Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1936)
- Date
- 1936-09-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Die SUndenbekenn der Völker. isse Von B. Cohen. Die Religionswissenschaft kennt verschiedene Stufen des Sündenbewußtseins und seiner Aeußerung. Den primitiven Völkern unterstellt man im Allgemeinen nur eine ganz äußerliche Form des Sündenbewußtsedns, das mehr einer unklaren Angst als einem freien Gewissen gleicht. Hierzu gehören dann auch meist recht äußerliche Formen der Loslösung von der Gewalt der Sünde. Blutentzug, Selbstquälereien aller Art und äußerliche körperliche Säuberung. Die vergleichende Religionsgeschichte spürt auch in hochentwickelten Kulten und Weltreligionen den Ueberresten vorgeschichtlicher Kulte nach. Forscher, die sich, wie Pettazzoni*), in keiner Weise dogmatisch gebunden glauben, verfallen dabei ungewollt dem naturwissenschaftlichen Dogma der Entwicklung vom Einfachen zum Komplizierten, vom Fetischgläuben zur geistigen Religion. Es ist nun interessant, zu sehen, wie hieran selbst die stupendeste Belesenheit, wie sie Pettazzoni bekundet, nichts zu ändern vermag. Kaum einen Erdenwinkel und kaum eine Kultur- oder Unkulturperiode läßt Pettazzoni außerhalb seines Gesichtskreises liegen. In seiner bei aller Tiefgründigkeit lebendigen und anschaulichen Darstellung der Geschichte der Religion Südamerikas' und ihrer Ueberwindung durch das Christentum erlebt der Leser das furchtbare Drama des Ueb erganges von den religiösen Vorstellungen der Ureinwohnerschaft zu deneri der -weißen Eroberer aufs Erschütterndste mit und erfährt staunend, daß hier das Sündenbekenntnis der gemeinsame Boden war; auf dem das Alte mit dem Netten sich traf, ja das Mittel, mit dessen Hilfe die neue Religion der alten die Kraft . entzog. .-So nahe es gelegen hätte, hier nun die ' Vorzüge der ^herrschenden. Kirche auf der blu- : tigeri Folie" der ältamerikanischen Kulte eVstrahlen zu lassen, — alle solche und ähnliche Exkurse wird man in diesem sich völliger Objektivität befleißigenden Sammelwerke ebenso vergeblich suchen wie irgendwelche Ansätze zu 1 seelischer oder kosmischer Deutung der Kulte. : Aber auch die Tatsache, daß an jenem eigenartigen, gewissermaßen noch heute nicht geendigten religiösen Ueberj*angszüstande der &ixdlicheren Neuen Welt die bisherigen religionsgeschichtlichen Grundbegriffe zuschanden werden, bleibt hier gänzlich äußerhalb des Gesichtsfeldes. *) La confessione dei peccati, Raffaele Pettazzoni, Bologna, Verl. N. ZanichelU; I—III, 1929—1936, kl. Qu. Bei solchen Voraussetzungen versteht es sich, daß der Autor auch im jüdischen Kreise immer das Magisch-Kultische als das Ursprüngliche und die höhere seelische Auffassung von Sühne und Vergebung als späte Stadien der Sühnebräuche betrachtet. Wie sehr die richtig verstandene Gesetzessymbolik, hierin völlig mit den in Wirklichkeit gar nicht „kultfeindlichen" Propheten konform gehend, jedweder Verehrung und Beheimatung der Mächte zerschmetternder und auflösender Art entgegentritt, — das wird in dieser Forschungsweise gar nicht gesehen. Die abgrundtiefe Verschiedenheit zwischen sinaitischer und heidnischer Sühne verflüchtigt sich hier zu übergangsreichsten Nuancen. Es ist schwer, mit einem Forscher zu rechten, der auch zu Talmud und Madrasch den Weg findet und dennoch aus 'diesen jüdischen Quellen so wenig jüdischen Begriff schöpft, daß er (II 229) sogar die in Babel von Elia dem Rab Jehuda beklagten, am Jomkippur begangenen Verführungssünden als mit ursprünglichen jüdischen Sühnebräuchen (nach heidnisch-bacchantisch-karnevalistischem Vorbilde) in Verbindung stehend ansieht. Es ist sogar schwer, hierbei nicht an jenen jüdischen Schusterzu denken, der den Seder kennen lernen möchte, zu diesem Zwecke seinem nächstwohnenden', etwas beschlageneren Berufskollegen durchs Fenster sieht, dortselbst einen solennen handgreiflichen Ehezwist beobachtet und diesen für das offizielle Sederprogramm hält und dann sogleich mit seiner Frau, in das gleiche Verfahren eintritt. In gleicher Weise lassen 'diese Forscher sihaitische Gesetzesreligion' und ' heidnische Auflehnung1 gen diese völlig unmerklich ineinander fließen. Die Gewährsleute Pettazzonis! I; ja biblischen Fragen sind meist W.ellha/usenianer: einseitigs jjer Richtung. Der massoretische, Text, .wird hier^jei (so Ps. 65, S. II 147) ganz willkürlich solange geändert, bis er sich in die Theorie fügt. Die Sündenbekenntnisse des Hohenpriesters am Jomkippur, wie sie Mischna und Liturgie überliefern, werden, als aus später,. Zeit stammend, nicht für ursprünglich angesehen; weil magische;und; animistische Formeln, wie man sie sich als mit dem Asasel-Bocke in Verbindung .stehend denken möchte, darin nicht enthalten sind, erklärt P., (II 232) „wir wissen nicht, in welcher Art ursprünglich das Bekenntnis über dem fortzusendenden Bocke getan worden war!" Die Vorschrift, bei Auffindung eines Toten/, dessen Mörder nicht ermittelt wurde, die Aeltesten der nächsten Stadt ihre Unschuld bekennen zu lassen, ist von unseren Weisen in ergreifender Weise ethisch ausgewertet worden: Die Aeltesten reinigen sich von dem Verdachte, Jemanden in ihrer Stadt dem Elende oder dem Verbrechen preisgegeben oder nicht genug für Wohlfahrt und Sicherheit gesorgtzu haben. Daraus wird im Kreise dieser Religionsforscher eine magische Fortbannung eines vom Leichname des Ermordeten ausgehenden Miasmas mittels Händewaschung! Daß die Thora dabei auch die Mitwirkung aharonidischer Priester ausdrücklich fordert, die . ja bei „jedem Streite und jeder G'ttesstrafe mitzusprechen haben", entzieht dieser ganzen Theorie den Boden und wird, (II 292, Anm. 157) offensichtlich ebendeshalb, als später Einschub bezeichnet und außer acht gelassen. Auch .die hohe ethische Bedeutung, welche die Schlußmischna von Thaanith der Vorschrift beilegt, nach der von den nach Ausgang des Jomkippur in Jerusalems Weinbergen tanzenden Mädchen ein Jedes ein fremdes Kleid anlegen mußte, um „nicht die zu beschämen, die keines besitzen", wird hier nicht recht ernst genommen und die ganze Veranstaltung mit einem babylp-; nischen Mummenschanz in Verbindung gebracht, bei dem Herrinnen und Dienerinnen die Gewänder miteinander tauschten. Auffällig ist es? daß P. selbst für die Zeit Esras die Existenz des Jomkippur noch in Frage stellt, eine These, von der auch der sonst gar nicht dogmatische, auch von P. an anderer Stelle selbst!' zitierte H. H. Schäder in seinem „Esra, der Schreiber" schon vor sechs Jahren abgegangen war. Wenig Wunder nimmt es nach allem' Gesägten, daß P. auch keinerlei Gefühl für den, ausschließenden Gegensatz aufweist, den die jüdische Tradition zwischen Trauer und .Bußstimmung durchführt (178/9). Im Eifer, überall das rein äußerlich „Kultische" dem Geistigen zeitlich voranzustellen, bringt Pettazzoni es fertig, sogar von der glühenden Kohle, mit der ein Engel (Jes. 6, 67) die Lippe des Sehers berührt, zu behaupten, auch dieses Bild entstamme einer kultischen Praxis der älteren Zeit (auch hierin allerdings in Abhängigkeit von nördlichen Forschern)! Das sind Irrwege des Empfindens für religionsbegriffliehe und für religionsgeschichtliche Tatsachen, Irrungen, über die ein philologisches Rechten und Streiten vollends unmöglich ist. Hier zeigt es sich in unerbittlicher Klarheit, daß die kritisch-historische Betrachtungsweise bei völliger Außerachtlassung der seeli-