Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 77 (1936)
- Issue
- Heft 6 (6.2.1936)
- Date
- 1936-02-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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6. Februar 1936 Der Israelit Nr. 6 Seite 11 Vermischtes. Bocholt, 5. Febr. Die Arbeitsgemeinschaft jüdischer Lehrer am Niederrhein tagt am 9. Februar um 16 Uhr in Mülheim (Ruht))' im Israelitischen Gemeindehause. Die Frankfurter Woche. „Was hat Rabbiner Hirsch unsrer Zeit zu sagen?" Die Rabbiner Hirsch-Gesellschaft hätte auf Montag Abend dieser Woche zu einer religiösen Gedenkstunde geladen. Eine vielhiundertköpfige Menge hatte sich dazu eingefunden, Herr Oberkantor Peissachowitisch eröffnete den Abend mit einem Vortrag des mV oriDa. worauf Herr Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, Ansbach, Präsident der Rabbiner Hirsch- Gesellschaft, mit passenden Worten zum eigentlichen Referat des Abends überleitete und Herrn Dr. Breuer das Wort gab. Der Redner begann mit einem Zitat aus den 19 Briefen und stellte dann im Verlaufe seiner weiterem Ausführungen die Frage: „Sind die 19 Briefe nach einhundert Jahren weniger aktuell?" Vor 100 Jahren änderte der neue Zug der Zeit die wirtschaftliche Position in der jüdischen Gasse und änderte auch radikal die seelischen Tatbestände. Besonders änderte er sie im Osten. Rousseaus Ruf: „Zurück zur Natur" durchzog und durchzieht auch heute noch die jüdischen Gassen und raubt der Tauroh jahraus und jahrein die wertvollsten Menschen. Solange es sich nur um einen „harben" Rambam handelte, war die jüdische Gasse zur Antwort bis an idie Zähne gewappnet. Als zu den Fragen des Ganzen die Gasse verstummte, da erbebten die Säulen dieser jüdischen Gasse, Tauroh im Derech Erez. Hierunter versteht man meistens eine mehr oder minder enge Verbindung mit den Wissensgütern Westeuropas. Diese Devise steht auf der Fahne unsrer Schule, die Rabbiner Hirsch gegründet hat. Möge diese stolze, ruhmreiche Fahne der Tauroh, die mit dem Herzblut unsrer Väter getränkt ist, über unserm Frankfurt wehen, solange in dieser Stadt Juden wohnen. Aber letzte Erkenntnis übermittelt niemals die Devise einer Schule, und Grundlage ist sie niemals. Praktische Auswertung ist sie, aber niemals ideologischer Ausgangspunkt. Nicht im Chaurew noch in den 19 Briefen ist dieser Devise Erwähnung getan, und es wäre epigonenhaft, wollte man an ihr mäkeln. — Die 19 Briefe sind das Kühnste und Revolutionärste, was jemals vom taurohtreuen Judentumgeschaffen worden ist. Hier sprach ein Mann, der mit allen Fasern seines großen jüdischen Herzens an der Vergangenheit hängt und mit Löwenstärkß das Tor zur Zukunft aufreißt. Es ist ein Judentum, das sich jederzeit darüber auszuweisen vermag, was es in Natur und Geschichte und damit im realen Leben bedeutet. Es ist ein Judentum, das sich nicht von Natur und Geschichte abkehrt, sich vielmehr als Vollender von Natur und Geschichte und damit als1 höchsten Beglücker des Leibens erkennt. Ins Lehrhaus und in übersinnliche Welten hatte sich das Leben geflüchtet. Die Natur mit davidischem Auge und die Geschichte mit jesaiaitischem Geiste geschaut zu haben, um im Leben gelebt zu werden, das ist d,-e Großtat der 19 Briefe. Warum fängt die Tauroh nicht mit dem 12. Kapitel im zweiten Buch an, und weshalb beginnt sie mit der Schöpfungsgeschichte und zeigt. uns den Irrweg der Söhne Nauachs, und läßt uns Einblick tun in die Geschichte unsrer Volkswerdung? Ein Instrument ist die Tauroh, auf daß wir mit ihrer Hilfe uns selbst in Natur und Geschichte begreifen. Das Instrument ist nicht leicht zu handhaben, denn eine Tauroh des Lebens ist uns die Lehre. Dieser Satz will wortwörtlich verstände sein. Nicht das Lernen im Lehrhaus allein reicht aus, erst recht nicht die Beziehung zu übersinnlichen Welten allein. Die Erstreckung der Tauroh auf unser irdisches Leben ist es, die sie zu einer Lehre des> Lebens macht. Diese Erstreckung verlangt nicht nur Kenntnis der Handhabung, sondern auch Kenntnis der Elemente in Natur und Geschichte des Löbens. Diese Forderung, daß Natur und Geschichte nimmer dem Leben verschlossen bleiben dürfen, das Besondre, das Eigene, das neuartig Große, das die Tauroh zur Erscheinung in Natur und Geschichte ZU sagen hat, das ist die Garantie nicht nur für die Ewigkeit, sondern sie ist auch die Garantie für die Treue ihrer Anhänger. Wenn ihr die Tauroh zur Natur und Geschichte nicht reden lasset, wie könnt ihr euch da wundern, daß Natur und Geschichte gegen diese Tauroh aufstehen, Die Benjamins des Ostens sind die traurigsten Denkmäler der für Natur und Geschichten verstummten Tauroh. Vor 100 Jahren sind Natur und Geschichte gegen die Tauroh aufgestanden. Die Führer der Zeit standen diesem Aufstand mit zitternder Hilflosigkeit gegenüber, denn sie kannten nicht die Regeln der „Schwimmkunst", sie hatten noch nie „geschwommen". Unser großer Rabbiner hat es als Erster gewagt; er ist in die Flut gesprungen, und sie trug ihn. Einen mächtigen Bundesgenossen hatte Rabbiner Hirsch: die Zeit. Die Zeit ist es, die G'tt selbst gestaltet. „Es wird anders werden in Jisroel!" Vor hundert Jahren ist dieses Wort gesprochen worden. Damals war es keine Episode, und noch weniger eine Angelegenheit der Juden in Deutschland allein', die nach vielhundertjähriger Isolierung mit stets wachsender Steigerung in die Zeit hin eingerissen wurden. Es ist die Zeit, seit 100 Jahren, mit all ihrer Bedrängnis, die wahre Vorbereitung für die großen Aufgaben im kommenden Erez Jisroel. Wir stehen aber erst am Anfang der Entwicklung. Noch hat die Stimme Rabbiner Hirschs den Osten nicht genügend erreicht. Lassen wir uns aber nicht beirren! Den Weg, den e r uns gewiesen, — er wird der Weg des ganzen taurohtreuen Volkes werden. Wir taurohtreuen Juden dieses Landes sind nicht afrgesplitetrt vom Kern des' taurohtreuen jüdischen Volkes, Un>s ist es beschieden, mit der} ntPE? von Rabbiner Hirsch s. A. dem taurohtreuen jüdischen Volk voranzugehen. Leihen wir unser Ohr nicht denjenigen, die uns glauben machen wollen, die WV von Rabbiner Hirsch habe nur Augenblickswert gehabt. Hören wir auf ihn selber. Unsre Jugend wird ins Leben hinausgetrieben, wo die Gewalten von Natur und Geschichte stürmisch und mächtig sind, und sie warten darauf, nach den Regeln der Tauroh von wissenden und verstehenden Männern der Tauroh und des Lebens zugleich mit Macht, Kraft und Geist gebändigt zu werden. Wer weiß, ob nicht die Vorsehung uns zerstreute, und uns jetzt in steigendem Umfange nach Erez Jisroel treibt, auf daß, wo immer Schüler von Rabbiner Hirsch sich niederlassen, sie als Pioniere der Meinung dieses Großen erstehen. Noch ist der Geist, der viele Entfremdete beherrscht, uns feindselig. Aber dieser Geist selber, der denkt, der begreift und mit Geist erfassen will, — er selber bürgt für die Wendung zum Guten. Dieser Geist wird nochmals erwachen zu der Frage: „Was bin ich denn als Jude?" Man wird dann nicht mehr die Lösung von Nichtjuden, nicht mehr aus den Schriften der Reformatoren der Zeit suchen. Man wird wandeln zu den Urquellen: zu yin und o*e? Das Begreifen des Lebens aus dem Judentum wird zum Ziele führen: •mpsr^i Tiniz^ rml?{?-\ Tia^ Herr Oberkantor Peissachowitsch schloß mit dem zu Herzen gehenden Gesang des "intn. Ha. Rabbinat der Israelitischen Religionsgesellschaft. Sonntag, den 9. Februar, abends 6 Uhr präzise, hält Herr Gemeinderabbiner Josef J. Horovitz in der Aula der Samson Raphael Hirsch-Schule, Am Tiergarten 8, einen religiösen Vortrag über das Thema „Religiöse Verinnerlichung. im Einzel- und Gemeinschaftsleben". — Zu dem Vortrag sind auch Damen höflichst eingeladen. Freitagabendveranstaltungen der Israelitischen Religionsgesellschaft. Am ->V9 avx>n> Freitagabend, den 7. Februar, 20.30 Uhr, spricht Herr Rabbiner Dr. Jos. Breuer. Von der Jugend spricht u. a. Herr Rumstein. Nur Schulentlassene haben Zutritt. Lehrkurse des Jugendausschusses der IRG. Der englische Sprachkurs unter Leitung des Herrn Willi W o 1 f f findet am Montag, den 10. Februar, abends 20.30 Uhr, im Zeichensaal der S. R. Hirsch- Schule statt. Religionsphilosophische Arbeitsgemeinschaft „Der Neue KuSari". Im Rahmen der Lehrkurse des Jugendausschusses der IRG. findet erstmalig am Mittwoch, den 12. Februar, abends 20.30 Uhr, im Zeichensaal der S. R. Hirsch-Schule, unter Leitung des Herrn Studienrat Max Münk eine Arbeitsgemeinschaft über den neuen Kusari statt. Brith Chaluzim Dathüm. Wir benötigen dringend für unser Bachad- und Brith fianoarheim Stühle, Tische, Schränke und andere Heimgegenstände und bitten, uns solche zu überlassen. Wir erbitten Nachricht im Bachadbüro, Ffm., Quinckestr. 24, Telefon 41424. Infolge Auswanderung ist der Posten unserer WIRTSCHAFTERIN sofort, evtl. auch später, neu zu besetzen. Verlangt wird eine erstklassige K ö c h i n , auch in der D i ä t - K ü c h e erfahren, eine Persönlichkeit, die geeignet ist, den gesamten Küchenbetrieb und den damit verbundenen Einkauf rationell und sparsam zu führen und dem ' Küchenpersonal verantwortlich vorzustehen. Da ihr auch die Aufsicht über das Kaschrus untersteht, muß sie eine streng fromme Lebensführung nachweisen können. Gefl. ausführliche Offerten mit Lebenslauf und Beifügung von Referenzen über Leistung und auch jüdische Lebensführung, möglichst bald — zunächst nur, schriftlich — erbeten an von Roltischild'sclies Hospital Frankfurt a. M., Röderbergweg 97. £efirer streng orthodox mit guten Kenntnissen in allen jüdischen Fächern, der auch vorbeten und leinen kann, von Adaß-Gemeinde gesucht. Bewerber muß möglichst auch Lehrbefähigung für die deutsch-jüd. Schule haben, Ausführl. Bewerb. unter 2757c an die Exp. Jiing., agudistiscli eingest. 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