Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1936)
- Date
- 1936-05-26
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 26. Mai 1936 eigentümlichen Interessen, das alles zu berücksichti geh ist nicht leicht. Von den in den letzten Monaten erschienenen Bändchen 8, 9, 10, 11 ist den Erklärungen des Her ausgebers nach nur das achte: Das jüdische Jahr, Betrachtungen, Schilderungen und Erzählungen, aus gewählt und übersetzt von Gertie und Julius Stern für die Schule vorgesehen. Die kleinen Lesestücke die alle irgendwie, wenn auch oft nur lose, an die Fest- oder Fasttage anklingen, für die sie ausgewählt wurden, kommen nur für die unteren Jahrgänge vom 9. bis zum 11, Jahre in Betracht. Das Polenh eftchen v. Radt ist etwas zu eintönig für die Jugend geschrieben, dürfte «ach aber doch außer für die Bünde auch für Oberklassen der höhe ren Schule zur Vorbereitung von Vorträgen zur Lage der Juden in der Welt eignen. Ebenso das Heft 10 zum Wandel des jüdischen Menschen durch die Jahrhunderte. Einige Seiten werden sich schon in der Untersekunda zur Bespre chung des mittelalterlichen Juden gut heranziehen lassen. Dabei werden die feinsinnigen Deutungen der bekannten plastischen Figuren der Kirche und der Synagoge am Münster von Straßburg mit dem Ge dicht v. E. Stadtler besonderem Interesse begegnen. Einigermaßen aus dem Rahmen fällt Heft 11, das als eine Propagandaschrift für das liberale Judentum betrachtet werden muß. Die Darstellung ist einseitig Ganz gewagte Konstruktionen wechseln mit offenkundigen Irrtümern. Wer die Geschichte des liberalen Judentums mit seinen eigenen Argumenten kennt, wird sich wundern, um ein Beispiel für viele zu bringen, von Dienemann zu hören, daß orthodoxes Judentum und liberales Judentum das gemeinsam ha ben. Für beide ist Judentum so in »ich begründet, daß fiie es ablehnen/ sich den wechselnden Denkströmungen der Zeit anzupassen, vielmehr das Denken der Zeit am eigenen Denken und Werten messen'' Das Heftchen kann nur als Ausgangspunkt für solche Jugendliche benutzt werden, die genügend vertraut mit dem liberalen und orthodoxen Judentum sind, um die tendenziöse Darstellung auf das richtige Maß zurückzuführen. Es wäre zu wünschen, daß demgegenüber die Darstellung des orthodoxen Judentums, etwa in der Art, wie sie J. Carlebach im Morgen vor einigen Jahren unternommen hat, veröffentlicht werde. E. Das religiöse Bedürfnis, Von Dr. P. Sales Hess, O. S. B. Eine kritische Studie anhand der Religionstheorie Wilhelm Wundts. Leobuchharidlung St. Gallen. 1935. Stifts - druc k er«« Eng elber g. Die eingehende Lektüre von Wundts Werken, die im ersten Viertel des Jahrhunderts große Mode waren, zeigtein gewaltiges universelles Wissen, das in den Dienst der religionsgegnerischen Propaganda gestellt wurde. „Aber der Erfolg, den er damit hatte, legt Auch schlagend dar, daß es zwar heute noch möglich ist, in großen Umrissen die gesamte Wissenschaft zu beherrschen, daß aber kein Gelehrter auf mehreren Gebieten eigentlicher Fachmann und vertrauenswürdige Gewährperson sein kann. Wündt ist in erster Linie Psychologe, und zudem ursprünglich dem Materialismus mehr als recht verpflichtet." „Besondere Vorsicht ist aber bei seinen Veröffentlichungen über die religiöse Frage am Platze. Fürs erst© geht ihm infolge seiner rein verstandesmäßigen und im Grunde utilitaristischen Einstellung eine tiefere religiöse Veranlagung völlig ab, weshalb/ seine Theorie auch sehr nüchtern ausfällt." Wundt ist femer extremster Verfechter der Entwicklungstheorie. Zu diesem Zwecke ergänzt W. die bei einer Völkerschaft fehlenden Glieder einer Entwicklungsreihe einfach durch hineinpassende Tatsachen anderer, oft weit entfernt lebender Stämme. „Es wird' daher geraten sein, Wundts völkerpsychologische Ergebnisse, und darunter fällt auch die psychologische Seite seiner Religionstheorie, mit aller Vorsicht aufzunehmen." Diese Sätze zeigen ungefähr die Richtung, in der sich die auf 150 Seiten niedergelegten gründlichen Studien des Verfassers bewegen. E. Das Rätsel von Krankheit und Tod, Von M. U. Dr. Ctibor B e z d e k. Ethikotherapie (Heilung durch Sittlichkeit). Vorwort von Doz. Dr. Hanausek, Uebersetsung von I. Singer. Zürich MCMXXXV. Rascher Verlag. Die Ethikotherapie beruht auf dem Zusammenhang der physischen Gesundheit mit dem. sittlichen Zustande des Menschen. Die sittlichen Gebrechen des Menschen bilden nach ihr die Entstehungsursache physischer Erkrankungen, Bezdek behauptet freilich nicht, daß alle Krankheiten aus dem sittlichen Zustande des Menschen erklärt werden können. Aber manche Ursache oder Verschlechterung vieler Krankheiten führt 'er darauf zurück. Seine Konzeption kann auf die Behandlung und Vorbeugung vieler Krankheiten, wie auch auf die philosophische und soziale Denkungsweis© der Menschheit Einfluß haben. „Aber Sittlichkeit ohne Grundlage des ewigen "und allgemeinen g'ttlichen Gesetzes ist nicht fest fundiert. Aus diesem Grunde führt die Ethikotherapie das religiöse und besonder^ das geistige Moment bei Behandlung und Prophylaxe der Krankheiten ein, indem sie nicht nur den Kranken, sondern auch den Behandelnden zur sittlichen Lebensführung verpflichtet." Diese Sätze zeigen auch denreligiösen Charakter des interessanten Werkes, das, wenn man von den christologischen Partien absieht, auch von uns mit Nutzen gelesen werden wird. E. Die Tondowskis, Eine Familie geht nach Palästina Von Paul Dobranski. Berlin. 1 93 5. Joachim Goldsteins-Verl a g. Der Versuch, Gegenwartsschicksal im Zuge der großen Wandlung, dl« Sich im Leben der polnischen Jttdenheit vollzieht, zu schildern, ist an diesem Roman noch nicht ganz gelungen. Die Bilder halten zwar den Leser in Spannung, um so mehr, als sie sich auf dem Boden dreier Erdteile abspielen. Das Geschehen ermangelt auch nicht der Dramatik. Aber die Motive sind matt, 'die Charaktere ohne überzeugende Kraft, Die mondänen Neigungen und Abenteuer von Rahel Glücksmann, ebenso wie die sportlerischen Leistun gen des Helden der Geschichte und erst recht seine Kameradschaftsehe passen sehr wenig zu dem Ernste der Zeit, die den Hintergrund dieser mit einem glück liehen Happy End ausgehenden Erzählung bildet. Als leichte Reiselektüre wird sie aber dankbare Leser finden. E. Garantiert echt. Von Paul Harr is o n. Eine Geseihichte von Bildern und .Antiquitäten, Wien Saturn Verlag. In Leinen 3.75, karton- * niert 2.50. Ein in alle Feinheiten des Kunsthandels und in die Raffiniertheit. seiner Nutznießer Eingeweihter lüftet lachend oder auch bitter die Schleier vor den Mysterien des Geschäftes auf diesem nur wenigen bekannten Gebiete, Aus barock anmutenden Bildern von der Art Dickens entwickelt sich eine Kriminalge schichte. Wir schauen in 'die seltsame Welt, denen wertvollste Ware alte Bilder, deren Bewohner skurrille Menschen, die sich vor allem auf undurchsichtigen Auktionen zusammenfinden. Eine humorvolle und spannende iHochstaplergeschichte, die allerdings mit dem Judentum nicht das Geringste zu tun hat. E. Der Herr von Paris. Von Alexander Lerne t - Hole nia. Erzählung. Wien — Leip.zig —'■ Zürich. 193 6. Herbert R ei c h n e r V e r- 1 a g. Preis Mk. 2.—. Die Erzählung spielt in der Zeit der großen Revolution in Frankreich. In der Art, die Atmosphäre der Gesellschaft kurz vor Ausbruch der blutigen Wirren, das Paris der Robespierre, Danton und M'arat, iauf wenigen^ Seiten zu schildern, und das alles im Hintergrunde eines Idylls abrollen zu lassen, die Feinheit der Danstellungsmittel, die -Technik der Unterstreichung und des Verschweigens, die einander ablösen, das alles verrät die kunstvolle Hand eines Meisters. Mit jüdischen Motiven freilich hat die Erzählung nichts zu tun. Schließlich aber ist die Erinnerung an die 'geheimnisvollen Gänge geschichtlichen Lebens auch für uns <von Bedeutung. Rede auf Oskar Strnad. Von Joseph Gregor. Wien, Leipzig, Zürich. Herbert Reichner Verlag. Pr. Mk. 1.50. Der Oesterreichische Werkbund veranstaltete im Dezember 1935, drei Wochen nach dem Tode des Architekten Oskar Strnad in Wien eine Gedenkfeier, wobei Gregor eine feinsinnige Rede hielt, worin er den Zwiespalt im Leben dieses ungewöhnlichen Menschen aufzeigte, der, zunächst Architekt, seine Kunst dem Theater und schließlich diese« dem Film opfern mußte. Die Rede ist 'ein schönes Denkmal seiner Persönlichkeit. Moses Ibn Esras, weltliche Lieder. Herausgegeben ■ von Gh. B r o d y. I. Band Diwan, Gürtelgedichte, Briefe, Anaksbuch. Berlin. 1935. Schocken Verlag. In einem wunderbar ausgestatteten Buch, in herrlidhem Druck, erscheint dieses Werk zur rechten Zeit, um unseren Blick auf jene zweite «große Blütezeit jüdischen Dichtens und Lebens in Spanien zurückzuwenden, in der die Seele unseres Volkes sich zu ungeahnter Weite erhob. Eine Ahnung von dem Reichtum jener Schaffensperiode vermittelt' uns das angezeigte Buch mit seinen 404 Seiten, auf denen nur ein Bruchteil von Iben Esras Liedern Platz finden 'koaint-e. Einsamkeit und Gern eins chaftSgßfÜhL tiefgeistiges Streben und Schmerz über Mangel am Not-wendig-, sten, dankbares Glücksempfinden und bittere De-- pression, für alles findet Iben Esra in der Sprache, die uns jahrhundertelang nur zum Ausdruck stereotyper Wendungen geeignet schien, die persönlichsten Worte. Wieviel Bitterkeit liegt in« den Worten: Wenn ohne Grund 'die Freunde mich verlassen, Sein Herz ein jeder mir verschließt, Wenn die mir Nächsten mich im Stiche .lassen, Dann sagen sie im Fliehen: G'tt verstieß. An solchen kleinen Vierzeilern, fast noch mehr wie an den großen Gedichten enthüllt sich erst die Elastizität der hebräischen Sprache. Dem Herausgeber und dem Schocken-Verlag gebührt besonderer Dank für die Herausgabe und Ausstattung dieser Gedichte, vor deren jedes das Versmiaß gesetzt ist und denen ein übersichtliches Verzeichnis nach den Anfangsworten eines jeden Gedichtes, alphabetisch geordnet und ein Verzeichnis der Adressaten beigefügt ist. /; E. D'pnsb Von Rabbiner Dr. J. J. Weinberg, Erster Band. Wa r s c h a u. Verlag der „ F r e u n d e von Aga da und Drusch". Ein stattlicher Band von über 400 Seiten, der sich als erster Band bezeichnet, liegt vor uns. Dr.' J, J. Weinb erg, der derzeitige Rektor des Berliner Rabbinerseminars, ist als hervorragender Talmudist in Deutschland sowohl wie im Osten bekannt. Als Denker und. Rhetoriker, als religiöser Schriftsteller von Geist und Gedankentiefe, nicht zuletzt als H e - braist, der in einer Kombination von rabbinischem und Neuhebräisch seinen Gedanken beste Form zu geben weiß, lernen wir ahn in diesem Bande kennen. Er enthält Ansprachen, Vorträge, Gedenkreden, Aussprachen (in der Jeschiwa unter „Schmuesen" be-v kannt) und Betrachtungen auf allen Gebieten des jüdischen Lebens und Denkens. Israel Salanter, Rabbi Abraham Elie Kaplan, Rabbi Chanoch Ehrentreu, der Lubliner Raw, der Gaon von Slabodko-- Hebron, Rabbi M. M. Epstein und — etwas, weiter zurückgegriffen _ — Rabbi Elie Chajim Meisel in Lodz u. v. a. leben in geistvollen Artikeln vor uns auf. Es sind keine gemeiniglichen Hespedim, sondern Lebensbilder, die große Menschen und ihre Zeit widerspiegeln. - Rabbiner, Prediger und Männer, denen das öffentliche Reden zum Metier öder zur Passion gehört, finden darin dreißig Abhandlungen und Ansprachen zu allen Feiertagen und allen freudigen Familienanlässen. Der mit oman bezeichnete zwiete Teil bringt allgemeine 'agadische Aufsätze von wertvollem Gsdankengut und die nnwra im dritten Teile Betrachtungen philosophischer und apologetischer Natur. Es ist ein Buch zum Lesen und zum Lernen, das uns Kenntnisse und Anregungen vermittelt, die unsere geistige Substanz bereichern. —tz. -rn v>vn am» n-w- Von Rabbiner , M. Kirschbaum, Frankfurt a. M. Herausgegeben in Lub- 1 a n und in Warschau. Durch 'dieses rrw-Werk ist die Responsen-Literatur wesentlich bereichert worden. Eine Fülle wertvoller halachischer Gedanken sind in den Abhandlungen enthalten. Wie der Verfasser in seinem Vorwort bemerkt, sind darin auch halachdsehe Antworten der bekannten nabbinischen Größen und Autoritäten wie Rabbi Schlome Kluger, Rabbi Josef Enoch, Rabbi Jizchak Danzi.g und Rabbi Meier Arak wiedergegeben, deren Meinung und Entscheidung von der jüdischen Gelehrtenwelt stets beachtet wurde. Der Autor behandelt im ersten Teil sehr weitausholende allgemeine jüdische Fragen, die teils .als Antwort auf die an ihn gerichteten Fragen gelten, teils aber nur als Problem aufgeworfen werden, ohne daß ein endgültiges halachische« Rs<eultat e<rzielt wird. Der zweite Teil umfaßt schon zeitgemäße Themen, die mehr Interesse erwecken. So wird 'die Frage/ ob ein sabbatentweihender Kohen zu d'B3 nnrtM zugelassen werden darf, oder ob die Ras&ermaschine neuester Konstruktion p*mn &"V einwandfrei benutzt werden darf usw. besprocheni Interessant ist der von R. Josef Engel ^"ST für die Kriegszeit gegebene ">n»n von Hülsenfrüchten am Pessach. Bemerkenswert ist auch, daß das "iso keine rabbinische Autorisation (nnaon) aufweist, was um so mehr auffällt, da nach dem Beschluß der Rabbinerversammlung vom Jahre 1603 (veröffentl. d. Rabb. Dr. M. Horpvit/ Vsr im Jahresber. d. Religionsschule 1897) ausdrücklich verboten wird, ein "ISO ohne Genehmigung erscheinen zu lassen. So schreibt auch der o*n in S"D ''0 pbn, daß es unrichtig sei, ein ISO ohne noaon von .drei Rabbinern dem Druck zu übergeben. Uebrigens scheint uns der Verkaufspreis von Mk. 8.— für unsere Zeit der Not etwas zu hoch. Immerhin offenbart der Verfasser darin seine große talmudische Belesenheit -und seine vortreffliche Methode, ein halachisches Problem von der Quelle bis zu den spätesten Dezisoren zu behandeln. Ben Ami. SriD^Ö fQ1P* Von Boas B i s c h o f s we rd e r. Es liegt uns ein Heft I von genanntem Komponisten, welcher früher in Berlin als Chasan amtierte und sich jetzt'in London in .gleicher Position befindet, vor. Im Vorwort erklärt der Komponist, was er eigentlich mit dem Inhalt dieser Rezitation für den Freitag-Abendg'ttesdiensit bezweckt. Auf 'diese 62 Nummern näher einzugehen, hat für unseren westeuropäischen iNussaoh keinen besonderen Zweck, da diese Rezitativien lediglich und ausschließlich für die Gewohnheiten der östlichen Judenheit angepaßt sind. Wenn auch diese Art dort auch schon als überlebt angesehen werden darf, so hat der Komponist manche guten Einfälle und sind dieselben auch ^-westeuropäischen Ohasonim zu empfehlen. Jedenfalls würden wir Bischofswerder, der an sich über gute kompositorische Fähigkeiten verfügt, empfehlen, in Zukunft seine Schöpfungen auf modernere Basis zu stellen. A, K.