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Der Israelit · 1936-08-07 · Heft 32 (7.8.1936) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 32 (7.8.1936)
Date
1936-08-07
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Nummer 32 Der Tempelbau zu Heikenbrunn. Roman von Alice Landsberg in Wiesbaden. (Fortsetzung.j Aber Prosper war ihm ft<efali&h&n% an jedem Zug \ein Sterenberg, wie er seinsollte., Seiue Brüder —- der eine starb an einer Krankjieit, als er eben vierzehn wurde,' während der andere vor dem Feind blieb als junger Held -— 'hatten an- '■ dere Züge in sich. Sie glichen der mütterlichen Familie. /Kühl und unnahbar war die Gattin geblieben, ihre Pflichten streng erduldend,, gebar sie ihm die Kinder und stanb — vielleicht gern :±— kurz nach der Geburt der!Toohter, die die einzige und jüngste blieb; Kein zweitesmal freite Sterenberg um eine Frau. Was er von der Liebe dachte, lag begraben mit dem jungen-Weib, das .oan seinem Hochzeitstag verwirrten Geistes in "dem Tümpel ertränkte, was es nicht mehr zu ertragen vermeinte. Aber was trägt so ein Menschenherz nicht alles, dachte der Mann auf der: Wendeltreppe und tastete mit der Hand die Wand ab, deren Spuren von Menschenhand und Kdnderünfug sich in der längen Zeit vertieften, in der seine eigenen Sprößlinge groß wurden. Zuerst schliefen die drei Buben zusammen in dem Räum dort oben, aber dann greinten die beiden anderen wegen Kälte und Hitze und man nahm sie in den anderen Flügel, wo sie auch keine Sehnsucht zur Rückkehr verspürten. Nur.. der Prosper Hebte die Stube, wie einst sein Vater sie geliebt hatte. . Doch-wußte' er nlöht,' daß wegen dieser Eigenschaft der Alte ihn einen echten Sterenberg nannte, seinen Söhn, für den er seinem G'tt täglich - dankte. : ' Herb und rauh war der Ton zwischen Vater und. Sohn stets geblieben, zwei rauhe Flächen geben eine harte Melodie. Sie schleifen sich vielleicht einmal gegenseitig: ab, aber vorderhand blieben sie unebenvurid'rauh. \ ' Eben erreichte der Alte die letzte Stufe und griff ohne Besinnen nach dem Türöffner, weit die Holzpforte aufreißend. Aber Prosper zuckte nicht zusammen, er blieb an seinem Tische sitzen, den er voll mit Schriften hatte. Gar schwierig war das Problem, dem er soeben anhing, deshalb ging <er mit abwesendem Blick auf, den Vater: zu, geleitete ihn zum Sessel und ibat ihn' um einen Augenblick Geduld.' Wieder beugte er sich über die Zeichnung, maß und errechnete das Mangelnde .und ließ damit dem Alten Zeit, f ertig mit der. Einrichtung des; ihm so verändert erscheinenden Raumes zu werden. '\ . ' - ' \ '■' ' ' Ja, Prosper hätte einen anderen Geschmack als der Vater. Er liebte, das Raune^abzuschieben und sich zu Nutzen zu machen.?Von. seinen Reisen, brachte er Eindrücke und" Lehren, aber, auch Dinge mit, die er im gewöhnlichen Leben nicht zu"'entbehren wünschte. Genug Möbel, bequem und einfach, doch eine Vornehmheit nicht_ verleugnend, standen umher, jedejr Winkel klug ausgenutzt. Oder, gefiel dem gestrengen Blick des Alten nichtauch jene Stelle in der Stube, an der die Bücher wohlgeordnet in: Reih und. Glied standen,: lockend, selbst den?:nicht,, sehr Xeseir^udigen zur Einsicht:'einladend. .. Ja,'f;derj| Prosper % yjepgta^iad f'zuh ledern und sich; einzurichten, schmunzelte-lidef Alte,• und lehnte sich besser.im. Sessel^zurück, beileibe die inneren Gefühle: nicht .^igendU' •■ MM-m v-wV -.i 'V Im Gegenteil, mit gerunzelter Stirne verfolgte er die eifrige Hand des jungen Mannes, die ' schließlich wie erlöst niedersank. „Nun bin ich so weit, Herr Vater . . .", sagte, er aufspringend und wartete freundlich auf das erste Wort des Alten. Wieder wollte die Weichheit den Mann befallen, als er den schmucken .Sohn vor sich stehen sah. Der Beste von den dreien war ihm .gehlieben! Er zwang sich zu dem; was ihn hierher führte. Ein leichter Groll, daß ihm Prosper es nicht erspart, wüst zu werben, überkam ihn. Aber die Sonne schien ihm durch das breite Fenster so mild ins Gesicht) daß er blinzeln mußte und es fast wie ein Grin-, seri aussah, was als Zorn zu gelten hatte. Prosper freute sich dieses beherrschten Zornes, dessen Ursache er schon längst wußte. Er seufzte. Nun fing der Kampf endlich an. Er war bereit, denn die Pläne waren so gut wie fertig. In der Praxis brauchte er. den Alten immer noch. „Du arbeitest!" fing der alte Burgherr an und sein Blick streifte die Pläne mit kurzer Verständnislosigkeit, denn aus Strichen wurde er nicht klug. . . Prosper spielte ein wenig Komödie. „Ich arbeite," sagte "er leichthin, „noch wenige Mühe und ich bin fertig mit dem Neuen . . Er ließ den Vater mit seinem fordernden Blick nicht los. Der Alte war wütend über sich selbst, daß «©in Zorn -< nicht größer war, wenngleich er ein schroffes Nein mit in seinem Herzen hier herauf brachte. „So, fertig.— hast du denn-Aufträge — ich meine, du wolltest dies jetzt eine Weile zugunsten deines Besitzes sein lassen , . ." sagte er deshalb sehr vorsichtig und blieb immer noch im Katz- und Mausespiel. Prosper hatte Freude an dem starren Alten, dessen Kern er längst erkannte und ehrte. Er liebte den Vater zu sehr, um ihm gern Unbill zuzufügen; deshalb sagte er ruhig und bittend; , „Wollen wir nicht'lieber beim Wahren bleiben—" auf einen wilden Blick des Alten hin, fuhr er rasoh fort: „Ihr wißt doch, um was/;es sich dreht. Um die. kleine Judenkirche —". Nun fuhr es wie ein Blitz und Hagel in den Alten und er tobte los. Das mußte er^ Prosper wußte es, daß gute Menschen toben müssen, wenn ihr Herz frei für alle Güte werden sollte. Aber diesmal war es ernst und wild, was sicJi entlud. Von Hexerei und Teufel schrie der Alte, alle Juden in Heikenbrunn ausrotten, die den Sohn verzauberten, und erst der spöttische Blick, aus dem blassen Gesicht des jungen Mannes brachte ihn zu sich. Müde schwieg er, verärgert, sich gehen; gelassen, zu haben, in sich das Gefühl einer Niederlage. Prosper tat, als wenn das alles nicht gewesen wäre. Er holte nur seine Papiere und hielt einen Bogen davon vor den .Alten. j/ „Solch ein Judenkirchlein fand ich im Süden einer Stadt, unten in den heißeren Zonen unserer Welt. Anders zwar im Bau —". ein gewisser Stolz lag in Prosper, als er weitersprach — „was ich hier Dildete, ist mein eigenes Werk, aber auch nur ein Judenkirchlein. Wenn Menschen im Süden der Welt gütig sind :— es war die Stiftung eines frommen chrisfcliahen Mannes, wie auch unser Heikenbrunner Kirchlein eine Stiftung sein muß bei der Armut der Juden — was jene Menschen und jn diesem Fall auch ein Burgherr gleich meinem .Vater — können^ sollten wir Sterenberg es&.nicht vermögen?" Längst schon war der Alte aufgestanden und ging hastig .von den Büchern an der Wand zum •lichten Fenster, bisher" in de^^elle4 stehen blieb und hinaus auf das ,weite Land schaute, wie seit langen'Jahrein nicht mehr. Sanft .und -hügelig -^jigleich ^zog das fruchtbare; Laäd-sic|r;nint.^s. wohinaus an den silberschimmernden Fluß gehörte es den Herren auf Sterenberg. Wege zogen sich durch Dickichte, Wälder und Felder, kleine Abgründe, tiefe Schluchten, reifende Felder und Wiesen, auf denen Vieh und Reichtum stand. Alles Land, das ihm gehörte. Aber nicht das wundersame Wohlbehagen durchglitt ihn. Nur das peinigende Gefühl, auch nur ein winziges Teilchen dieses Landes einem ihm art- und wesensfremden Volke zu überlassen. Juden bedeuteten für den Alten, wie Prosper ganz recht zu David sagte, eine .Quelle, aus der man Münzen schöpfte, Es war die Fremdheit des Unwissenden in ihm, der nicht die Mühe und Fähigkeit aufbrachte, das fremde Völklein in seinen Schriften und somit in seiner Art kennenzulernen. Ein Tier, das man nicht kennt, hält -man für .giftig, wie eine.Frucht des fremden Baumes. Diß Juden kannte er nicht, die abergläubische Furcht vor ihnen steckte in seinem Blut und er «hielt sie nicht für Menschen wie seinesgleichen. Jedoch band ihm das in sich gefaßte Wesen seines Sohnes die herben Worte so fest, daß sie an Kraft verloren und dahinschwanden. Nur der Widerwille blieb, angesichts des Besitzes an eine Judenkirche denken zu müssen. „Was du in der Fremde sahst," sagte er, sich fcm^ drehend und den'Sohn" nunmehr ruhig ansehend,' „gilt nicht immer für das eigene Land. Im ,Sür' den der Welt sind die Juden ihrer ehemaligen Heimat näher und werden eher, anerkännt, alshier oben bei uns, wo sie als Fremdkörper irf unseren Landen stecken und wüst tun in ihrer Geheimniskrämerei . . ." r Er sagte das Letzte fast grämlich und setzte sich wieder in den Sessel. Prosper lachte nun ein wenig auf. „Wer sagt denn, daß die Juden geheimnisvoll tun —" fragte er freundlich. „Nun ja," polterte der Alte. „Sie reden andere Zungen —" „Im Gebet, sprechen sie die Sprache ihrer Vorväter, das weißt du nicht?" „Wie das — was waren" denn ihre Vorväter anders als Juden —" „Es waren Hebräer und diese Volksart sprach hebräisch — da von ihr das Volkstum, darunter verstehe ich jetzt das Länd der Juden, verloren ging, blieb ihre Sprache nur im Gebet, während sich die Juden den jeweiligen Volkern, bei denen sie lebten, in Rede und Art anlehnen mußten. Deshalb ist noch lange ein hebräisches Gebet kein geheimnisvolles. Hör zu, Vater, was der David mir einst vorlas, ich lernte es auswendig, ■ so freute es mich —" v' Ein Gedicht, der heiligen Schrift entnommen, von dem klugen David übersetzt, geliebt von dem jungen Prosper wegen seiner Eigenart, schwebte förmlich durch den Raum. Auch nachher blieb es ruhig zwischen ihnen. .»"'•; „Was noch ist geheimnisvoll an den Juden? Daß sie ihre Gesetze halten, die noch in ihrem Lande als gebräuchlich galten? -Gesetz bleibt Gesetz, sagen* sie, wo immer wir' auch weilen. Welcher von uns Menschen könnte diesem Wahlspruch durch diese lange Zeit getreu bleiben? 0, ich weiß, man kann als Christ dem. Juden hie so nahetreten, wie zn seinem mitglaubigen Mitmenschen. Aber gerecht zu bleiben jeSdem eigenartigen Volksstamm, ihn niit der "Achtung betrachten, die ihm gebührt als Volk und Gläubigem, dahin habe ich mich bereits jetzt schon durchgekämpft. Wirf ihnen nicht Zauberei und Hexerei vor, sie sind, arme geplagte Menschen wie wir, sonst hexten'sie sich bessere Zeiten an, nicht aber verhexten sie eine Kuh oder sonst was, wovon sie keinen Nutzen haben. Sie leben .Wie' wir, ihre einzige Sünde ist, daß sie trotz

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