Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 48 (3.12.1936)
- Date
- 1936-12-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Nummer 48 1936 Der TempelBäu zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. ' (Forts etzurig.j Daß :sie stumm1 und lautlos im Hinsinke.1 wurdej brachte Aufregung in die Szene, aber/ keine' Aufklärung dieser seltsamem Worte. Erst, als sie wieder in ihrem Zimmer auf dem Bett die Augen aufschlug, wimmerte sie das Wort wie ein Flehen vor sich hin. Drunten im Hof scharte sich das Gesinde um. einen, der die Faust ballte und allem Haß gegen die TempelbaUer den Ausdruck verlieh. in der Aufklärung .dieses, allen rätselhaften Satzes. ,,Die Juden haben den Stephan in die Mauer eingeschlossen am Juderiöstern . , ," Entsetzen malte sich in aller Gesichter. Ein wütender Schrei tobte gerade im Augenblick des Erwachens der Burgfrau aus ihrer Bewußtlosigkeit in den Raum und sie richtete sich hoch auf. Sie hörte einen Schritt, auf der Trepp.e, ihr Ohr war überreizt 'vor Angst und Erwartung; Es war nicht der Schritt ihres Kindes, sie kannte nur eine/ die so gehen konnte. Es war/Githa, die auf dem geheimen Weg stets hierher 2ur Burg kam. ,• .f . Verwirrt stand das Mädchen im Zimmer, sie sah Prosper, den alten Burgherrn tod idänn Ma-, ria auf dem. Lager. , '.. ,. Nun fiel alle Scheu von ihr ab. Sie liebte die Burgfrau, ihr durfte kein Leid geschehen^ "Rasch trat sie^ ans Läger und reckte .die Hand riköh der Schwachen aus, wie um zu helfen, aber \ leicht merklich wich Maria surück. 'Uebergroß waren ihre Augen, als sie die'schöne Gestalt dies Mädchens musterte. In ihrer Kehlewürgte das1 "Weinen, das nicht zum Ausbruch kommen -konnte, ihr Herz schlug heftiger und machte, die: sonst so milde Stimme rauh, als sie ausstieß: „Wo ist mein Kind, Githa —" ' Ein leichtes Erschrecken war in' d'env Mädchen, doch hatte dieser Schrecken nichts von der panischen Not der Anwesenden. Sie hob leicht die Schultern, Sie wußte . es nicht, wo Stephan war. ■ •. Die Burgherrin fühlte, daß sie am Ende ihrer Kräfte -war. Sie wollte schweigen, mußte aber schreien — den Kopf vermochte sie nicht mehr in die Kissen zu drücken. Wie von einer, unsichtbaren Macht aufgehoben, verließ, sie das Lager,- ehe man sie festhalten konnte; denn sie . tatt- Welte; war sie auf Githa zug&schriiien{ .tun'sie an beiden Schultern zu fassen und, leicht zu rütteln./ \ ,'' - ' ' - ' Der sonst so mildtätige Einfluß der braunen Augen, die einer'Jüdin gehörten, hatte heute' seine Wirkung verloren. Mein Kind, schrie*"es in" der Frau, „Mein Kind!" schrie..sie laut und rüttelte das Mädchen, als wollte sie ihm ein Geständnis entreißen. Von ,zwei Seiten zugleich — es waren Pros-, Pßrs und des alten Burgherrn Hände — - führte man Maria von der zitternden Githa. Von einem zum anderen :starrte das Mädchen. Em Schauern lief ihr vomKöpf bis zu ' den Zeilen,.', denn so, wie die Burgfrau soeben, Schrie(. klang es wider aus tausenden van Kehlen und gellte laüt durch die Judengässe. - Der Träurn' von Ruhe.und' Glück begann' von den Heikenjpsünner .Juden zu weichfen. Langsam, wie abwehrend, hob das Mädchen Arme hoch. E)ocri mitten:,in' der Bewegung fühlte sie; daß niemand hier sie angreifen wollte, daß man vielmehr von ihr zurückgewichen war und selbst der so tapfere, judenfreundliche Prosper ein Leuphten in ,den, 4ugen hatte, von, dem der rieselnde Schreck in Githa sich nur noch vertiefte. y; r v . Ihr war zumute, als sei sie nicht mehr das JVlädchen Githa, als wandle sich vielmehr1 ihre eigene Gestalt in ein Symbol; Sie stellte das Judentum dar, sie in der schönen unverfälschten Gestalt und Würde. Man hatte sie — die Jüdin — gleich dem Judentum aufgenommen bei jenen, die sie sonst hassen würden. Nur ein kleiner Hauch schon vermochte es, Liebe, Zuneigung und Vertrauen zum Judentum zu zarstören und jenen Schein in die Augen gütiger Menschen zu zeichnen, wie er ihr jetzt entgegenleuchtete. . < So glitten denn die Hände des" Mädchens wieder hinab und sie selbst wandte sich um naih der Pforte, durch die sie froh gekommen war. Nun kam die Finsternis nach der Sonne . . , Brüder in der Nacht gerufen ., Brüder, in der Nacht gerufen, Deren Nam' und Los verborgen, .Jäh zum Heere einberufen: Schreitend schwinden sie im Morgen . . . Jener stehe auf zum Tode, Jener stehe auf zum Mord . . . Und;.der Trauer schwarzer Bote Zählt die toten Seelen dqrt . . . Von der Teno' im Feld de® Eber*) Und von Hütt*/und.' Wemgelände Steigen säe in ihre Gräber, Eine Reihe ohne Ende.. Und die Sterne fh'rrn im'Weiteh; Lichter, die im Meer vergehri ".-. . Leis, doch 'dröhnend fet das Schreiten Derer ohne Wiedersehn. .1 > (Autorisierte Ueberjsetzung; aus dem Hebräischen von Seh. . Beß-Ghorin.) -;•:\/''m: ,.;;: Nie hatte Prosper geglaubt, daß'das kleine Menschenkind, von.seiner';J?ra^ni^ch.epkt, sein eigen Fleisch und Blut, durch die Jkurze, Zeit seines eigenen Lebens so viel Liebe. in sein Herz säen könnte, wie der Knabe Stephan. Siedendes Blei würde*~aüs seinem Blut, der Sinn verwirrte sich, wenn er nur daran dachte, ein Haar sei dem Knaben gekrümmt worden. Unfähig, zuerst das? Erschreckende: zu fassen^ verharrte er1 die Minuten bangster Qual nebeil der ohnmächtigen Fräu, die ^immerad erwachte und Staunen im Blick, hatte,' als sie den Gemahl hnöch immep untätig neben dem Lager sitzen sah. Der Blick peitschte ihn fort, durch Hof und , Gärten, suchend' .und innerlich 'aufbrüllend in Angst und Schmerz. Er, wich den Menschen aus, er suchte Lieblingsstellen aus seiner Kindheit auf, er durchforschte die stillen Winkelchen der Gärten und Felder, in der Stadt suchten andere nach Stephan, aber da, wo er jetzt hastete, dort vermutete..ihn vielleicht keiner. Aber nirgends fand er auch nur eine Spur des Kindes. Würgend., legte sich ihm .eine unerklärliche Angst aufs Gemüt, So war-ihm nur einmal 'zumute, als seihe' Mütter starb. Er selbst noch ein Kind, aber dennoqh niC' den Augenblick vergessend, in dem er des Vaters .Angst... und Schmerz spürte und es in ihm zu gären begann, jäh und unaufhörlich. In den Backenknochen sammelte sich das;Heiße seines Körpers genau; :.'•: ■ :- ■ > *)} Eber,, der Sbhin Scheichs. (Gen. X, I), W|tea' in der raldraschxsclieii Literatur als Urahn Israels und Lehrer Abrahams und Jaakohs bezeichnet. wie heUte, die Angst vor dem Tod, die starke Menschen stets bereit in sich trägen, glomm wieder auf, Nicht die feige Furcht, nein, der Schauer vor dem Unerklärlichen, das . befähigt isjt, ein munteres Geschöpf, voll Leben, binnen winziger Sekundenfrist vom Dasein ins Nichts zu führen. Das war es, damals wie heute. Sein Liebling sollte am Ende starr und steif daliegen! Nun schrie er wirklich auf, aber er wandte seine Schritte endlich nach jener Richtung, die er vermied. Ohne Aufenthalt schritt er vorwärts und hielt nicht eher inne im Rennen, bis er vor dem Fundament des Tempels stand, dessen Lücke sich geschlossen hatte übet1 Nacht. Er war nicht allein auf dem Platze. Statt emsiger Arbeiter jedoch standen drohende Menschen, die von dem Verlust des Kindes Stephan hörten und deren Augen in einem Feuer glüh-> ten, das immer heftiger zu brennen drohte. Als der Burgherr und unglückliche Vater in ihre Reihen trat-,- wichen sie zur Seite und jene Stelle wurde frei, die über Nacht ihre Vollendung fand. Ehe noch Prosper etwas sagen und fragen konnte, stieß einer, der auf dem Boden kniete und die Steine schier zu untersuchen schien, einen Schrei aus, der Prosper an allen Gliedmaßen lähmte. Wie aus weiter Ferne hörte er den Mann aufgeregt rufen: '.Hier, sind das nicht Spuren von Kinderfüßchen?"; Mit einem Ruck riß Prosper den Rufer beiseite und starrte auf die kleine Spur, Er kniete nieder, seine Hand glitt nachprüfend dem Strich nach. Er, als Kenner des Bodens, fühlte die Un-? Haltbarkeit des Augenblickes mehr als alle anderen. Dies konnte eine Fußspur sein, aber auch die Spur eines breiten Hammers oder sonstigen Gegenstandes. Für die Menschen aber um ihn war es ein JCinderfuß, der hier stand, wo die Lücke sich geschlossen hatte. Er spürte das Rasen im Volkskörper, die ewige Sucht, den anderen zu schlafen, brach schon vor in den Worten: „Wo ist der Arbeiter!" ' Prosper war tief in seinem Schmerz um sein Kind verstrickt, um Einhalt zu gebieten. Er suchte die Spur zu verfolgen. Sie vervielfältigte sich nicht, nirgends, wohin er auch schaute, fand er deren Fortsetzung. Als er aufschaute von seinem vergeblichen Bemühen, schleppte man den jungen, jüdischen Mann herbei, der die Lücke schloß. , Jemand schrie aus der wachsenden Menschenmenge, warum man nicht schon lange diesen Mörder holte. Wie sie ihn schleiften! Nur ein Bündel Mensch war er ,vor Tag noch ein Glücklicher; heute in der Gewalt Rasender, nur auf ein Glück Bauend, daß der G'.tt, dem er angehörte, ihn nicht verließ. r'. Sie schmissen ihn vor die Füße des Junkers, der zurückwich, als trete er auf Unrat. Keuchend flog der Atem des jungen Juden. Müde blieb er liegen, wo sie ihn hinwarfen und sein an Demütigungen gewohnter Rücken beugte sich selbst noch in dieser schmachvollen Lage. Prosper starrte ihn an, dann wachte er auf. „Steh1 auf," sagte er mji heiserer Stimme und der Jude folgte mit schmerzenden Gliedern diesem Befehl:' Er stand, den kraftvollen Körper lässig gebeugt vor dem Herrn, der über sein Irdisches zu gebieten hatte. Sein Geist jedoch war bei G'tt, dem Einzigen Judas; ,,Du hast die "Lücke-1 geschlossen?" forschte eine unerbittliche Stimme, in der Haß gegen sich .'.>['• ■ ' ->■ 00 selbst und diese, grausame Art mitklang, Aber, Prosper konnte nicht < gegen sich selbst anen. - ' \;';" / •' V" (Fortsetzung folgt.)