Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1935)
- Date
- 1935-12-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit J /yjj Frankfurt a. M. I 19. Dezember 1935 23. Kislew 5696 Nummer 51 Chanuka ein Fest der Lehre und des Landes. Das Lichterfest des jüdischen Volkes trifft uns heute in (düsterer Zeit*. Aber die Menorah zwingt unseren Blick zurück zur Vergangenheit, geradeaus in die Zukunft, darum steht auch unsere Gegenwart zwischen Licht und Licht. Die Makkabäer kämpften für das Land, aber iür ein reines, jüdisches Land, das seine Kvait aus Heiligtum und Altai* bezieht. -Darum' waren unsere Weisen weise genug, das Wunder des Lichtes über 'dein Sieg des Schwertes zu stellen und somit Chanuka auch, und erstrecht, zu e ioera Feste des O o 1 ti s zu machen. Zurück oder geradeaus! Es war die Frage, an der sich schon in alter Zeit die Geister in den Schulen von Schammai und Hillel schieden. Schammai wünschte, daß man zurückschaue zu den Lichtern, die mählich sich v ermin dern xmd verlöschen, Hillel lehrt, in die Zukunft schauen und von Abend zu Abend das Licht im Wachsen erleben. -Wir halten es mit Hille!. Aber Beides hat heute seine Geltung. In fremdem Goluslande und auch im eigenen Lande der Väter, xvohin sich unserer so viele in den letzten Jahren begeben haben, und wo sie, mehr oder weniger fest und sicher, ein Asyl gefunden ■haben, stehen-sie an der Menorah und denken zurück, an die Heimat der Kindheit, in der ihnen e i n Licht nach dem andern in kurzem Zeitraum erlosch, so daß sie einen Ausweg aus dem Dunkel suchen mußten. Hier aiber richten wir im Lichte der Ghanuka-Lampe unseren Blick in die Zukunft, schauen nach dem Lande der Verheißung aus, wo uns und unseren Kindern neue Lichter in wachsender Zahl erstrahlen mögen. Wie dem auch ist, wir erleben das Chanuka- Fest aus tiefstem Innern heraus, aus Geschichte und Zukunftshoffnung erwachsen uns die Lichter, daß ihrer ein Funken auch die düstere Gegenwart ein wenig erhellt und erwärmt. Chanuka ist ein Fest der Thora und des Landes. Für die Thora kämpften die Glaubenshelden, und sie erkämpften sie, die heilige Lehre, im Lande für das Land. Ein Fest der Thora und des Landes, das die spätere Tradition noch zu_ e_i n em Feste des frohen Sehen k^fn s maen^e, Greifen wir vor -allem diese drei Lichter auf: Nützen wir die G e b e f r e u d e\ dieser Tage für Israels Land und I s r a e 1 s Thora aus, für die Zwecke des Keren Hathora. in der Golah und für den Aufbau Erez Jisroels als Heimstätte der Schechina. Die dieser Tage in Frankfurt zusammentretende Del egiertenv ers am m- 1 u n g der L a n df e s p r g a n i s a t i o n der A g u d a s Ji s r o e l wird uns u. a. Kunde geben von dem, was bisher erreicht wurde und neue Wege zu Land und Lehre zeigen. Wir feeschenken uns selbst und unsere Kinder, wenn wir der Thora und Erez Jisroel dieses Chanuka-Geschenk machen. Die nächste Nummer kommt wegen der bürgerlichen Feiertage schon am Dienstag, den 24. Dezember 1935,..zur Ausgabe, Aus dem Inhalt: Wahlausgang in Tel Aviv......Seite 2 Der. Präsidentenwechsel in der Tschechoslovakei .... Seite 2 Das Oberkommissariat i für Auswandererfürsorge . . Seite 2 u. 4 Zweitausendeinhundert Jahre Chanuka Seite 4 Zum Delegiertentag der Landesorganisation der A. J. Seite 5 Hai achisches zur Frage der aschkenasischen oder seiardischen Aussprache. Von Rabb- Dr. Jakobovits........., Seite 6 Keren Hajischuw in Wilna.....Seite 8 Jerusalemer Brief.........Seite 10 Das Ecuador-Projekt .......Seite 10 Kinderecke...........Seite 12 Beilagen: Aus Welt und Leben (illustriert) Literaristcjte: Wärter^; .......,„.„„„........ Jugend im Lichte, Wollte man darüber lamentieren, daß die Jugend heute eigene Wege geht, daß sie sich, bis tief in die Orthodoxie hinein, in eigenen Jugendbünden sammelt und von der älteren Generation abgrenzt, wollte man wehmutsvoll demgegenüber auf die alte gute Zeit zurückblicken, da „die Jungen den Alten aufs Wort hörten" (wir bezweifeln, ob es ije eine solche Zeit gegeben hat), es wäre genau so, als wünschten wir uns die Zeit zurück, da die Eltern auf Grund ihres autoritären Elternrechtes ihre jungen Kinder ungefragt unter die Haube brachten, Es ist unnütz, Vergangenes wieder herbeizwingen zu wollen, sofern es nicht um das Ewiggültige geht. Das Rad der Zeit steht nicht stille, und sind der Alten Hände schlaff geworden, so müssen eben die Jungen in die Speichen greifen, um die Richtung einzuhalten oder sie sogar zu bestimmen . Daran ist bei uns so wenig zu ändern wie in der großen Welt, wo heute die Jugend entweder mächtig an die Türe klopft, oder längst das Heft in Händen hat. Und trotzdem sollte man es im jüdischen Kreise vermeiden, nach Art und Vorbild der anderen, diese unabänderliche Tatsache zu einem Schisma, zu einer Parole, zu einer Grenzbarriere zu erweitern: „hie Jugend, dort Alter!" Abgesehen davon, daß sich die Zeitgrenze zwischen Jung und Alt gar nicht generell bestimmen läßt, daß Jugend und Alter gar nicht eine Frage von Jahren und grauen Haaren ist, — abgesehen von diesem Umstände, der für alle gilt, hat das Judentum in Sonderheit diese Grenzmauer nie gekannt,, und wo sie künstlich errichtet werden sollte, wieder niedergerissen, so sich der Strom der lebendigen jüdischen Kraft wieder Bahn brach. Ein späterer Morallehrer stellt die Frage auf, woher es wohl kommen mag, daß während die Weltwissenschaft immer weiter fortschreitet und die neuesten Träger der technischen und geistigen Kultur mit ihren Erfindungen und Errungenschaften auf einer Höhe stehen, die die Alten sich nie ihätten träumen lassen, man in der Thorawissenschaft genau das Gegenteil erlebt, daß hier von Gesohlecht zu Geschlecht die Kraft des Geistes abnimmt und sich das Licht vermindert, so daß die neuesten Lehrer nur von den Früheren und die Früheren von den noch Früheren zehren; daß man sich schon in talmudischer Zeit im Vergleich zu den ganz Alten wie Menschen im Verhältnis' zu Engeln ms mn m wixbm Dvniyxm dx fühlte. Sind wir Juden weniger dem Naturgesetz des Fortschrittes im Reiche des Geistes unterworfen als alle anderen Völker? Antwort: Das Licht der Forschung und Weltwissenschaft leuchtet der Menschheit auf einer Höhe am Ausgange ihres Etappenweges entgegen. Je näher also die Geschlechterfolgen diesem Lichte entgegenrücken, um so größer und heller das Licht, um so besser und klarer die Sicht. Das Licht der Thora stand aber am Anfang des jüdischen Weges: mit Abraham, auf dem Sinai. Wir sind nicht auf der Suche nach dem Lichte, sondern k o m m e n vom Lichte her, und so ist es natürlich und gegeben, daß man in dem Maße, in dem man sich zeitlich von diesem Lichte entfernt, aus diesem Lichtkreise herauskommt, es weniger sieht. Die geistigen Kräfte sind im Abstieg; bis am Ende der Tage die geistige Höhe von" dazumal wieder erreicht ist. (Fortsetzung siehe Seite 3.)