Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1936)
- Date
- 1936-03-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^^^^^^^^^^^^^^^^pB^^^^^^§^^^^^ Seite 14 Nr. 11 Der Israelit 12. März 1936 Mittags um 12 Uhr fand in der Alten Synagoge, Heidereutergasse, die Seelengedächtnisfeier für die verstorbenen Mitglieder der Chewra statt, wobei Dr. Link auch derjenigen in pietätvoller Liebe gedächte, deren Gräber von ihren Angehörigen infolge des Wandels der Zeitverhältnisse nicht mehr besucht werden können. Zu Ehren der fastenden, aktiv-tätigen Mitglieder, die das ganze Jahr hindurch den schweren Dienst bei Sterbenden und Dahingeschiedenen selbstlos und hingebungsvoll ausüben, wurde abends ein bescheidenes Brudermahl gegeben, um dessen würdige Ausgestaltung sich besonders Herr R a b a u m mühevoller Arbeit große Verdienste erworben hat. Die Leitung des Abends lag in den bewährten Händen des stellvertretenden Vorsitzenden Dr. Erwin Galewski, der für den würdigen Verlauf des Abends gewissenhaft sorgte. — Nach der Begrüßung der Versammlung durch den Vorsitzenden Schwarz sprachen während der Tafel, außer Herrn Rabbiner Dr. Link, die Herren Rabbiner Dr. Emil Bernhard Cohn, Dr. Neuwirth, Dr. Singermann, Dr. S w a r - sensky und zuletzt in köstlichem Humor Herr James Levy. Auch Herr Oberkantor Davidsohn hat dieses Mal an Stelle seiner Gesangeskunst- «eine Rednergabe in den Dienst des Abends gestellt und spendete dem Vorstand der Chewra für seine vielseitigen Leistungen den einmütigen Dank der Versammlung. Die herrlichen Gesänge der Herren Oberkantoren Ahlbeck, Gollanin, Hoff mann und Neumann umrahmten die ausgezeichnet gelungene Chewrafeier. R, G. Hannover, 5. März. Am 4. März 1936 fand in einem geschlossenen Kreis von* ca. 150 geladenen Persönlichkeiten, darunter die Leitung des Komitees zur Förderung des religiösen Aufbau® Palästinas in Hannover ein Vortrag des Herrn Dr. Ehrmann, des Leiters der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, statt. Der Redner entwickelte den Gedanken der Eigenart des jüdischen Volksbegriffs und der unlöslichen Verbindung mit der jüdischen Religion, die keineswegs eine Privatangelegenheit des einzelnen Juden ist, sondern die tragende Idee des jüdischen Volkstums überhaupt. Von eminenter aktueller Bedeutung ist diese Definition des jüdischen Volkstums für den Aufbau Palästinas. Ein solcher Aufbau ohne die Grundsätze religiöser Kultur, sei im günstigsten Falle ein« leere Hülse, aber in Wahrheit noch viel gefährlicher, denn esi könne leicht eine Verfälschung des ganzen Begriffes Judentum auf der ganzen Welt entstehen, wenn auf heiligem Boden eine Säkularisierung sich breit mache, die im Gegensatz zu dem steht, was die große Majorität aller Juden in Deutschland bewußt oder unbewußt unter Judentum versteht. Redner fordert dann zum Zusammenschluß aller religiös Denkenden zur gemeinsamen Palästina-Aufbauarbeit auf religiöser .Grundlage auf. - Hannover, 3. März. In den bis auf den letzten Platz gefüllten unteren Räumen der Zionloge hatten sich am 26. Februar Mitglieder .und Freunde der Agudas Jisroel versammelt. Ein Mädchen- und Kinderchor der Jugendgruppe 'dieser Vereinigung eröffnete mit einigen schön vorgetragenen jüdischen Liedern den Abend. Herr Julius Löbenstein begrüßte die Erschienenen und erteilte dem Redner des Abends Rabb. Dr. Elie Münk, Ansbach, das Wort. Nach einer kurzen Untersuchung der Werte und Gefahren der Emanzapation fährt der Redner fort: Für einen, der nicht von Hause gewohnt ist, zu lernen, ist es schwer, den Weg zum Judentum zu finden. Es ist unsre Aufgabe, diesen Menschen den Weg zu zeigen. Auch andre suchten den Weg, so der „Vortrupp" unter Führung von Hans Joachim Schoeps. Von Schoeps wird der Liberalismus abgelehnt, aber auch die orthodoxe Lebensauffassung, weil sie „viel verstaubtes durch die Jahrhunderte mitgeschleppt habe". Die „Werkleute" haben sich ehrlich bemüht, den Weg zum Judentum auch innerlich zu finden. Sie, die hauptsächlich aus nichtorthodoxen Kreisen kommen, suchen den Anschluß an die jüdische Geschichte zu finden . . . und zwar durch Einfügung in das jüdische Volksleben, also im wesentlichen in Palästina und durch die Ghaluziut, Sie anerkennen aber nicht die Forderungen der Orthodoxie, denn . . . „es ist nicht zu begreifen, daß die Offenbarung G'ttes nur ein einziges Mal stattgefunden haben kann, und daß sie die Entscheidung für alle Fragen und Probleme vorweg genommen haben soll". — In diesem Punkte gibt es für die Orthodoxie keine Diskussion. Denn für sie steht und fällt damit das ganze Gebäude des Juden tums. Sonst verlöre das Judentum seinen unvergäng liehen Rückhalt. Damit würde die Orthodoxie sich selbst aufgeben. Dann könnte ja jeder handeln nach der ihm selbst gewordenen Offenbarung. Die Werk leute, an Buber geschult, wollen über Buber hinaus, der „Askese und Abstinenz dem Ritus gegenüber aus Ehrfurcht" fordert. •Die temperamentvoll vorgetragenen. Gedankengänge waren frei von Angriffen auf Andersgesinnte. Dieser Vorzug des Vortrags mag freilich manchen enttäuscht haben, 'der eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Parteien des Judentums erwartet hatte. Aber die nicht an den.Kampf verschwendete Kraft konnte dadurch das Bild, das der Redner zu gestalten sich als Aufgabe gestellt hatte, um so vollendeter ausmalen. S. B. Köln a, Rh,, 3. März. Zu iPurim überreichte das Israelitische Kinderheim seinen Freunden einen Album, dessen reizende Kinderbilder das Leben im Heime deutlich widerspiegeln, In einem dem Berichte vorangehenden Aufrufe heißt es u. a.: „Die katastrophale Wirtschaftslage hat die Existenz unserer Anstalt in einem solchen Maße erschüttert, daß wir uns gezwungen sehen, unsere Freunde und Gönner um Beistand zu bitten, um der Gefahr zu begegnen, die Pforten in wenigen Monaten schließen zu müssen. Die hiesige Gemeinde, die uns mit einem Jahresbeitrag unterstützt hat, kann uns im laufenden Jahre, wenn sie ihre kontraktlichen Verpflich- In unserem Verlag erschien in zweiler Auflage: Die Oklt der tiebete m h s n n d b i s> Kommentar 2U den Werktags- und Sabbatgebeten nebft Ueberfetzung uon Rabbiner Dr. 6tie Wunk, Rnsbath i Bond- Die-Werktagsgebete, 29$ Seiten, örofj-uktau, £ flfl I. Ddllftl. Preis in gediegenem Ceinwandband RR U.Uü Der zweite Band, enthaltend die Sabbat- und Tefttagsgebete erfdieint demnächft. Diefes bedeutfame Werk, das in leicht fafjlicher Sprache gründliche wiffenfchaftliche Erläuterung des 6ebetbuches gibt, hat bei feinem erften Erfcheinen fo uiel Rnklang gefunden, dal? die erfre Ruflage bald vergriffen war und in kurier Frtft eine tleuauflage fich als notwendig erwies. RUe. die es früher uerfäumt haben, follten die Gelegenheit wahrnehmen, diefes ßebetebuches teilhaftig m werden, folange der üorrat reimt Das Werk foll in keinem jüdifchen Haufe fehlen. »" 2u beziehen durch alle befferen Buchhandlungen, fowie direkt durch den üerlag unter Hachnahme Verlag des Israelit u. Hernion GmbH., Franklurt-M., Schiilzenslrasse 12 Posischeck - Konto Nr. 19 8 O Z _JI! tungen erfüllen soll, kaum noch einen nennenswerten' Beitrag zahlen. Trotz .aller Sparmaßnahmen, die ohne Gefährdung für das Wohl der uns anvertrauten Kinder getroffen werden konnten, war es uns in denvergangenen Jahren ni cht m ö g I i c h , auch hur annähernd einen Ausgleich zwischen unseren Einnahmen und Ausgäben herbeizuführen, so daß erhebliche Fehlbeträge zu verzeichnen sind. Unsere geringen Reserven werden in wenigen Monaten schwinden, wenn unser Ruf um Hilfe kein Gehör findet. Sollten , wir aber "in die Lage geraten, schließen zu müssen, so würde dies> das Ende eines seit mehr als .40 Jähren dem ganzen Westen Deutschlands dienenden jüdischen Hilfswerkes bedeuten." — Man darf hoffen, daß der Hilferuf nicht verhallt! Aschaffenburg, 3. März. Der Fürsorge-Verein für israelitische Nerven- und Geisteskranke Aschaffenburg a. M. erläßt einen Aufruf, der mit der Bitte „Helft uns! Fördert unsere Arbeit durch reiche Spenden! Verschafft Euch die Genugtuung des Bewußtseins, das schwere Los unglücklicher, armer Kranken gemildert zu haben!" schließt. Möge der- Ruf von allen erhört werden! Bocholt i. W., 6. März. Die nächste Tagung der Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer vom Niederrhein findet statt in Mülheim (Ruhr) am 15. März um 16 Uhr. Basel, 6, März. Montag, den 24. Februar, versammelten sich im Schützenhaus die Baseler und Schweizer Freunde Dr. Isaac B r eu e r s , Agudisten . und Nichtagudiiisten, um diesen in engerem Kreise anläßlich sieiner Uebersiedlung nach Erez Jisroelzu ehren. Herr Max Meyer begrüßte die zahlreich Erschienenen im Namen der Einladenden und der Agudagruppen Basel und übermittelte dem Scheidenden herzliche Worte und Wünsche für die Reise in die altneue Heimat. Dr. Breuer, der seine ganze Kraft für das Erwecken des gesetzesireuen Judentums zu dessen hohen Aufgaben im heiligen Lande eingesetzt hat, verdient es wie keiner, dort jetzt zum Segen der Gesamtheit an seinem eigentlichen Wirkungsfeld zu weilen. Herr M. Herz, Luzem, schloß sich diesen Wünschen im Namen des Landesverbandes an. Danin "ergriff Dr. Breuer selbst das Wort zu einer kurzen, wie gewohnt, tief durchdachten und von reinstem jüdischen Empfinden getragenen Ansprache. Redner wies gleich darauf hin, daß ihn Erez Jisiroel zu seiner entscheidenden Reise treibe, nicht Deutschland, wo noch sehr vieles zu leisten ist. Was in Erez Jisroel sich entwickle und wie dort die jüdische Problematik gelöst werden wird, das wird auch bestimmend für die Golah und sie beeinflussend, für das weitere Schicksal unseres Volkes sein. Der Antisemitismus bis heute ist geboren aus einem vollkommenen Unverständnis der Umwelt für das jüdische Volk, daß dieses überhaupt noch den Willen zur Existenz hat. Zum ersten Male seit der Zerstörung des Tempels bot das jüdische Volk die Chance, das wahre Gesicht zu zeigen, das eigentliche Wesen den Völkern vor Augen zu führen, deren Interesse dafür ja merklich gesteigert ist. Man wird nicht mehr sagen können und man kann es nicht mehr sagen, das Judentum sei zersetzend, parasitär oder . arbeitsscheu. Die jüdischen Arbeiter und Bauern leisten den Gegenbeweis. Das Judentum wird sich bewähren, wenn es inneren Gehalt hat, wenn aber nicht, was G'tt verhüte, würde auch die Golah in Mitleidenschaft gezogen. Der jüdische Bauer darf nicht verbauern; bis jetzt habe er noch geistige Bedürfnissie. Aber die Sorge um die wirkliche jüdische Kultur ist eine unerhörte Aufgabe für alle. Wie aber kann sich unsere Kultur anders gründen als auf die unermeßlichen Schätze unserer Großen, angefangen bei der Bibel. Mit Achad Haam wenigstens noch konnte man unter Umständen reden und diskutieren. Aber die heranwachsende Jugend in Erez Jisroel kennt nicht mehr unsere wahren und reichen Kulturschätze. Mit ihr wird man nicht mehr diskutieren können. Darum ist jetzt eine ehrliche Auseinandersetzung 'unbedingt zu wünschen und notwendig zwischen beiden Richtungen und Menschentype'n, ohne Politik, ohne das Schwert der Macht, Geist hier, Geist dort. Dannwird die Erkenntnis siegen, daß der Sinai wahr ist. Die Formung des künftigen Juden, die Formung des Arbeiters hängt davon ab. Wir brauchen wissende Menschen, die um den Geist (ringen. Auch die moderne Literatur ist nur eine jüdische, wenn sie sich auf das alte, wirklich große Schrifttum stützt. 'Dr. Breuer schließt mit dem Wunsche, daß diesie geistige Auseinandersetzung bald kommen möge, die bestimmt ihren Segen für das Land und die Golah mit sich bringen werde.' Reicher Beifall bewies, daß Dr. Breuer vom Herzen aus verstanden wurde. Ein meisterhaftes 'Klavderspiel von Frl. iDavido witsch und ein gefühlvoll vorgetragenes hebräisches Gedicht .von Frl. Schoo'h et gaben dem Abend einen gediegenen; Rahmen und ließen dann in Gespräch und Vortrag sowie gemütlichem Beisammensein nur allzurasch vorbeigehen. Basel und die Schweiz freuen sich, Herrn Dr. Breuer, dessen Verdienste wir nicht wiederholen brauchen, einen herzlichen Abschied, getragen von den besten Wünschen, gewidmet zu haben. —n.