Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1936)
- Date
- 1936-06-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 25. Juni 1936 5. Tammus 5696 Nummer 26 Palästina vor dem englischen Unterhaus. Wenn in der großen jüdischen Tragödie, wie wir sie zurzeit in und um Erez Jisroel erleben, schwache Lichtpunkte zu entdecken sind, so gehört zu diesen die große Palästina- und Judendebatte im englischen Unter hause am letzten Freitag. Es ist zunächst zu konstatieren, daß es in Sachen der Juden einen Gegensatz zwischen Regierung und Regierungspartei auf der einen und der Opposition auf der anderen Seite n i c h t g i b t. Von beiden Seiten wird das Recht des jüdischen Volkes auf das Nati o n a 1 h e i m in Palästina rück halt los anerkannt, und Redner beider Richtungen fanden überaus -warme und anerkennende Worte für das Wunder des jüdischen P a 1 ä s t i n a - A u f - b aus. Selbst diejenigen, die glaubten, Verständnis für die arabische -Psyche und Lage werben zu müssen, vermieden verletzende Worte gegen die Juden und verkannten die kritische Läge der Weltjudenlheit nicht. Von allen wurde die weise und taktvolle Zurückhaltung der Juden Palästinas mit lobenden Worten hervorgehoben. Nur meinte Jiames de Rothschild, mit der Anerkennung des „braven Verhaltens" sei es nicht getan, man müsse die Juden an der Abwehr der Angriffe und Wiederherstellung der Ruhe und 'Ordnung mehr und intensiver beteiligen. Indes erkannten alle an, daß mit dem Amtsantritt von 0 r m s b y - G o r e eine festere Hand im Abwehrkampf einsetzte und billigten die scharfen Maßnahmen, die Vielen noöh nicht scharf genug schienen. Alle Redner, mit ganz wenigen Ausnahmen, bekannten sich zur M a n d a t s p o 1 i t i k. Nicht zuletzt der Kolonien minister selbst, der die Debatte mit einer längeren Erklärung einleitete. Freilich hält der Minister nach wie vor an der T£ ö n i g 1 i che o Unte r s u c h u n g s r K o m - mission fest, die nach Beendigung der Unruhen gebildet werden soll. Einige Redner äußerten ihre Zweifel an dem Werte dieser Kommission, in dem Sinne, wie auöh wir sie schon wiederholt aussprachen. Wir könnten uns schließlich auch mit gieser erneuten „Entdeckungsexpedition" abfinden, vorausgesetzt natürlich, daß in der auf der Basis der neuen Untersuchung geführten Verhandlungen nicht; über die Vitalen Interessen des Jischuw: Einwanderung und Bodenerwerb, diskutiert wird. Lloyd George berührte in seiner bedeutsamen Rede auch die Einwanderung der deutschen Juden in Palästina. Ein anderer Redner sprach von der Wichtigkeit des Suez-Kanals für den Weltfrieden, dessen Besitz Großbritannien D i s r a e 1 i und den R o t h s c ih i 1 d zu verdanken hat. Alles in allem: England hat durch?ein Parlament zum Thema „Palästina" gesprochen. Man darf nur hoffen, daß die Sprache den richtigen Widerhall in Palästina findet. Es ist eine eindeutige Warnung, aber auch ein Gelöbnis, die doppelte Verpflichtung, gegen Juden u n d Araber, bis ins Letzte einzulösen. (Ausführlichen Bericht über die Debatte findet der Leser auf Seite 13) Der Rechtsstatus aus Deutschland Ausgewanderter wird provisorisch geregelt. Genf, 22. Juni. Nach den bisher vorliegenden Anmeldungen werden an der am 2. Juli 1936 in Genf zusammentretenden Regierungskonferenz zur Festsetzung des Rechtsstatus aus, Deutschland Ausgewanderter Vertreter und Beobachter von etwa zwanzig Regierungen europäischer und einiger überseeischer Staaten teilnehmen. (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: . Seite 2 Rassenirage in der Gesetzgebung . . . Seite 2 Um den Council for German Jewry . ..Seite 4 Juden und Falaschas in Abessinien . . Seite 4 Erez Jisroel-Brieie. Von Dr. Isaac Breuer Seite 5 Jüdische Auswanderung...... . Seite 6 Nachrichten aus Erez Jisroel Seite 7, 12, 13, 14 Zu den Nürnberger Gesetzen . . . . Seite 7 . Seite 7 Die große Palästinadebatte im englischen Seite 13 Aus der Agudas Jisroel-Bewegung Seite 10 Um Von G. Kr. i. :'! ■' Es ist eine uralte Erkenntnis, daß Erziehung das Gebiet ist, auf dem sich eine Weltanschau^ urig in ihrer vollen Tragweite auswirken kann, Jeder Versuch der Auizeigung eines Idealstaari tes, angefangen bei Plato, sah den Ansatzpunkt realster VerwirklicJiungsmöglichkeit in der Formung der Jugend. Rein theoretisch war man also schon immer davon überzeugt, daß Erzieh hüng mehr sei als Sonderinteresse Einzelner zu einer derartigen Aufgabe sich bemüßigt Fühlender. Doch abgesehen von den Erziehungswerten;,; die im Aufbau des Gemeinschaftslebens begrün-7' det waren, hat die Gemeinschaft als solche in ihrer Gesamtheit nie tätigen Anteil genommen. an der Art, wie ihre Jugend erzogen wurde. Man verließ sich auf die altbewährten (d. h. in; einer veralteten Anschauung großgewordenen), oft für einen anderen Beruf untauglichen Lehrer. Schulreformen setzten immer nur dann ein, wenn eine Generation sich der krassen Kluft zwischen Zeit und Form der Erziehung bewußt wurde. Am mangelnden Interesse der Allgemein-' heit lag es also stets; daß die Schule nur für dt&; e b e n a bg e lau f e n e Epoche erz o g und auf diese Weise den Durchschnitt der Menschheit, unfähig Heß, den Aufgaben der Zeit gerecht zu werden. : Auch bei. uns war man praktisch nie imfi stände, den Forderungen der Zeit in der Erzier .hurig zu entsprechen. Wir brauchen ja nur an gewisse Formen des Cheder und der Jeschiwah Jugend. zu denken, die in ihrer Abgeschlossenheit zwar eine reine Ueberlieferung unseres Kulturgutes verbürgten, doch keineswegs imstande waren, die ihnen anvertraute Jugend so zu formen, daß sie kraft des ihnen übergebenen Kulturgutes jeder von Außen auf sie hereindringenden Bewegung Stand halten konnten. Die Haskalah war mit eine Folge davon, daß sich die Masse des Ostens nicht um die Erziehung des Kindes im eigentlichen Sinne kümmerte, sondern diese den oft dazu ungeeignetsten Menschen überließ. Es wäre jedoch falsch, dies als in^der Wesensstruktur des Ostens begründet beiseite zu schieben. Das Jahr 1933 hat der Orthodoxie in Deutschland die Aufgabe gestellt, den nach dem Zusammenbruch ihrer alten Weltanschauung um eine neue ringenden Liberalen die Antwort zu geben und die Führung jziu übernehmen. Die Orthodoxie (hat die Aufgabe nicht in allen Teilen gelöst. Sie konnte es nicht, denn sie hat sich nicht die Menschen erzogen, die einer derartigen Aufgabe gewachsen waren. Zwei Typen waren es,' die aus ihr hervorgingen und für die Lösung der Aufgabe in Betracht kamen: Der Jeschiwahbachur und der Akademiker. Der Jeschiwahbachur hatte sich im Osten für die Realität einer derartigen, aus einer anderen Welt herausgewachsenen Situation nicht gerüstet. Doch auch der andere Typ, der orthodoxe Akademiker, versagte, obwohl er größtenteils durch den Bund gegangen war. Denn die beiden komponenten seiner Formung —■ Schule und Bund, waren zwar (Fortsetzung siehe Seite 3.) Ii