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Der Israelit · 1936-03-12 · Heft 11 (12.3.1936) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
77 (1936)
Issue
Heft 11 (12.3.1936)
Date
1936-03-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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i&üRim Frankfurt a. M, 12, März 1936 18. Adar 5696 Nummer 11 Vor der Entscheidung in der Schechätaangelegenheit in Polen. Die V e r f a s s u n g s k o m m i s s i o n , an •die der Schächtverbot s antr'ag für Polen überwiesen wurde, bat am Donnerstag das Projekt a n g e n o m m e n , Sejm un d R e g i e - r u n g werden demnächst die letzte Entscheidung treffen. Die polnische Judenheit lebt zwischen Furcht und Hoffnung. Ueher den Gang der Verhandlungen in der Kommission erfährt man folgendes: G e g e n das Projekt stimmten nur drei Mitglieder, und zwar neben dem jüdischen ICommissionsmitglied Dr. Sommerstein hoch zwei ukrainische Abgeordnete. Einem schriftlichen Protest von Rabbiner Rubinstein, in dem er auch erklärte, auf Erstattung seines Gutachtens verzichten zu wollen, und einem mündlichen des Dr. Sommerstein hielt der Vorsitzende der Kommission entgegen, daß „die Gewissensfreiheit ihre Grenzen in den Staatsgesetzen hätte". Die Initiatorin; Frau P rystor, war, obwohl sie der Kommission nicht angehört, anwesend und hielt eine über das Projekt hinaus scharfe j u d e n f e i n d 1 i c h e Rede. „Die Juden," sagte sie, „suchten die Weltmeinung gegen Polen aufzurufen, aber 30 Millionen Polen würden sich den drei MiHionen Juden nicht beugen." Dr. Sommerstein parierte die Angriffe recht geschickt. Als große 'Religionsgemeinschaft, sagte er u. a., hätten die Juden das Recht, ihre Religionsbrüder in der ganzen Welt anzurufen, und nirgendwo sei draußen die Aktion ohne Wissen und Beteiligung der polnischen G e s a n d t s c h a f t s - oder Konsulatsbehörden vor sich gegangen. Aendenungsanträge, in dem Sinne, das Schächten nach der Kopfzahl der Juden einzuschränken, wurden ä b g e 1 e h n t. Auf Anfragen gab der Vorsitzende Auskunft über die St e 11 u n g de r Regier u n g , die keineswegs einheitlich sei. Das.. I nn e n;m.;i n i - sterium: erkläre sich an der, Sache desinteressiert, während das L a n d w irtschafts- und Handelsministerium für das Verbot einträten. Nur das Kultusministerium äußere dagegen Verfassungsbedenken. Aber, so meint der Vorsitzende, dieses Ministerium sei nicht Berufen, die Verfassung zu interpretieren. Nun erstattet der Pater T r z e ci ak sein bekanntes Gutachten, in dem es nicht an Angriffen auf die jüdische Religion fehlte, worauf, gegen den Protest der ukrainischen Abgeordneten, das P r o j e k t an g e n o m m e n wur d e. Inzwischen wurde bekannt, daß der I n n e nminister die Behauptung des Kommissionsvorsitzenden, er sei ani Projekte desinteressiert, entschieden dementierte. Er habe lediglich erklärt, daß das Ministerium zu der Frage noch nicht endgültig Stellung genommen habe. Gleich nach Bekanntwerden des Beschlusses der Kommission hielt das Ko mitee zur Verteidigung der Schechita eine dringende Sitzung ab, die sich bis in die tiefe Nacht hinzog. Es wurde u. a. verlangt, daß sämtliche jüdische P ar 1. a me n t ar i e r sowie die Vorstände aller jüdischen Gemeinden zum Proteste gegen den Beschluß der Kommission ihre Demission einreichen. Im weiteren Verlauf hat der polnische R a b b i n e r v e r b ia n d gleich Anklage gegen' den Pater Trzeoiak wegen Beleidigung der jüdischen Religion, die in mehreren Aeußerungen seines Gutachtens erblickt werden muß, erhoben. Die dem Präsidenten der polnischen Republik, Professor I. Moscicki, und den anderen Regierungsinstanzen überreichte Denkschrift ist von 12.000 Rabbinern unterzeichnet. N (Fortsetzung siehe Seite 2.) Aus dem Inhalt: Die Reichstagswahl.........Seite 2 Ein Schächtverbot in Luxemburg abgelehnt............Seite 2 Die Spiele in den jüdischen Kulturbünden wieder freigegeben......Seite 2 Gegen Judenexzesse in England . . Seite 2 Um die Schechita in Polen . . . Seite 1 u- 4 Die Lehre des Purimfestes. Von Oberrabb. Dr. Carlebach . . Seite 4 Wirtschaftsaufschwung und verschlossene Tore.....Seite 4 Wirtschaftsnachrichten und Berichte . aus Erez Jisroel.......Seite 7 u. 8 Aus den Briefen eines jüdischen Siedlers Seite 9 Kinderecke.............Seite 10 Rabbi Josef Rosin, der Rogatschower Gaon V'ST. Am Morgen des Taanith Esther hat „der Rogatschower" y'XT in Wien für immer die Augen geschlossen; Wer kennt diesen Namen in Deutschland? Sicher nur wenige. Und auch diese Wenigen, die von ihm gehört, seine halaohischen Bescheide oder seine Schriften gelesen haben, werden mit diesem Namen die Vorstellung von irgend einem großen Thoragelehrten verbinden, deren es trotz des Abstieges unserer Generation doch noch soviel gibt, daß der einzelne unter ihnen bei aller t Anerkennung seiner Größe nicht das Prädikat vollendeter Einmaligkeit verdient. Und diese Wenigen werden Lobreden gegenüber eine gewisse Skepsis als notwendig erachten. Wem aber das Glück beschieden gewesen, den Rogatschower V"2T zu sehen, seinen Worten gegenüberzustehen — „hören" paßt hier nicht — und nur wenige Minuten die faszinierende Wirkung seiner Persönlichkeit zu erleben, dem erstirbt das Wort auf den Lippen und der sieht die Unmöglichkeit ein, auch nur einen schwachen Abglanz dieses unvergeßlichen jüdischen Großen jemandem zu vermitteln, der ihm nicht begegnet. R. Josef Rosin, der Dünaburger Raw, ist seit seiner Jugend an nur unter dem Namen seiner Heimatstadt bekannt gewesen. Schon dem jungen „Iluj" gegenüber äußerte ein chassidischer Großer: „Ich bin sicher, daß dieser junge Mann j nie einen sohlechten Gedanken gedacht! Er hat nie Zeit dazu, er und die Thora sind eins!" Und als einer seiner Schüler, der lange von ihm fern gewesen, sich wieder vor einigen Jahren bei ihm einfand, äußerte er sich einem Freunde gegenüber: „Der Rogatschower ist alt geworden! Er hat mich — zum Platznehmen aufgefordert." Wie? Hat der Rogatschower denn je Zeit gehabt zu welchen^Aeußerungen Früher hieß es: „He! Sehwarziriker! Wos host Du gelernt?" Und wie ein Orkan daherfährt, so war man sogleich auf dem Meer des Talmuds — und der Rogatschower steuerte! Kein Ausdruck reicht aus, um das unglaubliche Lebendige dieses Geistes bis in die letzte Zeit seiner schmerzhaften Krankheit zu schildern. Und wie muß er in der Jugend gewesen sein! Es ist der ewige Jeschiwoh-Bochur bis ins hohe Greisenalter geblieben — immer zur Diskussion bereit, immer ein lebendiges Witzwort parat, immer in der Offensive und zugleich in der Defensive — ein wahrer Held der geistigen Schlachten! Und das rührend Naive war an ihm, daß er jeden, der sich an ihn wandte, für einen Kombattanten hielt . . . Gab es wirklich einen Gedanken, der im Rogatschower nicht min war? Die entlegenste Frage des alltäglichen Lebens — er zitierte einen „Jeruschalmi", einen „Rambam", eine „Raschi (Fortsetzung siehe Seite 9 *

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