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Der Israelit · 1936-12-10 · Heft 49 (10.12.1936) · page 18

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 49 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 2 Nr. 49 Der Israelit 10. Dezember 1936 rufen wurde. Unter der Sonne des Fürstenhauses der Edz ar d konnte die Gemeinde gut ge deinen. Es gab zuweilen auch Leiden und Sorgen. Von einem Ritualmordprozeß um 1650 mel den die Akten, der aber gut ausging, von einer kleinen Friedhofsschändung in Norden, wo auch die Auricher ihre Toten begruben. Diese kleinen Schatten vermochten die Aufwärtsent Wicklung nicht aufzuhalten. Als eine Gemeinde von blühender Gesundheit und Geschlossenheit steuert sich Aurich durch die preußische, hollän dische und napoleonische Aera bis in die neue Zeit tapfer hindurch. Die Auricher Juden liebten den Heimatboden und trugen das Joch der fran- Samuel Calmer Beer, ■der Schwiegersohn des letzten Landesparnes Isaak Beer, wirkte in Anrieh als Vorsteher der jüdischen Gemeinde und Leiter des gesamten Armenwesens :n Ostfriesland und starb, 92jährig, 1883. zösischen Fremdherrschaft nicht weniger schwer als die anderen; ihrer welche standen sogar un-r ter den Fahnen der Freiheitskämpfer. Eine Treue; die die Auricher Juden auch im Weltkriege bewahrten und von der auch eine Gefallenen- Gedenktafel mit einem Dutzend Namen an der Türe der Synagoge Zeugnis ablegt. Uebrigens ist die Synagoge selbst ein Denkmal der engen Verbundenheit der Auricher Juden mit der Heimat. 1810 wurde mit Hilfe der Fürsten und der Einwohnerschaft der Grundstein zum Tempelbau gelegt und dm September 1811 konnten die heiligen Rollen in großem Festzuge aus dem Hinterhaüse der Beers, wo bis dahin der G'ttesdienst abgehalten wurde, in den neuen einfachen, aber schönen und nach den Gesetzen strenger Sachlichkeit ausgeführten Bau überbracht werden. Es war ein Festtag für die ganze Stadt und Umgebung, der Tag der Einweihung. In gedruckten, künstlerisch ausgeführten Einladungen an die Stadtväter und Spitzen der Behörden, wie in polizeilichen Verhaltungsmaßnahmen, in Erwartung des Andrangs der Festgäste aus allen Teilen der Bevölkerung, im Auricher Stadtarchiv ist die Feststimmung verewigt wie eine alte verklungene Melodie auf Wachsplatten. Zum hundertsten Jubiläum der Synagoge 1911 wurde sie gründlich renoviert und erweitert. Von der Kanzel dieser Synagoge hat sechs Jahre lang, von 1841 bis 1847, der Landrabbiner Samson Raphael Hirsch zu seiner Gemeinde gesprochen. Er kam, wie heute noch die Auricher mit Stolz erzählen, gern und oft in diese seiner größten Bezirksgemeinde und mancher seiner ewigen Hochgedanken mag hier in der stillen Beschaulichkeit der rund um die schmucken roten Häuschen herum blühenden Gärten seine letzte iRedf e erhalten haben. Der unvergeßliche Benjamin W o 1 f f , der ein Menschenalter hier als Führer und Lehrer der Großen und Kleinen wirkte, fing als Achtziger an, die Auricher Minhagim nach Tag und Woche niederzuschreiben, um sie der Vergessenheit zu entziehen. Man zeigte mir das saubere Heft mit den mir so vertrauten schönen und jugendlich sicheren Schriftzeichen. Bis „Nizowim Wajelech" reichen die Aufzeichnungen. Die zwei genannten Wochenabschnitte stehen noch als Titel in Quadratschrift da und harren des Inhaltes ... Hier fiel dem jugendlichen Gre:se die Feder aus der Hand. „Nizowim" Halt!, denn „Wajelech", der treue Hüter dieser Traditionen ging von dannen ... Andere werden die Lücke ausfüllen. Wir sprechen es als Hoffnung in weitestem Sinne aus .... Heute noch zählt die Auricher Gemeinde etwa 500 Seelen bei knapp 7000 Einwohnern, also ungefähr 7 Proz. der Bevölkerung. Die Aus- DIE LICHTER. Zum ersten Mal zünd' ich, mein Kind Für Dich die Lichter an, Noch faßt du's nicht, und dennoch sind Schon in sie eingetan Die Tage, die du leben wirst Voll Liebe, Last und Leid: — Was immer, du mein Kind, verlierst Sie leuchten durch 'die Zeit, Die Lichter, die ich Dir entfacht In dieses Festes Wundernacht. Auch du sollst es entzünden s Das stille, reine Licht. Denn sieh: die Lichter binden Wenn alles auch zerbricht, Was stark und fest wir wähnten — Uns Mann an Mann, voll Kraft Auf unsrem leidbetränten Weg herber Wanderschaft, Die Lichter, die ich Dir entfacht In dieses Festes Wundernacht, Zum ersten Mal hab' ich für Dich Die Lichter angefacht. Und kindvertraut und feierlich Erklang das Lied — ich sangs für mich Und habe der gedacht, Die Wort und Weise mich gelehrt Und leise von mir ging Und die mir tröstend wiederkehrt. Wenn ich den Lobsang sing Von harter Not und schwerer Schlacht Und G'ttes großer Wunderniacht. Schalom Ben-Chorin. Wanderung hat ihr keine wesentlichen Lücken geschlagen, obwohl die wirtschaftliche Lage sich auch hier bemerkbar macht. Alle Institutionen der Gemeinde sind noch so intakt wie zu ihrer Glanzzeit. Eine eigene jüdische Volksschule wird von einem zielbewußten Lehrer geleitet, der auch den Prediger dienst versieht. Ein zweiter Beamter, der den G'ttesdienst versieht, ge^- nießt wegen seinre Thoragelehrsamkeit große Achtung. Vereine dienen der Wohlfahrt und sorgen für geistige Anregung. Der Sabbat leuchtet noch weihevoll zwischen den geschlossenen Läden und würzigen Sabbatduft ausströmenden Häusern auf der Straße (nur zwei offene Geschäfte stören leider seit einiger Zeit das Bild); Kurzum, eine Gemeinde, die noch alle Attribute einer alten guten Ke-hilla, aufweist. Zu diesen gehören bekanntlich auch ein wenig Streit und Hader, Zwistigkeiten zwischen Familien, die sich oft erblich übertragen, kleine Unstimmigkeiten auch zwischen einem Teile der Gemeinde mit der geistigen Leitung. Aber all dieses sitzt nicht sehr tief. Die Differenzpunkte sqnd nicht so verwickelt, daß sie sich nicht bei gutem Willen auf beiden Seiten beseitigen lassen könnten. Denn gerade dies, daß die gleichgültigen, ver- '""ST?^ - -4 Benjamin Wolif führte seine Heimatgemeinde Aurich als Lehrer und Prediger über 50 Jahre lang und starb im Alter von bald 81 Jahren Ende August 1934. waschenen Gestalten, wie sie heute in vielen größeren und kleineren Gemeinden Friedhofsfrieden wahren, hier von kernigen, auch knorrigen und eigenwilligen Menschen ersetzt werden, niacht. ja-das Besondere dieser alten Gemeinde aus. Hier gibt es noch Typen von Eigengepräge, die man lieben und achtem muß. Nicht überall findet man Vorsteher, die so treu zu ihrer Gemeinde halten, nicht überall jenen Kaufmann, der sich selbst einfacher Viehhändler nennt und nie aus den Gauen Ostfrieslands herausgekommen ist, der den Hirsch kommentar wie die anderen Schriften des Meisters fast auswendig beherrscht und allsabbatlich seine „Thorastunden" mit der Jugend abhält. Viele Gemeinden könnten Aurich um jene bereits bekannte Minna Wolff beneiden, die die weibliche Jugend um sich herum hat, um sie für die Agudaddeale zu entflammen. Man könnte noch mehr Typen und markante Gestalten dieser Art nennen; eine Galerie von Originalen, die sich als Friedhofswächter nicht eignen, mit denen aber im tätigen jüdischen Leben schon etwas anzufangen wäre ... Am Sonntag geht es nach Emden. Emden liegt auch in Ostfriesland. Will sagen, daß es auch hier nicht an geistigen Bestrebungen und Gegenbestrebungen, an Eigenwillen und Eigenwegen ..fehlt. Es gibt Charakter/köpfe in Fülle, prächtige Greise, die die alten Traditionen hüten und stürmende Jünglinge, die sich weniger traditionsgebunden fühlen. Eine jüdische Urkraft rauscht unter der Oberfläche des weiten ostfriesischen Landes. Leider ist aber das ostfrie-; sische Judentum für die volle, un a b d i n gb a r e J ü d i s c h k e i t noch nicht erobert. Und zuweilen scheint es uns, als warteten diese einfachen, innerlich frommen Menschen .nur der Eroberer ...

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