Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1936)
- Date
- 1936-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurt a. M. 2. Juli 1936 12, Tammus 5696 Nummer 27 Erweiterte der Agudas Jisroel-Welt Organisation. London, 28. Juni. Die Exekutive der Agudas Jisroel-Weltorganisation hat dm Einvernehmen mit .dem Präsidium des Zentralrates auf den 1 6. ibis 18. Aw (4. bis 6. August) d. J. nach Marien b a d eine Tagung des Zentralnates der Agudas Jisroel (K e ne'ssio M e c h i n o) einberufen. Außer den Mitgliedern des Zentralrates und den Organen der Exekutive sind zu der Tagung die Rabbinischen Räte aller Länder, die Vorstände der Landesorganisationen, der Jugendorganisationen, der „Poale Agudas Jisroel", der Bnos Agudas Jisroel, sowie die Zentral- und Landesdirektorien des Keren Hajischuw und des Keren Hatorah eingeladen worden. Die Tagung wird zur gegenwärtigen Lage der -ihoratreuen Judenheit Stellung nehmen, über eine Reihe bedeutungsvoller inner-agudistischer Fragen von höchster Aktualität zu beschließen und insbesondere auch den Termin und den Ort der „Kenessio Gedauio" festzusetzen haben. London, 29. Juni. Im Zusammenhang mit der bevorstehenden Tagung der „Kenessio Mechino" (4. bis 8. August) in Mariembad hatte diese Woche der politische Sekretär der Agudas Jisroel - Weltorganisation, Mr. H. A. G o o d ma n , eine längere Unterredung mit dem tschechoslovakischen Gesandten und bevollmächtigten Minister in London, Jan. Masaryik. Bei der Gelegenheit brachte der Gesandte sein Interesse für die Arbeit und Leistungen der Agudas Jisroel-Weltorganisation zum Ausdruck. Es freue ihn, daß die Wahl für diese Tagung auf sein Heimatland fiel und er wünsche ihr Erfolg. Jüdischer Proteststreik in Polen wegen des Urteils iin Radomer Pogromprozeß. Ein besonders erschütterndes Kapitel in der Tragödie der polnischen Judenheits heißt P r z.y t i k. In dieser Stadt fand ein Pogrom nach allen Regeln zaristischer (Kunst statt. Juden setzten sich, da Polizei, wie immer, zu spät auf dem Platze erschien, so gut sie konnten zur Wehr. In R a d o m fanden die blutigen Ereignisse ihr gerichtliches Nachspiel, das damit endete, daß die j ü d i s c h e n A n g e k .1 a g t e n Z u c h t - h a u s s tr a f e n bis zu. acht Jahren erhielten. .Einige polnische Rädelsführer kamen mit 3curzen Gefängnisstrafen davon. Mordtaten a n jüdischen F a m i 1 i e n blieben aus Mangel an Beweisen un gesühnt. Ueber den Gang der Verhandlungen wird auf Seite 9 dieser Nummer eingehend berichtet. Die Bestürzung innerhalb der polnischen Judenheit ob dieses Urteiles ist unbeschreiblich, und sie findet Ausdruck in einer Form, die uns wenig zusagt, über 'die wir aber, fem vom Schauplatze, nicht urteilen wollen. Für Dienstag, den 30. Juni, wurde ein zweistündiger Proteststreik aller jüdischen Erwerbstätigen in Polen proklamiert. Die jüdischen Zeitungen braohten die Ankündigung in großer Aufmachung. In größeren Betrieben fanden in den Stunden der Anbeitsruhe Aufklärungsversammlungen statt, denen sich am Abend jüdische Mas s enkundg e b u n g e n anschlössen. In einem Aufruf des Jüdischen Paria m e n t s k 1 u'b s wird u. a. gesagt, es gebe keine Sicherheit für Leben, Gesundheit und Ver- (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Juden und Nichtarier in der deutschen Wehrmacht . . Seite 2 Verleumdung der jüdischen. Religion und Pressefreiheit........Seite 2 Jüdische Ansiedlung in Abessinien Seite 3 u. 6 Erez Jisroel-Briefe. Von Dr. Ieaac Breuer Seite 4 Mussarpostulate...........Seite 4 Weltkongreß der jüdischen Frontkämpfer in Wien.............Seite 8 Brief aus Ungarn..........Seite 8 Das Martyrium der Juden in Polen . Seite 9 Das Urteil im Radomer Prozeß Seite 1 u. 9 Brief aus Rumänien........Seite 10 Aus der französischen Judenheit . Seite 10 Londoner Brief .......... Seite 10 Die letzten Tage in Palästina . . . Seite 11 Wissen und Wollen. Vom Wesen der Jeschiwah. Von Rabbiner Dr, Theodor Weiß in Mir (Polen). Die heutige Inkarnation des überlieferten Judentums, die Jeschiwah, erschöpfend darzustellen, ist Aufgabe eines Buches,. Im Rahmen eines Aufsatzes kann nur mehr versucht werden, ein wenig von der geistigen Klangfarbe der Jeschiwah,' und besonders der des Ostens, zu vermitteln. Es ist nicht meine Absicht, eine Differenzierung der einzelnen Jeschiwoth und ihrer erzieherischen Lehrmethoden zu geben, vielmehr will ich bestrebt seinj das allen Jeschiwoth Gemeinsame und für uns Wichtige zu schildern. Oft genug ist ja auch alle Veränderung und Wandlung, die der junge Jude in der Jeschiwah erfährt, Wirkung und Ausstrahlung einer überragenden, genialenjüdischer Persönlichkeit, und das Geheimnis ihrer erzieherischen Wirkung läßt sich nur selten in ein festes System fassen, denn Reichtum und Reinheit der jüdischen Persönlichkeit haben-jeweilig ihr eigenes Gesetz. Genies schaffen die. Methoden, nicht umgekehrt. Uim die Atmosphäre von. Thora und Mussar, von Versenkung und Selbstformung, von Dienst und Zucht lebendig werden zu lassen, ist es nötig, von dem Lebensgefühl zu berichten, das. jeder bekommt, der in der Jeschiwah ehrlich arbeitet und an sich arbeitet;: zu; erzählen von dem höhen Glück eines j ü d i s c h e n Tages, wie er in s o 1 che r Weihe^ und Reinheit nur in der Jeschiwah erarbeitet und geformt werden kann, um als unverlierbare Norm gestaltend ein ganzes Leben von innen her zu bestimmen. — Das Geheimnis der inneren Wandlung ist immer zugleich auch das Geheimnis des betreffenden Menschen. Letzten Endes lassen sich aus dem jüdischen Erlaben des Einzelnen oder einer Gruppe keine Regeln für die Gestaltung des jüdischen Menschen schledhthin ableiten. Es bleibt jedoch das Allgemeingültige aller Veränderungen und Umformunigen, die in der Jeschiwah zu bemerken sind, es bleibt das Dominierende eines völlig , neuen jüdischen Wollens, das aus einem völlig neuen jüdischen Wissen aufsteigt. Damit sind die Grunidlinien ^aufgezeigt, die das innere Bild des jungen Juden bezeichnen, der den Weg in die; Jeschiwah gefunden 'hat: Ein neues Wissen und ein neues Wollen. Viele Faktoren haben zusammengewirkt, um die Bildung eines jüdischen Wissens zu stören. Nicht jüdische Umgebung, vielfach auch der Besuch nichtjüdischcr Schulen und Universitäten und die damit verbundene langjährige Beschäftigung mit nichtjüdischem Geistesgut haben oft die Erziehungsresultate orthodoxer Eltern beschädigt und nicht selten aufgehoben. Der verschärfte Existenzkampf nahm und nimmt den Eltern häufig genug die Möglichkeit einer gediegenen jüdischen Geistes- und Charakterbildung. Zwei oder drei Stunden in der Woche konnten unmöglich die Kraft haben, ein Lebensgefühl zu erzeugen, das, durchdrungen von jüdischem Bewußtsein, alle (Fortsetzung siehe Seite 3.)