Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 20 (14.5.1936)
- Date
- 1936-05-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wüqy Israelit J 1Hl\-----------/yi Frankfurt a. M* 14. Mai 1936 22. Ijar 5696 I Nummer 20 Ein Mahnruf der flgudas Jisroel in Erez Jisrosl an die Golah. Ein Mahn- und Weckruf der Agudas Jisroel in Erez Jisroel an die Golah hat folgenden Wortlaut: „Der Jischuw in Erez Jisroel ist wieder schwer getroffen worden. Haß und Hetze haben Opfer an jüdischen Menschen und jüdischem Eigentum gefordert, und, die Feinde der jüdischen Sache sind noch am Werke, um das jüdische Haus, gänzlich zu vernichten, um das mit Schweiß und Tränen derer im Lande und in der Golah -errichtete Werk ganz in. sich zusammenfallen zu lassen. Ohne nur im Geringsten einen mildernden Umstand für die verhetzten Mordbrenner, die, von den niedrigsten Trieben geleitet, auf Zerstörung und Verwüstung ausgehen, zu suchen, dürfen wir doch auch die sich darin ausdrückende Sprache der G'tteswaltung nicht überhören und den Fingerzeig G'ttes nicht unbeachtet lassen, um einen Wandel der g'ttlichen Waltung zum Guten zu bewirken. Wir wollen uns auch in dieser ernsten Stunde nidht verhehlen, daß das Herz des gesetzestreuen Juden, bei aller dankbaren Bewunderung des stets wachsenden Jdschuw, sich oft in Schmerz zusammenschrumpfte, wenn er den Jischuw in Bahnen sah, die weitab *rqn der Aufgabe Israels im Lande Israels Hegen. Unsere heilige Thora, die uns kündet und immer und immer wieder einschärft,, daßsie und nur sie das Richtmaß für den Aufbau des Landes sein kann und daß, nach dem Psalmworte, alle Mühe im Hausaufbau vergebens sei, wenn G'tt das Haus nicht baut, klagte bei diesem Wachstum der Häuser und Felder, der Städte und Niederlassungen, und ihre Klage fand ein Echo in unserer Seele. Dieser Zustand konnte nur daher kommen, weil das gesetzestreue Judentum, das bereits vor über hundert Jahren das Fundament für den Jischuw gelegt hatte, später die Augen schloß "vor seiner weiteren Entwicklung, was dazu führte, daß die jüdischen Menschen, die in den letzten Jahren, ohne Zweifel vom Willen . der höheren Vorsehung getrieben, nach Erez Jisroel kamen, in die Obhut von Juden genommen wurden, die der Thora und Emunah fremd gegenüber stehen. Auf diese Weise wurde der Aufbau Erez Israels stark materialisiert. Die Arbeit stand unter dem Molto; „Meine Kraft und die Macht rheiner Hand haben mir all dieses erworben!" oder „Israel gleich allen Völkern! . . ." Nun da schwere Leiden über uns und über das Land kamen und die Aufbauarbeit wiederum auf eine harte Probe gestellt ist, so ruft uns G'tt damit an, in' uns zu gehen und die Fehler gut zu machen. Es ist Zeit, daß das gesetzestreue Judentum in seinen Massen sich dem Lande zuwendet, daß das Judentum der Thora Kelle und Richtmaß in die Hand nimmt und darüber wacht, daß Erez Jisroel aufgebaut werde im Sinne der Thora und Tradition, und der Bau in seinen Grundfesten so stehe, daß die Feinde von außen ihm nichts anhaben können. In diesem Sinne fordern wir hier das gesetzestreue Judentum der ganzen Welt auf: Scharet Euch um den Aufbau des heiligen Landes, reiht Euch in die Front der Olim und Bonim ein! Es komme zu uns, wer (kommen kann, wer sich aber noch an die Länder des Galuth gebunden fühlt, helfe uns mit aller Kraft beim Werke der Aufrichtung und Neuerweckung des Landes. Und wenn wir mit G'tt bauen, wird unsere Mühe zum Segen gereichen und unser Weg geebnet sein bis zum letzten leuchtenden Ziele. Unsere Antwort auf die blutigen Ereignisse soll in der Rückkehr zur Quelle der jüdischen Heiligkeit bestehen, in der Steigerung.der Kräfte und des Willens für Erez Israel." Der Aufruf ist unterzeichnet von der Zentrale der Agudas Jisroel in Erez Jisroel mit dem Sitze in Jerusalem. Aus dem Inhalt: Die neuesten Berichte aus Palästina Seite 2 u. 6 Von MacDonald bis Malcolm . . . . Seite 2 Die Weltkongreßfrage .....Seite 2 Agudas Jisroel und Jewish Agency . Seite 3 Zur Schwuausaktion 5696 des Keren Hatorah Seite 3 Die Sorgen der jüdischen Gemeinden Seite 5 Eine imposante Konferenz der Wiener Judenheit ...........Seite 5 Die Fleisch- und Milchgesetze in Polen Seite 6 Palästinaanfragen im Unterhaus . Seite 2 u. 7 Aus den Orts- und Jugendgruppen der Agudas Jisroel .............Seite 8 In einem Teile der heutigen Auflage wurde als Ueberschrift zum Artikel „Zur Schwuausaktion des Keren Hatorah" durch Versehen in der Druckerei „Keren Hajischuw" statt „Keren Hatorah" gesetzt. Der Leser -wird schon aus den ersten Zeilen ersehen, daß hier eine bedauerliche Verwechslung vorliegt. Erziehung der Eltern? Ein palästinensisches Problem. Von Dr. med. Arnold Merzbach. I. Wer den Anzeigenteil der jüdischen Zeitungen aufmerksam durchliest, hat sicher schon längst die freudige Beobachtung gemacht, daß unsere nach Palästina verpflanzte Jugend sich frühzeitiger und unbeschwerter als früher die Hand zum Bunde fürs Leben reicht. Als Beweggründe dieses Willens zur Zweiheit stellen sich zweifelsohne zuerst die altjüdischen Forderungen der Familiengründung und der Erzieheraufgabe — in einer religionsfernen Gemeinschaft und in einem in Gestaltung begriffenen Milieu besonders bedeutsam —dar. Aber der Tief erschauernde empfindet auch das Vorhandensein persönlicher, meist unbewußter Impulse bei diesen jungen Ehewilligen. Es ist die konkrete Arbeit, welche die Einzelnen zusammenschweißt, es ist das A n 1 e h n u n g s - b e d ü r f n i s noch unfertiger Persönlichkeiten, welches sie seelisch zueinander bringt, es ist das Erlebnis des Landes, welches die Herzen insgesamt aufschließt, und es ist schließlich der Ablauf harter Tage, welcher dem Verstände die Notwendigkeit eröffnet, Kurz: diese Ehen, die da von jungen Leuten — meist Gleichaltrigen — geschlossen werden, sind Ehen der Kameradscihaft. Nicht die romantische Liebe, nicht die realistische Vernunft stehen hier Pate, sondern ein neuer Geist des „wir zwei für alle, sie alle für uns zwei." Letzten Endes kann ich nicht umhin, mich der Vorstellung hinzugeben, als ob diese Ehen trotz aller ihrer tatsächlichen Erfreuliohkeit gestaltsmäßig Typen ehen seien; vielleicht ist das Wort „Kollektiv-Ehen" deutlicher? Diese Ehen mögen die besten werden, für das Milieu des Landes und für die Partner selber. Aber in gewissem Sinne ist man zur Furcht berechtigt, daß, vom Standpunkt der Forderung nach geprägten Individualitäten aus, diese Ehen unpersönlich, uniformiert, geradezu langweilig werden könnten — wenn die Ehepartner ihrerseits mit dem Wachsen des geistigen Niveaus ihrer Umgebung zugleich nicht auch selber in der Schärfe ihrer Persönliclikeitsstruktur zunehmen. Dann aber freilich wird die noch größere Gefahr entstehen, daß die Partner sich — aus einanderentwickeln, oder gar daß sie sich gegenseitig überflügeln. Die Beobachtung, daß schon heute in gewissem Sinne manch junger Mann in dem gleichaltrigen, doch reiferen Mädchen seine Mutter heiratete, wird gerade uiese letztgenannte Gefahr nicht allzu gering erscheinen lassen. Man wird sehen, (Fortsetzung siehe Seite 3.)