Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 49 (10.12.1936)
- Date
- 1936-12-10
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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AURICH, eine Gemeinde mit Tradition. Das Reisen ist eine Lust — wenn man „viel Geld in seinen Beutel tut" und auch die Nerven dafür hat, um im Oberbette des Schlafwagens oder auf dem weichen Polster der zweiten Klasse im Schlafe die Entfernungen zu überwinden, Was den Berichterstatter betrifft, so zählt er zwar ansonst zu der „Holzklasse des Lebens", allein mit dem weichen Polster ließ es sich dieses Mal machen. Es ist eine eigene Sache, so durch die Hunderte von Kilometern zu träumen, um mit Morgengrauen in einer ganz neuen Welt aufzuwachen — gekennzeichnet durch die endlose einer knappen halben Stünde Fahrt durch den grauen Dunst des Morgens sind wir am Ziele der Reisej in Aurich. Ein schöner langer Freitagabend und eben so schöner kurzer Spätherbstsabbat verfliegt unter lieben Menschen im gastlichen Vorsteherhause wie im Traume. Die Synagoge ist abends wie morgens voll gefüllt und der G'ttesdienst geht unter! Leitung eines routinierten melodienreichen. Chasan und vortrefflichen Baalkore in Andacht und Anstand vor sich. Das Hauptgebet wird mit Psalmen eingeleitet und es schließen. im 17. Jahrhundert von Frankfurt ä. M. aus; mit der Einwanderung von Abrahams Beer. Er kam 1680 nach Aurich, wurde Hofjude der ostfriesischen Fürsten, zugleich Landesparneß und Oberrabbiner von Ostfrdesland. Andere Namen guter Frankfurter sind in den Auricher Akten aus der damaligen Zeit zu finden. Fast im gleichen Jahre wanderten die Ahnen von S. R. Hirsch aus Frankfurt nach Altona aus, von wo der große Sproß später den Weg über Oldenburg und Emden nach der früheren Heimat fand. Die ßeers stellten dann eine ^^v^MKin^^-^ii *gük . ^^»iffi^^^^^HBw;. % * Es wird an der Westmauer in Jerusalem wieder gebetet (Neueste Zeichnung von S. Bernstein, Jerusalem, im Budapester „Mult es Jövö") Ebene,, durch, die sich bewegenden Flügel der Windmühlen, durch die ziegelroten Häuser und Häuschen, diei; das Dach wie eine Nachthaube tief bis zu dein Fenstern gestülpt haben, durch schlanke, blonde, blauäugige Menschen, die sich in einem uns fast unverständlichen Platt laut unterhalten. |, In Emderi, .wo. unsere D-Zug-Fahrt ihr Ende erreicht, sind; trotz der frühen Morgenstunde Freunde an der Bahn, 'die mich an das kleine Züglein weitergeben. Noch eine kurze Notlandung auf einer Station, die keinen Bahnhof hat und auf den exotischen Namen, A b e 1 i t z hört, und in sich ihm andere Psalmen und eigene Nachgebete an. Denn Aurieh ist eine Gemeinde mit Traditionen, an denen festgehalten wird, und auch einer alten Geschichte. I Man jKihrt die Uranfänge der Gemeinde auf das 16. Jährhundert zurück. Eriiigranten aus der Jüd^eiigas^e in Venedig sollen sie gegründet hab^en.i Manche Bräuche und Riten weisen heute noch,auf ^Italien, zurück, und besonders phantasiebegabte; Besucher der Auricher Synagoge glaubten sogar altitalienische Typen in den Bankreihen zu:; entdecken ...;,iH^r;eujjstraffe^ erhielt die Gemeinde ganze Dynastie von Hofjuden, Landesparnassim und Oberrabbinern in einer Person. Der letzte, Isaak Beer, starb zwar nicht mehr als Oberrabbiner von Ostfriesland (das Oberrabbinat wurde 1813 nach Emden verlegt), aber immerhin noch als Landesparneß und Ob errabbiner von Aurich im Jahre 1826. Der Schwiegersohn des letzten Landesparneß, Isaak Beer, Samuel Calmer Heymann (s. Bild), wirkte als hochgeachteter und verdienstvoller Vorsteher der jüdischen Gemeinde Aurich, sowie als Leiter des gesamten Armenwesens in Ostfriesland bis zum Jahre. 1883, da er im Alter von 92 Jahren abbe-