Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 48 (3.12.1936)
- Date
- 1936-12-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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p^^^^^^^^^s^^^^^^^^^^^W^^^S^^K^^^P^^?*^ Ein Gentraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Maine Frankfurt a. M. 3. Dezember 1936 19. Kislew 5697 Nummer 48 Die Unruhen an den polnischen Universitäten dauern fort. .Warschau, 1, Dezember. Während die Besetzung der Warschauer Universität mit Hilfe eines großen Aufwandes von Polizei beendet werden konnte, ist dies an einer Reihe anderer Universitäten noch nicht gelungen. Wie die, Polnische Telegraphen-Agentur mitteilt, wurde der gesamte Betrieb der Posen e r Universität sistiert, weil es bisher nicht gelungen war, die nationaldemokratischen Studenten zur Räumung des Studentenheimes. zu bewegen. Sollte in den nächsten Tagen die Studienarbeit nicht wieder aufgenommen werden können, so werden die Vorlesungen an der Posener Universität definitiv eingestellt werden. An der Universität in Krakau, wo es ebenfalls zu schweren antisemitischen Ausschreitungen und unerhört barbarischen Mißhandlungen von jüdischen Hochschülern gekommen war, bleiben die Vorlesungen bis auf weiteres eingestellt. Zu sehr schweren antisemitischen Ausschreitungen kam es in L.emb e r g. Die nationaldemokratischen Hochschüler schlugen vielfach im Universitätsgebäude eingetroffene jüdische Hochschüler nieder und verletzten mehrere von ihnen erheblich. Von der Universität zogen die Nationalisten in das Stadtzentrum und demolierten mehrere jüdische Geschäftsläden. Die ihnen entgegentretende Polizei bewarfen sie mit Steinen, wobei zwei Polizisten verletzt wurden. Mehrere jüdische Straßenpassanten wurden angegriffen und blutig mißhandelt. Elf Studenten wurden verhaftet. Die randalierenden Studenten wurden von viel Straßehpöfoel begleitet. .Auch nach Beendigung der Demonstrationen wurden die jüdischen Geschäfte im Zentrum und im jüdischen Viertel durch Streikposten blockiert, die die christlichen Käufer mit Gewalt daran hinderten, die Geschäfte zu 'betreten. . Die Schäden, welche von den Studenten bei der Besetzung der Universitätsräumlichkeiten in Warschau angerichtet worden sind, werden auf 20.000 Zloty geschätzt. . Die W i 1 n a e r . Judenheit hielt zum Protest gegen die pogromartigen Ausschreitungen einen Protest-Tag ab, der ruhig und würdig verlief. Sämtliche jüdischen Geschäfte, Büros und Werkstätten waren geschlossen. Wie das Rektorat der Krakauer Universität mitteilt, ist dem Rektor eine Denkschrift überreicht worden, in der 500 polnische Akademiker die .'Bitte, aussprechen, den jüdischen Studenten besondere Plätze in den Hörsälen zuzuweisen. Im Zusammenhang damit hat sich der Rektor an die jüdischen Hochsohüler mit der Aufforderung, hierzu Stellung zu nehmen, gewandt. Von den jüdischien Studenten wurde erklärt, daß sie sich niemals damit einverstanden erklären würden, auf abgesonderten Plätzen) Zusätzen. Der Rektor; hat, daraufhin, jede weitere Vermittlung in der .Frage besonderer Sitzplätze in den Hörsälen abgelehnt. Infolge der so geschaffenen Lage hat das Rektorat davon abgesehen, die Vorlesungen, wie dies ursprünglich beabsichtigt war, am* 1. Dezember wieder aufnehmen zu lassen. Es wurde eine Sitzung des akademischen Senats zwecks Beratung der Situation einberufen. Die letzten Aussagen vor der Untersuchungskommission Jerusalem, 3. Dezember. Die Vernehmung des Leiters des politischen Departements der Jewish Agency, Mosche S h e r t o k , über die wir im Korrespondemzenteil der heutigen Nummer (Seite 10) ausführlich berichten, wurde, wie telegraphisch mitgeteilt wird, am Dienstag, den 1. Dezember, fortgesetzt. Shertok betonte noch einmal den (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Wolkenbruch in Palästina . . . . . . Seite 2 Schächtverbot und Fleischversorgung in Polen.............Seite 2 Jüdische Ärzte in Italien......Seite 2 Zur Chanuckah-Aktion des Keren Hatorah in Deutschland.........Seite 3 Und wieder Neukoscher......Seite 4 Spielereien auf tragischem Hintergrund Seite 4 Von der Kolonisation der J. C. A. . Seite 5 Einführung in die jüdische Geschichte. Von Dr. Ph. Biberfeld ..... Seite 6 Einwanderungsländer........Seite 7 Aus deutschen Gemeinden.....Seite 8 Die Lage in Polen.........Seite 9 Die Königl. Untersuchungskommission in Palästina bei der Arbeit Seite 2 u. 10 E FESTSTELLUNG. Von Oberrabbiner Dr. Carlebach. In Ergänzung des wertvollen Artikels „Die Feststellung einer Selbstverständlichkeit" in Nr. 46 des „Israelit", der von einem minderwertigen Literaten wie Emil Ludwig in erfreulicher Deutlichkeit abrückt, gestatte ich mir folgende Betrachtung Ihren Lesern vorzutragen. Der Talmud sagt in Joma 23a: „Die sich beleidigen lassen und nicht wieder beleidigen, ihre Schmach anhören und nicht erwidern, auf sie sägt die Bibel: Die Ihn lieben, sie gleichen der Sonne in ihrem machtvollen Aufstrahlen." Dieser herrliche Ausspruch von der Selbstgewißheit der Guten auf Erden, von dem Vertrauen in den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit, die so gewiß und sicher alle Widerstände verscheuchen wie die Sonne das Dunkel von Wolken und Nacht, scheint nur in einer Richtung unbegründet: wo steht im Bibelvers, dem Schlußdes Deboraliedes, irgend eine Andeutung von ■unerwiderter Kränkung? Nur von G'ttesliebe ist: die Rede. Woraus aber ergibt sich der spezielle Gedanke von der geduldigen Hinnahmt aller Beleidigung iuid Schmähung, von dem non-y^olence- ( Prinzip aus G'ttesliebe? Haben doch die|j Weisen; des Talmud immer nur aus tiefstem, Verständnis des Bibelwortes heraus ihre Aussprücheijgetan!,, ■: •-■''';;()■ ji-'', '* ■;rlf' T! .iti Jüngst wurde ich von dem geistvollen Bibelerklärer Herrn B. Jacob, dessen Genesiskommentar mit Recht in allen Lagern Anerkennung gefunden hat, zu einer Vorlesung aus eigenen Werken geladen. Der Gelehrte trug eine Würdigung des Meerliedes, des schiras hajom vor. Er feierte es als das ethisch-herrlichste aller Siegeslieder, frei von Rachegefühlen und Ueberheblichkeit, nur erfüllt von Dank und Huldigung gegen den großen Schicksalslenker, der die Geschicke Seines Volkes leitet. Darin hebe sich das Meerlied bedeutsam gegen das der Debora ab, worin der Mord des J a e 1 an dem Feldherrn S i s r a gefeiert werde. Von solchem heimtückischen Attentat wende sich unser Gefühl mit Abscheu ab. Mir klangen diese Worte hart ins Ohr. Es kam mir im ersten Augenblicke ungerecht vor, einen überstrengen Maßstab an die Rettungstat einer Jael anzulegen, die ein entwaffnetes, wehrloses Volk damit rächen wollte. Ich suchte nach einer Verteidigung. Jael habe wie später Judith an Hplofernes aus: selbstlosem Rettungswillen Hand angelegt, im Konflikt der Pflichten, in einem Akt der Notwehr, der als awera lischmoh in seiner; seelischen .Größe anerkannt werden müsse. ,| Eines schickt , sich eben nicht für alle. Die Tat der Jael ist einmalig. Es dürfe dem Deboraliede kein Vorwurf daraus gemacht werden, daß es in Dankbarkeitj der Mörderin den Lorbeer darreiche. (Fortsetzung siehe Seite 3.)