Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 9 (4.3.1937)
- Date
- 1937-03-04
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 9 1937 Wir. Von Alice OppCnheimer, (Fortsetzrang.} „Herrlich, einfach herrlich," ruft Heinz. „Das hat auch unser Napoleon geschärft. Das war ein Heros. Du bist so still, Heinz? Erkennst Du Napoleon nicht an?" „Ja, wissen Sie," fällt Dr. Maier Frau Germaine ins Wort, „die deutschen Juden haben seit den letzten zwei Jahren umgelernt. Die deutschen Juden, sahen in Napoleon den Helden, den Weltbezwinger. Er veränderte nicht nur die Grenzen der europäischen Staaten, sondern auch die Gedanken und Geisteswelt der damaligen Zeit. Napoleon, ein Kind der französischen Revolution, konnte es mit seinen Anschauungen, die sich auf die Begriffe Egalite, Liberte et Fraternite aufbauten, nicht vereinen, daß die Juden von der Teilnahme an diesen Errungenschaften einer neuen &eit ausgeschlossen seien. Die 'Ghettos mußten geöffnet, werden, körperliche und geistige Freiheit den Juden gewährleistet werden. In Deutschland, resp. Preußen fiel Hardenberg die Aufgabe zu, die Juden zu Gleichberechtigten zu machen. Die Juden konnten wieder in die Landwirtschaft übergehen, ein Arbeitsfeld, das ihnen bis . dahin versagt blieb, man erlaubte ihnen, geistige Berufe zu ergreifen, die wissenschaf tliche Laufbahn stand ihnen nun offen. Wenn man ewig im Dunkeln gelebt, verträgt man nicht das Licht der Sonne, Wie ein Sturzbach stürzte die neugewonnene Freiheit über die Juden, der sie erlagen. Es kam die Epidemie der Taufe, denken Sie nur an die Berliner Salons, Herr Grünberg, an die Namen Rahel Varnhagen, an Dorothea Schlegel oder gar an den Juden Friedländer, einen Freund Hardenbergs, der so weit ging, daß er alles Hebräische aus Schule und Gebet verbannen wollte. Dem kulturellen Fortschritt und der plötzlichen Freiheit waren die Juden nicht gewachsen. Sie verloren ihre Eigenbedeutüng, die man nur aufgeben kann, wenn man seinen Glauben preisgibt, sie sahen ihr Lebensglück in der gänzlichen Gleichwertung zu den anderen Völkern. Wohl. kamen für die Emanzipation auch Rückschläge, aber ihr Fortschreiten war unaufhaltsam. Es setzte ein Zulauf zur Taufe ein, die Gottlosenidee griff unter den Juden stark um sich und heute spüren die (deutschen Juden, daß diese geschichtliche Entwicklung ihnen uicht-den Weg zu; dem vermeinziehen Glücke bedeutet hat." u, „ Woher kennen Sie denn sö die ^deutscheGe- ' schichte', Herr Dr. Maier?'', fragt Heinz. „Mein Vater war Deutscher und bis zu meinem zwanzigsten Jahre lebte ich in Deutschland.. Dann zogen, wir nach Frankreich, weil dort der Hauptsitz unserer Firma war. Ich stamme aus frommem Hause, lernte viel Gemoroh, mußte mich viel niii jüdischer^Geschichte befassen. Mein Vater;wollte es, stets sagte er; „Lies jüdische Geschichte,. aber mit Verstand, dann wirst Dir nie üpermütig uriä nirgendwo zu heimisch." Das , Auto biegt um die Ecke, hoch eine Straße, dann hält es » vor einem Hause. Dr. Maier steigt aus, dankt Germaine, reicht Heinz die Hand. „Darf ich Sie morgen um 9 Uhr bei mir erwarten, Herr Dr. Grünberg?" Heinz willigt .'gerne ein. Am nächsten Morgen pünktlich um 9 Umist Heinz in der rue de Rivali im Büro Dr. Maiers. Ein älteres Fräulein führt ihn ins Zimmer, das in dicke Rauchwolken gehüllt erscheint. Rings herum sind die Wände mit Regalen umgeben, Haufen von (Büchern, geordnet und ungeordnet, liegen umher. Aus einem Sessel am Schreibtisch erhebt sich Dr. Maier. „Tag, Herr Grünberg, ich freue mich, daß Sie kommen, nehmen Sie Platz," Er reicht ihm Zigarren und Zigaretten. „Sehen Sie, Herr Grünberg, hier liegen eine Menge deutscher juristischer Werke. Sie werden alles darin finden, was Sie brauchen. Ich benötige eine klare Zusammenstellung aller Paragraphen, die für die Todesstrafe in Frage kommen, auch Todesstrafe für politische Verbrechen dürfen Sie nicht vergessen." Es schellt. „Herr Grünberg, ich dachte, Ihnen mehr Zeit widmen zu können. Ich kenne aber die Stimme meines Klienten, es ist ©ine wichtige Sache, ich muß fort." Heinz verbringt die erste halbe Stunde, sich Papier und Blei zu suchen und den Haufen Bücher zu sortieren, die er für seine Bearbeitung benötigt. Am Mittag betritt das ältere Fräulein das Zimmer und bringt ihm einen Imbiß. „Ja, sagen Sie, Fräulein," wieviel" Uhr ist es denn? Ich habe meinen Verwandten keinen Bescheid gegeben, daß ich nicht zum Essen komme. Könnte ich einmal telefonieren?" Robert und Germaine sind noch nicht zu Hause, Heinz läßt sich entschuldigen und sagt sich zum Abendessen an. Am Nachmittag geht die Arbeit schon besser; er wird sich klar, in welche Form er seine Arbeit kleiden soll. Erst die eintretende Dämmerung läßt Heinz auf den Uhrenschlag hören. Es ist Zeit, Schluß zü machen. Heinz nimmt Hut und Mäntel und' sucht Herrn Dr. Maier, um ihm mitzuteilen, daß er am nächsten Morgen wiederkäme. Bei seinen Verwandten sind einige Gäste, darunter auch Deutsche, von denen er manche kennt. Viel Freude macht es ihm, einen älteren Herrn wiederzutreffen, der früher in Deutschland wohnte und sich durch seine soziale Tätigkeit in Paris einen Namen gemacht hatte. „Hier," meint Heinz, „haben Sie wieder ein großes Arbeitsfeld für Ihre Tätigkeit gefunden." „Nein," sagt der Herr und ein Schatten huscht über seine Züge. „Ich kann hier nur wenig leisten, ich will mich nicht gerne in die Oeffentlichkeit stellen, Man ist doch Deutscher," „Sie fürchten die Franzosen?" „Nein, ganz und gar nicht. Ich hoffe aber, auf meine alten Tage wieder in meine Heimat zurückzukehren, zurück nach Deutschland, dort ist meine Heimat, dort will ich sterben. Hier bin ich, weit ich aus gewissen Gründen es'für besser fand, nach Frankreich zu gehen. Erzählen Sie mir ein wenig von drüben. Kennen (Sie auch Frankfurt? Schön ist's dort, erzählen Sie mir." „Ich bin Mainzer, aber auch von Frankfurt kann ich Ihnen erzählen." Die Herren plaudern und merken gar nicht, daß ^Tische für Bridgespielen gerichtet werden. „Hallo, Heinz," ruft Robert, „komm, wir wollen beginnen." Bis Nachts 1 Uhr geht das Spiel, Heinz verliert ständig, seine Gedanken sind in der Heimat bei.Frau und Kindern. ... Beim Frühstück am nächsten Morgen fragt Robert: „Sag* Heinz, warst Du schon auf dem Büro für die deutschen Auswanderer?" ,,Nein, Robert."- „Dann will ich Dich nachher vorbeifahren." „Wann wird denn dort geöffnet?" „Um 9 Uhr." „Dann kann ich nicht hin, ich muß Um 9 Uhr bei Dr. Maier sein." . „Heinz, Du willst doch eine Stellung, dann kaiinst Du Deine Zeit bed Dr. Maier nicht vertrödeln.. Ich kann Dir weder eine Stelle noch Arbeit verschaffen, sieh zu, daß Du aufs Büro kommst." 1 Als Heinz am nächsten Morgen zu Dr. Mai er kommt, fragt Heinz Dr. Maier um Rat bezüglich des Büros. „Gehen Sie hin, Herr Grünberg, es ist auch mein Rat, lassen Sie nichts unversucht, Sie werden lange dort stehen, bis an Sie die Reihe ommt, denn es sind immer noch viele, viele Menschen, die unserer Hilfe benötigen. Vielleicht haben Sie Glück, bekommen die eine oder andere Adresse, aber die Hoffnung ist gering. Mittags kommen Sie dann hierher. Wissen Sie was, Herr Grünberg, ziehen Sie zu mir, ich nehme mir die Abende frei, dann können wir gemeinsam arbeiten." „Gerne, Herr Doktor, meine Verwandten, wie ich sie kenne, werden nicht böse sein." „Stehen Sie mit Ihren Leuten nicht verwandtschaftlich?" „Es geht. Es fehlt ihnen, wie fast allen Juden anderer europäischen Kulturstaaten der Begriff unserer seelischen Not, die ist meist größer als die materielle. Hier wie dort, Amerika wie die Schweiz, Englan^l wie Frankreich suchen geldlich Unendliches zu leisten, helfen mit bei der Umschichtung, wo sie nur können, aber die seelische Bindung fehlt, daß Mensch zu Mensch stehe." „Herr Grünberg, ich weiß nicht, ob Sie die Gebete unseres Volkes kennen. Es steht ein Satz, der beißt:: Du sollst G?tt, Deinen G'tt lieben mit Deinem ganzen Herzen, mit Deiner ganzen Seele, mit Deinem ganzen Vermögen. Jeden und jeden Tag sprechen wir dieses Gebet. Dieses Gesetz ist die ethische und glaubende Hingabe des Menschen an G'tt. Kaum einer, der es ganz zu halten versteht, Herr Grünberg, wie soll er es dann den Menschen gegenüber zu Wege bringen? Aber ich will Sie nicht länger aufhalten. Ich bringe Sie zum Büro und erwarte Sie am Mittag." Stunden um Stunden steht Heinz am Büro. Die Gesichter, die er sieht, weisen alle, trotz größter Gegensätze, Aehnlichkeiten auf. Eine tiefe Linie, eine Einkerbung führt von Nase zu Mund, die Augen, ob blau, ob grau oder schwarz geben den gleichen Ausdruck wieder. Heinz muß an ein Bild aus der Aegypterzeit denken, ein vielumstritteries Bild, weil die Gelehrten sich nicht ganz einig sind, ob es eine Jüdin oder eine Aegypterin darstelle. Die Züge des Leidens, die Trauer der Augen hier in diesen lebenden Menschen zeigen den^gleichen Ausdruck, welcher das Bild aufweist. Wieviel tausend Jahre liegen dazwischen? - i. u * Zwei Morgen verbringt Heinz auf der Geschäftsstelle, am dritten Tage gibt man ihm eine Adresse. Er kommt zu einem Oestier, der immer und immer nur in den heiligen Schriften gelernt hat, erst in Polen, dann, in Deutschland und jetzt auf gut Glück es mit Fischhandel versucht. Dieser junge Mann sucht einen Auslauf er. Heinz lehnt die Beschäftigung ab; solch einen Posten kann er auch in der' Heimat finden, dabei bei Frau und Kindern bleiben. Die Abende verbringen Dr. Maier und Heinz Grünberg meist sehr angeregt. Heinz lernt viele jüdische Gesetze kennen, die alle von einer grandiosen Kulturhöhe sind. Er bearbeitet gerade das Gebiet der Todesschuld, aufgebaut nur auf dem Indizienbeweis. Das Judentum kennt kein Todesurteil auf Grund logischer Beweise. Hier im Judentum wird der Verbrecher wiederholt gewarnt vor Begehen eines Verbrechens. Zeugen müssen vorhanden sein, die in keiner Beziehung zu dem Uebertreter stehen, weder im guten noch im bösen Sinne. In Heinz vollzieht sich eine Wandlung. Bei allem Erleiden der Zeit wächst in ihm ein unbeugsamer Stolz, Glied dieses Volkes zu sein. (Fortsetzung folgt.)