Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1936)
- Date
- 1936-09-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450909-2450947--82438-2540392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 14 Nr. 39 Oer Israelit 24t September 1936 miaff* Von Rabbiner Dr. Elle Münk in Ansbach. Wir bringen mit Genehmigung des Hermonverlags nachstehenden Abschnitt aus idem zweiten, soeben erschienenen Teile des Werkes „Die Welt der Ge bete", Die Sabbat= und Festtagsgebete In Nr. 36 des „Israelit" ist auf den her vorragenden Wert des Buches bereits aufmerksam gemacht worden. Wir emp fehlen unsern Kollegen das Studium des Buches, dessen Bedeutung für den jüdi sehen Lehrer insbesondere darin liegt ■daß es reiches Material zur Verwendung im Unterricht bietet. Die Schriftleitung. In den Sätzen: bvnw vüv usw., die von der ge samten Gemeinde vor geöffneter Lade laut ausge rufen werden, gipfeln die Gebete des Versöhnungs tages und die Gemeinde erlebt in den Augenblicken da sie von allen Gemeinden Israels über den ganzen Erdenrund einmütig verkündet werden, den feiefliehen Ausklang dieses heiligen Tages. Mit den grundierenden Sätzen, die jeden Juden vom Beginn seines Lebens bis zum letzten Atemzug begleiten, bekennt sich ganz Israel in immer wiederholten Ru fen zu seiner ewigen Aufgabe und zu seiner weit geschichtlichen Berufung. Es ist wie ein feierlicher Treueschwur, der die Scheidestun.de des Tages, an dem sich Israel mit seinem G'tt versöhnt hat, über strahlt, und im Zeichen dieses heiligen Schwures tritt Israel geläutert, gehoben, gestärkt ins Leben hinaus „Wenn man diese Sätze mit lauter Stimme und größter Andacht spricht, so nehme man sich vor, sein Leben der Ehre G'ttes zu weihen, und dieser Vorsatz gilt als, vollendete Tat, als würde man die Prüfung vor G'tt bestanden haben" (n~bv)- Dar Brauch, diese Sätze am Ende des Jom-Kippur zu sprechen, stammt aus 'gaonäischer Zeit und wird von Tosaphoth (Ber. 34a) bereits als altbekannt vorausgesetzt. Es wird der Satz: bmv vim je einmal von Vorbeter und Gemeinde ausgerufen, alsdann der Satz: vi>»3Pa je dreimal von Vorbeter und Gemeinde, den drei Zeiten der Gegenwart, Vergangen heit und Zukunft entsprechend, in welchen G'tt als alleinigem König zu huldigen ist (gemäß dem Satze: "]i>ö 'n usw.), und anschließend der Satz: DTibxn icn ti (aus I. Kön. 18, 39), je siebenmal von Vorbeter und Gemeinde, den „sieben Himmeln entsprechend, die G'tt vor Israel am Sinai öffnete und ihnen zeigte, daß keiner sei, außer ihm" (Mate Mosche § 884), So verkünden wir mit diesen Sätzen, daß G'tt der Einzige sei in allen Dimensionen der Zeit und des Raumes. Weiterhin wird erklärt, daß wir mit dem siebenfachen Ausruf die Schechina, welche seit Beginn des Jom-Kippur in Israels Mitte weilte, nunmehr, nach Beendigung des Tages, wieder zurückgeleiten in ihre Himmelshöhen, von wo sie zu uns herabgekommen (s. O. Ch. § 61, 12, und Bes Joseph § 624:. Für das laute Ausrufen gilt als Begründung, daß bei der Verwünschung des Götzenanbeters in Deut. 27, 15 hervorgehoben wird, daß das ganze Volk laut antworten soll (uj»» mit lauter Stimme antworten, wie Vi 14 das. beweist}', während bei allen anderen Verwünschungen nur das Sprechen: ~ioxi geboten ist (Rokeach). Das Bekenntnis zum einzigen G'tt soll daher von der gesamten Gemeinde mit lauter Stimme geschehen. Das Kaddisch, mit dem der Gesamtg'ttesdienst des Jom-Kippur jetzt abgeschlossen wird, soll in einer „freudig erregten Melodie" gesungen werden (Jabez). Einen frohen Klang bedeutet auch der Schofarton, der in einer einmaligen Tekia nach Kaddisch noch ertönt, da er das Fest verkündet, das am Abend des Jom=Kippur anbricht, wenn „die Stimme vom Himmel ruft: Gehe, iß mit Freude dein Brot, denn G'tt hat dein Werk mit Wohlgefallen aufgenommen" (Tos. Sabb. 114 b, nach Raba Koh. 9, 7). Eben weil dieses Freudenfest „nicht bekannt ist, hat man das Schofarblasen hier angeordnet" (5"no)> Ferner gilt diese« Sohofarblasen als Erinnerung an das in Levit. 25, 9 vorgeschriebene Blasen des Schofar am Versöhnungstage des Jobeljahres, wobei der Gaon R. Hai erklärte, daß man in jedem Jahre blase, weil man die Berechnung des Jobeljahres nicht mehr genau kenne. Man pflegte deshalb vielfach, die vier Töne rryon zu blasen, die man auch im Jobeljahr zu blasen hatte. Wie dieses Blasen einst die Freiheit des Jobeis verkündete, so verkündet auch der Schofarton die wiedergewonnene innere Freiheit am Abend des Jom=Kippur, sowie die Besiegung des anklagenden Satans, gleich dem Posaunenruf, der nach vollbrachtem Kampf den Triumph hinausschmettert. (Zugleich bezweckt dieses Blasen auch die „Verscheuchung des Satans" in ähnlichem Sinne wie an Rosch Haschana, da der Satan am Jom=Kippur keinerlei Macht über Israel besitzt, wie Joma 20 a ausgeführt, und deshalb am Abend sein Hinderungswerk wieder zu beginnen trachtet. Nach anderen geschieht das Blasen in Erinnerung daran, daß am Jom-Kippur einst Moses vom Sinai herabkam und die zweiten, von Israel freudig erwarteten Tafeln brachte; es wird darum mit dem Schofar geblasen, ebenso wie ani Elul-Neumond geblasen wird, an dem Moses zum Berge hinaufstieg]. Als „Hauptgrund" für das Blasen i (t~d) wird iedoch darauf hingewiesen, idaß es das Zei chen für die Entfernung der Schechina bedeute, wie der lang gedehnte Schofarton auch bei der Sinai Offenbarung als solches Zeichen galt (Ex. 19, 13) und wie es auch im Psalmverse (47, 6) heiße: „Es steigt G'tt unter Tenua-Ton empor". Danach ist die Bedeutung des Blasens die gleiche wie die der siebenmali gen Wiederholung des obigen Ausrufes, weswegen in manchen Gemeinden das Blasen daran anschließend und vor Kaddisch erfolgt. Endlich erwecke auch das Blasen die innige Sehnsucht Israels nach dem mes sianischen G'ttesreich, dessen Anbruch einst durch „die Stimme des großen Schofar" verkündet werden wird. Aus dieser Sehnsucht heraus begleitet man den Schofarton, insbesondere in den Gemeinden des Ostens und vielfach unter dreimaliger Wiederholung mit dem Wunsche; crjVBTva nsan na^J (tr-on? da das Blasen eines Tekia-Tones nicht als „Werkarbeit' gilt, darf es auch vor Hawdala geschehen, s. n"jo und ffiaV § 623). 3 n unfef ein Verlane e r( <h i e n : ippm Ein jüdisch-geschichtlicher Wegweiser uon Rabbiner Dr. £. Breslauer Steif brofehiert t 0 3 Seiten, Preis RM. 2.50 Das Budi ift inzurifchen uon allen maggebenden Inttamen als ein Rrbdrsbudi für die reifere jüdifche Jugend und für denkende Juden überhaupt beftens empfohlen worden. Es hilft den Suchenden die jüdifdie ßefchichre mit jüdifchen Rügen zu lefen und Tie als firtliche Rufgabe zu erfahren. £s bringt fruchtbare Befinnung über das 6olus. Es zeigt den Weg zur echten jüdifchen 6emeinfchaft und Kulturarbeit« £u beziehen durch alle befferen Buchhandlungen foiuie direkt durch den üerlag Verlag des Israelit u. Hermon G.m.b.H. Frankfurt a. M. - Sdiütjenftrarje X2 Poftfcheckkonto Tranhfurhnain Tlr. 19 8 0 2 Bei Rbnahme einer größeren Rnzahl uon Exemplaren durch Dereine wird ein größerer Rabatt geioährh Geschichtsunterricht an jüdischen Schulen* Von Studiendirektor Dr. Elias in Frankfurt a. M. (Schluß.) Um die Lehrbücher so richtig fruchtbar zu machen, bedarf es gründlicher Vorbereitung von Seiten des Lehrers. Von den großen Gesamtdarstellungen jüdischer Geschichte: Grätz, Jawitz (hebr.) und Dubnow ist keines in seiner Gesamthaltung und in der Stellungnahme zu den Einzelerscheinungen der jüdisehen Geschichte ganz mit der Ueberlieferung in Einklang zu bringen. Von Grätz und Dubnow kann davon keine Rede sein, bei Jawitz nicht überall. Die gerühmte nationale Haltung des Grätz'schen Geschichtswerkes kann nicht über seine bibelkritische Einstellung im ersten, über seine talmudkritische im zweiten Band und über seine ablehnende Haltung gegenüber den thoratreuen 'entren des Ostens und den orthodoxen Bemühungen des Westens hinwegtäuschen. Dubnow, dem sowohl in der Darstellung, als auch in Heranziehung von jenem noch unbekannten Quellen und in der Auswertung des Materials Grätz weit voraus ist, ist nicht weniger tendenziös. Das Streben, den Sinn der jüdischen Geschichte und hrer Haupterscheinungen ausschließlich im Nationalen zu suchen, ist bei ihm zu stark, als daß es nicht auch d2r Quellenauswertung und Stoffgruppierun.2 und Darstellung ihr Gepräge gäbe. Kastein ist kein Quellenwerk, auch in seiner Tendenz nicht viel anders als Dubnow, wird aber durch die große Linie, die er sucht, durch die Wucht des Erlebens, das dahinter spürbar ist, und durch die eindrucksvolle Sprache bei der Vorbereitung für den Lehrer nicht ohne Gewinn sein. Ein ausgesprochen oithodoxes Geschichtswerk in deutscher Sprache existiert nicht. Der Lehrer ist gezwungen, die genannten Werke kritisch lesend und selbständig auswertend bei der Vorbereitung heranzuziehen, sich im übrigen auf Einzeldarstellungen zu stützen. Eine' nicht zu unterschätzende 'Hilfe für die Vor? bereitung des Lelhrer-Sy die Verteilung des Stoffes und die dazu gehörige Bibliographie mit besonderer Berücksichtigung der leicht zugänglichen Literatur lieferte zu Beginn dieses Jahres die Mittelstelle für. jüdische Erwachsienenbildüng bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. Der Rundbrief bringt in zwei Abhandlungen wichtige Vorbilder für die Art, wie jüdische Geschichte zu erarbeiten ist. Die erste stellt eine Stoffeinteilung mit Quellen und Schrifthinweisen, bearbeitet von Dr. E. Simon dar,, unter dem Titel Jüdische Geschichte in 30 Abenden, die zweite einen Plan von Erich Rosemblüth über die Rückführung Israels: Esra und Nehemja. Der dritte ebenfalls von Dr. Rosenblüth über den jüdischen Krieg und R. Jochanan heu. Sakkai, d-er Vierte über Maimoni- ■" des, der fünfte über Menasse ben Jisrael, beides von Dr. Ernst Simon. Die Pläne und Bibliographien sind zwar für Ar* beitsgemeinschaften bestimmt, und auch da ist der für je einen Abend vorgesehene Stoff viel zu reichhal-, tig. In der systematischen Arbeit der Schule und auf 40 Stunden verteilt, wird er leichter zu bewältigen sein. Auf jeden Fall geben die Pläne einen guten Begriff von der Art, wie beute jüdische Geschichte systematisch und zielbewußt und in ZusammenihanfS mit der Weltgeschichte betrieben, werden kann. Für' eine von der Thora her dem Sinn des Geschehens nachspürende und über .die einzelnen Erscheinungen ein jüdisch e s Werturteil anstrebende Geschichtsarbeit wäre notwendig, daß unter Nr. II ganz eindeutig die Stellungnahme der dort angeführten Quellen zum biblischen und geschichtlichen Judentum gekennzeichnet würde, was nicht geschehen ist. Ein Queli elnwerk wie Doroth Harischonim v. I. Halevy dürfte nicht fehlen, wo über Esra, die Pharisäer usw. und die Tannaim und Amoraim gehandelt wird. Bei alledem lieg uns in dem erwähnten Rundbrief ein erster Versuch, eine Anregung von dankenswerter Art vor, die wir als Grundlage für eine nach unserer Auffassung zu engänrende, berichtigende und vertiefende Arbeit benutzen, sollten. VII. Die vorstehenden Kapitel sollten deutlich machen, daß der jüdische Geschichtsunterricht seine eigene Problematik hat. An sich ist Geschichte der Jugend nicht allzuschwer beizubringen. Waszeigt sie? Menschen und Völkerschicksale, erfolggekrönte Kämpfe, zähes Ringen um die Existenz, um Weltherrschaft und Weltwirtschaft, darunter dunkle Mächte unsichtbar wirken, Entfaltung des einzelnen in der Gemein* Schaft, der Gemeinschaft im Einzelnen auf in sich geschlossenem Raum, lauter Dinge, die den Jugendlichen in Spannung erhalten. Jüdische Geschichte aber ist in ihrem Wesen etwas anderes, und die Andersartigkeit, bietet beträchtliche Schwierigkeiten. Die Unfreiheit und Weite des Raumes, die Zersplitterung der Teile, in denen jüdisches Schicksal sich auswirkt, die Enge des Gesichtskreises der Menschen — eine Folge des Druckes, der Verfolgung und der Not, die Gebundenheit der Menschen, die von der Ueberlieferung entscheidend beeinflußt, kurz: die Geschichte einer abseits der großen Bühne der Weltgeschichte abgespielten Tragödie. Wir haben dn der jüdischen Stunde etwas den weltgeschichtlichen Kämpfen, die in der nichtjüdisehen Geschichtsstunde die Jugend in Spannung erhält, Aehnliches selten zu berichten. Positives? Konkretes? Aktives? Der junge Mensch verlangt nach bewegter Handlung; wie er selbst seine seelischen Antriebe in Tat und Bewegung umzusetzen sucht, so dürstet seine Seele nach dem Erlebnis von Tat und Bewegung in der Geschichte. Dagegen erregt die Entwicklung innerer Zusammenhänge, kulturgeschichtlicher Zustände (welch ein Graus!} im Lehrbuch und im Vortrag ein tiefes inneres Unbehagen, und läßt eine gähnende Leere zurück, soweit es sich nicht um eine 'gute Klasse oder Oberstufe handelt. Die Anteilnahme an bewegter Handlung ist beim Jugendlichen ganz persönlich, auf der ersten Stufe nur äußerlich nachahmend, auf der zweiten bedeutsameren innerlich mithandelnd, unmittelbar persönlich ergriffen, teilnehmend im Rausch des Geschehens, mit dem Willen heute noch daran mitzuarbeiten, zu vollenden, was damals abgebrochen liegen geblieben, zu rechtfertigen, was damals verkannt, zu unter* drücken, was damals unglücklicherweise sich ausgebreitet. Persönlichkeitsbildung igeht vor sich. Der Wille erwacht, fruchtbar zu denken, wirksam zu handeln. Auf der dritten Stufe wird der Tatendrang begleitet von kritischen Erwägungen über Berechtigung, das Zieles und des -Weges, es will alles selbständig . gedacht und durchdacht sein, der Drang nach Entfaltung der eigenen Persönlichkeit geht Hand in Hand mit einem starken Interesse die großen. Probleme ethischer, philosophischer und politischer Art, die in der Geschichte geigeneinanderstehen, zu verstehen und das Durchdachte in seiner ewigen Aktualität erfassend, zum Fundament eigenen Lebens und Schaf* fens: auszubauen.