr denn so fröhlich?" Rennt dann wie ein Wahnsinniger in die Küche, will den Gashahn aufdrehen. Eine Hand, wie die seinige, legt sich auf ihn, jemand redet zu ihm mit seiner Sprache, in seinem Ton: „Halt, welche Dummheit, HeinZi willst Du jetzt begehen? Tue die Hand vom Gas»{" Heinz wankt, sieht sich um, geht aus der Küche ins Zimmer, setzt sich, auf einen Stuhl und weint, weiht, ein lautloses Weinen, Als er aufsieht, sitzt ihm gegenüber wieder der andere, und dieser andere, Ihm so ähnliche und doch so ferne, redet, spricht seine Worte nach: Ständig schreitet fort das Leben, Ständig drehet sich die Erde, Ständig lauschen wir im Leben Auf das G'ttes Wort: „Es werde". Ja, wir wollen es nicht' schauen, Dieses Lebens Sinn und Sein, Aber etwas muß es geben, Das uns aufrecht hält im Leben ... ' Jeder horchet, jeder forschet, ';' Mocht' das Glück gestalten, Doch das Unglück lehret uns: Glaub' an G'ttes Walten. * — (Fortsetzung folgt.)