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Der Israelit · 1937-03-11 · Heft 10 (11.3.1937) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 10 (11.3.1937)
Date
1937-03-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 10 1937 Wir. Von Alice Oppenheimer. (Fortsetzung.) ' '•"""' :' » Der Freitag Abend im .Hause von. Dr. Maier ist ein :> eihschheidenäes; Erlebnis für * Heinz. Außer Dr. Mai er" und' Heinz, ist noch: der junge Mann zugegen,' den iDr. Maler mit Max im. Cafe angeredet' hatte, dann ein ganz kleines dickes Männchen, von dem man fast; nicht^ sieht, als einen tiefschwärzen Bart, einen;hochgewölbten Bauch und zwei kleine platte Fuße.. Er erinnert - unwillkürlich an Wedekind Hydalla. Er ist ein Rebbe, der öfters zu Dr. Maier k&mmt, um mit iKm! izü lerneiii Ein junges russisches Mädchen, deren ©rüder bereits in Amerika sind," bildet den' Abschluß" der Tischgesellschaft. Alle Räume sind festlich erleuchtet, auf* dem Tische stehen Blumenf mit anderem Service wie das tägliche ist der Tisch' 'gedeckt.' Zwei brennende Kerzen geben eine besondere Feierlichkeit. Wein und die zwei Berehes', 'das übliche T)eckchen, ein Schabbostisch.' Als alle - versammelt sind, geht Herr Dr. Mäiersingend durch alle 'R&uniei seirie Gäste mit ihm <imd laut ertönt. 3äs: Lie^; S^holaum-AJechem; Friede sei E'ürjh1! ~'~'r'"' i ■ '- .. "...; . j ..: 1 > " Wie würde mein. Friedel, meine; zwei; kleinen Mädels sich über;. solche Stunden,: solch ejnek Tag der Weihe, .freuen, denkt Heinz. Haben wir ein Recht, solches .unseren .Kinjdern'ifernzuhaltenT' Heinz sehnt sich,nach, Hause, aber der Segensspruch über Schabbos,, Wein und Brot, läßt, ihn aufhorchen, alles Neue läßt ihn für eine .Weile das zu Hause vergessen. „Max, sagen Sie,'' fragt Dr. Maier, , „wieso so plötzlich der Entschluß mit. Palästina?" „Wissen Si'eV Herr Doktor, das ist nrcht so plötzlich, wie Sie meinen,' Schon lange will ich hin, aber meine Eltern sahen es nicht gerne, jetzt aber jgibt ses kein Halt mehr, jetzt lässe ich nicht.mehr davon, ich' will iris Land der Juden." „Jüngele, Jüngele," fängt der Rebbe an, „wieso ist es Land der Juden?" „Weil es uns eigen, war, Sitz unserer Väter!" „Jüngele, und wenn s Deine Väter hätten, hätten sie es anders,sie hatten's durch die Toire, durch das Gesetz. Wirst Du auch den Schabbos dort halten, wie Dr. Maier hier?" „Ja, zu einem Ruhetag, zu einem nationalen Tag sei er mir, das Gesetz aber muß in vielem, aber ganz besonders in Bezug auf Schabbos, modernisiert werden." „Hört,, hört," meint Dr,. Maier, ' Aber der Rebbe läßt sich nicht beirren. Er . lehnt sich weit vor, schiebt die Brille '.purecht und fährt fort: „Jüngele,* dann bleib hier, wirst dort nichts anderes finden-.-Wie' hier. Heut winkt Dir dies Freiheit,; morgen auch : noch und übermorgen spuckt Dich 's Land aus! . . Unglauben brächte uns *aus Palästina nach Babylon, Babylonier wollten wir werden, schmissen sie uns raus, Spanien nahm uns, guckt uns ab, was ihm wertvoll schien, schmeißt uns. Türkei und Holland nimmt sich unserer an, 'bis T^ir 'von'dem Wahn besessen smd zu. glauben»; wir wären Türken oder Holländer. , Wir kamen nach Deutschland, wir^mußten •'.nachj Polen und. Rußland. .Dann ging es wieder rückiu. ^-Jä, Jüngele, h46Vt; Ihr dehri^'nichts^^so. gehts niieht, glaüB" mirs/f ohne Toire; nur t'ähd, Land bringt Oede und das Streiten mit dem Judenvolkj, bleibt.., Kennt.Ihr v^diev Geschichte > yqni;' Hund un^' der^afee^'*^ „flund und: Ka^ze^liebten sich,%olange; sie .Speisen hatten,. einer gab :•-;■>;:■ : GV.Ä' >'<". '-''^ ' ■ ' dem anderen, einer sorgte für den anderen. Dann fanden sie auf einmal nichts mehr zum Fressen. Wielänge soll das so gehen? Der; Hund sprach: „Katze, geh zum Menschen, da findest Du Mäuse und wirst satt, ich gehe fort, hierhin,, dorthin, zu anderen Tieren,' vielleicht finde ich Eßbares zum Leben." Die Katze meint: „Schwör mir, daß wir nie zusammen bei einem Herrn sind" und der Hund tat, wie sie wollte. Die Katze fraß Mäuse, der Mensch gab ihr Brot und Wasser und ließ sie bei sich wohnen. Der Hund ging zum Wolf. Da kamen des Nachts Tiere und wollten den Wolf töten, der Hund merkte es und teilte es dem Wolf mit. Der Wolf bat den Hund, die Feinde zu verjagen. Der Hund ging hinaus, aber; der Tiere waren viele, sie wollten ihn erschlagenrf dai; entwich-der Hund, ging zum Schaf und bat um ein Nächtlager. Wieder kamen Tiere, fanden . durch das Bellen des Hundes, der nur bellte, um das Schaf , zu retten, das Schaf und rissen es in Stücke. Der Hund iirnte nun umher Und nirgends fand er ein Lager.; Auf seiner Wanderung kam er wieder vzum Menschen,, der sah ..das abgezehrte ,.Tier, ließ - es eäsen und bei sich ^schlafen. In der Nacht hörte der Hund Menschen, die dem Menschen bös gesinnt waren. Der Hund weckte den Mensch und sprach: „Rette Dich". Der Mensch nahm Waffen und rettete sich. Dann sprach der Mensch zum Hund: „Du hast mir geholfen, bleibe bei mir wohnen, iqh sorge für Deine Ernährung." So «blieb.der Hund bei dem Menschen. Wie die Katze den Hund sah, wurde sie'böse. „Was willst Du hier, wa- irum 'bist Du" zuv mir gekömmeiö?" „Weil der; Mensch mich holte." Es erboste'die Katze. „Ein -Diebsgesell ist der Hund, den Schwur hat er gebrochen.'^-Da sprach "der Hun#: „Rege Dich nicht auf, Katze, in Dem; Haus komme ich nicht, Deine Speisen esse ich nicht und Schaden füge ich Dir keinen zu!" Aber die Katze gab nicht nach, Döch später oft wollte der Hund sich mit der Katze'aussöhnen, aber die Katze wollte nicht und so streiten sie noch heute. — Verstehst Du den Sinn, Jüngele? Auch dort gibts kein Frieden, auch dorthin kommt die KafczlitAfeer Ihr, Ihr tragt Schuld, wenn die Katz kömmt!" Bei-den letzten Worten ist der Rebbe aufgesprungen, sein kleiner dicker Bauch hängt üb'er den Tischer seine Arme fuchteln in der Luft. Plötzlich fängt; der kleine Mann unter Schluchzen' an: „Ich dachte, die Geulla kam, sie kommt, kommt noch nicht" und laut schreiend fährt er fort: „weil Ihr, Ihr Jugend es nicht zulaßt!" . .:. Alle sind momentan still, ein mit Wehmut und Bitterkeit' gefüllter Augenblick liegt über allen. Dr. Maier wird zuerst Herr der Situation, er fängt leise, dann lauter, werdend an zu singen, , Lieders der Freude am Schabbos. -„Herr Doktor," fängt nach Schluß des einen Liedes die kleine Russin an, „ich hatte gestern zwei recht interessante Briefe, den einen aus Rußland, den anderen aus Amerika. Meine Schwester schreibt aus Rußland, daß sie dieses Jahr keine Mazzes bekämen, da. jede religiöse Handlung untersagt sei. . Sie hätten es sonst gut, aber Glauben gäbe es nicht, nur das. Vertrauen in den Staat." „Ja, ja," sagt Dr .Maier, und versinkt in Schweigen. Nach einer Weile fährt er fort: „Wie steht es um Ihre anderen Verwandten?" „Was ich aus Amerika höre?" ,,Ja, Fräuleih Sonja,' was hören Sie aus Amerika?" f,Mein Bruder, dejr tim Landes, der' nationalen, und <. geistigen; Freiheit sein Brot verdient, verliert merkwürdigerweise im Lande der Freiheit seine eigene Nationalität^und sei-] nen Glaübe|i^^DöH,'!-wo!uerJude seih könnte, dort ist, ^r es nicht;"' :' ':- '^y q::j§P*?<;-W^^^^'^%^0.4^ eine Weile recht •,'ji^regV ihinV und' ilnöfrp ädhh Heinz erzählt maa^ cherlei a^s,,gejner: Studdenzeiti. Dann kommen sie. ..auf die jüdische Jugend von heute zu 'sprechen, 2fiAuL?*tt J^*-W^ -mfr&tM rswehi iim Mk.i~W$'' '*ii^l^lt>r;v,;:.: aSi'.. ,;c.:Vv,:,-.,-. ,M> —-;- . . Religiösen, aber noch zu beschwert ist mit allen .Anschauungen, die sie bis dahin aus der Umwelt in sich aufgesogen, hat.- Nach dem Essen werden noch einige Lieder gesungen, dann ein Gebet gesprochen. Allel begeben sich inhdasi anliegende Zimmer, in die Stube mit den unendlich vielen Bücjiern. Der Rebbe holt ein altes vergilbtes Werk, schlägt es auf und beginnt : mit einem Abschnitt aus der Gemoroh. „Wäre es nicht rich|iger.,- Rebbie, wir würden fünuunsere Gäste lieber j.ein,;. Stück; Sidre (W^chenabschnitt aus dem ,.altenTestament).lernen?" Der.vRebbe holt ein Qhumisch^. ntifi ^beginnt Mischpotim — Rechtsordniungen — vorzutragen. Alle Anwesenden gruppje.ren; sich.,,unj;, das ikleine Mäafnchen, der es durch sein Wissen und Können yfer<steht, seinen Kreis zu fesseln.^, Wenn man eine fremde Sprache gelernte hajt mv1;;4e^lvSchule, fransösischi russisch oder lateinisch, so kann man die Literatur der fremden, l^a^ionr Jtesen und ve^gtehen. So meinen .auch viele Menschen heute, wenn, sie ■ '.'; '2'j.~"< i •>';;c:i: ■ . j > etwas hebräisch lesen kennen,. yexstehen^iSievidie Toire * und'' sie ^'6nnenrj^gen^dajs . dürft-a^^ tun und das nicht. Die .Toire,ist. abier nur ein Excerpt der "Gesetze, man versteht sie, wenn man die mündliche Lehre kennt., ri ,Seplwhundertdreizehn Gesetze gibt es, sie stehen in der Toire. Wie man sie ausführt tind beachtet, das muß man lernen. Ein:l^ich^jüä^^am.! zu dem großen, ^ehr'er Schaniinai 'uhd "sagte, er wolle Ju^e^>y.erden, wenn ^niah' ihni die ganze , Toire lehre, so lange er ai£T''eiiiem 'Bejuieysienen/k&njie. ^cliammai wurde!zörnig und warf ihn hinaus. ££,,ging zu Hillel urid'trüg ihm seinen Wunsch vor. jf^illel sagte: Liebe Deinen Nächsten wie Dich, _sel)bst — das ist der Tnbegriff der ganzen Toireä G.ehe hin und lerne das Uebrige, es ist nur ein Beiwerk dazu. "" .', ■t^ rs•,; .... \ Die Sidrp Mischpotim spricht von ri einem Dieb, der wurde vom Beth Din, dem jüdischen Gerichtshof yerkauft. Sechg. Jahre soll er (seinem Herrn diene(n, im siebenten Jahre geht er'.frei aus, ohne Lösegeld. Wenn er aber sagt: Ich liebe meineif "Herrn, ich will ihn nicht verlassen, so macht ihm sein Herr ein Zeichen ins Ohr ujnd er bleibt sein Diener für immer, d. h. bis zjiim Tode des Herrn oder bis zum Jobeljahr, das allen Unfreien die'Freiheit gibt. Wie mußte das Verhältnis von Herren-und Knechten in Israel sein, wenn der-Knecht, der wider, seinen Willen verkauft war, den Herrn nicht verlassen wollte!" Zwisehendiürch wird Tee gereicht, dann nach ein wenig geplaudert und um 11 Uhr erhebt siich der kleine Mann. Die Morgenpost bringt Heinz Briefe von zu Hause, die ihn recht nachdenklich stimmen. Ina rät ihm, nocn nach England zu fahren, dort sich umzusehen und umzuhören. Sein Schwiegervater wollte die Reise bezahlet. Es.ist so schwer das Leben, wenn' man nur einen Sinn darin finden könnte, denkt Heinz, Den Inhalt meines Lebens bildeten mein Beruf und meine Familie. Und was ist mir geblieben? Nichts! nichts! „Hadere nicht mit dem Schicksal, Heinz," sagt ihm eine innete Stimme. „Du hast Frau und Kinder, für die Du lebst und zu sorgen hast. Wohl erfreue ich mich an diesem Glück, aber dieses Glück gibt mir Unglücklich kann meine Familie nicht mehr ernähren, bin. abhängig vön meinen Schwiegereltern, muß wändern, wandern,'suchen und bitten: laßt mich ein Leben hier oder dort beginnen. Ruhelos, aufgescheucht, wie die Vögel ist mein Sein, ist unser Sein." Und Heinzes Blick weitet sich,, er. sieht das Schicksal von allefi Freunden und Bekannten, sie wandern, wandeln iSt. Der einer zu Fuß, der ändere im Zug, der dritte geht so* weit, daß das: Schiff■ ihm Befö> derungsmittelist;/ der vierte nimmt das Auto, um zu fahren, um zu wandern auf dem Erderfr rund. (Fortsetzung folgt.) * '. -ri.., .: •■;e.:,;H'iii "-

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