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Der Israelit · 1937-01-07 · Heft 1 (7.1.1937) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 1 (7.1.1937)
Date
1937-01-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 1 1937 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Schluß.) r Es war ein milder Frühsommertag, an dem ,es geschah, das Hämmern und Pochen am Tempelf undaraent erklang. Es lockte die Juden und Christen Heikenbrunns ins Freie. Jemand schrie in Davids einsame Stube, in der er über Papieren saß und müde war.j daß man am Tempel baue. David erschrak nicht, Er dachte sich resigniert', man wird das Fundament zu etwas, anderem verwenden, abreißen —r' Aber es litt ihn nicht mehr in den vier Wänden. Er mußte hin, alles schwinden sehen, was einmal viel versprochen hatte. Als er am Hause Githäs vorbeiging, schmerzte die Wunde im Herzen mehr denn je. Wie lange war es her, daß er sie nicht sah, nicht seh2n konnte, denn sie wären durch einen Schwur getrennt — vielleicht auf ewig. Und Githa blieb fern, sie achtete seinen Schmerz und —hoffte, Am Bauplatz , war reges Treiben. Wild fuhr David auf, als er jenen jüdischen Arbeiter mitten im Bau stehen sah, den imandamals so peinigte. Und an der Lücke mauerte er und sang dabei aus voller Kehle. Als er David erblickte, schrie er auf in einem Jubel und rannte zu ihm, etwas in der Hand, das er selig David unter die Nase hielt. . .. .r: „Die Erde —^- die heilige Erde, ich habe sie aufbewahrt und kein anderer baut sie in den ■Tempel, als ich selbst-;,. .-. ." Schon war er wieder bei seiner Arbeit und ließ David erstarrt stehen. Träumte er oder stand Prosper wirklich neben ihm, . zerknirscht wie ein-Knabe, flehend und bittend, daß er selbst ein Herz von Stein hätte besitzen müssen, wenn er kalten Blutes das, zurückweisen wollte, was ehrlich und yersöbnungbittend hier vor; sich ging. „David— ist es wahr, ' daß Juden unversöhnt lieh sind?" . •.. . >-->J y-..,-... Prospers Stimme; klang ruhig *und: freundlich. •Nun brach der Widerstand in David, der . keiner gewesen war, denn,s. er. wußte( unglücklichen Menschen trägt man Taten der Wirrnis nicht nach. Ganz im Innern war in Prosper der Glaube an seinen Freund wach geblieben, selbst in der schlimmsten Stunde, sonst hätte er, nicht aber David, den Befehl zum Aufbrechen der Lücke gegeben. . . - . ., •...., . ,. ,- .• ä . Hand in Hand, standen sie neben dem jungen Juden, der wie ein Heiligtum wieder die Flasche mit heiliger Erde in die Lücke versenkte, umstanden von Menschen jüdischen und anderen Glaubens, die ihn achteten ob seiner G'tfesliebe. „Nun steigt der Tempel dennoch auf und wird, sofern das Schicksal es will, vielen Menschen den Frieden geben' . . ." Das sagte. Prosper und David dachte' an Githa. Wieder war ihm wie damals, als sie in jener schrecklichen Stunde zu den Ihren eilte, um zu rufen: . ~y, r ./G'tt hat geholfen wie immer — wer hätte daran zweifeln mögen —" Ja, er. half wieder und seine Hand wies ihn, David, auf einen Weg, der so hell und licht war, daß er, geblendet von so viel Glück, die Augen schloß ... ' ■' ' 1 ' . ' i ■'"(■» Prosper , hütete sioh^ diese Freude durch ein unbedachtes Wort z-u stören7. .=-<.• . ' " ■' '• ' " 22..; :; Die Prüfung war bestanden, der Tempel wurde fertig. Heikenbrunn ließ die Juden in dem Frieden leben, der mit dem ihren nichts zu tun hatte. Die Ratsherren hatten genug von dem offensichtlichen Verweis, den der Landesherr der Gemeinde sandte. „Vorbei," so hieß es in dem Schreiben des Fürsten, „ist die Zeit der Barbarei, wir schauen einem neuen Zeitalter entgegen." David erfuhr gleichfalls davon als einer der ersten, sozusagen .zur Genugtuung, doch maß er, allein gelassen, mit sinnender Miene jene Stelle, die so großzügig gestaltete Versprechung an die Juden sowie alle Menschen, sie der Zttkunft gegenüber gleichzustellen. Noch umschloß, dachte David, die Gasse das Leben und Wirken des jüdischen Stammes innerhalb des gastlichen Landes. Noch waren die Einflüsse von außen und innen ferngeblieben, und das auf rein jüdische Interessen gestellte Streben erregte in den Mitmenschen Achtung und Zuneigung. ■Wie lange noch jedoch umschloß sie diese Gassenmauer, die trotz aller scheinbaren Demütigung ein Band bildete, das die Juden zu einem Kreise zusammenfügte, in dem sie sich glücklich und minder glücklich fühlten, je nach ihrer Veranlagung, die in jedem Menschen gleich welcher Rasse liegt? War es das Glück für die Juden, wenn die Mauern fielen? Vielleicht — vielleicht auch nicht. Freiheit ist wundersam, wenn sie recht verstanden wird. Und mit Freiheit und großem Glück verstanden die Juden seit altersher schlecht umzugehen. . Zwar waren sie verscheucht und verzagt durch den Rückfall ins Grausame, die Heikenbrunner Juden, aber nichts und wieder nichts konnte es verhindern, daß eines Tages, eines Jahres jene vielversprechende, gefahrvolle Freiheit über sie flutete wie ein Rausch. Würden sie dann dem Judentum den Dank zollen, der doppelt wiedergeben muß für Begnadung und Führung durch Jahrtausende zu rechtem und gerechtem Ziel? David antwortete sich selbst mit einem harten Nein, und es schien, als wollte er verzagen vor den Neigungen zur Fahnenflucht, die seihe Mitjuden belebte, sei es nun' in seinem oder einem späteren Zeitalter. Symbolisch aber antwortete ihm G'tt durch den Tempelbau, der bewies, wie es kam und immer kommen mußte im jüdischen Volke, wo immer auch Juden zu finden waren. Licht und Glanz ätff der einen Seite, vielleicht auch höchste Höhen; bis auf der anderen Seite ein Halt von uner forschlichem Grunde erklang und der Abgrund klaffte, der die Juden zu verschlingen drohte. ' 1 Denn Juda, so war G'ttes Wille, soll nicht untergehen. Und im Glück 'soll sein Volk das Ende sehen'und im Ende den Anfang. Und wenn sie vergessen, was G'tt lehrt, wenn sie wegstreben zii anderen: Gesinnungen außerhalb ihrer „Gasse", fehlt' nie der Umschlag in jenes Ungewisse, das sich förmlich gegen den Juden, gegen alle Juden wendet und sie zurückweist auf das Leben ihrer Väter und Vorväter. Denn Juda soll leben, indem es fühlt, daß Judesein keine Strafe, sondern eine Begnadung ist, und Begnadung, sei es die einer künstlerischen, genialen — oder rassischen Art — ist Last, die von kraftvollen Schultern getragen werden kann, aber keine Belastung. Drum beugte sich David, dieser Erkenntnis und ließ die Heikenbrunner der nahen und fernen Zukunft zujubeln, die sie durch den Tempelbau vor sich aufgeschlossen sahen. Der Tempel wurde fertig. Stein um Stein wuchs empör zum Ganzen und der Bau fand Gnade vor allen Augen, denn er war schlicht und einfach, gediegen und wundersam zugleich. Seine runden Bögen ruhten auf einer kleinen Flasche heiliger Erde, seine Geschichte war geheimnisvoll umwoben von dem Geschick seines Baues. Man war zufrieden in Heikenbrunn, den Tempel, scheinbar das böse Gewissen der Aufrührer, endlich fertig zu sehen und die Einweihung war nicht allein ein Fest der Juden, sondern ganz Heikenbrunn freute sich der Gelegenheit, ein Fest feiern zu können. Schabbos war es, als die Weihe stattfand. Mit dem Besten angetan, strömte von nah und fern um Heikenbrunn die jüdische Bevölkerung herbei, umstanden von den andersgläubigen Mitbewohnern der Stadt, die jenem eigentümlichen Feiern die rechte Aufmerksamkeit darbrachten. Jeden einzelnen sahen sie fromm hinter der breiten Türe des Tempels verschwinden. Zuweilen sahen die Augen auch auf den Bau selbst. Er kam ihnen fremd vor, wenngleich sie jeden Stein hatten aufwachsen sehen zum Ganzen. Er faßte weit über zweihundert Menschen, zu groß eigentlich für die kleine Gemeinde. Die kleine Kuppel wölbte sich bescheiden und der Davidsstern auf ihrer Spitze leuchtete, denn er war mit reinem Golde verbrämt, der einzige Luxus an diesem Bau, gespendet von einem reichen Juden, fern von hier. Genau so schlicht war das Innere, das die Juden wie ein Wunder empfanden. Die Bankreihen, sauber und reichgeschnitzt an den Lehnen, — in Heikenbrunn lebte ein tüchtiger Holzschnitzer, der sich, da er jüdischen Glaubens war, verpflichtet sah, diese Arbeit zu leisten — die Frauenabteilung mit einem sehr schönen schmiedeeisernen Gitter, hinter dem die blanken Augen wonnevoll glitzerten vor Glück und Freude, die Männer so ernst und gefaßt in ihren Bänken sitzen zu sehen. Die Teppiche schmückte das Heilige des Tempels. Von hier aus kam alles Licht in die etwas dämmerige Synagoge. Von den Fenstern allein, die mit bunten Butzenscheiben verziert waren, kam nicht alles Licht, es kam vom Leuchter, von der Thora, vom Gebet und vom Glück aller Juden in diesem bescheidenen Tempel. Und alte Weisen, fromm und andächtig von den. Lippen gleitend, durchrannen den Raum als heiligste Weihe. Der schlichte G'ttesdienst im schlichten Judentempel vollzog sich, als sei er ein Wunder G'ttes. Was nachher kam, das offizielle Programm, die Rede des Bürgermeisters, der mit einigen wohlgezierten Sprüchen die Synagoge ihrer Bestimmung übergab; jene machtvollen Worte aus des alten Burgherrn Mund; schließlich die Spende Prospers und seiner Gattin, die der Erhaltung und der Pflege des Tempels galt, waren alles Dinge, die allzu rasch entschwanden und den Tag kürzten, der mit prachtvoller Röte am Himmel zur Neige ging. Es war um die Zeit, da David seine Githa an der Hand faßte und mit ihr weiter und weiter aus der Stadt schritt, als wollten sie nie wieder zurückkehren, wo wie ein Alpdruck jene verhängnisvolle Trennung ihrer Liebe noch immer lastete'. Sie wußte, nur zwei Wochen noch trennten sie von einer Vereinigung. Noch mehr ahnten sie. In jenem Tempel würde ihre Trauung stattfinden, der nun fertig und alltagsgemäß im Schatten der. beginnenden Nacht dalag. Sie schwiegen, es brauchte kein Wort zwischen ihnen, um, zu erklären, was ihre Gedanken herbeisehnten und wessen sie sich freuten. Das galt nicht jener Ehrung, die der Landesfürst David zuteil werden ließ, auch nicht der wiedergefundenen Freundschaft mit der burgherrlichen Fämilie, deren Mitglieder in Wohltaten gegen dieh Juden überschwangen. Auch der eigenen

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