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Der Israelit · 1936-05-26 · Heft 22 (26.5.1936) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 22 (26.5.1936)
Date
1936-05-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum / Begründet von Dr. Lehmann in Mainz Frankfurt a. M. 26. Mai 1936 5. Siwan 5696 Nummer 22 Wir zählen die Tage und die Wochen Wir haben dieses Jahr wieder, wie schon so oft in der Geschichte in den Tagen der Maienblüte, unter Tränen gezählt. Man zählte in banger Erwartung 'die Tage und die Wochen, zählte die Zahl der Toten und Verwundeten in Erez Israel, zählte die neuen Tropfen, die in den Tränenkelch der jüdischen Geschichte flössen. Alte Bilder aus biblischer Zeit, aus „den Tagen, da da richteten die Richter," lebten auf. Midjans, Amaleks und der Philister wilde Scharren zogen — und ziehen noch — sengend und mordend durch 'die Lande, vernichten jüdisches iLeben und jüdisches Gut,, stecken jüdische Felder in Brand. Die Seftrozählung ist zu Ende, das Pest des Sinai beginnt. Wird auch die blutige Bilanz der letzten Sefiroh uns neue Wege .zum Sinai weisen?; ■ , -......., ^; i;^ Schowuaus ist das Fest der Thora und der B i k k u r i m. Am Sinai wurde unter Donner und Blitz unserem Volke mit dem Gesetze der Lebensodem eingehaucht. Es zieht das Volk mit dem ersten Ertrag seines Bodens in den heiligen Tempel, um auch dem Boden diesen Lebensodem -zu sichern. Thora und B o d e n! Sie gehörten bei uns, wie kaum bei einem anderen Volke, izüsammen. Jahrtausende schön ist uns die Heijnät genommen, der Boden unter den Füßen entzögen, und wir lernen immer noch idie G e s e t ze d es Bodens, sehen immer noch, in den- Vor; :Schriften über Schemata und Jowel, Trumah imd .Masser eine lebendige Realität, die sofort wieder in Kraft tritt, sobald Israel im Lande G'ttes auch die territoriale.Heimat wiedergefunden hat. Auch in der trüben Ri c h t e r z e i t, die uns das liebliche Bild Ruth vor Augen zaubert, wußte man genau um diese G e m e i n s c h a f t von Thor a und B od en , von „Glaube und Heimat". Boas kommt aus Bethlehem und grüßt :seine Arbeiter: ü^yipJl.tD'öy Tl ..G'tt mit Euch, ihr Schnitter!" Was ist mit diesem kurzen Gruß nicht alles gesägt, für den Charakter des jüdischen Volkes, für seine Verbundenheit mit dem Böden, für Leben und Lehre! Wenn G' t1 h e i und mit den Schnittern i s t, so kann der reichen Tränensäat nur eine Ernte in Jubel folgen. .In der Erkenntnis, daß G'tt von seinerheiligen Stätte über den Böden wacht und dem jüdischen Felde den Tribut abverlangt, kann die Erdenschwere den Landmann niemals so zu Boden herabziehen, daß er den Blick für den Himmel verliert, ist die Scholle gleichsam Trägerin des G'ttesgedankens. Ließen sich Israels Söhne nur einmal einfallen, es beim Bau der Felder - und Häuser, der Städte und Dörfer bewenden zu -lassen, da wurden sie rasch genüg daran erinnert, daß sie Thora und Böden nicht auseinanderreißen können, ohne selbst auseinander zu fallen. Philister und Midjaniter ziehen mit der Brandfackel -durch die Lande .... „Eine Stimme wird in Ramah hörbar, Rahel weint um ihre Kinder! . . ." Wir haben in den Sefirohtagen dieses Jahres mit ihr geweint. Aber lesen wir weiter im Texte: Mutter Rahel weint dreifach tTTnan "»Da "»na« Tränen bringen aber Entspannung; wo geweint wird, werden die Tränen auch getrocknet und der Trost ist nahe, wie der Regenbogen nach der Entladung der Elemente. Allein Qflinb fUX»' untröstlich bleibt Mutter Rahel by> wenn ihre Kinder da sind und Er, G'tt, nicht unter ihnen ist (nicht DJ,K' sondern l^x)- Aeußere Stürme werden sich legen, Mutter Rahel wird im erneuten Mutterglüok jubeln. Vergeblich müßten wir aber nach Trost suchen, wenn die Söhne ohne G'tt bauten und Thora und Boden auseinanderfielen. Lernen wir, das Fest der Thora zugleich zu einem Festerer B o d e n f r ü c h t e z.u machen und die ersten Bodenfrüchte, das reale Leben, wiederum an die Thora heranzutragen, (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: v Der „Kleinkrieg" in Palästina . . . . Seite 2 Der Hafen in Tel Awiw...... Seite 2 Die neue Schedule ........ Steine und Menschen....... . Seite 3 Die Arbeit des Z. A. Von Rabb. Wolf S. Jacobson . Seite 4 Bezirkstagung der Agudas Jisroel . . . Seite 6 Antisemitische Ausschreitungen in Polen Seite 7 Palästinaberichte....... Seit« i 8 und 9 Agudistische Jugendheime .... Seite 10 Beilagen: Literarische Warte Aus Welt und Leben (illustr.) Kinderecke. Auf Eine jüdisch-politische Zeitbetrachtung« Schwere Wolken bedecken den europäischen Horizont. Zwischen Furcht und Hoffnung schwankt das Empfinden aller derer, die in dem Ideal eines auf Rechtsächtung und „kollektive Sicherheit" gegründeten Völkerbunds nicht eine Kulisse zur ungenierteren Fortsetzung des alten Spieles um Macht und nationale Selbstvergrößerung, sondern das Heraufdämmern jesajanischer Geschichtsideale in der Welt der Wirklichkeit erblickt hatten. Zunächst hat wieder einmal der auf Tanks und Giftgase gestützte stärkere Wille triumphiert und die Parole heißt: allgemeine Aufrüstung, die niemand wünscht, und der die Völker bei all ihrer scheinbaren Souveränität dennoch als übermächtigstem Zwange unterliegen. Wann kommt der Messias? Das fragt eine bei allem Schein höchster Macht-' entwicklung in ...Ohnmacht sich windende hilflose Menschheit. Und in ihrer Mitte fragt es, verzweifelter als je zuvor, jenes kleine, ohnmächtigste, landlose Völkchen, das «nicht nur das jesajahische Gesohichtsideal, an dem sich die Völkerbunddiplomaten noch immer /die Zähne ausbeißen, der Menschheit geschenkt, sondern ihr auch die mächtigste seelische Gegentriebkraft. gegen alle uferlose nationale Selbstvergötterung eingesenkt -hat: das Christentum. In der unvergleichlichen, aus normalen Geschichtsfaktoren kaum zu erklärenden Not, in der sich heute das jüdische Volk befindet, vergißt dieses nur allzuleicht, daß sein Bedürfnis nach messianische/j' Erlösung letzten Endes nur dem Grade und der Unmittelbarkeit nach verschieden ist von demjenigen, das für alle Völker der Erde —ihnen selbst bewußt oder unbewußt — charakteristisch ist. Es mag sich ein Volk — wie beispielsweise im Augenblick das italienische — vorübergehend berauschen und betäuben an der rücksichtslosen Selbstbefriedigung des nationalen Wollens und sich dabei glücklich fühlen bis zur Ekstase; die Ernüchterung kann nicht ausbleiben, sobald der unvermeidliche Zusammenstoß mit ebenso mächtigen feindlichen Willensimpulsen erfolgt oder die Realitäten der wirtschaftlichen Desorganisation der Kulturmenschheit den Sieger unsanft aus nationalen Rauschträumen aufwecken. Wir sind also allesamt unglücklich und in einen Krampf hoffnungslos scheinender Krisenbekämpfung verstrickt — die Völker so gut wie das jüdische Volk. Aber in einem Punkte scheinen wir uns grundlegend zu unterscheiden: das jüdische Golus in seiner die ganze Erde umspannenden Ausdehnung .und der absolute Mangel an einem Fleckchen Erde, auf dem sich unbestritten und ungefährdet jüdischnational es Lebenentfalten könnte — diese beiden Tatsachen zusammengenommen stempeln den Fall ,,Israel" zu einer schlechthin einzig (Fortsetzung siehe Seite 3.)

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