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Der Israelit · 1936-04-03 · Heft 14-15 (3.4.1936) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 14-15 (3.4.1936)
Date
1936-04-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurt a. M. 3. April 1936 11. Nissan 5696 Nummer 14/15 Pessach 5696. Auch dieses Jahr trifft uns das Pessachfest in einer Stimmung, die gewiß nicht der Jesajanischen Vision vom Frieden auf Erden entspricht. Noch sind die Völker, die jenseits des Kanals und in Genf die Zukunft Europas schmieden, weit davon entfernt, Kriegswaffen in Ackerbaugeräte umzuschmieden. Und richten war den Blick nach innen, so stellt uns der Sederabend 5696 vor manche Fragen, die im alten nanCJ na nicht enthalten sind und auf die eine Antwort die Haggada unserer Geschichte nur in enger Verbindung mit unserer tausendjährigen Pessachhoffnung geben kann. In Deutschland wurde in diesem Jahre die Emanzipation aufgehoben und idie Dissimilation der Juden vollends durchgeführt. Aber mit •der klaren Scheidegrenze wurde für diejenigen Juden, die noch hier bleiben wollen und müssen, ein in all seinen Teilen übersichtlicher L e - hensraum geschaffen, innerhalb dessen sie sich religiös und kulturell auf ihre jüdische Art betätigen können. Eine große Zahl ist seit dem letzten Jahre auf der Wanderschaft und eine noch größere Zahl wird auswandern müssen. Mit der Regelung' der Auswanderung befassen sich berufene Instanzen und Personen. Daß sich diese Bemühungen und Hilfsbestrebungen für die Einzelnen, die nach dem Wanderstabe greifen müssen, noch nicht in dem Maße ausgewirkt haben, wie wir es gerne wünschten, zeigt nur, daß die Tragik des jüdischen Galuth stärker ist als menschliche Kraft und menschlicher Wille. Im inneren jüdischen Leben Deutschlands geht ein Winter der grandiosen Bruderliebe zu Ende, die den Gegenstand der Bewunderung der gesamten jüdischen Welt ist. Das J ü d i s c h e W i n t e r h i 1 f s w e r k, zum ersten Male separat organisiert, zeigt, daß das KanV Xn mit seiner Aufforderung: ,,Wer hungert, komme und esse!" keine leere Formel ist, sondern eine jüdische Parole, der sich keiner entzieht. Anderswo in der Welt tritt das Judentum voller düsterer Sorgen das Fest der Befreiung an. In Polen wurde just in diesen Tagen der Kampf um die Schechita abgeschlossen, mit einem ganz geringen Teilerfolge für die Juden, der .ihnen ebenfalls, besonders in der Provinz, leicht illusorisch gemacht werden kann. Andere unerfreuliche Erscheinungen, sogar ein kleiner Pogrom, traten ganz in den Schatten jener Abwehrereignisse. Auch aus Rumänien kommen widersprechende Nachrichten über die Stellung von Regierung und Volk gegen die Juden. Die Hauptsorge des jüdischen Volkes dreht sich aber um Israels Land, „das letzte Tor der jüdischen Hoffnung", wie es ein-englischer Parlamentarier dieser Tage im Unterhaus genannt hat. Ein Tor der Hoffnung, und die Tore sind geschlossen . . . Fragen, die erst in den letzten Wochen und Monaten Aktualität erhielten, wie Legislative Council, Einwanderungsbeschränkungeu, Bodenverkaufsverbot, belasten unsere Erez Israel-Haggada. Allein Pessach ist das Fest der Hoffnungsfreude und diese steigt am reinsten aus dem schwarzen Boden der Realitäten auf. Wir brauchen heute diese Hoffnungsfreude mehr denn je, darum soll sie das Pessachfest auch ungetrübt bringen. Wenn man aus der heiligen Stadt Jerusalem hinausfährt, am Oelberg vorbei, sieht man ein zugemauertes Tor. „Durch dieses Tor," sagen die Araber, ,,soll Moschiach, der Erlöser der Juden, kommen in den Tagen des Pessachfestes. Darum haben wir das Tor zugemauert, auf daß er nicht durchkomme." „ ,,Er steht aber hinter der Mauer," sagen die Juden, „und wartet. Und wenn es Zeit ist, so berührt er nur mit einer Hand die Wand und sie bröckelt bis auf den Grund ab. Und Moschiach ist da, für alle! . . ." Echte Pessachhoffnung, aus dem Tiefsten der jüdischen Volksseele erblüht. Waffenlos kommt Moschiach, ohne Panzer und ohne Legionen. Er bröckelt nur die Mauer ab, die Mauer des Hasses, der Vorurteile, die zwischen Brudervölkern aufgeschichtet sind. Und ist diese Mauer abgetragen, so beginnt die Arbeit des Friedens in Israels Land, und das Werk des Friedens in der Welt, das goldene messianische Zeitalter-für uns und für alle.! Aus der Haggada der Zeit. ,,Es sagt Rabban Gamliel: Wer diese drei Worte nicht ausgesprochen hat: ("Tnai nxa nOö) hat seine Pflicht nicht erfüllt." Daß man klar und deutlich ihren Sinn ausspreche und nicht allein die drei Symbole auf den Tisch lege, wünscht der" große Rabbi. Daß man zu und von den toten Dingen, die auf dem Sedertisch liegen, auch spreche, ihnen durch die Sprache Leben einhauche, Sinn und Inhalt gebe, ist die Pflicht des Abends. Ziehen wir die Zeit als Kommentar zu den Pessächsymbolen heran, ohne ihnen damit ihren ewigen Wert auf großer Linie zu nehmen. Wie sagen wir es heute unseren Kindern? / I. Pessach (heute der leere, angebrannte Knochen) kündet, daß G'tt an Israels Häusern vorbeischritt, als in jener Nacht der Schrecken und der Erlösung der Tod durch Mizrajims Gassen wandelte; daß damals, da aus den Häusern sich die Totenklage erhob, „unsere Häuser gerettet wurden," V'XH fiKV In der folgenden Geschichte sind Not und Tod am jüdischen Hause am wenigsten vorübergegangen. Sie hatten, im grauen Altertum wie im düsteren'Mittelalter, von der römischen Machtperiode bis zu'den Kreuzzügen und den späteren Verfolgungswellen, sogar zumeist das jüdische Haus als einziges Ziel. Aber „unsere Häuser wurden gerettet" Auf dieses Moment haben wir am Sederaben4|.!die? Betonung zu legen. Wo und wie es auch geschah, das jüdische Haus wurde gerettet. Wenn Midrasch in unvergleichlicher Kenntnis von Seele und Sein des jüdischen Volkes im ersten Satz M. II das ltfn imi unterstreicht und darauf hinweist, daß die Jakobsfamilie mit dem Hause, das sie nach Mizrajim brachte, schon das erste sicherste Moment der Erlösung ins Galuth mitnahm, so ist es eine Beobachtung, die für alle Zeiten gilt. Das Familienzelt war nur hier abgebrochen, um an anderer Stelle aufgeschlagen zu werden. Das Haus blieb Haus und das jüdische Leben versickerte nicht. Das Haus war gerettet und mit ihm das Volk! Und heute? „Jude auf Wanderschaft" heißt die Neuauflage unseres Geschichtsbuches. Der Jugend war früher schon oft die Heimat zu eng, so daß sie zum Wanderstabe griff. Und viel Kraft wurde Altisrael entzogen dadurch, daß vereinzelte junge Menschen in der weiten Fremde die Verwurzelung mit der jüdischen Heimat verloren. Heute wandern Familien und nehmen die Häuser mit. In den Zelten, ob sie' in Erez Israel oder Nordamerika oder Argentinien und Brasilien aufgepflanzt werden, hängen die alten Heimatbilder an den Wänden und sie werden lebendig und singen mit, wenn die alten Heimatlieder am Freitagabend oder in der Sedernacht ertönen. Darin kann ein Trostmoment liegen, eine Erlösungsgarantie, wie bei der Uebersiedlung der Jakobsfamilie nach Mizrajim, die sich immer noch als altes J a k o b s h a u s fühlte. Wie in früheren Jahrhunderten bitterster Not — das auszuspre- (Fortsetzung siehe Seite 3.)

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