Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1936)
- Date
- 1936-09-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 37 1936 Der Tempelbau zu Heikenbrunn« Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.) Die kluge Antwort gefiel Sterenberg. Jeder andere hätte ihm ein devotes Ja zuschleudern können. Dieser offene Mensch zeigte die Juden, wie sie wären, ehrlich.und ungeschminkt. Gar manches fragte Sterenberg aus David und konnte sich bald ein Bild von der schwierigen Tätigkeit eines jüdischen Gemeindevorstehers machen. „Ja, ja," sagte David lächelnd, „schon Mose hatte seine Arbeit mit dem stets ein wenig widerspenstigen Völklein ..." Sie lachten beide, als sie jenseits der Mauer auf grünende Wiesen stießen und dem ersten blühenden Baum begegneten. Hier buckelte sich der Boden ein wenig, ohne höher als zu kleinen Hügeln zu steigen. Das Land war noch unbebaut, und es wucherte und grünte je nach Gefallen üppig in Hecken und Sträuchern. Die beiden Männer arbeiteten sich durch das Gewirr, aus dem es duftete und zwitscherte. Der Burgherr atmete auf, als habe er eine Last mit der Gasse hinter sich gelassen. Er sagte zwar nichts, aber es schien ihm hier besser zu gefallen, als auf allen bisher gewesenen Plätzen. „Die Mauer müßte weg," meinte er, als sein Auge auf die mürrisch grauen Steine fiel. Mehr verriet er nicht von seinem Denken. Aber es schien, als wäre der Weg der rechte, denn mit einemmal packte der Alte des Jungen Arm und hielt ihn so fest, damit er stehen blieb und gleich ihm das Bild erschaue, das sich ihm wie ein Wunder offenbarte. David blieb das Herz stehen vor Wonne, denn die Frauengestalt, die Sterenberg für eine Heilige hielt, weil sie mitten in der Sonne, unter einem einsam blühenden Baum, stand und weiter nichts sah, als Licht, Luft und Freude an dem schönein Tag, war niemand anderes als seine Braut Githa. Ein wenig anders als David dachte Sterenberg. Daß es eine junge Jüdin war, erkannte er an der Kleidung, die ihm fremd war. Aber sg schön und wundersam gebaut war ihm noch keine Jüdin erschienen. In der Gasse war manch schönes Gesicht, auch, schlanke Glieder und weiche Formen, aber so hochgebaut und erhar ben über alle Fesseln des Erdhaften kam ihm keine vor. Ihr Gesicht, das er noch erkennen konnte, trug die Schwermut jüdischer Frauen, die Züge aus dem alten Israel und wie eine Verkörperung des Gedankens dm Gelübde der schönen Burgherrin stand sie hier in ihrer jungen Anmut. Der Tempel im Symbol — der alte Mann schämte sich dieser Gedanken nicht. Aber er wurde wach, als David neben ihm sagte: „Welch ein Zufall, meine Braut Githa weist uns vielleicht den rechten Platz. Dort wo der Baum steht, ein wenig erhaben, nicht zu nahe der Gasse, entfernt von Heikenbrunn verborgen und keinem im Wege — findet Ihr nicht auch, gnädiger Herr." So vermied David klug ein ungestümes Wort, das dem Sterenberg am Emde,, wenn er es gesprochen hätte, später leid gewesen wäre. Dafür war ihm der Alte dankbar. Ruhig konnte er neben David auf Githa zugehen, die erschreckt in die Wirklichkeit zurückfand. Sie entfloh nicht scheu. Mit freundlichem Blick begrüßte sie den Burgherrn und ging, ohne Absicht und Eile, wieder der Gasse zu. Sterenberg, noch ein wenig befangen, lehnte an dem alten Baum, der sich eitel noch einmal Blüten aufs alte Geäst steckte. Aber das versagte er sich nicht, David recht zu geben, wenn er den Tempel hierher und nirgends woanders setzte. „Die Mauer fällt, mit ihr verschwindet die Finsternis in der Gasse. Die neue Mauer — sie muß wieder erstehen — wird zweckmäßiger werden ..." Ihm bereitete es eine Genugtuung, zu denken, daß der alte Jude nun noch mehr in seinem Buche nach guten Stellen suchen könnte, nachdem das Tageslicht ungehemmter ins Haus fiel. Ueber diese ihm seltsam erscheinende Freude lächelte er endlich. Gut nur, daß man in seinen Kreisen nicht ahnte, welche Passion sich der alte Sterenberg zugelegt hatte. Daß ihn die G'ttesnähe eines frommen Juden erfreute, mußte zeitlebens Geheimnis in ihm bleiben. Aber der Platz gefiel ihm. Er sei zweckmäßig, erklärte er jetzt David, als gelte es, ihn zu überzeugen. - Er kehrte »heim, befriedigt und voll von neuen Eindrücken, die in seinem altgewordenen Gemüt dennoch Spuren hinterließen. Als er der jungen Burgfrau von dem eigenartigen Bild erzählte, das ihn bewog, jenen Platz auszuwählen, lächelte sie. „Das war Githa, Davids Braut, ich weiß es. Sie wird nicht böse sein, wenn ihr Lieblingsplätzchen Allgemeingut wird. Sie ist so fromm und gut wie keine andere . . ." „O, eine kenne ich schon —" Maria sah ihn staunend an. „Die noch frommer ist, als Githa. Du weißt nicht, wie sie gläubig alles aufnimmt, was ihr G'tt schickt —" Aber der Alte beharrte auf seinem Willen. Eine kenne er schon, die war die Beste und Frömmste. Er lachte auf, als er ihr unwilliges Gesichtchen sah. „Du selbst bist es doch — du gute Frau — wer unter allen Menschen wird mir diese Meinung steitig machen wollen!" Mit lustiger Kampfesbereitschaft sah er sie an, so daß sie laut auflachte und ihn neckte, um einer Rührung zu entgehen. 7. Hinter Heikenbrunn — vielleicht eine Stunde von ihm entfernt — zieht sich der Weg gerade durch eine Ebene. Steht der Wanderer am Anfang dieser, zwar wenig gepflegten, doch von der Natur bequem gestalteten Straße, so vermag er die schnurgerade Linie weithin zu verfolgen. Die Ränder der Straße tragen Felder, Wiesen mit wildem Grün, zeitweise taucht ein dürftiges Wäldchen auf, die Reste jenes w-eiter im Hintergrund wie eine Mauer stellenden Waldes, aus dem der Fuß des Schreitenden so plötzlich ins Freie tritt, daß das Auge für eine Weile geblendet bleibt. Doch enttäuscht die Hoffnung, auf diesem "so wandelbaren Weg jetzt noch Uefeerraschungen in Gestalt noch schönerer Bilder der Natur zu finden. Gerade und ohne Unterbrechung wechseln Feld und Wiese mit dem dürftigen Baumschatz der Ebene. Das Romantische lag im Wald, dessen Dickicht zuweilen schier undurchdringlich wunde. Die Ebene, und ihre Straße ermüden, genau wie der Wald durch die Hindernisse Geist und Wanderfreude anregte. Dem fast mürrisch Dahinschreitenden war weder Wald noch Ebene eine Freude. Kaum daß er auf seinem Weg durch Hecken und Niederungen auch nur aufschaute, huschte ein scheues Tier an ihm vorüber. Mordlustig nur funkelten seine Augen, als am Waldesrand ein zu Tode erschreckter Hase Haken schlug und verschwand. Da verwünschte der junge Schreiber Burkhard, daß seine Waffe die Feder war, anstelle einer blanken Flinte. Sein ohnedies unregelmäßiges Gesicht gewann bei dieser grimmigen Feststellung wenig. Die tückischen Augen hatte Burkhardt aus der Jugend beibehalten. Buschige Brauen verfinsterten sie noch mehr und gaben ihnen, da er sie stets gesenkt hielt unter halbversohlossenen Lidern, beim Aufblicken jenen hinterlistigen Ausdruck, den der Judenknabe David an dem aufgezwungenen Kameraden so abschreckend fand. Es war keine üble Angewohnheit des jungen Schreibers, mit dem Stecken Blumen am -Rain zu köpfen, er tat es mit der Wollust, mit der er in der Phantasie allen-^ihm mißliebigen Menschen eines versetzte. Und nicht wenige waren es, die sein Stecken traf. So schritt er förmlich über Blumenleiohen seines Weges entlang. Noch mehr solcher üblen Eigenschaften schien Burkhardt in sich zu tragen. Zuweilen spuckte er im hohen Bogen aus, dann juckte es ihn irgendwo, er gab dem Drang, zu kratzen, hemmungslos nach und blickte dabei so finster, als sei seine Unsauberkeit die Schuld anderer. Noch genau so gern wie ehedem in jungen Jahren der Kindheit schob er gern eigene schlechte Taten auf die Schultern anderer Menschen. Mit Freuden nahm er die Gelegenheiten wahr, dem Judenbengel David, den er nur duldete, um der Freundschaft des reichen Prosper nicht verlustig zu gehen, alles Schlechte in die Schuhe zu schieben. Leider gelang es ihm meist daneben. Nie vergaß er das Strafgericht, das beide Knaben über ihn verhängten, als er eine -gemeinsame Unternehmung kindlicher Art verriet, um sich reinzuwaschen dabei. Heute noch knirschte Burkhardt mit den Zähnen, wenn er daran dachte, wie die zwei Buben sich auf ihn stürzten, packten und davonschleppten zu ihrem Versteck im Walde. Hier, in einer kleinen Felsschlucht, in der die Buben alles liebe Spielzeug, Pfeil und Bogen und was noch mehr zum Leben eines Knaben gehört, aufbewahrten, auf dem Block, den sie die Richtstätte nannten, kam die Strafe über ihn. Mit Stricken banden sie ihn fest, der bärenstarke David hielt ihn mit einer Hand an beiden Händen fest, während ihn Prosper festband. Für jedes verratene Wort bekam er zwei Hiebe, einen von Prosper und einen von David. Dabei mußte er gute Miene zum bösen Spiel machen, denn Prosper , wollte ihn wegen Verrat aus dem Trio ausschließen. Erst das gutmütige Zureden Davids stellte den Frieden wieder her. Nicht allein aus dieser Episode stammte der fast tödliche Haß des Schreibers auf den Juden David. Prosper anerkannte bedingungslos die geistige Ueberlegenheit seines jüdischen Freundes. In der Höhle konnte er stundenlang zuhören, was David aus der Geschichte seines israelitischen Volkes erzählte. Noch lieber war ihm, wenn David hebräisch las und die Worte melodienreich an seinem Ohr vorbeiglitten. Er wollte gar nicht, daß ihm David erklärte, was alles heiße, das enttäusche ihn am Ende. Aber die Laute sich durch die Sinne gehen lassen, wie unbekannte Märchen, das gefiel ihm. Er revanchierte sich mit seinem eigenen Wissen, prunkte mit den Kenntnissen im Latein und träumte von der Zeit, in der er die Ritterschule besuchen würde, um sich voll zu trinken mit Wissenschaft. (Fortsetzung folgt.)