Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1936)
- Date
- 1936-12-31
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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m^m^M^-^^ß^^^Ml^^m Jerusalem, 29. Dezember. Die Hoffnung, daß durch die Oberrabbinerwahl die Grenzen klar abgesteckt werden, erfüllt sich rascher als man zu erwarten wagte. Der Vorsitzende des Jerusalemer Bes Din, Rabbi Frank, hat sich, wie berichtet, dem Waad Leumi und dem neuen Oberrabbiner unterordnet und auch die Schechita, die er all die Zeit vor dem Waad Leumi geschützt hatte, nunmehr in die Hand dieser nationalen Behörde gelegt. Diese Kapitulation hatte zur Folge, daß sich die Chassidimgemeinde mit der Gemeinde der Charedim unter dem Oberrabbinat von Rab bi Duschinski vereinigt und auch ihre Schechita dem Oberrabbiner der Ägudagemeinde unterstellt hat. An der Spitze der jüngsten Ausgabe das „Kol Israel" wird diese Tatsache unter dem Titel „Gute Botschaft für die gesetzestreue Gemeinschaft" bekanntgegeben. Es heißt dann weiter im Aufruf, daß diese Zusammenlegung nicht allein materiellen Gewinn, sondern unermeßlichen Segen auch für die geistige Entwicklung der gesetzestreuen Gemeinde bringe. Es wird der Charedimgemeinde Dank ausgesprochen, daß sie allezeit treue Wacht gehalten hat, so daß die Chassidim, denen jetzt die Möglichkeit genommen ist, von der Schechita des Waad Leumi Gebrauch zu machen, den Anschluß an die Gemeinde der Gesinnungsgenossen finden konnten. Zum Schluß wird die Aufforderung an alle Gesetzestreuen gestellt, fortan nur in den unter Aufsicht der Charedimgemeinde stehenden Fleischgeschäften den Bedarf zu decken. Die palästinensische Presse zu den Aussagen der Bguda-Vertreter vor der Die Aussagen der Vertreter der Agudas Jisroel vor der Königl. Untersuchungskommission haben den besten Eindruck im ganzen Lande gemacht. Selbst die reinzionistischen Blätter glossieren die Aeußerungen der drei Agudaführer in freundlicher Weise. Die hebräische Tageszeitung Haboker" widmet diesem Teil der Vernehmung einen Leitartikel und schreibt u. a.: „Worte tiefsten Empfindens und Glaubens wurden durch die Vertreter der Agudas Jisroel vor der Kommission gesprochen. Man könnte von manchen Aeußerungen über interne Dinge sagen, daß sie nicht, in den Rahmen der Untersuchungsarbeit hineingehören. Allein nach all dem politischen, ökonomischen und wirtschaftlichen Material, das durch die offiziellen Vertreter des Nationalheims der Kommission vorgelegt wurde, war es wohltuend, auch einmal die Stimme der jüdischen Tradition und Religion zu hören. Es war nötig, daß man auch von der Vergangenheit Palästinas sprach, auch von der fernen Vergangenheit, die nicht minder als Faktor ins Gewicht fallen muß. Sagte doch einmal auch die „Times": „ein Volk, das seine Vergangenheit kennt, ist auch im Besitze von Rechten." „Die Thora verbürgt uns das Recht auf das Land!" Vielleicht klingt das in unserer realistischen Zeit etwas naiv. Aber der Aufschrei und Hilferuf eines ertrinkenden Menschen, wo kein Erretter in Sicht ist, ist nicht minder naiv. Und dennoch, erfolgt der Hilferuf, aus der tiefsten Seele eines Menschen, der das Anrecht und den Willen zum Leben hat, in der Hoffnung, daß am Ende denn doch jemand den Ruf aufgreift. Die Thora, in deren Namen wir sprechen, ist kein Gesetzbuch, das das eine Volk annehmen, das andere ablehnen könnte. Es ist das Buch, in dem die Geschichte und die Geschicke des jüdi- (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt; Siedlungsboden für den S. R. HirSch-Kreis in Palästina ..........Seite 2 Ein Hochzeitsgeschenk der aus Deutschland eingewanderten Juden für die holländische Kronprinzessin .........Seite 2 Ein Aufruf „zwischen den Zeiten" . . Seite 5 Im Galuth bei Juden........ Seite 5 Madagaskar ............Seite 5 Der Wortlaut der Eröffnungsreden der Agudaver'.reter vor der Königl. Kommission Seite 6 Das Schicksal des ältesten jüdischen Friedhofs in Deutschland .........Seite 7 Amtiiche Einführung des neuen Oberrabbiners von Amsterdam ........Seite 9 Berichte aus Polen.........Seite 9 Berichte aus Palästina.....Seite 10 u. 11 Ein Lebenswerk im Dienste Palästinas und der Menschheit. Zum 70. Geburtstag von San.-Rat Dr. Wallach......Seite 14 Von Dr. Isaac Breuer in Jerusalem. I. Was Zionismus ist und will, glaubt jedermann zu wissen. Zionismus ist die Erkenntnis der we'tzerstreuten Judengemeinschaft als einer geschichtlich gewordenen und geschichtlich behaupteten Nation, die Erkenntnis des unheilbar kranken Zustandes, in dem sich diese Nation in ihrer Weltzerstreutheit befindet, und der aus diesen Erkenntnissen ©mpoi-quillende Entschluß, der Nation durch Errichtung eines Nationalhemis in Palästina die Rettung zu bringen. So einfach aber diese Definition auch ist, und so einleuchtend sie gerade in der Gegenwart dem deutschen Juden klingen mag, dem sie aus materieller und namentlich aus seelischer Not einen Weg ins Freie zu verheißen scheint, so wenig klärt sie die innere Problematik des Zionismus, so beharrlich verhüllt sie seine Klippen und Fährnisse, so schlecht ist sie geeignet, die Grundlage eines nicht nur völlig an der Oberfläche haftenden Werturteils zu bilden. Ein richtig erfaßter Begriff weist sich stets nicht nur über sich selbst, sondern auch über sein Gegenteil aus. Niemand kann beanspruchen, den Zionismus richtig verstanden zu haben, der nicht zugleich Wesen und Wollen des A g i; d i s m u s kennt. Es ist gar zu bequem, den Zionismus als Bejahung der jüdischen Nation nur zur bewußten Assimilation als Verneinung der jüdischen Nation in Beziehung zu setzen. Der Agudismus bejaht die jüdische Nation und verneint den Zionismus. Erst die Konfrontation des Zionismus mit dem Agudismus vermittelt letzte Klarheit. Ideen dürfen nicht gewogen werden. In einem Augenblick, da sich der Zionismus der deutschen Juden als einzige und unabweisbare Konsequenz der heutigen deutsch-jüdischen Situation empfiehlt, haben sie das Recht und die Pflicht, näheres über Wesen und Wirken des Agudismus zu erfahren, wenn ihre Entschlußbildung mehr sein soll, als reine Konjunkttirrechnun^ II. Zionismus und Agudismus stimmen dann überein, daß sie beide auf dem Boden der Geschichte stehen und aus ihr die Erkenntnis schöpfen, daß die jüdische Geschichte seit der vor 2000 Jahren stattgehabten Zerstörung des jüdischen Staates keineswegs nur eine Geschichte der jüdischen Religion oder der Wissenschaft des Judentums, sondern die Geschichte der jüdischen Menschen sei, ihrer Taten und Leistungen und vor allem ihrer Schicksal'?, welch letztere wesentlich auf zwei durchaus nachweisbare Faktoren zurückzuführen sind: auf den Entschluß der jüdischen iMenschen zur unbedingten Selbstbehauptung trotz Vernichtung der national-staatlichen Existenz, getragen von der allzeit lebendigen Hoffnung auf deren Wiederherstellung, sowie auf das Unvermögen oder das Unwollen der Wirtsvölker, die jüdischen (Fortsetzung siehe Seite 3.)